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Deutsche und Niederländer trainieren für Litauen

Deutsche und Niederländer trainieren für Litauen

  • Landes- und Bündnisverteidigung
  • Heer
Datum:
Ort:
Dresden
Lesedauer:
5 MIN

Das Panzergrenadierbataillon 411 soll ein Verzögerungsgefecht führen und anschließend angreifen – aber nur virtuell bei einer dreitägigen computergestützten Übung in Dresden. Die Soldaten des Bataillons bereiten sich damit auf die NATO-Mission Enhanced Forward Presence (EFPEnhanced Forward Presence) 2022 in Litauen vor und treffen in der sächsischen Hauptstadt zum ersten Mal Soldaten aus den Niederlanden. Es ist ein wichtiger Schritt für die multinationale Zusammenarbeit.

Zwei Soldaten in verschiedenen Uniformen stehen vor einer Karte. Der eine zeigt mit dem Finger auf einen Punkt in der Karte.

Die Stabsabteilungen sind multinational besetzt. In der Stabsabteilung 2 arbeiten Niederländer und Deutsche Hand in Hand.

Bundeswehr/Marco Dorow

„Bei 75-5 – 36-8: zwo feindliche Kampfpanzer, Bewegungsrichtung Süden.“ Die Feindmeldung kommt per Funk in den Gefechtsstand, abgesetzt von der zweiten Kampfkompanie (engl.: Englisch Battle Coy) des multinationalen Gefechtsverbandes. Soldatinnen und Soldaten übertragen die Meldungen mit Folienstiften als militärische Symbole auf große Kartenwände und parallel in ein digitales Lagebild. Vor allem die Stabsabteilungen S2 (Feindlage) und S3 (eigene Lage) sind dabei gefordert. Sie fügen die eingehenden Meldungen zu einem Gesamtbild für den Kommandeur zusammen. Darauf aufbauend kann er dann das Gefecht führen und, wenn notwendig, seinen vorher ausgearbeiteten Operationsplan anpassen.

Die Meldungen sind entscheidend

Eine Soldatin sitzt vor zwei Bildschirmen und schreibt. Im Hintergrund stehen Soldaten vor einer Lagekarte.

Alle Lagemeldungen werden von Soldaten in das System eingegeben. So entsteht auf dem großen Bildschirm ein Lagebild.

Bundeswehr/Marco Dorow

Wie im tatsächlichen Gefecht ist der Kommandeur auch bei der Simulationsgestützten Rahmenübung (SIRA) in Dresden auf die Genauigkeit der Meldungen angewiesen. Nur wenn er ein vollständiges Lagebild hat, weiß er, wie sich das Gefecht tatsächlich entwickelt. SIRA funktioniert wie ein taktisches Computerspiel mit Mehrspielermodus. Das Gefecht findet virtuell statt, zu sehen auf Bildschirmen in den jeweiligen Zellen. Es geht darum, vor allem den Stab des Gefechtsverbandes zu trainieren - in den Abläufen, im Absetzen von Meldungen und im Zusammenspiel der einzelnen Abteilungen mit ihrem Kommandeur.

Vorbereitung auf das Gefechtsübungszentrum

Auf einer Karte sind taktische Zeichen und Symbole zu erkennen. Eine Hand mit einem Stift trägt etwas auf der Karte ein.

Der Operationsplan ist die Idee für das Gefecht. In dem Plan wird die Absicht des Feindes beurteilt und die eigene Truppe für das Gefecht aufgestellt.

Bundeswehr/Marco Dorow

Bei diesem Durchgang steht auch die Kooperation mit multinationalen Partnern im Fokus. Niederländische Soldatinnen und Soldaten werden unter anderem im Stab der unter deutscher Führung stehenden Battlegroup in Litauen eingesetzt sein. Oberstleutnant Daniel Andrä, Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 411, wird der Commander (COM) der EFPEnhanced Forward Presence Battlegroup an der Ostflanke der NATO in Litauen sein. Für ihn ist der SIRA-Durchgang in Dresden vor allem wichtig, „um sich frühzeitig zusammenzufinden. Auch geht es darum, eine gemeinsame Idee zu entwickeln, wie wir im Gefechtsübungszentrum operieren wollen.“ Die computergestützte Übung ist also quasi der Probelauf für den nächsten Schritt des multinationalen Verbandes, um im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) im September, dann in einem „realen Gefecht“ zu bestehen.

Bei SIRA sind alle wichtigen Positionen eines Kampftruppenbataillons besetzt, wie zum Beispiel im Stab neben den klassischen Abteilungen, zuständig für Feindlage oder eigene Lage, auch Kampfunterstützer, wie Pioniere oder Joint Fire Support Kräfte (Feuerunterstützung). Sie beraten den Kommandeur mit ihrer Fachexpertise. Bei den Kompanien begleiten kleine Teams den jeweiligen Chef, um das virtuelle Gefecht realistisch abbilden zu können. Neben der 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 411 sind auch Soldaten der niederländischen 13. Leichten Brigade mit dabei. Sie stellt in Litauen eine Kampfkompanie und zahlreiche Dienstposten im Stab. Unterstützung kommt aus dem Jägerbataillon 413. Sie ersetzen die norwegische Kompanie, die noch nicht für diesen SIRA-Durchgang zur Verfügung steht.

Der Stab und der Kommandeur stehen im Fokus

Ein Soldat beugt sich über eine Karte und studiert sie.

Vor allem der Kommandeur, Oberstleutnant Daniel Andrä, und sein Stab stehen bei der Übung im Fokus.

Bundeswehr/Marco Dorow

„Es geht vor allem darum, den Bataillonsgefechtsstand zu testen“, so ein verantwortlicher Offizier des SIRA-Stützpunktes in Dresden. „Herausforderung für den Kommandeur: Während die Chefs ‚draußen‘ das Gefecht ständig auf den Bildschirmen sehen können, hat er diese Möglichkeit nicht. Er ist auf die Meldungen angewiesen. Das genau ist der Sinn dieser Simulation.“ Es geht also um Abläufe, Meldewege und Entscheidungsprozesse und das Ganze in Echtzeit.

Der Gefechtsverband übt dieses Mal die Operationsart Verzögerung. Das bedeutet, der Angriff des Feindes wird durch eine zeitlich begrenzte Verteidigung und anschließender hochbeweglicher sowie flexibler Gefechtsführung verlangsamt, um eigenen Kräften Zeit für einen möglichen Gegenangriff zu verschaffen. Verzögerung ist die anspruchsvollste taktische Aktivität, da sie ein hohes Maß an Koordination erfordert. Auch im laufenden Gefecht muss der Kommandeur die Meldungen als Teil eines großen Puzzlespiels zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Dabei muss er zum Beispiel erkennen, ob seine zuvor beurteilte Feindabsicht auch tatsächlich noch stimmt oder ob der Gegner sich zu einem anderen Ansatz entschlossen hat.

Von der jeweils anderen Nation profitieren

Zwei Soldaten in verschiedenen Uniformen und mit Mund-Nasenschutz stehen mit verschränkten Armen nebeneinander.

Der niederländische Major Rob M. (r.) ist sich sicher: „Wir können viel voneinander lernen.“

Bundeswehr/Marco Dorow

Die einzelnen Elemente der künftigen Battlegroup müssen sich verständlicherweise erst einmal finden. Es ist das erste Mal, dass zumindest Soldaten aus zwei Nationen miteinander in dem Verband arbeiten. Für Major Rob M. aus den Niederlanden, er wird der Deputy Commander (DCOM) in Litauen sein, ist es wichtig, sich persönlich kennenzulernen. „Es ist immer von Vorteil, denjenigen zu kennen, mit dem du zusammenarbeitest. So können wir dann unsere Abläufe aufeinander abstimmen und besser kooperieren. Immerhin werden wir ja ein halbes Jahr als Team arbeiten.“ Der Stabsoffizier hat bereits Erfahrungen in einem multinationalen Stab während seines Mali-Einsatzes gesammelt. Aber, so merkt er an, die Zusammenarbeit bei EFPEnhanced Forward Presence habe eine ganz andere Qualität. In Litauen sei die Integration der anderen Nationen viel höher, als das beim Einsatz in Afrika gewesen sei.

Für den künftigen DCOM zeigt sich bereits während dieser ersten gemeinsamen Übung, wo die Chancen einer multinationalen Battlegroup liegen: „Wir können voneinander lernen und profitieren. Jede Nation bringt ihre Fähigkeiten, ihre Arbeitsweise mit und so kommt am Ende eine noch effizientere und bessere Einheit heraus“, so der niederländische Major. Er sieht mit freudiger Erwartung in die Zukunft: „Ich werde der DCOM einer multinationalen Battlegroup sein. Das bedeutet für mich, eine große Verantwortung zu übernehmen. Das ist eine Herausforderung – aber in einer positiven Art und Weise. Ich freue mich auf diese Zeit.“

Reales Szenario im September

Eine Gruppe Soldaten verschiedener Nationen steht auf und am Rand einer großen Karte, die auf dem Fußboden liegt.

Das erste Mal üben die Soldaten beider Nationen für ihre gemeinsame Mission in Litauen zusammen. Ein gegenseitiges Kennenlernen zu einem so frühen Zeitpunkt ist ungemein hilfreich.

Bundeswehr/Marco Dorow

Für den COM hat ebenfalls eine spannende Zeit begonnen: „Natürlich gibt es Unterschiede. Zum Beispiel in der Operationsplanung und -führung. Die Niederländer nutzen beispielsweise Minensperren anders als wir“, sagt Andrä. Deswegen sei der SIRA-Durchgang so wichtig. Wenn erst im GÜZ diese Unterschiede auffallen, dann sei es deutlich zu spät. Deswegen nutzen beide Seiten diese erste gemeinsame Übung für eine Verbesserung der Zusammenarbeit. „Es geht darum verschiedene Nationen mit verschiedenen Fähigkeiten und unterschiedlichen Herangehensweisen miteinander zu verbinden. Denn eins ist klar: in einem realen Gefecht sind wir ja nicht allein, sondern stehen mit unseren NATO-Partnern Seite an Seite. Die Battlegroup ist eine gute Möglichkeit, die Verzahnung der Verbände zu verbessern“, erklärt der Oberstleutnant.

Ein weiterer Schritt in der Vorbereitung auf EFPEnhanced Forward Presence ist gemacht. Jetzt gilt es, die gesammelten Erfahrungen umzusetzen und im September mit einem angepassten Operationsplan zu üben. Dann wartet auf die Battlegroup der Höhepunkt der Vorbereitung: der Übungsdurchgang im GÜZ, dann mit noch mehr multinationalen Soldaten und in einem realen Szenario.