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„Wir müssen die Schwachen schützen“

„Wir müssen die Schwachen schützen“

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Datum:
Ort:
Lüneburg
Lesedauer:
4 MIN

Als Nico Schmidt aus Lüneburg 2009 in die Bundeswehr eintrat, leistete er den Eid, seinem Vaterland „treu zu dienen“. Den nimmt er ernst und setzt ihn in den Zeiten der Corona-Pandemie in die Tat um. Hauptmann Schmidt, Soldat im Aufklärungslehrbataillon 3 „Lüneburg“, engagiert sich ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz (DRKDeutsches Rotes Kreuz).

Ein Mann in einer orangefarbenen Jacke greift in einem Supermarkt nach einer Packung. Mehrere sind vor ihm aufgestapelt.

Hauptmann Nico Schmidt macht mit bei der Aktion „Lüneburg hilft!“. Er kauft für Bürger ein, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind.

Bundeswehr/Timo Radke

Der bisherigen Jahresplanung der Lüneburger Heeresaufklärer hat die Corona-Pandemie sprichwörtlich einen Strich durch die Rechnung gemacht: „Um das Infektionsrisiko unserer Soldatinnen und Soldaten auf ein Minimum zu reduzieren, arbeiten wir im Bataillonsstab momentan in einem 14-Tage-Schichtsystem. So können wir gewährleisten, dass wir bei einer weiteren Verschärfung der allgemeinen Lage vollumfänglich einsatzbereit sind und die an uns gestellten Aufträge jederzeit erfüllen können“, sagt Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Hendrik Staigis. Schmidt arbeitet im Bataillonsstab und ist ebenfalls unmittelbar von dem aktuellen Schichtsystem betroffen. Auch er müsste nach zwei Wochen Dienst in der Kaserne ins Homeoffice wechseln. Sein Chef hat ihn jedoch für seine ehrenamtliche Arbeit beim DRKDeutsches Rotes Kreuz freigestellt. „In meiner Funktion als Dienststellenleiter befürworte ich sein selbstloses Engagement für die Allgemeinheit ausdrücklich“, erklärt Staigis.

Hilfe zum Schutz vor dem Coronavirus

Drei Männer stehen vor einem weiß-orangefarbenen Rettungsfahrzeug des DRK.

Sie freuen sich über Nico Schmidts (M.) Engagement: Oberstleutnant Hendrik Staigis (l.), Kommandeur des Aufklärungslehrbataillons 3 „Lüneburg“ und der Kreisbereitschaftsleiter des DRKDeutsches Rotes Kreuz Lüneburg, Marcel Stürmer.

Bundeswehr/Timo Radke

Seit Anfang 2019 engagiert sich Schmidt mit 135 anderen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern im DRKDeutsches Rotes Kreuz-Team des Landkreises Lüneburg. Mit Beginn der Ausbreitung der Corona-Pandemie haben sie die Aktion „Lüneburg hilft!“ ins Leben gerufen. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, unterstützt das Team Mitmenschen, die durch das Virus besonders gefährdet sind und übernimmt für sie ihre täglichen Einkäufe. Um auf die Aktion aufmerksam zu machen, wurden bereits vor einigen Wochen über 50.000 Flyer in den Lüneburger Supermärkten ausgelegt. „Das Angebot wird sehr gut angenommen. Die Menschen sind sehr dankbar, dass wir ihnen in diesen herausfordernden Zeiten helfen“, erklärt Schmidt. Zudem haben sich bereits über 100 freiwillige Helfer gemeldet, die nun das Projekt unterstützen: „Man merkt, die jungen Schüler und Studenten sind hoch motiviert und wollen ihren Teil zum großen Ganzen beitragen“, freuen sich Schmidt und seine Kollegen über die überwältigende Hilfsbereitschaft.

Lebensmittel bis an die Haustür

Zwei freundliche Senioren stehen an der Tür ihres Hauses. Ein Mann mit orangefarbener Jacke steht vor ihnen.

Der Einkauf ist abgeliefert, noch Zeit für ein kurzes Gespräch an der Haustür: „Die Dankbarkeit und Freude, die uns die Menschen entgegenbringen, ist jede ehrenamtlich investierte Minute wert“, sagt Hauptmann Nico Schmidt (l.).

Bundeswehr/Timo Radke

Samstag früh, Elso-Klöver-Straße 9 in Lüneburg. Hier befindet sich das Lagezentrum des DRKDeutsches Rotes Kreuz Kreisverbandes Lüneburg. Im großen Gemeinschaftsraum ist vieles anders als sonst. Die Stühle stehen mindestens zwei Meter auseinander. Mehr PC und Telefone als gewöhnlich: Hier hat das Team vom DRKDeutsches Rotes Kreuz vor Kurzem eine Corona-Notfallzentrale eingerichtet. „Um acht Uhr treffen wir uns täglich, sprechen die weiteren Planungen durch und verteilen die Aufträge für den jeweiligen Tag“, berichtet Schmidt. Nach 30 Minuten ist die Besprechung vorbei.

Schmidt und sein DRKDeutsches Rotes Kreuz-Mitstreiter Niclas Wendt haben den Auftrag erhalten, an diesem Vormittag eine Einkaufstour zu fahren. Auf dem Parkplatz des Supermarktes angekommen, werden sie direkt freundlich begrüßt: „Hey Jungs, vielen Dank für Euren Einsatz“, ruft ihnen ein circa 30-jähriger Mann zu, der gerade seinen Wochenendeinkauf erledigt hat. Auf Schmidts Auftragszettel steht detailliert, was seine Kunden benötigen. Schnell alles in Tüten eingepackt, zurück zum Auto, die auf dem Zettel angegebene Adresse im Navi eingetippt und die Ware abliefern. Klingeln, noch ein kurzer Plausch aus der Ferne und dann geht es wieder zurück zur DRKDeutsches Rotes Kreuz-Bereitschaft, wo schon die nächsten Aufträge warten.

Malieinsatz hat ihn geprägt

Ein Soldat in Tropentarn mit Waffe steht auf sandigem Boden, hinter ihm erstrecken sich Grünflächen und der Fluß Niger.

Von September 2016 bis Februar 2017 war Hauptmann Nico Schmidt im Auslandseinsatz in Mali. Diese Zeit hat ihn geprägt und seine Werteskala verändert.

Bundeswehr/Andy Meier

Am folgenden Montag sind zwei Wochen um und Schmidt hat seine orangefarbene DRKDeutsches Rotes Kreuz-Uniform wieder gegen die Fleckentarn-Uniform der Bundeswehr eingetauscht. Seit 2019 ist er Leiter der Stabsabteilung 2 und berät gemeinsam mit seinem Kameraden Hauptfeldwebel Jan Büchmann den Bataillonskommandeur in allen Fragen rund um das Thema „Militärische Sicherheit und Absicherung“.

Von September 2016 bis Februar 2017 war Schmidt ein halbes Jahr mit den Lüneburger Heeresaufklärern im Auslandeinsatz in Gao im afrikanischen Mali: „Es war eine ganz besondere Erfahrung, die mich geprägt hat“, sagt er. Nur einige 100 Meter vom Bundeswehrcamp entfernt sprengte sich Ende November 2016 ein Selbstmordattentäter auf dem nahegelegenen Flugplatz in einem Fahrzeug in Luft: „Die Detonation war gewaltig, die Wände haben gewackelt. Gott sei Dank wurde bei diesem Anschlag kein Soldat oder Zivilist ernsthaft verletzt“, erinnert sich Schmidt noch genau an das einschneidende Erlebnis.

Eine ethische Frage

 „Diese Erfahrung hat mir nochmal deutlich aufgezeigt, dass materielle Werte nicht von Belang sind, im Vergleich zur Gesundheit und körperlichen Unversehrtheit. Ähnliches gilt nun aus meiner Sicht auch in Zeiten der Corona-Pandemie. Wir müssen nun als Gesellschaft die ethische Frage beantworten: Sind wir als Wertegemeinschaft bereit, unsere individuelle Freiheit einzuschränken, um die Schwachen und Kranken unserer Gesellschaft zu schützen? Als ‚Staatsbürger in Uniform‘ kann ich auch stellvertretend für meine Kameradinnen und Kameraden eine klare Antwort geben: Ein unmissverständliches Ja!“

von Timo Radke

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