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Interview

Die freie Welt im Notfall verteidigen können

Die freie Welt im Notfall verteidigen können

Datum:
Ort:
Stettin
Lesedauer:
6 MIN

Generalleutnant Jürgen-Joachim von Sandrart ist Kommandierender General des Multinational Corps Northeast im polnischen Szczecin. Im Interview spricht er über den Krieg in der Ukraine, die Erwartungen der osteuropäischen Partner an Deutschland und seine Aufgaben im Ernstfall.

Ein Soldat mit schwarzem Barett spricht mit zwei weiteren Soldaten, die vor ihm stehen.

Generalleutnant Jürgen-Joachim von Sandrart führt seit November 2021 das Multinational Corps Northeast in Szczecin. Zuvor war er Kommandeur der 1. Panzerdivision in Oldenburg.

Bundeswehr/MNCNE

Herr Generalleutnant, seit mehr als sechs Monaten herrscht Krieg in der Ukraine, mitten in Europa. Was bedeutet der Krieg für uns? Ist das NATO-Bündnisgebiet noch sicher?

Generalleutnant von Sandrart: Das NATO-Bündnisgebiet ist sicher. Ich gehe im Moment auch nicht davon aus, dass es angegriffen werden könnte. Aber wir müssen uns mit einer neuen Realität auseinandersetzen. Russlands Angriff auf die Ukraine hat uns vor Augen geführt, dass auch in Europa wieder Kriege geführt werden, um egoistische Ziele zu erreichen. Wir müssen uns und die freie Welt im Notfall verteidigen können.

Als NATO-General im polnischen Szczecin haben Sie auch den Blick von außen. Wie wird der Krieg bei unseren osteuropäischen Partnern wahrgenommen?

In meinem Verantwortungsbereich als Kommandierender General des Multinationalen Korps Nordost liegen Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei und Ungarn. In den Ländern ist die Angst der Menschen vor Russland greifbar. Das reicht von der Politik über die militärische Führung bis zur Bevölkerung. Dieser Bereich ist der einzige mit einer direkten Landgrenze von über 1.000 Kilometern zu Russland oder Belarus, das viele als verlängerten Arm Russlands wahrnehmen. Dazu kommt, dass viele Staaten russischsprachige Bevölkerungsteile haben und die russische Enklave Kaliningrad mitten im Bündnisgebiet liegt. Wir kennen das Bedrohungsgefühl aus dem Kalten Krieg, als die Grenze zum Warschauer Pakt mitten durch Deutschland lief.

Deutsche Soldaten stehen in Gefechtsausrüstung und bewaffnet in einer Reihe.

Die NATO-Staaten sind entschlossen, ihr Bündnisgebiet zu verteidigen. Der Bundeswehr kommt dabei eine zentrale Rolle zu.

Bundeswehr/MNCNE

Welche Rolle fällt dabei Deutschland und der Bundeswehr zu? Was erwarten unsere Partner in Osteuropa von uns?

Deutschland wird in Osteuropa als wichtiger und verlässlicher Partner angesehen. Neben der von Deutschland geführten NATO-Battlegroup in Litauen beteiligt sich die Bundeswehr seit Jahren an der Sicherung der Seegebiete und des Luftraums der Allianz. Unser Beitrag zum Schutz der Ostflanke wird sehr positiv wahrgenommen, aber auch erwartet. Deutschland ist schließlich die zentrale Landmacht in Europa. Ich empfehle, noch selbstbewusster und initiativer als Anlehnungsnation zu agieren. Wir sind ein sehr geachteter und leistungsstarker Alliierter. Wir haben das Potenzial, den Frieden und die Sicherheit in Europa mitzugestalten – das wollen unsere Bündnispartner auch.

Sie sind Kommandeur des NATO-Hauptquartiers für Osteuropa. Hier laufen die Fäden zur Verteidigung der Ostflanke zusammen. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Als Kommandierender General bin ich der taktisch verantwortliche militärische Führer für Landoperationen in Nordosteuropa. Wir sind das einzige NATO-Hauptquartier, das ein klar festgelegtes Verantwortungsgebiet hat und dafür über nachgeordnete Kräfte auf Divisions-, Brigade- und Bataillonsebene verfügt. Wir führen die Planungen der einzelnen Länder zu einem gemeinsamen Verteidigungsplan zusammen, um das Bündnisgebiet im Ernstfall effektiv verteidigen zu können. Wir haben den Auftrag, eine überzeugende Verteidigungsfähigkeit zu gewährleisten, die wirkungsvoll abschreckt. Wir können, wir wollen und wir werden jeden Fußbreit NATO-Gebiet in meinem Verantwortungsbereich verteidigen.

Das Innere einer Schule, zerstörte Wände, herumliegende Trümmer

Im Ukraine-Krieg greifen die russischen Streitkräfte immer wieder auch zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser, Bahnhöfe und Schulen an

picture alliance

Im neuen Strategischen Konzept, das die NATO im Juni beschlossen hat, wird Russland als größte Bedrohung definiert. Hat sich Ihre Aufgabe dadurch verändert?

Natürlich merken wir, dass sich der Fokus im Bündnis verändert hat. In Osteuropa wird Russland schon lange als größte Bedrohung betrachtet. Unsere Verteidigungspläne haben nicht mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar begonnen, sondern reichen zurück bis ins Jahr 2014. Seit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine war hier jedem klar, dass Russland die NATO-Ostflanke gefährdet. Der russische Einmarsch in die Ukraine hat unsere Verteidigungsanstrengungen beschleunigt.

Im Ukraine-Krieg sieht man vor allem Landstreitkräfte und schwere Waffen. Welche Rückschlüsse ziehen Sie aus dem Verlauf des Krieges und der Art der Kriegführung?

Es ist für jeden offensichtlich, dass der Krieg vor allem an Land geführt wird. Ich will damit nicht die anderen Teilstreitkräfte ausblenden, aber die Landstreitkräfte werden am Ende über den Ausgang entscheiden. Was wir sehen, ist im Grunde ein klassischer konventioneller Krieg, mit all seiner rücksichtslosen und unerbittlichen Zerstörungskraft. Ich will die russische Kriegführung hier nicht bewerten. Sie ähnelt stark den sowjetischen Doktrinen der Siebziger- und Achtzigerjahre, bei denen der Fokus besonders auf Artillerie und der Massierung von Kräften lag.

Was man dagegen kaum sieht: das Gefecht der verbundenen Waffen, wie es die NATO-Streitkräfte regelmäßig trainieren. Was bedeutet das?

Ich gebe zu, dass ich auch eine andere Form der Kriegführung von Russland erwartet hatte. Ein anderes Zusammenwirken der Elemente, mehr Cyberaktivitäten und Elektronischer Kampf. Aber das heißt nicht, dass wir Russland kleinreden sollten. Schon gar nicht, dass die westlichen Staaten alles besser könnten. Wir müssen uns die russischen Defizite bei der Führungsfähigkeit, der Logistik und dem Kampf der verbundenen Kräfte ehrlich vor Augen halten. Können wir das alles besser? Wir sind ganz sicher nicht schlecht ausgerüstet – aber nicht ausreichend, um einem wiedererstarkten Russland klar überlegen zu sein. Ich begrüße es sehr, dass viele Bündnisstaaten, darunter auch Deutschland, ihre Verteidigungsanstrengungen verstärken. Das ist dringend erforderlich, damit wir das Bündnis tatsächlich gegen jede Bedrohung schützen können.

Ein General sitzt in einem Hubschrauber. Er trägt Gefechtsausrüstung.

Generalleutnant von Sandrart führt von vorn, hier bei einer seiner zahlreichen Dienstreisen in die baltischen Staaten. Er verschafft sich immer wieder von der Lage vor Ort ein Bild.

Bundeswehr/MNCNE

Das NATO-Kommando in Szczecin ist jederzeit einsatzbereit. Was würde bei einem Angriff Russlands auf das Bündnisgebiet, etwa im Baltikum, passieren?

Ich kann nur für meinen Verantwortungsbereich sprechen. Die Prozesse sind festgelegt und eingespielt. Jeder NATO-Staat, der angegriffen wird, wird sich sofort zur Wehr setzen. In allen Staaten ist die NATO bereits präsent. Wenn der Bündnisfall festgestellt wird, wird die NATO gemeinsam konsequent und erfolgreich zurückschlagen. Ich weiß, was wir können und bin davon überzeugt, dass wir sehr schnell handeln werden und durchsetzungsfähig sind.

Sie koordinieren im Ernstfall also die nationalen Verteidigungspläne der Mitgliedstaaten mit den Landstreitkräften der NATO in Osteuropa?

In meinem Verantwortungsbereich ist das Bündnis sofort einsatz- und verteidigungsbereit. Mehr kann ich dazu hier nicht sagen.

Zwischen Litauen und Polen verläuft nur eine knapp 65 Kilometer breite Landenge. Die „Suwalki-Lücke“ gilt als Schwachstelle des Bündnisses. Wie stellen Sie sicher, dass das Baltikum bei einem Angriff Russlands nicht abgeschnitten würde?

Die Suwalki-Lücke ist eine geostrategische Herausforderung. Ein sensibler Bereich, der aber auch nicht neu ist und in den NATO-Plänen schon immer berücksichtigt wurde. Die betroffenen Länder wissen, was sie tun müssen und wir als Bündnis auch. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir verhindern werden, dass das Baltikum vom Rest des Bündnisgebiets abgeschnitten wird.

Die NATO-Battlegroups in Osteuropa werden oft als Stolperdraht bezeichnet – bis Verstärkung eintrifft. Sehen Sie hier noch weiteren Handlungsbedarf?

Die NATO-Battlegroups sind mehr als ein Stolperdraht. Sie bieten einen erheblichen Mehrwert für die Sicherheit der betroffenen Länder. Die Kräfte haben ihren Zweck aus meiner Sicht schon jetzt hervorragend erfüllt und Russland gezeigt, dass das Baltikum – genauso wie Polen, die Slowakei und die anderen Staaten der Ostflanke – zum NATO-Gebiet gehören. Natürlich ersetzen die Battlegroups nicht die grundsätzliche Bündnissolidarität, wenn Russland, wie in der Ukraine, einen konventionellen Angriffskrieg beginnen würde. Dann braucht es deutlich mehr. Wir ziehen unsere Lehren daraus, wie Russland vorgeht, und bringen diese in unsere Verteidigungspläne ein.

Der Ukraine-Krieg hat viele Gewissheiten in Europa zunichte gemacht. Manche sprechen von einem neuen Kalten Krieg. Wie schätzen Sie die Bedrohungslage ein?

Wir stehen vor einer neuen systemischen Konfrontation und müssen uns bewusst machen, dass Russland nicht nur die Ostflanke bedroht, sondern die gesamte NATO. Das heißt, wir müssen nicht nur das Baltikum oder die Suwalki-Lücke schützen, sondern auch den hohen Norden in Island oder das Mittelmeer. Überall dort, wo Russland aktiv ist. Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir das Bündnis für die Sicherheit in Europa brauchen – wie im Kalten Krieg. Ich würde deshalb aber nicht von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Dafür haben sich zu viele Parameter verändert. Unverrückbar ist aber eins: Nur als Allianz, geschlossen und gemeinsam, werden wir die Freiheit, Sicherheit und Integrität des Bündnisgebiets jetzt und für kommende Generationen gewährleisten können.


von Florian Stöhr

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