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Segeltraining: „Sprung ins kalte Wasser“

Segeltraining: „Sprung ins kalte Wasser“

  • Ausbildung
  • Marine
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
6 MIN

Sarah Drolshagen und Kevin Pham sind Offizieranwärter der Marine: Auf dem Segelschulschiff „Alexander von Humboldt II“ haben sie einen Teil ihrer seemännischen Basisausbildung absolviert und erste praktische Erfahrung gesammelt. Im Interview erzählen sie uns von ihren zehn aufregenden Tagen auf dem Atlantik.

Ein Soldat und eine Soldatin in blauem Overall stehen auf einer Rah eines Masts eines Segelschiffs; im Hintergrund Meer.

Offizieranwärter im Großmast der „Alexander von Humboldt II“

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Redaktion Marine: Warum habt Ihr Euch für die Marine entschieden?

Sarah Drolshagen: Ich komme aus der Hansestadt Wismar und habe mein ganzes Leben an der Küste verbracht. Außerdem war ich jahrelang Mitglied bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Ich fühle mich dem Meer daher schon immer stark verbunden.

Kevin Pham: Ich liebe es, mit unterschiedlichen Umgebungen und Kulturen in Kontakt zu treten. Ich genieße jeden Moment, den ich nutzen kann, um die Welt zu sehen. Ein gewisses Fernweh hat da also in meine Entscheidung ganz sicher mit reingespielt.

Eine Soldatin und zwei weitere Soldaten in blauer Arbeitsuniform sitzen an einem Tisch.

Seltene Pause: Sarah Drolshagen und Kevin Pham in der Messe der „Alexander von Humboldt II“

privat

Wie sah Euer Tagesablauf auf der „Alexander von Humboldt II“ aus?

Drolshagen: Am Anfang wurden wir in verschiedene Wachen eingeteilt. Ich war in der Wache zwischen null und vier Uhr, der Nachtwache. Das bedeutete: geweckt werden um 23.30 Uhr, den Blaumann überziehen und einen Snack in der Kombüse holen. Sobald alle Mitglieder der Wache anwesend waren, sind wir gemeinsam zur Wachablösung gegangen.

Während der Nachtwache haben wir auch Kartoffeln geschält. Die gab es dann beim kommenden Mittagessen. Da ich auf das Frühstück verzichtete, konnte ich bis 10.30 Uhr durchschlafen und so den fehlenden Schlaf nachholen. Um elf Uhr hieß es Musterung an Oberdeck, wobei kurz erklärt wurde, was am Tag ansteht. Danach ging es für meine Wache zum Mittagessen, weil wir von zwölf bis 16 Uhr wieder Wache hatten.

Mehrere Soldaten in blauer Arbeitsuniform ziehen gemeinsam an Seilen auf dem Deck eines Segelschiffs.

Brassen der Rahen: Die wohl schweißtreibendste Arbeit steht immer dann an, wenn das Schiff den Kurs ändert – oder der Wind sich dreht.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Während dieser Zeit sind wir meistens eine Halse gefahren [ein Segelschiff dreht mit dem Heck durch den Wind; d.Red.] und haben in der Zwischenzeit praktische Fähigkeiten geübt, etwa einen Seesack zu nähen, das Schiff von Rost zu befreien oder haben gelernt, die verschiedenen Belegnägel in der Takelage auseinanderzuhalten. Nach der nächsten Wachablösung gab es Kuchen zum Seemannssonntag. Danach hatten wir noch bis 18 Uhr Tagesdienst. Kurz nach 18 Uhr gab es Abendbrot, sodass ich nur noch unter die Dusche gehüpft und tot in den Bock gefallen bin, bis ich dann wieder um 23.30 Uhr geweckt wurde.

„Während der Nachtwache haben wir Kartoffeln geschält“

Pham: Nach meiner Wache von vier bis acht Uhr war Wecken um 10.30 Uhr und Dienstbeginn um elf Uhr. Darauf folgte für mich ab zwölf Uhr der Tagesdienst bis 15 Uhr. Von 16 bis 20 Uhr hatten wir erneut Wache. Danach hat man sich meist bis 3.30 Uhr auf den Bock gelegt, um fit für die Wache von vier bis acht Uhr morgens zu sein. Im Anschluss gab es Frühstück, sodass man mit vollem Magen sich wieder für zwei Stunden hinlegen konnte, bis der Turnus wieder von vorn begann.

Ein Soldat in blauer Arbeitsuniform steht in einem dunklen Raum vor mehreren Bildschirmen.

Zur seemännischen Basisausbildung der Kadetten gehört ebenfalls eine Einführung in die Navigation. Die moderne Ausrüstung des zivilen Schiffs entspricht auch der auf deutschen Kriegsschiffen.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Was habt Ihr in Eurer Freizeit gemacht?

Pham: In der Zeit an Bord ist man schon gut mit seinen Aufgaben beschäftigt. Dass es kein Internet gab, war für mich kein Problem. Handys durften wir ja generell benutzen. Meistens unterhielt man sich aber mit seinen Kameraden, las etwas oder spielte Karten.

Drolshagen: Im Hafen hatten wir außerdem regulär Tagesdienst und um 16.30 Uhr Dienstschluss. Dann konnten wir die Stadt erkunden. Einige Kameraden sind ins nahe gelegene Einkaufszentrum gegangen, um zum Beispiel ihren Süßigkeitenvorrat wieder aufzufüllen, andere haben Sightseeing gemacht.

Was gab es zu essen an Bord und wie war es?

Drolshagen: Das Essen war sehr gut. Es gab niemals zweimal dasselbe Gericht und auch für Vegetarier wurde jeden Tag etwas Neues aufgetischt. Allerdings hatte ich am Anfang, als wir noch im Hafen lagen, die Portionsgröße als sehr klein empfunden. Doch das änderte sich, als die Seekrankheit in der Crew reihum ging.

Ein Segelschiff mit grünem Rumpf und grünen Rahsegeln auf dem Meer vor hellblauem Himmel.

Die Bark „Alexander von Humboldt II“. In Erinnerung an ihr Vorgängerschiff hat sie ebenfalls einen grünen Anstrich und grünes Segeltuch.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Danach erschienen uns die Portionen plötzlich riesig, da wir uns überwinden mussten, überhaupt etwas zu essen. Bei der Mannschaft sehr beliebt war der Bäcker an Bord, der jeden Tag ein anderes Gebäck zauberte. Es gab unter anderem Zimtschnecken, Bienenstich und Schokotorte.

Was empfandet Ihr bei dem Törn als besonders herausfordernd?

Drolshagen: Es war recht eng unter Deck, die Nasszelle war da keine Ausnahme. Duschen auf hoher See konnte aufgrund des Seegangs oder durch die Schräglage des Schiffes, wenn eine Wende gefahren wurde, anstrengend sein. Man wurde dann hin- und hergeworfen, das Wasser wollte nicht mehr ablaufen und sammelte sich in einer Ecke der Dusche. Dann musste man das Wasser zum Abfluss schöpfen.

Pham: Ja, das mit dem Seegang war so eine Sache. Ungeübten Personen wird anfangs häufig schlecht. Das hatte sich aber nach ein paar Tagen glücklicherweise bei allen gelegt.

Soldatinnen und Soldaten in blauer Arbeitsuniform stehen in Reihen vor einem einzelnen Soldaten, der zu ihnen spricht.

Musterung auf dem zivilen Segler: Fregattenkapitän Christian Riechelmann, Erster Offizier der „Gorch Fock“, brieft die Offizierschüler und seine Ausbilder.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Wie war die medizinische Versorgung?

Pham: Die Versorgung war echt gut. Die Ausbilder hatten bei Seekrankheit Tipps für uns parat, zum Beispiel Zwieback essen oder mit Arbeit ablenken. Außerdem war ein Arzt an Bord, der immer Medizin verteilte.

Haben die zehn Tage auf See die Kameradschaft gestärkt?

Drolshagen: Es ist schade, dass man nicht mit denselben Kameraden in den Hörsaal zurückkehrt, mit denen man seine Wache geteilt hat. Zusammen am Tau zu ziehen, stärkt die Kameradschaft auf jeden Fall. Insbesondere in der Nacht, als der Motor ausgefallen war, gab es ein großes Gemeinschaftsgefühl. Da hat wirklich jeder alles gegeben.

Wie unterscheidet sich die Ausbildung auf einem zivilen Segelschulschiff von der militärischen Ausbildung?

Pham: Wir wurden darauf hingewiesen, dass wir die zivilen Mitarbeiter wie normale Militärangehörige anzusehen haben. Wir waren schließlich für die Ausbildung an Bord. Da macht es im Grunde keinen Unterschied, ob wir auf der „Gorch Fock“ oder der „Alex“ sind.

Ein Soldat klettert an den Wanten eines Segelschiffs einen Mast hinauf; an dem Mast sind grüne Segeln zu sehen.

Aufentern in den Wanten: An der Marineschule in Mürwik, auf festem Land, haben die Kadetten für diese Mutprobe schon geübt. Die Handgriffe sitzen.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini
Soldaten in blauer Arbeitsuniform stehen an einer Rah eines Segelschiffs und greifen ein zusammengerolltes grünes Segel.

Segel setzen, segel reffen: Will das Schiff seine Segelfläche ändern, ist manpower hoch über dem Oberdeck gefragt.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

„Ich liebe es, mit unterschiedlichen Kulturen in Kontakt zu treten“

Drolshagen: Sowohl die zivile Crew als auch die Marine-Crew waren entspannt. Die Atmosphäre empfand ich als bei Weitem nicht so militärisch wie an der Marineschule in Mürwik.

Gab es etwas, das Euch überrascht hat?

Soldaten in blauer Arbeitsuniform lehnen sich in Holzstangen an einem zylinderförmigen Objekt auf dem Deck eines Segelschiffs.

Für besonders schwere Lasten braucht die menschliche Muskelkraft mechanische Verstärkung: Am Spill zieht die Hebelwirkung.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Pham: Ich hatte andere Vorstellungen bezüglich der Kammern und des Platzes an Bord. Aber aufgrund des Wachsystems hatte man keinen wirklichen Kontaktzu den Kameraden in seiner engen Kammer und dadurch mehr Privatsphäre als ich anfangs dachte.

Drolshagen: Genau, die Kameraden, mit denen man sich eine Kammer geteilt hat, sah man aufgrund der Wacheinteilung kaum. Die waren fast wie Geister für einen.

Was waren Eure Highlights?

Drolshagen: Für mich war es am Anfang beängstigend, kein Land mehr zu sehen. Aber ich habe diese Art Abschottung und Einsamkeit auf See richtig lieben gelerntund war am Ende der zehn Tage sogar ein bisschen traurig, dass der Törnzu Ende war.

Pham: Das teilweise sehr frühe Wecken war eine gute Erfahrung. In der Vier-bis-acht-Uhr-Wache konnte man so immer den Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sehen.

Soldatinnen und Soldaten sitzen in blauer Arbeitsuniform zusammen an Tischen beim Essen.

Der Skipper gibt einen aus: Zum Kapitänsdinner gab es Rotwein.

Bundeswehr/Maurizio Gambarini

Wie lautet Euer Fazit?

Pham: Für mich war es eine schöne Zeit. Ich würde es jederzeit wiederholen. Allerdings würde ich gerne eine größere Strecke zurücklegen, vielleicht über den Atlantik. Die zehn Tage waren leider auch etwas zu kurz, um wirklich alles hundertprozentig zu verstehen. Insbesondere, warum wir diese oder jene Aufgabe so gemacht haben, wie sie uns gezeigt wurde.

Drolshagen: Die Halsen und Wenden dienten nicht dazu, eine bestimmte Route zu segeln, sondern wurden rein zu Übungszwecken gefahren. Das fand ich etwas schade. Es wäre auch schön gewesen, wenn wir noch ein paar Häfen mehr angesteuert hätten. Dann würde ich das Ganze gerne wiederholen, vor allem mit den Kameraden, zu denen man am Ende eine Verbundenheit gespürt hat. Aber dann ohne Seekrankheit.

Dieser Beitrag ist eine Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung. Das Original ist in der Ausgabe 3/2020 der „Y Magazin der Bundeswehr“ erschienen.

von  Interview: Rachel Lupo und Paul Rein  E-Mail schreiben