Internationale Zusammenarbeit: Was macht die deutsche Marine im norwegischen Gebirge?

Internationale Zusammenarbeit: Was macht die deutsche Marine im norwegischen Gebirge?

  • Ausbildung
  • Marine
Datum:
Ort:
Norwegen
Lesedauer:
3 MIN

Der Schutz der NATO-Nordflanke ist für die Deutsche Marine ein Schwerpunkt bei der Landes- und Bündnisverteidigung. Um auch dort jederzeit einsatzfähig zu sein, trainieren deutsche Soldatinnen und Soldaten regelmäßig in Nordnorwegen.

Deutsche und niederländische Soldaten knien und liegen mit ihren Waffen in Stellung im freien Gelände

Deutsche und niederländische Marinekräfte arbeiten seit 2016 eng zusammen. Die gemeinsame Bündnisverteidigung wird an der NATO-Nordflanke geübt.

Bundeswehr/Jana Neumann

Sicherheitspolitisch sind der hohe Norden und speziell die Arktis von besonderer Bedeutung. Durch den Klimawandel und das abschmelzende Eis wächst auch das wirtschaftliche Interesse an der Region. Eisfreie Handelsrouten, Erdöl und andere Bodenschätze wecken Begehrlichkeiten. Seit 2013 häufen sich russische Aktivitäten an der Nordflanke der Allianz. Neben vermehrten militärischen Flügen und Übungen verstärkt Russland seine maritimen Aktivitäten über und unter Wasser.

Wegen seiner geopolitischen Lage ist das NATO-Mitglied Norwegen besonders im Fokus. Historisch arbeitet das Land eng zusammen mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten, seit vielen Jahren aber auch mit Deutschland und den Niederlanden.

Die deutsch-niederländische Kooperation wiederum begann bereits 1995 mit der Aufstellung des I. Deutsch-Niederländischen Korps. 2016 unterzeichneten beide Länder eine Absichtserklärung zur schrittweisen Integration des Seebataillons der Deutschen Marine in die Königlich Niederländische Marine. Deshalb trainieren nun niederländische Ausbilder deutsche Kräfte in Norwegen.

Trainingsgebiet für 18.000 ausländische Soldaten

„Wer in der Kälte kämpfen kann, kann überall kämpfen“, sagt Lieutenant-Colonel Per Erik Bjornstadbraten. Der Oberstleutnant ist der Commander vom Allied Training Centre (ATCAllied Training Center), dem NATO-Ausbildungszentrum in Setermoen. Rund um die Kleinstadt in Nordnorwegen liegen drei riesige Truppenübungsplätze.

Jedes Jahr werden hier zusätzlich zu den norwegischen Truppen bis zu 18.000 Soldaten und Soldatinnen aus den Vereinigten Staaten, den Niederlanden und Deutschland im Gebirgskampf ausgebildet. Der erste Trainingsdurchgang ist dabei das Joint Mountain Training im Herbst, der zweite das Joint Arctic Training im Winter. Dann kann es hier, nördlich des Polarkreises, bis zu minus 40 Grad kalt werden.

Bjornstadbraten und sein Team stellen den ausländischen Truppen die norwegische Infrastruktur zur Verfügung: Unterbringungs- und Versorgungsgebäude, lokale Verbindungsoffiziere und vor allem Trainingsgelände. Für Norwegen, so der Lieutenant-Colonel, ist die Anwesenheit der NATO-Partner willkommen bei der Sicherung der NATO-Nordflanke. Von Setermoen aus ist die Grenze zu Russland im Fußmarsch nur 80 Stunden entfernt. Und von Norwegens nördlichster Stadt, Kirkenes, sind es über die Grenze nur knapp drei Autostunden ins russische Murmansk. Dort liegen die russischen U-Boote.

Doch trotz der Eiszeit in den norwegisch-russischen Beziehungen gäbe es weiter Verbindungen zu Russland, sagt Bjornstadbraten: „Wir haben zum Beispiel ein gemeinsames SARSearch and Rescue-Team für die Fischer in der Barentssee und können die Unterseefördertechnik für die russischen Öl- und Gasfelder liefern.“ Außerdem lebt in der Grenzregion Norwegens eine russischsprachige Minderheit. Der ist die verstärkte Präsenz ausländischer NATO-Truppen in der Region suspekt. Für Oslo hingegen ist der atlantische hohe Norden bis zum Nordpol Teil des Zuständigkeitsbereichs der NATO.

Eine Karte zeigt Norwegen mit seinen Nachbarländer Schweden, Finnland und Russland
Bundeswehr

Deutsch-niederländische Zusammenarbeit immer enger

Das Korps Mariniers ist die Eliteeinheit der Königlich Niederländischen Marine. Die niederländischen Marineinfanteristen gehören zu den ältesten Eliteeinheiten weltweit und gelten als besonders gut ausgebildet. Sie stellen beim Joint Mountain Training die Ausbilder, die sogenannten Mountain Leaders.

„Das gemeinsame deutsch-niederländische Training ist eine hervorragende Gelegenheit, unsere Allianz zu vertiefen und voneinander zu lernen“, erklärt Chris Wigger, Lieutenant-Colonel im Korps Mariniers. Er leitet das gemeinsame Training im norwegischen Gebirge. Damit sollen die spezialisierten Kräfte des deutschen Seebataillons auf ihren Einsatz in der deutsch-niederländischen Amphibious Task Group (ATGAmphibious Task Group) 2024 vorbereitet werden. Geführt wird die ATGAmphibious Task Group von den Niederländern, deshalb müssen die deutschen Truppen alle niederländischen Verfahren beherrschen.

Amphibische Einsatzgruppen sind für den weltweiten Einsatz vorgesehen. „Das bedeutet, sie müssen in jedem Terrain Krieg führen können, sei es im Dschungel, in der Arktis oder im Gebirge“, sagt Wigger. Nordnorwegen biete ideale Trainingsbedingungen sowohl für die Gebirgs- als auch die Arktisausbildung. Zudem könnte die Region aufgrund ihrer Lage ein potenzielles Aufmarschgebiet sein.

Die ATGAmphibious Task Group soll als Teil der NATO-Speerspitze (Very High Readiness Joint Task Force, VJTFVery High Readiness Joint Task Force ) die Reaktionsschnelligkeit der NATO-Reaktionskräfte (NATO  Response Force, NRFNATO Response Force) steigern. Ein späterer Einsatz an der Nordflanke gilt als möglich.

von Barbara Gantenbein