Marine

Northern Coasts 2019

Bei Deutschlands jährlich größtem Marinemanöver geht es um die Sicherheit der Seewege in der Ostsee. Dieses Jahr ist die Übung obendrein ein Test für den neuen Einsatzstab DEU MARFOR.

Ein Marinesoldat in blauer Arbeitsuniform blickt durch ein optisches Gerät in der Nock eines Schiffes.
Bundeswehr/Kim Brakensiek

Hotspot vor der Haustür

Für zwei Wochen im September ist die Ostsee regelmäßig ein Manövergelände. Northern Coasts heißt die Übung, für die die Deutsche Marine in diesem Jahr verantwortlich ist – „NOCO“ kürzen die Soldaten das jährliche Manöver ab. In einem fiktiven Szenario beansprucht der Staat Barracudia die Insel Bornholm.

Der Auftrag der multinationalen Task Force unter Führung vom deutschen Flottillenadmiral Stephan Haisch: unter einem UNUnited Nations-Mandat die Freiheit der Seewege in dem Binnenmeer garantieren. Und nachweisen, dass der neue Einsatzstab der Deutschen Marine DEU MARFOR einen Marineverband dieser Größenordnung führen kann. In schwierigem Gewässer.

Die Ostsee: Ein besonderes Einsatzgebiet

In den Aufbauten eines grauen Kriegsschiffs: ein Marinesoldat mit Kampfhelm hält ein Maschinengewehr im Anschlag.

Die Nock neben der Brücke eines Kriegsschiffs ist nicht nur die Position des Ausgucks. Sie ist im Ernstfall auch Kampfstation, bewaffnet mit Maschinengewehren, um kleine, schnelle Angreifer abzuwehren.

Bundeswehr/Kim Brakensiek

„Nirgends ist man hier weiter als 160 Kilometer von Land entfernt. Die Wassertiefe liegt im westlichen Teil der Ostsee bei 20 Metern“, erklärt Haisch zur Geographie des Seegebiets. Auf natürlichem Weg ist sie für große Schiffe nur über die dänischen Belte und den Øresund erreichbar. Für Seestreitkräfte fordernd: Angreifende Flugzeuge, Speedboote, Flugkörper – sie alle marschieren nicht hunderte Kilometer heran und tauchen früh auf dem Radar auf. Wenn man hier eine Bedrohung auffasst, dann ist das kurz vor knapp. Große Schiffe sind nur eingeschränkt beweglich. Das flache Wasser ist wie gemacht für den Einsatz von Seeminen.

„NOCO 2019 ist eine der anspruchsvollsten Übungen, die ich seit Jahren erlebt habe. Das bestätigen viele internationale Kameraden“, sagt Haisch, den alle Manöverbeteiligten als Commander Task Force 356 kennen. 3.000 Soldaten sind zu der Übung angetreten, aus 18 Nationen, mehr als 40 Schiffe, plus eine Einsatzeinheit mit Minentauchern.

Der Admiral ist mit seinem 85-köpfigen Einsatzstab im unterirdischen Marine-Hauptquartier in Glücksburg eingerückt. Hier läuft das Lagebild zusammen, hier wird die Operation geplant. „Für DEU MARFOR ist NOCO die erste Bewährungsprobe“, sagt er, „und nach der Übung ist vor der Übung. Es ist der Beginn des Weges zur Einsatzfähigkeit meines Einsatzstabes.“ Die wird mit weiteren Übungen gefestigt, und 2023 gehen die Soldaten in eine zweijährige Zertifizierung nach NATONorth Atlantic Treaty Organization-Standards. Hier und jetzt in Glücksburg wäre es für Außenstehende vor allem ein Gewusel aus den Uniformvarianten vieler Länder, von Heer, Luftwaffe und Marine.

Ein Admiral in blauer Arbeitsuniform, vor ihm eine Frau mit grüngelber Windjacke und ein Mann mit einer Videokamera.

Flottillenadmiral Stephan Haisch beim Medientag während des Manövers Northern Coasts 2019

Bundeswehr/Marcel Kröncke

NOCO ist für den Inspekteur der Deutschen Marine, Vizeadmiral Andreas Krause, die Schwerpunktübung. Ein Blick in den Operationsplan zeigt, warum: Es geht um Luftbedrohungen, Seezielschießen, taktisches Fahren, asymmetrische Angriffe, U-Boot-Jagd, Minenabwehr. Kernfähigkeiten von Seestreitkräften unter den besonderen Herausforderungen der Region.

Dazu erklärt Haisch: „Auch die Ostsee ist eines unserer möglichen Einsatzgebiete. Hier müssen wir den Kampf unter Wasser, auf dem Wasser, in der Luft, gegen Minen, virtuell im Cyberraum genauso beherrschen wie in tiefem, freiem Wasser in entfernten Operationsgebieten. Und zwar gemeinsam mit unseren Partnern.“

400.000 Quadratkilometer „nasse Flanke“

Die sehen das ähnlich, und so zählt Northern Coasts zu den gut besuchten Übungen. „Multinationalität bedeutet: Wir geben Expertise weiter, lernen von den Verbündeten. Seefahrt ist ein Handwerk, militärische Seefahrt in einem riesigen Verband erst recht. Außerdem präsentieren wir unser Bündnis nach außen“, sagt der Commander Task Force 356. Für einige der Verbündeten ist die Ostsee keine „Ost“see. Dort heißt sie Baltisches Meer, westlich gelegen, mit 400.000 Quadratkilometern Fläche etwa so groß wie Deutschland. Für sie ist es Seeverbindungsweg und Flanke im Meer, strategisches Territorium.

Ein großes graues Schiff in rauher See.

Größtes deutsches Schiff, das an Northern Coasts 2019 teilgenommen hat, war der Einsatzgruppenversorger „Bonn“.

Bundeswehr/Kim Brakensiek
Ein großes graues Schiff in See, von einem Ladebaum aus hängen eine Stahltrosse und ein schwarzer Schlauch nach vorne ins Bild.

Die Versorgung in See – fachlich Replenishment at Sea, kurz RAS Replenishment at Sea– gehört zu den wichtigsten Verfahren, die die Crews von Kampf- und Versorgungsschiffen bei großen Manövern übern müssen.

Bundeswehr/Kim Brakensiek

Ein Blick in die Seekarte zeigt, weshalb. Für das EUEuropäische Union-Mitglied Finnland sowie die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Staaten Estland, Lettland, Litauen und Polen ist die Ostsee eine maritime Lebensader, die sie brauchen, um ihre Bevölkerung zu versorgen. Also eine nasse Flanke, die es zu schützen gilt. Denn wo keine Lebensmittel, kein Treibstoff auf dem Seeweg kommen, bleiben Supermärkte und Tankstellen geschlossen. Nicht umsonst zeigen schnelle Eingreifverbände von NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bodentruppen in den baltischen Staaten und Polen Präsenz, einer davon unter deutscher Führung. Das ist sichtbares Zeichen der Bündnissolidarität.

Die gilt auch für die Flanke auf dem Meer: Die Ostsee mag der Fläche nach klein sein, ihrer Bedeutung nach ist sie riesig für die Deutsche Marine und ihre Bündnispartner. „Deshalb“, sagt Haisch, „ist die Ostsee das Territorium, um das sich NOCO jedes Jahr dreht. Knapp 1.100 Kilometer Seeweg von Kiel oder Kopenhagen bis nach Helsinki oder Tallinn, oft nur ein paar Dutzend Seemeilen von Land entfernt. In Krise oder Krieg gäbe es hier reichlich Bedrohungen. Das wäre ein Hotspot vor unserer Haustür.“

von Bastian Fischborn  E-Mail schreiben