Heer
Übung Dunkler Anfang

Sprungziel in der Dämmerung: Gefängniskomplex „Salinenmoor“

Sprungziel in der Dämmerung: Gefängniskomplex „Salinenmoor“

Datum:
Ort:
Zweibrücken
Lesedauer:
4 MIN

Fallschirmsprung aus Transportflugzeugen A400M, nächtlicher Anmarsch und Kampf um eine ehemalige Justizvollzugsanstalt (JVA): Bei der Luftlandeübung Dunkler Anfang stellen die Soldatinnen und Soldaten des Fallschirmjägerregiments 26 über mehrere Tage ihre Fähigkeiten unter Beweis und den zuvor erarbeiteten Operationsplan auf die Probe.

Aus einem Flugzeug springen Fallschirmjäger ab, zahlreiche grüne Schirme segeln unter dem Himmel.

In mehreren Anflügen, auch Wellen genannt, springen die Fallschirmjäger ab

Bundeswehr/Andrea Neuer

Bis zum letzten Moment hängt die Umsetzung am seidenen Faden. Dann, am Nachmittag, ist endlich klar: Das Wetter spielt mit, die Flugzeuge können starten. Während der letzten hellen Stunden starten aus Zweibrücken zwei große graue Transportflugzeuge Airbus A400M. Im Rumpf aufgereiht warten mehrere Wellen kampfbereiter Fallschirmjäger und Luftlandepioniere. Bevor das Licht schwindet, springen sie über dem Zielgebiet ab.

Als die Maschinen hinter den Bäumen verschwinden, ist der Himmel voll grüner Kappen, die auf den ersten Blick langsam Richtung Landezone sinken. Erst in Bodennähe ist erkennbar, mit welch hoher Geschwindigkeit die Springer tatsächlich unterwegs sind. Während der Landung kommen sie mit einem Tempo auf, das einem ungebremsten Sprung aus rund drei Meter Höhe entspricht. Gleichzeitig wird an der nahen Waldkante ein farbiges Stoffpanel hochgezogen, um allen Gelandeten den Sammelpunkt anzuzeigen. Denn dass die Landezone nur einen flachen Bewuchs aus Heidekraut hat, ist für die Sprungübung, Sprungdienst genannt, zwar von Vorteil, bietet im taktischen Einsatz aber wenig Deckung. Also heißt es nach der Landung, schnellstmögliches Sammeln im nahen Wald, gefolgt von einer Lageeinweisung durch den Fallschirmspezialzug. Dieser ist bereits drei Tage zuvor abgesprungen und hat die Absetzräume aufgeklärt, also Informationen über das Gelände gesammelt.

Im Handumdrehen ist die Truppe zwischen den Bäumen verschwunden. Hier, im Sichtschutz von Kiefern und Birken, aktualisieren die Soldaten bei schwindendem Licht die Lagekarten, bereiten Waffen und Material aus den Türlasten vor, überprüfen die Vollzähligkeit und statten sich nachtkampffähig mit entsprechenden Leuchtmitteln und Nachtsichtbrillen aus. Bei Einbruch der Dunkelheit beginnt die Annäherung durch die niedersächsischen Wälder an das Angriffsziel.

Zugriff auf die JVA

Blick durch ein Nachtsichtgerät, in Grün: Soldaten mit ihren Gewehren an einem Haus in Stellung

Mondlicht reicht nicht aus. Nur mithilfe von Nachtsehmitteln ist die Orientierung in den Gebäuden überhaupt möglich.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Für die Fallschirmjäger ist der Fallschirmsprung der „Weg zur Arbeit“. Ihr Auftrag ergibt sich aus dem Operationsplan der Vorwoche, ihr Ziel: die leerstehende JVA „Salinenmoor“, ein Gebäudekomplex. Dem sollen sie sich möglichst ungesehen nähern, um etwaige Feindkräfte zu überraschen. Der Anmarsch klappt, trotzdem dauert der Kampf um das ehemalige Gefängnis mehrere Stunden. Das festungsartige Gebäude ist schwer zu „knacken“ und bietet dem Feind große Vorteile. Die Luftlandepioniere öffnen den Zugang durch die zugeschweißten Stahltore. Für die Männer und Frauen bedeutet dies stundenlange körperliche Belastung und volle Konzentration unter Nachtsichtoptiken in einem verwüsteten Gebäude voller Scherben und Stacheldraht. Raum für Raum arbeitet sich die Truppe im Wiederhall ständiger Schüsse und Explosionen durch die Gebäude und Stockwerke.

Ein Soldat mit grüner Mütze und Sprechsatz schaut stirnrunzelnd in die Kamera.
Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 26, Oberstleutnant Oliver Henkel
„Luftlandeoperationen sind Kernauftrag und Alleinstellungsmerkmal des Fallschirmjägerregiments. Mit Blick auf die bevorstehenden Übungen Swift Response und Komet können wir so unseren Ausbildungsstand vertiefen. Auf eine einsatznahe und harte Ausbildung kommt es mir besonders an. Im Fokus steht, den bereits hohen Bereitschaftsgrad meiner Kräfte noch weiter zu stärken. Nach den beschränkten Übungsbedingungen der Pandemie machen wir wieder große Schritte nach vorn.“

Auftakt der Übung Dunkler Anfang war zuvor eine Woche intensiver Gefechtsstandarbeit im Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit in Celle. Das Zentrum diente während der Übung als Brigadegefechtsstand einer Air Manoeuvre Task Force, eines luftbeweglichen Großverbandes. In einem eigens eingerichteten Zeltkomplex, dem Hauptgefechtsstand, wertete der Stab des Fallschirmjägerregiments 26 über mehrere Tage hinweg unter Zeitdruck Informationen aus und erarbeitete auf dieser Grundlage schließlich den Operationsplan und den Befehl für die Übung Dunkler Anfang.

Bis zur letzten Minute mussten die Soldaten trotz des wenigen Schlafes den Überblick und die Konzentration behalten, um immer wieder neu eingehende Informationen über den Feind und das Wetter zu berücksichtigen und um letztlich die taktische Idee des Kommandeurs in die Tat umzusetzen. Schon die Ausgangslage war komplex, denn auf dem „Übungskontinent“ schwelte eine komplizierte Gemengelage, die als fiktives Übungsszenarium keinen bestehenden echten Konflikt abbildete, aber durchaus Elemente enthielt, die an verschiedene aktuelle Krisen- und Kriegsgebiete erinnerte.

Vielfältig Üben

Ein Soldat mit Tarnschminke zeigt nach links, zwei andere Soldaten folgen ihm.

Markierung an der Waldkante: Der Fallschirmspezialzug weist den Springern ihre Bereiche zu

Bundeswehr/Andrea Neuer

Ziel war unter anderen, die Soldatinnen und Soldaten auf verschiedenen Ebenen in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern weiterzubilden und zu trainieren: von der Operationsplanung über eine Führerweiterbildung bis hin zur Gefechtsübung mit einer taktisch fordernden Bodenoperation.

Eine der Besonderheiten war, dass der Hauptgefechtsstand in Celle aufgebaut war, die Befehlsausgabe auf Kompanieebene und die Masse der Truppe aber in Zweibrücken blieben. Operationspläne und Befehle wurden digital über die Gefechtsstandinformationssysteme von Celle nach Zweibrücken verschlüsselt übermittelt. Mit dieser räumlichen Trennung wurde auch die Distanz zwischen „Gastland“ und „Einsatzland“ nachgestellt und die digitale Informationsübermittlung nebenbei geübt. So stiegen erst mit Beginn ihres Auftrags die Fallschirmjäger in Saarbrücken in die Transportflugzeuge und sprangen über dem „Einsatzgebiet“ im niedersächsischen Scheuen in mehreren Anflugwellen ab.

Flexibel, mobil und sehr beeindruckend

Der Kommandeur des Ausbildungs- und Übungszentrums, Oberst Jörn Rohmann, zieht ein positives Fazit der Übung. „Luftlandeinsatzverbände, also flexible, mobile Verbände, die nach einer Luftlandung im Schwerpunkt einer Landoperation oder auch an mehreren Punkten gleichzeitig kämpfen, sind ein schlagkräftiges und reaktionsschnelles Instrument moderner Streitkräfte. Mit modernen Lufttransportmitteln, streitkräftegemeinsamer Feuerunterstützung und abgestützt auf sichere Kommunikationsnetze kann ein Fallschirmjägerregiment den Kern dieses Systemverbundes Luftlandeoperation bilden.“ Damit könne der Verband gerade in der Landes- und Bündnisverteidigung entscheidende Wirkung erzielen, zu der andere Truppen nicht beziehungsweise nicht so schnell in der Lage sind.

Und Rohmann resümiert: „Das Fallschirmjägerregiment 26 hat – gleichwohl stark gefordert und hart erkämpft – ausnahmslos alle gesteckten Übungsziele erreicht. Geschenkt wurde den Zweibrückenern der Operationserfolg nicht. Umso beeindruckender war deren Leistung.“

Gut vorbereitet in die Übung

  • In einem Zelt mit Laptops, Tischen und taktischen Karten an den Wänden stehen Soldaten.

    Der Operationsplan ist die Grundlage einer militärischen Operation. Im Gefecht wird dieser immer wieder überarbeitet und auf dem neuesten Stand gehalten.

    Bundeswehr/Andrea Neuer
  • Ein Soldat mit grünem Fallschirm springt aus einem Flugzeug. Ihm folgen weitere Fallschirmjäger.

    Über 3.000 Kilometer weit bringt der A400M die Soldaten in ihre Einsatzgebiet. Mehr als 100 Soldaten finden Platz in dem Airbus.

    Bundeswehr/Andrea Neuer
  • Fallschirmjäger landen mit ihren grünen Schirmen an einer Waldkante.

    Die Gleitphase und die Landung sind der neuralgische Punkt einer Luftlandeoperation. In dieser Zeit sind die Fallschirmjäger am verwundbarsten. Mit Erreichen der ersten Deckung haben sie die Oberhand in der Operation.

    Bundeswehr/Andrea Neuer
  • Ein Soldat holt Waffenteile aus einer dicken Decke heraus.

    Alles was nicht am Körper mitgeführt werden kann, wird in einem extra Behälter, Türlast genannt, abgeworfen. Am Sammelpunkt wird die Türlast gebrochen und das Gerät einsatzbereit gemacht.

    Bundeswehr/Andrea Neuer
  • Sanitäter setzen im Unterholz ihr medizinisches Gerät zusammen.

    Bei den taktischen Anfangsoperationen sind die Fallschirmjäger auf sich gestellt. Die Sanitäter haben daher alles dabei, um zunächst ohne Anschlussversorgung klarzukommen.

    Bundeswehr/Andrea Neuer
von Andrea Neuer und Andreas Hultgren

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