„Der Krieg als Möglichkeit wurde immer mitgedacht“

„Der Krieg als Möglichkeit wurde immer mitgedacht“

  • Geschichte
  • Bundeswehr
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

1984 trat Frank Bötel in die Bundeswehr ein. Aus Überzeugung hatte sich der Norddeutsche für zwölf Jahre verpflichtet, um die  Offizierslaufbahn einzuschlagen. Als Kompaniechef wollte er, wäre der Kalte Krieg heiß geworden, den 120 Soldaten seiner Kompanie, „eine faire Chance geben, aus der Sache heil rauszukommen„.

Ein Porträt von einem Mann

Frank Bötel hat als Zugführer und später Kompaniechef die letzten Jahre der Bundeswehr im Kalten Krieg erlebt

Carsten Borgmeier

Als Sie Soldat waren, waren Auslandseinsätze für die Bundeswehr kein Thema. Was war damals eigentlich Ihr Auftrag?

Als Zugführer und später als Chef einer Jägerkompanie hatte ich den Auftrag, aus jungen, meistens wehrpflichtigen Soldaten eine kampfkräftige Einheit zu formen, die auf dem Gefechtsfeld bestehen konnte. Meine Soldaten sollten die faire Chance haben, aus der Sache wieder heil rauszukommen. Das ging nur durch eine gute Ausbildung. Die Bundeswehr sah sich zwar in erster Linie als Abschreckungsarmee. Wir sagten: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen.“ Das heißt, unser Ziel war es, durch unsere eigene militärische Leistungsfähigkeit einen hochgerüsteten Gegner, den Warschauer Pakt, in Schach zu halten. Doch hätte das nicht funktioniert, wäre es unser Auftrag gewesen, die Bundesrepublik Deutschland grenznah zu verteidigen. Das heißt, der Krieg als Möglichkeit wurde immer mitgedacht. 1985 hat das Heeresamt beispielsweise eine Ausbildungshilfe mit dem Titel „Kriegsnah ausbilden“ herausgegeben. Ein bemerkenswert klares Wording, wie ich finde. Im V-Fall, im Verteidigungsfall, hätte unser Bataillon in Schleswig-Holstein, nahe des Elbe-Lübeck-Kanals, eine Ortschaft gegen den feindlichen Angriff verteidigen und halten sollen, auch unter Einschließung. Das wäre für beide Seiten eine sehr blutige Angelegenheit geworden.
 
War man als Soldat mental darauf eingestellt? Oder war das eher ein „das wird schon nicht passieren“?

So seltsam es klingt, irgendwie beides. Als ich zur Bundeswehr kam, hatte die Abschreckung ja schon dreißig Jahre lang vernünftig funktioniert, zumindest in Europa. Und wir setzten natürlich darauf, dass sie auch weiterhin so funktionieren würde. Wir leisteten dazu ja auch unseren Beitrag. Aber dass da ein Restrisiko war, das war uns allen bewusst.

Die Abschreckung hat ja letztlich funktioniert. Gab es dennoch Todesfälle in der Bundeswehr zu dieser Zeit?

Nicht im Gefecht, doch beispielsweise durch Unfälle. Mir selbst blieb es erspart, enge Kameraden zu verlieren. Aber von den rund 3.200 Toten der Bundeswehr, deren Namen im Ehrenmal aufgeführt sind, hat die überwiegende Mehrheit ihr Leben im Kalten Krieg gelassen, also im tiefsten Frieden. Der Dienst war schon damals nicht ungefährlich. Auch die Bundeswehr des Kalten Krieges hat einen Blutzoll gezahlt. Ich finde, auch daran sollte man sich nicht nur in einem Jubiläumsjahr erinnern.

Wie war die Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Bundeswehr?

Wir hatten einen engen Kontakt zur Bevölkerung. Ein Großteil stand wirklich hinter uns. Allein schon deshalb, weil wir oft draußen geübt haben, in Feldern und Wäldern Stellungen bezogen, in Ortschaften einquartiert waren. Und natürlich auch, weil wir den Auftrag hatten, den Frieden zu erhalten und die Bevölkerung vor einem Angriff zu schützen. Die Menschen sahen, was wir taten. Und sie verstanden, warum wir es taten. Es gab natürlich auch Kreise, die uns kritisch gegenüberstanden. Was sicherlich auch daran lag, dass ein Krieg, wenn er denn ausgebrochen wäre, verheerende Konsequenzen für Deutschland gehabt hätte. Deutschland wäre das Schlachtfeld gewesen, vielleicht sogar atomar. Für unsere Kritiker waren wir Teil einer Abschreckungsmaschinerie, die leicht außer Kontrolle geraten konnte.

Wie war das Bild von der NVANationale Volksarmee, der Nationalen Volksarmee, als Armee der DDRDeutsche Demokratische Republik?

Die Bundeswehr selbst hat, meiner Erinnerung nach, kein Bild der NVANationale Volksarmee vermittelt. Es gab also keine Indoktrination nach dem Motto „So böse ist die NVANationale Volksarmee“. Aber natürlich hat uns Offiziere die NVANationale Volksarmee als möglicher Gegner unter anderem in der Taktik-Ausbildung beschäftigt. Wir hatten einen hohen Respekt vor der NVANationale Volksarmee. Schon deswegen, weil sie eine extrem hohe Bereitschaft hatte. Die waren halt immer in den Kasernen und ihr Material, ihre Fahrzeuge, standen immer aufgetankt und fertig da. Für mich selbst war die NVANationale Volksarmee aber auch eine Partei-Armee in einer Parteidiktatur. Deshalb habe ich persönlich, zugespitzt ausgedrückt, an eine Verbrüderung auf dem Schlachtfeld nicht geglaubt. Im Zweifelsfall hätten wir aufeinander geschossen.

Wenn Sie die Bundeswehr damals und heute vergleichen, was würden Sie sagen?

Das ist für mich als Zivilist relativ schwierig zu beurteilen. Mein Eindruck ist aber, dass sich die Bundeswehr des Kalten Krieges in ihrer Leistungsfähigkeit hinter der Bundeswehr von heute nicht verstecken muss. Die Bundeswehr des Kalten Krieges war auf ihren relativ klar abgegrenzten Auftrag optimal vorbereitet.

Was ist Ihnen von damals besonders in Erinnerung geblieben? Was hat Sie beeindruckt?

Die Einsatzbereitschaft und Motivation der meisten Wehrdienstleistenden, die sich trotz geringer Bezahlung voll eingebracht haben. Davor ziehe ich noch heute meinen Hut.

von Christin Schulenburg