Heer
Notfallreserve

Training für den Worst Case im Mali-Einsatz

Training für den Worst Case im Mali-Einsatz

Datum:
Ort:
Munster
Lesedauer:
6 MIN

Ein Jahrzehnt lang hat sich die Bundeswehr an der gefährlichen UNUnited Nations-Friedensmission MINUSMAMission Multidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali beteiligt. Nun ist der Abzug Deutschlands aus Mali bis Ende Mai 2024 besiegelt. Das Jägerbataillon 91 aus Rotenburg (Wümme) gehört damit zu den letzten Verbänden, die in dem westafrikanischen Land eingesetzt werden. Bis zum letzten Tag muss die Truppe 100 Prozent geben. Egal, ob vor Ort in Mali oder auch in Deutschland. Hier halten sich Soldaten als Eingreif-Reserve für den Ernstfall bereit.

Zwei Soldaten laufen mit Gewehren im Anschlag durch den Wald.

Schwerpunktwaffe der Infanterie: Mit einer maximalen Schussanzahl von 800 Patronen pro Minute ist das Maschinengewehr 5 (MG5) das feuerstarke Rückgrat der infanteristisch eingesetzten Gruppe.

Bundeswehr/Till Hey

Eine Kompanie des Jägerbataillons 91 leistet bereits seit zwei Monaten als Infanteriekompanie ihren Dienst in Mali. Soldatinnen und Soldaten aus zwei Zügen des Bataillons wurden am vergangenen Wochenende als nationale Eingreif-Reserve für den UNUnited Nations-Einsatz MINUSMAMission Multidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali in Deutschland ausgebildet. Auf dem Truppenübungsplatz Munster fand die Übung mit dem Namen Heidejäger III statt, um sich auf ein mögliches Einsatzszenario vorzubereiten. Eins steht fest: Wird die Eingreif-Reserve in den letzten Monaten des Einsatzes aktiviert, also in der Abschmelzphase, wie es militärisch heißt, sind sie gefordert. 

Es wäre der erste Auslandseinsatz für Oberleutnant Sören K. Die notwendige Ausbildung hat er in den vergangenen Monaten gemeistert und sein Können bei der Bataillonsübung Heidejäger III bewiesen. Er ist seit Anfang des Jahres Zugführer in der 3. Kompanie des Jägerbataillons 91. Direkt nach seiner infanteristischen Führerausbildung erhielt er einen anspruchsvollen Auftrag. Innerhalb von sechs Monaten musste er seinen neuen Zug so ausbilden, dass er in dem instabilen Umfeld Malis bestehen und den fordernden Auftrag umsetzen kann. In Mali erwartet die Truppe ein klassisches Szenario des internationalen Krisenmanagements. Sein Zug ist einer von zweien, die das Bataillon als Reserve, die sogenannte nationale Rückfallposition vorhalten muss. Wann und ob sie alarmiert werden, ist ungewiss. Dass sie ständig bereit sein müssen, fordert von Zugführer Sören K. und seinen Soldaten hohe Disziplin, Professionalität und die richtige Einstellung. 

Schon zu Beginn der Übung sind alle gefordert

Soldaten stehen und knien im Gelände um eine Karte neben einem Fahrzeug.

Während der Befehlsausgabe ist der gesamte Zug um Oberleutnant Sören K. versammelt. Hier erklärt er Standardverfahren für mögliche Situationen im Einsatz.

Bundeswehr/Till Hey

Wir fahren nach Rotenburg (Wümme) und begleiten den Zug bei der Vorbereitung. Es ist Freitag, 14 Uhr. Nachdem Oberleutnant Sören K. seinen Befehl für den Marsch an den Zug gegeben hat, trifft er die finalen Absprachen mit seinen unterstellten Soldaten. Die Motoren der Gefechtsfahrzeuge werden gestartet. Mit mehreren Allschutz-Transportfahrzeugen des Typs Dingo geht es in Richtung Munster. Der Dingo wird hauptsächlich in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr genutzt. Nach knapp anderthalb Stunden erreichen die Soldaten das Camp Kohlenbissen – ihr Sammelplatz und temporäres Zuhause für die nächsten Tage. Wohl wissend, dass am gesamten Wochenende wenig Zeit zum Ausruhen bleiben wird. Kaum hat Oberleutnant Sören K. allen Fahrzeugen einen Platz zugewiesen, ereilt ihn sein erster Auftrag: Eine Patrouillenfahrt steht auf dem Plan. Durch Präsenz im Einsatzraum wollen die Infanteristen für Ruhe und Ordnung sorgen.

Was passiert, wenn sich die Sicherheitslage ändert?

Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob die beiden Züge des Jägerbataillons 91 überhaupt abgerufen werden müssen. Jeder einzelne von ihnen muss aber immer damit rechnen, eingesetzt zu werden. Es gibt daher keinen Platz für Nachlässigkeiten. Die nationale Rückfallposition steht dem Kontingentführer in Mali innerhalb von 90 Tagen nach der Alarmierung zur Verfügung. Eingesetzt wird diese Reserve jedoch nur, wenn sich die Sicherheitslage im Einsatzland Mali dramatisch verschlechtern sollte. Bei einer Gefährdung der aktuell eingesetzten Soldaten im Einsatzland könnte die Reserve aus Rotenburg die Sicherheitsmaßnahmen im afrikanischen Staat verstärken und damit einen reibungslosen Abzug aus Mali gewährleisten. Trotz der ungewissen Zukunft zeigt sich während der Ausbildung, dass die Soldaten die Gefahren und Besonderheiten des Einsatzes ernst nehmen.

„Erstes Fahrzeug durch RPG-Beschuss ausgefallen!“

Ein Soldat trägt einen Soldaten auf der Schulter weg von einem Fahrzeug.

Das Führungsfahrzeug ist ausgefallen, ein Soldat verwundet. Um den Kameraden schnellstmöglich medizinisch zu versorgen, wird er von einem Ersthelfer mit dem Gamstragegriff an einen anderen Ort gebracht. Im Hintergrund sichern Soldaten das Vorgehen.

Bundeswehr/Till Hey

Plötzlich passiert es: Auf der linken Fahrzeugseite erschüttert eine Detonation den Dingo. Den ohrenbetäubenden Knall spüren alle Fahrzeuginsassen bis in die Knochen. Der Dingo stoppt. Das Szenario: Während der Patrouille ist das erste Fahrzeug der Kolonne von Oberleutnant Sören K. von Terroristen angegriffen worden. Ein gezielter Schuss mit der Panzerabwehrhandwaffe RPG bringt das Fahrzeug zum Stehen und trifft es besonders unglücklich. Die Achse des Fahrzeugs geht zu Bruch und macht den Dingo bewegungsunfähig. Durch die Explosion, die glücklicherweise keinen schwerwiegenden Schaden im Fahrzeug verursacht hat, wird einer seiner Soldaten durch einen Metallsplitter verletzt. Innerhalb kürzester Zeit steht fest: Die Soldaten sind in den Hinterhalt einer Terrorgruppe geraten, die den Anschlag geplant hatte. 

Jetzt muss Oberleutnant Sören K. handeln, mit seinen Soldaten den Feind schnellstmöglich mit Waffeneinsatz niederhalten und aus dem Gebiet vertreiben. Dazu muss er die Initiative ergreifen und der Terrorgruppe signalisieren, dass die MINUSMAMission Multidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali-Kräfte mit ihrer Bewaffnung überlegen sind. Nur so kann der verwundete Kamerad gerettet werden, ohne weitere Soldaten zu gefährden. Noch während er die Befehle erteilt, wird der Verwundete von einem notfallmedizinisch ausgebildeten Soldaten versorgt.

Dann befiehlt der Zugführer die Rettung des Soldaten. Über den Funkkreis ergeht der Befehl: „Gruppe 2, du schießt Deckungsfeuer in Richtung Nord bis maximal Nordwald auf der linken Seite, und maximal Hauptstraße auf der rechten Seite! Gruppe 1, du fährst mit deinen Fahrzeugen vor und lädst den Verwundeten auf dein Fahrzeug auf!“ Nachdem die Gruppenführer bestätigt haben, dass sie den Befehl verstanden haben, folgt das Kommando: „3, 2, 1, Deckungsfeuer, Deckungsfeuer!“

Gefechtsstand gibt Szenarien vor

Ein Soldat mit Waffe steht abseits von zwei Zivilisten und spricht in ein Funkgerät.

Das Verhalten gegenüber den Menschen vor Ort ist wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Während sich Dorfbewohner mit Soldaten lautstark unterhalten, meldet der Gruppenführer die eingeholten Informationen über Terroristen weiter an seinen Zugführer.

Bundeswehr/Till Hey

Die laufende Übung wird gesteuert durch den Gefechtsstand, der in der Nähe des Übungsraumes in Zelten untergebracht ist. Normalerweise ist der Gefechtsstand die Schaltzentrale des Bataillons im Gefecht. Bei Übungen, bei denen nicht alle Soldaten trainieren, sondern nur ein Teil, wird er jedoch nur als sogenannter Leitungsgefechtsstand genutzt. Er führt und leitet die Übungsteilnehmer mit Szenarien, die über Funk vorgegeben werden, basierend auf dem bestehenden Ausbildungsstand. Eine Anpassung von Übungsinhalten erfolgt flexibel.

Der Heidejäger III wurde bereits Monate zuvor geplant. Die Lage wurde dabei eng an die potenziellen Gefahren in dem afrikanischen Einsatzland angepasst. Bedrohung durch Terrorgruppen, wie Ableger des Islamischen Staates oder Al-Qaida, improvisierte Sprengvorrichtungen oder sogar natürliche Gefahren, wie giftige Tiere, gehören in Mali zur ständigen Bedrohungslage. Es werden Szenarien geübt, die den schlimmsten Fall darstellen. Damit werden die Soldatinnen und Soldaten bestmöglich auf den Einsatz vorbereitet. Nur, wer extreme Ereignisse einmal durchexerziert hat, kann später auch die Herausforderungen im Einsatzland problemlos bewältigen. Dazu gehört beispielsweise die Verwundung von Kameraden. In dieser besonderen Situation müssen alle schnell handeln, um das Leben der Soldaten zu retten.

Hinterhalt mit Schnelligkeit und Initiative lösen

Die Maschinengewehre rattern, die Motoren heulen auf, die Fahrzeuge beschleunigen und der Feind wird niedergehalten. Der Plan von Zugführer Sören K. geht auf. Einer seiner Dingos fährt bis zum Verwundeten vor, nimmt ihn auf und bringt ihn aus dem Gefahrengebiet. Nun müssen die Soldaten eine sichere Zone um den Anschlagsort schaffen und den Feind aus dem Bereich verdrängen. Dazu wird jedem Fahrzeug ein Platz und ein Sicherungsbereich zugewiesen. Erkennen die Soldatinnen und Soldaten feindliche Kräfte, werden diese ausgeschaltet. Zusätzlich werden abgesessene Soldaten im danebenliegenden Wald eingesetzt.

Währenddessen fordert der Zugführer eine Evakuierung mit einem Rettungshubschrauber an. Der Soldat ist so schwer verwundet, dass eine weitere zeitliche Verzögerung für ihn lebensgefährlich wäre. Eine erfolgreiche Rettungskette, wie der Ablauf der Notfallrettung auch genannt wird, sieht die Übergabe des Verwundeten innerhalb einer Stunde an einen Arzt vor. Oberleutnant Sören K. hat die Situation mittlerweile unter Kontrolle. Der Verwundete wurde an einen Notfallmediziner übergeben und in Kürze wird das beschädigte Fahrzeug in das Camp Kohlenbissen zur Instandsetzung geschleppt. Der Zugführer hat bereits einen Plan für den Rückmarsch in das Camp.

Es ist die dritte Auflage der Übungsserie Heidejäger. Zahlreiche Situationen, wie die eben beschriebene, werden innerhalb mehrerer Tage von den Soldaten durchlaufen. Bei den Übungen Heidejäger I und II wurden die bereits im Einsatzland eingesetzten Soldatinnen und Soldaten des Jägerbataillons 91 auf den Einsatz vorbereitet. Bis zu einer möglichen Alarmierung wird der Zug von Oberleutnant K. weiterhin trainieren. „In den nächsten Monaten werden wir die letzten Ausbildungslücken, die in der komplexen Übung aufgetreten sind, schließen“, so der Offizier abschließend.

Vorbereitung auf letzten Mali-Einsatz

  • Ein Soldat mit Gewehr kniet im Wald.

    Auch im Wald den Überblick behalten: Während des Angriffes überblickt der Soldat das Gefechtsfeld und überprüft, ob der gewählte taktische Ansatz erfolgsversprechend ist.

    Bundeswehr/Till Hey
  • Ein Soldat mit Gewehr im Anschlag läuft durch ein betoniertes Stellungssystem.

    Den Kampf im Stellungssystem üben die Soldaten genauso wie den auf Freiflächen. Im Einsatzfall müssen sie für sämtliche Situationen gewappnet sein.

    Bundeswehr/Till Hey
  • Zwei Soldaten laufen mit dem Gewehr im Anschlag neben einem Gefechtsfahrzeug.

    Bietet das Gelände keine gute Deckung, kann stattdessen das gepanzerte Fahrzeug benutzt werden. Dennoch muss schnellstmöglich ein Stellungswechsel erfolgen, da ein Beschuss mit Panzerabwehrhandwaffen drohen kann.

    Bundeswehr/Till Hey
von Till Hey

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