Heereslogistik für die VJTFVery High Readiness Joint Task Force

Combat Service Support: „Just-in-time-Logistik funktioniert im Feld nicht“

Combat Service Support: „Just-in-time-Logistik funktioniert im Feld nicht“

  • Logistik
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Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
5 MIN

Welches Material braucht ein Kampfverband in der Verzögerung? Wie kommen Treibstoff, Munition und Austauschgerät im mobilen Gefecht punktgenau dorthin, wo sie gebraucht werden? Kann die Führung Ausfälle bei Kampfpanzern vorausplanen? Der Gefechtsstand der Heereslogistiker, die die VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Kampfbrigade logistisch versorgen, im Praxistest.

Luftaufnahme eines Bataillonsgefechtsstand im Gelände

Unscheinbar und hochmobil: Der Gefechtsstand vom multinationalen CSS Battalion für die VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Kampfbrigade ist an jedem neuen Standort innerhalb von 45 Minuten kommunikations- und führungsfähig

Bundeswehr

Ein paar olivgrüne LkwLastkraftwagen und eine Handvoll Zelte stehen auf dem Gelände eines Gartenbaubetriebes. Dahinter verbirgt sich – aus der Luft kaum zu identifizieren – der Gefechtsstand vom multinationalen Combat Service Support (MN CSS) Battalion für die schnelle NATO-Eingreiftruppe Very High Readiness Joint Task Force (VJTFVery High Readiness Joint Task Force ). Seine Tarnung ist wichtig. Denn als Führungselement und Schaltzentrale der Heereslogistik befindet er sich im Ernstfall nah am Gefechtsstreifen. 

Sollte die deutsch geführte Kampfbrigade der NATO-Eingreiftruppe aktiviert werden, werden aus dem Gefechtsstand ungefähr 1.400 deutsche sowie ungefähr 450 belgische, niederländische und norwegische Logistikkräfte geführt. Der Auftrag, so Oberstleutnant Christian Mönch, stellvertretender Kommandeur des Versorgungsbataillons 131 sowie des multinationalen CSS Battalion VJTFVery High Readiness Joint Task Force 2023: „Wir sorgen dafür, dass die Kampfbrigade alles hat, was sie benötigt, um gefechts- und durchhaltefähig zu sein.“ 

Nah am Gefecht und immer eine Lösung

Die Großübung Wettiner Heide im Mai 2022 diente als Praxistest, um alle logistischen Prozesse und Abläufe in Nachschub, Umschlag, Transport und Instandsetzung bei der Versorgung von rund 7.000 Soldatinnen und Soldaten zu trainieren. Die Herausforderung für die Heereslogistiker: Um die Versorgungswege möglichst kurz zu halten, bewegt sich das MN CSS Battalion mit der kämpfenden Truppe im Operationsgebiet.

Das bedeutet: Alle 48 bis 72 Stunden müssen der Gefechtsstand ab- und aufgebaut sowie neue Versorgungs- und Instandsetzungspunkte erkundet, eingerichtet und betrieben werden. Eine der drei multinational verstärkten CSS-Kompanien ist dabei immer voll einsatzbereit, um den logistischen Support für die Kampfbrigade jederzeit sicherzustellen. Auch die Führungsfähigkeit ist durchgängig sichergestellt. 

Ein Soldat im Porträt. Im Hintergrund steht ein Wappen mit der Aufschrift „VersBtl 131“.
Oberstleutnant Christian Mönch Bundeswehr/Susan Billing
Just-in-time-Logistik funktioniert im Feld nicht.

Die logistische Versorgung wird nach den Worten von Mönch immer auf die Planungen der Gefechtsverbände abgestimmt. „Bei einem Gegenangriff ist der Munitionsverbrauch natürlich höher als bei einer Verzögerung. Und in einem intensiven Gefecht rechnen wir damit, dass 25 Prozent der Kampfpanzer beschädigt werden.“ Das erfordere eine vorausschauende Verlegung von Versorgungspunkten und gegebenenfalls auch die Vorstationierung von Munition und Treibstoff.

Parallel müsse in einer dynamischen Gefechtssituation auf Abruf Nachschub zugeführt und Schadmaterial abtransportiert werden können. „Wir fangen nicht erst an zu arbeiten, wenn die Tanks leer sind“, sagt Major Norman Hogh, der die Einsatzzentrale Logistik (EZLog) leitet. Sie wird in der VJTFVery High Readiness Joint Task Force LogOC (Logistic Operation Centre) genannt. „Versorgungslücken lassen wir gar nicht erst entstehen. Auch wenn es knapp wird, finden wir immer eine Lösung.“

Mehrere Soldaten arbeiten an Laptops in einem Zelt. Im Vordergrund steht einer vor einer Karte und ein anderer telefoniert.

In der logistischen Einsatzzentrale laufen die Fäden zusammen. Sie ist Bindeglied und Schnittstelle zwischen den logistischen Diensten der Gefechtsverbände, den Versorgungskompanien des MN CSS Battalion und den Logistikern der Streitkräftebasis.

Bundeswehr/Susan Billing

Aktuelles Lagebild: „Die LogOC fragt nicht, sie weiß“

In der LogOC werden alle logistischen Prozesse des MN CSS Battalions gesteuert. Major Hogh erklärt: „Wir sammeln die Meldungen aller VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Verbände, auch multinational. Wir wissen, wer was wo in welcher Menge hat, wer etwas braucht und wer es transportieren kann.“ So gewährleistet die LogOC, dass der Kommandeur der Kampfbrigade immer ein aktuelles Lagebild der logistischen Leistungsfähigkeit abrufen kann.

Dabei gehe es nie um abgearbeitete Aufträge, sondern nur um freie Ressourcen: Welche Assets stehen für den Auftrag zur Verfügung? Welche sind erforderlich für die aktuelle Gefechtssituation? Was muss zusätzlich angefordert werden? Der Blick nach vorn sei dabei genauso wichtig wie die Aktualisierung alle vier Stunden, so Hogh: „Das geschieht auch mal per Datenstick, den uns ein Kradmelder bringt. Denn wir sind so nah am Gefechtsstreifen, dass es lageabhängig Sendeverbot geben kann, um nicht aufgeklärt zu werden.“

Doch die LogOC behält nicht nur den Überblick über verfügbare Ressourcen. Sie sammelt auch die Bedarfsmeldungen – ob leerer Tank, kaputter Panzer oder fehlendes Trinkwasser -, teilt die Aufträge zu und stellt die erforderlichen Informationen zu Übergabepunkt und -zeit sowie Transportdauer bereit. 

Die tatsächliche Umsetzbarkeit der logistischen Planungen der LogOC prüft dann das Tactical Operation Centre (TOCTactical operation cell). Auch in der TOCTactical operation cell geht es um ein aktuelles Lagebild, und zwar den Stand des Gefechtes. „Der Kommandeur MN CSS Battalion muss mit einem Blick auf die Karte sehen können, wo wir sind und was gerade passiert, auf unserer Seite und bei den Feindkräften. Wir brauchen das Gesamtbild, weil wir jeden Verband der Brigade logistisch versorgen“, sagt Oberleutnant Michael Jung.

Das TOCTactical operation cell wisse, welche Transportrouten offen seien, wo Veränderungen zu erwarten seien und wie sich der Feinddruck entwickele. „Die LogOC plant, das TOCTactical operation cell prüft die taktische Umsetzbarkeit, die Versorgungskompanie vor Ort führt aus und am Ende hat der Panzer seinen Treibstoff“, fasst Oberstleutnant Mönch zusammen.

Ein belgischer Soldat schießt mit einer Feldhaubitze im Gelände. Rauch liegt in der Luft.

Für die logistische Versorgung ist jede truppenstellende Nation in der NATO selbst zuständig. Jede Nation nutzt unterschiedliche Gefechtsfahrzeuge, Ausrüstung und Waffensysteme, hier eine Haubitze GIAT LG1 105 Millimeter der belgischen Artillerie.

Bundeswehr/Marco Dorow

Multinational aufgestellt und bereits jetzt ein Team

Für die Versorgung der multinationalen VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Kräfte sind nicht nur die Versorgungskompanien multinational verstärkt, sondern in der LogOC auch niederländische, belgische und norwegische Einsatzkräfte integriert. Die insgesamt zehn Soldatinnen und Soldaten arbeiten in demselben System wie ihre deutschen Kameradinnen und Kameraden und haben Zugriff auf dieselben Informationen.

Senior Captain Matthijs Vandeneede, der als Verbindungsoffizier zum belgischen Anteil des CSS zugleich den belgischen Teil der LogOC führt, freut sich: „Mit jeder Übung entwickeln wir ein besseres Verständnis für die Prozesse und Arbeitsweisen der anderen. Im Ernstfall können wir dadurch ohne Anlaufzeit zusammenarbeiten. Wir sind bereits jetzt ein Team.“ So wie die anderen Kräfte in der LogOC gleiche er logistische Bedarfe und Ressourcen ab und erteile Instandsetzungs- und Transportaufträge für die belgischen Kräfte.

Dabei erhöhe sich nicht nur die Interoperabilität zwischen den multinationalen Komponenten in der VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Brigade, so Vandeneede. Sondern für jeden Einzelnen biete sich die Gelegenheit zur Weiterentwicklung: „In der belgischen Armee gibt es seit rund zehn Jahren keine Kettenfahrzeuge mehr. Auf der Übung Wettiner Heide haben unsere Transportkräfte auf unseren Scania SLT zehn deutsche und norwegische Schützenpanzer verladen und transportiert – eine wichtige Fähigkeit im multinationalen Verband, die uns noch flexibler macht. Und unsere Fahrer haben sich gefreut, etwas Neues zu machen.“

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