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EU-Marinemission Atalanta: „Mehr als die Summe seiner Teile“

EU-Marinemission Atalanta: „Mehr als die Summe seiner Teile“

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Datum:
Ort:
Berlin
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6 MIN

Der Einsatz EUNAVFOREuropean Union Naval Forces Somalia Operation Atalanta wird durch ein multinationales Hauptquartier im spanischen Rota geführt. Dessen stellvertretender Kommandeur erklärt im Interview, wie das funktioniert.

Ein Mann in Marineuniform steht vor einem Rednerpullt.

Flottillenadmiral Wilhelm Abry

Bundeswehr/Björn Wilke

Y: Welche Aufgaben und Ziele hat der Atalanta-Einsatz?

Flottillenadmiral Wilhelm Tobias Abry: Der Kernauftrag der Operation Atalanta ist seit 2008 unverändert. Atalanta hat den Auftrag, den Schutz der Schiffe des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen sicherzustellen und die Piraterie am Horn von Afrika zu unterbinden, um die Seeverbindungslinien zu schützen. Diese liegen für Europa im strategischen Interesse, denn die Routen im gesamten Seegebiet um das Horn sind quasi Lebensadern der europäischen Außenwirtschaft.

Uns ist natürlich bewusst, dass die Ursachen von Piraterie an Land entstehen. Dafür verfolgt die EUEuropäische Union einen vernetzten Ansatz. Atalanta ist deshalb mit den beiden europäischen Missionen an Land, EUCAPEU Capacity Building Mission Somalia [European Union Capacity Building Mission Somalia; d.Red] und EUTM Somalia [European Union Training Mission Somalia], eng verzahnt und abgestimmt.

EUCAPEU Capacity Building Mission Somalia leistet einen wichtigen Beitrag, um den Aufbau einer somalischen Küstenwache zu unterstützen, EUTM Somalia trägt zum Aufbau von somalischen Streitkräften bei. Derzeit prüft man in Brüssel, ob die Zusammenarbeit zwischen den Missionen im Sinne dieses vernetzten Ansatzes noch verstärkt werden kann. Die Stärken von Atalanta kommen innerhalb dieses vernetzten Ansatzes auf See in der maritimen Dimension zum Tragen.

Die multinationale Zusammenarbeit im OHQ ist durch ein gemeinsames Auftragsverständnis und hohe Professionalität gekennzeichnet.

Welche Nationen beteiligen sich am Einsatz?

Im Einsatzgebiet wird der Verband derzeit von Bord der spanischen Fregatte „Santa Maria“ geführt. Spanien beteiligt sich im Seegebiet darüber hinaus ebenso wie Deutschland mit einem Seefernaufklärer P-3C Orion. Die deutschen und die spanischen Seefernaufklärer sind aufgrund der Größe des Seegebietes unverzichtbar, um eine weiträumige Aufklärung zu ermöglichen. Die kroatische Marine stellt zudem ein bewaffnetes Sicherheitsteam zur Abwehr von Piratenangriffen, das auf den Schiffen des Welternährungsprogramms eingesetzt ist.

Wie ist die Perspektive für den Atalanta-Einsatz?

Grafik-Detailansicht von der EU-Mission EUNAVFOR Somalia Atalanta

Detailansicht von der Einsatzkarte

Bundeswehr

EUNAVFOREuropean Union Naval Forces Somalia ist es zusammen mit den internationalen Partnern sehr erfolgreich gelungen, die Piraterie am Horn von Afrika einzudämmen. Die Sicherheitslage in Somalia ist aber weiterhin äußerst fragil, was auch Auswirkungen für die maritime Sicherheit hat. Der Aufbau einer Küstenwachorganisation in Somalia bleibt weit hinter unseren Erwartungen zurück. Und wir haben Erkenntnisse, dass die Netzwerke der Piraten weiterhin existieren.

Unsere Erfolge in der Pirateriebekämpfung haben wahrscheinlich auch zu Verdrängungseffekten geführt: Wir müssen davon ausgehen, dass die Piraten ihr Geschäftsmodell verändert haben und nun andere illegale maritime Aktivitäten wie Waffen- oder Drogenschmuggel ausüben. Dies schließt die Unterstützung von terroristischen Gruppen in Somalia ein. Diese Aktivitäten stellen eine erhebliche Gefahr für die maritime Sicherheit und die internationalen Seeverbindungslinien am Horn von Afrika dar.

Wie wird der Einsatz geführt?

Das strategisch-operative Hauptquartier, kurz OHQ, befindet sich in Rota in Südspanien. Die multinationalen Stabsangehörigen haben eine Stehzeit von etwa sechs Monaten, Arbeitssprache ist Englisch. Im OHQ dienen etwa 100 Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus derzeit 19 europäischen Nationen. Integraler Bestandteil des OHQ sind die 15 Angehörigen im Maritime Security Center – Horn of Africa: Das MSCHOA im französischen Brest ist das maritime Lagezentrum unserer Operation, in dem sämtliche registrierte zivile Schiffsbewegungen im Operationsgebiet rund um die Uhr überwacht werden.

Das MSCHOA koordiniert insbesondere die Erstmaßnahmen bei einem Piratenangriff, indem es die Verbindung zwischen dem betroffenen Handelsschiff und Fregatten in See sicherstellt. Dieses maritime Lagezentrum ist ein Alleinstellungsmerkmal der EUEuropäische Union am Horn von Afrika und trägt maßgeblich zum Erfolg der Operation bei. Auf der taktischen Führungsebene in See existiert ein Force Headquarters an Bord der „Santa Maria“. Zurzeit wird der Verband durch einen spanischen Admiral im Einsatzgebiet geführt.

Uns ist natürlich bewusst, dass die Ursachen von Piraterie an Land entstehen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Brüssel und dem EUEuropäische Union-Militärstab?

Der Befehlshaber Atalanta, Generalmajor Antonio Planells, ist unmittelbar dem Politischen und Sicherheitspolitischen Komitee der EUEuropäische Union und somit den Mitgliedsstaaten verantwortlich. Er erhält sein Mandat und seine Weisungen direkt aus Brüssel. Daher gibt es eine über die Jahre gewachsene bewährte Verbindung zum Europäischen Auswärtigen Dienst und damit auch zum Europäischen Militärstab. Denn nur gemeinsam können wir Antworten auf die politischen und militärischen Herausforderungen der Operationsführung finden und die Entwicklung der Operation voranbringen. Die abschließende politische Entscheidung über die Fortführung des Mandates und die Weiterentwicklung unserer Operation liegt in den Händen der Mitgliedstaaten der EUEuropäische Union.

Wie kam es zu der Standortentscheidung Rota?

Großbritannien hatte von Beginn der Operation an das OHQ in Northwood gestellt. Britische Befehlshaber haben die Operation maßgeblich und nachhaltig geprägt. Im Zusammenhang mit dem Brexit wurde erwogen, das OHQ zu verlegen. Spanien hat sich angeboten, diese Aufgabe als Rahmennation zu übernehmen, und hat dafür die erforderliche Infrastruktur bereitgestellt.

Was sind ihre Aufgaben als stellvertretender Kommandeur?

Ich vertrete den Befehlshaber, der gleichzeitig in seiner nationalen Aufgabe als Divisionskommandeur der spanischen Marineinfanterie gebunden ist. Im Schwerpunkt verantworte ich die operativen Aspekte der Operation im OHQ, das heißt die Planung und Führung der eingesetzten Kräfte am Horn von Afrika sowie Fragen der logistischen Durchhaltefähigkeit des Verbandes in See. Letzteres hat uns gerade im OHQ unter den Einschränkungen von COVID-19Coronavirus Disease 2019 sehr beschäftigt.

Wie funktioniert die multinationale Zusammenarbeit im OHQ?

Die multinationale Zusammenarbeit im OHQ ist durch ein gemeinsames Auftragsverständnis und hohe Professionalität gekennzeichnet. Die Vielfalt der unterschiedlichen Führungskulturen, Mentalitäten und Einsatzerfahrungen der Stabsangehörigen machen den Reiz in der multinationalen Zusammenarbeit aus und bieten viele Chancen im täglichen Dienst. Diese Vielfalt der militärischen Kulturen erzeugt einen klaren Mehrwert.

Ein sandige Küsste ist zu sehen, das Wasser ist dunkel blau.

Horn von Afrika

Bundeswehr/PAO Atalanta

Ich bin überzeugt, dass im OHQ das multinationale europäische Ganze mehr ist als die Summe seiner nationalen Teile. Darüber hinaus fühlt man in der täglichen Arbeit, dass die enge Zusammenarbeit der Menschen aus den verschiedenen europäischen Nationen einen Beitrag dazu leistet, ein europäisches Selbstverständnis zu erzeugen. Wir merken das hier ganz deutlich: Wir Europäer haben eine gemeinsame europäische Geschichte und Kultur, die uns verbindet. Das OHQ wirkt für die Stabsangehörigen wie ein Katalysator der europäischen Idee.

Wie sehr beeinflusst die aktuelle Krise ihren Dienstalltag und den Atalanta-Einsatz?

Corona hat natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf unseren Einsatz. Wir mussten die Operation schnell auf die Restriktionen im Einsatzgebiet einstellen. Das betrifft insbesondere die logistische Unterstützung der Einheiten in See und Nachversorgung in den Häfen sowie die sanitätsdienstliche Unterstützung. Denn die Schiffe müssen sich auch auf zivile Krankenhäuser in der Region beispielsweise in Dschibuti stützen können.

Die Tatsache, dass die Soldatinnen und Soldaten die Schiffe auch in den Häfen nicht verlassen konnten, ist für die Besatzungen eine besondere psychische und physische Herausforderung. Die spanische „Santa Maria“ und vor ihr die italienische Fregatte „Carlo Bergamini“ haben trotz dieser Auflagen ihren Auftrag ohne Einschränkungen erfüllt. Vor dieser Leistung habe ich größten Respekt. Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Wir beobachten nun sehr genau die Auswirkungen von COVID-19Coronavirus Disease 2019 auf die Sicherheitslage in der Region und auf unsere Operation.

Dieser Beitrag ist eine Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung. Das Original ist in der Ausgabe 4/2020 der „Y Magazin der Bundeswehr“ erschienen.

von  Interview: Sylvia Börner  E-Mail schreiben
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