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Seebären: Ein halbes Leben an Bord für die Marine

Seebären: Ein halbes Leben an Bord für die Marine

  • Menschen
  • Marine
Datum:
Ort:
Wilhelmshaven
Lesedauer:
4 MIN

Nach 43 Jahren Seefahrt gehen die Besatzungsmitglieder Hartmut Wiese und Dirk Aedtner von Bord des Seeschleppers „Spiekeroog“ – in den wohlverdienten Ruhestand.

Ein älterer Mann arbeitet in einem Maschinenraum.

Dirk „Vaddi“ Aedtner bei seiner Arbeit im Maschinenraum der „Spiekeroog“

Bundeswehr/Kim Couling

Arbeit gibt uns Struktur, Sicherheit und Verpflichtungen, aber auch Sinn. Dies sind auch Gründe, weshalb Dirk Aedtner und Hartmut Wiese ihr halbes Leben zur See gefahren sind.

43 Jahre haben sie den Gezeiten, Stürmen und anderen Widrigkeiten der See getrotzt. Zwei bescheidene und bodenständige Männer, die ihre Arbeitsleistung im Gespräch immer wieder als etwas ganz Normales betonen. Ist es aber bei Weitem nicht: kaum eine Soldatin oder ein Soldat kann auf eine so lange Seefahrtszeit zurückblicken.

Der 64-jährige Dirk betont in norddeutschem Charme: „Das ist ein Job und den habe ich gerne gemacht. Ich freue mich jetzt aber auch auf die Zeit danach.“ Dirk, der an Bord des Seeschleppers „Spiekeroog“ auch „Vaddi“ genannt wird, fügt hinzu: „Außerdem ist nun die Zeit für die nächste Generation, da muss man Platz machen.“

Zwei Männer in Rettungswesten stehen an Deck eines Bootes und lächeln in die Kamera.

Hand in Hand arbeiten Vater und Sohn an Bord der „Spiekeroog“. Lasse Aedtner will in die Fußstapfen seines Vaters treten

Bundeswehr/Kim Couling

Wann und warum er zu dem Namen „Vaddi“ an Bord gekommen ist, weiß er nicht mehr so genau. Seine Kollegen erzählen, dass er den Spitznamen schon hatte, als er vor 15 Jahren an Bord der „Spiekeroog“ gekommen war. Aber „Vaddi“ ist auch tatsächlich der Vater von einem weiteren Besatzungsmitglied.

Dirks Sohn, Lasse Aedtner, tritt in seine Fußstapfen. Der 31-Jährige hatte sich vor ein paar Jahren entschieden, eine zivile Ausbildung zum Schiffsmechaniker zu machen. Dirk meint: „Ist jetzt auch gut, dass Schluss ist. Das geht ja nicht, dass mein Junge und ich hier gemeinsam an Bord zur See fahren“, und spielt damit darauf an, dass die Lebensverhältnisse beengt an Bord sind. Eine Besatzung, die so viel Zeit auf so engem Raum miteinander verbringt, ist wie eine zweite Familie.

Seefahrt mit ihren Gefahren und Vorzügen

Ein kleines graues Schiff befindet sich auf einen offenen Gewässer.

Der Seeschlepper „Spiekeroog“ in der Nordsee

Bundeswehr/Kim Couling

Hartmut Wiese hatte als Soldat gedient, bevor er sich entschied, eine zivile Ausbildung als Matrose bei der Bundeswehr zu machen. Er hat viel in den vergangenen vier Jahrzehnten erlebt. Viele der Schiffe, auf denen er gearbeitet hat, gibt es schon gar nicht mehr. Aber er denkt gerne an die Zeit an Bord der Torpedofangboote in Eckernförde oder der Werkstattschiffe der Marine zurück: „Früher sind wir noch mehr Manöver mit den Kriegsschiffen gefahren. Das ist zwar anstrengend, hat mir aber immer viel Freude bereitet.“

Der 65-Jährige fuhr sein gesamtes Berufsleben zur See und sagt von sich: „Ich brauche die frische Luft. Ich könnte nicht den ganzen Tag in einem Büro sitzen.“ Hartmut wird künftig den Enkelkindern sicherlich ein wenig Seemannsgarn erzählen können oder zumindest seine Erlebnisse mit Piraten, Königinnen und anderen Seebären.

Ein Mann steht mit verschränkten Armen vor einem grauen Boot.

„Ich brauche die frische Luft.“ Hartmut Wiese hat aus seiner Berufung seinen Beruf gemacht

Bundeswehr/Kim Couling

2009 versuchten Piraten, den Flottentanker „Spessart“ vor der somalischen Küste zu entern. „Die wussten zwar, dass wir eine zivile Besatzung sind, aber nicht, dass wir Marinesicherungssoldaten aus Eckernförde zu unserem Schutz mit dabei hatten“, erinnert sich Hartmut, der damals dabei war. Die Meldung ging um die Welt, somalische Piraten hätten versucht ein Schiff der Deutschen Marine zu entführen.

„Nur unsere Angehörigen haben sich große Sorgen gemacht. Das war für Familie und Freunde schon sehr belastend“, erwähnt er nachdenklich. Spezialkräfte fassten die Piraten. Schlussendlich mussten sie sich vor einem kenianischen Gericht in Mombasa verantworten.

In guter Erinnerung ist ihm ein Besuch mit der „Spiekeroog“ in Halifax 2010, anlässlich der Feier 100 Jahre Königlich-Kanadische Marine, geblieben. „Das war total klasse. Sogar die Queen aus England war da“, leuchten seine Augen beim Erzählen.

Die alte Dame der Flotte

Ein kleines graues Schiff von schräg hinten in See; an einem Gerüst hinten hängt eine Person im Schutzanzug über dem Wasser.

Die „Spiekeroog“ bei der Arbeit: hier beim sogenannten Open Sea Survival Training für fliegerisches Personal der Bundeswehr. Die Teilnehmer müssen sich im Wasser vom simulierten Fallschirm lösen und in eine Rettungsinsel klettern

Bundeswehr/Kim Couling

Der Seeschlepper „Spiekeroog“ selbst ist bereits 53 Jahre in Dienst und somit das älteste in Dienst befindliche graue Schiff der Deutschen Marine. Der Kapitän Matthias Todtenbier erklärt: „Hier ist noch alles Handarbeit. Sogar der Materialumschlag findet mittels Flaschenzügen statt.“ Beim Schleswig-Holstein-Netz-Cup in Rendsburg lag die „Spiekeroog“ mit dem Feuerschiff „Elbe 1“ und dem Eisbrecher „Stettin“ an einer Pier, zusammen insgesamt an die 200 Jahre Seefahrtsgeschichte. „Wir wurden teilweise gefragt, ob wir noch mit Kohle fahren“, amüsiert sich der Kapitän.

Heute geht es mit dem Tanker wieder raus auf See. Open Sea Survival Training für die Inspektion Überleben auf See der Marineoperationsschule ist geplant. Es herrscht geschäftiges Treiben an Oberdeck. „Vaddi“ ist mittlerweile aus dem Maschinenraum gekommen und hat sich den Kälteschutzanzug übergestreift. Nun geht es raus mit dem Kutter, um die Übung abzusichern. Auch hier ist alles noch Handarbeit und gute alte Seemannschaft. Während des Abfierens, dem Herunterlassens des Kutters, erklärt Kapitän Todtenbier: „Bei jedem Wind und Wetter führen wir diese Übung durch. Und auf dem Kutter oder den Beibooten können Sie sich auch schwer vor diesen Einflüssen schützen.“

Ein mittelgroßer, blauer Hubschrauber schwebt über dem Heck eines kleinen Schiffes in See.

Anschließend werden die Teilnehmer von einem Hubschrauber aufgewinscht, der sie wieder an Bord der „Spiekeroog“ bringt

Bundeswehr/Kim Couling

Während des Trainings wird immer wieder deutlich, wie eingespielt die Besatzung ist. Jeder Handgriff sitzt, die Abläufe sind routiniert und die Lehrgangsteilnehmer können sich ganz und gar auf ihr Training konzentrieren, da die Besatzung der „Spiekeroog“ für ihre Sicherheit sorgt. „Es braucht viel Erfahrung, um eine so komplexe Übung durchzuführen. Die Lehrgangsteilnehmer können abtreiben oder sich beim Winchen in den Leinen verheddern“, erklärt der Kapitän.

Heute läuft alles reibungslos. Das Training ist beendet und die Mannschaft nimmt die Sicherungsboote wieder an Bord. „Ich habe eine großartige Besatzung mit einem profunden Erfahrungsschatz. Hartmut und Dirk sind tolle Männer, die wir sicherlich vermissen werden, jedoch wünsche ich mir für sie, dass sie ihren Ruhestand in vollen Zügen genießen können“, sagt der Kapitän.

von Janine Pirrwitz  E-Mail schreiben

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