Heer

Welche Rolle spielt die Reserve im Plan Heer?

Welche Rolle spielt die Reserve im Plan Heer?

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  • Heer
Datum:
Ort:
Strausberg
Lesedauer:
5 MIN

Die Zeichnung auf dem Bierdeckel sieht einfach aus. Zwei dicke Pfeile, militärische Symbole und die drei Jahreszahlen 2023, 2027 und 2032. Der Plan Heer skizziert drei Phasen eines ehrgeizigen Ziels. Die landgestützten Streitkräfte sollen fit gemacht werden für die (zukünftigen) Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung. Kurz gesagt: Das Heer soll personell und materiell wieder wachsen. Die Reserve spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Ein Bierdeckel mit einer Skizze liegt auf einer grünen Tischdecke mit dem Motto „Wir sind das Heer“

Einfache Rechnung? Hinter der Skizze auf dem Bierdeckel verbergen sich komplexe Reformprozesse, die auf das Heer im nächsten Jahrzehnt zukommen.

Bundeswehr/ Henning Schmitz

Ganz so einfach wie auf dem Bierdeckel ist es nicht. Hinter dem ambitionierten Plan Heer stecken Planungen und Entwicklungen, die auf mehreren Ebenen stattfinden. Zunächst soll bis 2023 eine voll ausgestattete Brigade für die Very High Readiness Joint Task Force Land (VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Land, Schnelle Eingreiftruppe) der NATONorth Atlantic Treaty Organization bereitstehen. Diese Speerspitze der NATONorth Atlantic Treaty Organization muss innerhalb von 48 Stunden einsatzbereit sein, um im Fall der Fälle die Mitgliedsstaaten an deren Außengrenzen verteidigen zu können.

Drei voll ausgestattete Divisionen

Bis 2027 sollen der VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Brigade zwei weitere Brigaden folgen, die unter einer Division mit Divisionstruppen zusammengefasst werden sollen. Bis 2032 sieht der Plan Heer vor, dass zwei weitere Divisionen durch Digitalisierung sowie durch personellen und materiellen Aufwuchs für die Aufgaben in der Landes- und Bündnisverteidigung und für das Internationale Krisenmanagement befähigt werden. Das heißt, im Jahr 2032 soll es drei voll ausgestattete Divisionen geben, die sich die Last der Aufgaben teilen.

Eine Gruppe von Soldaten dringt in ein gegnerisches Stellungssystem im Wald ein, lilafarbener Rauch steigt auf.

Soldaten des nicht-aktiven Panzergrenadierbataillons 908 trainieren auf dem Übungsplatz Jägerbrück den Angriff auf feindliche Stellungen.

Bundeswehr/Josephine Klingner

Die Bundeswehr habe das Glück, dass die Lage mit der Covid-19-Pandemie nicht mit einem noch größeren Engagement im internationalen Bereich zusammengetroffen sei, stellte die Bundesverteidigungsministerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, während der Pressekonferenz zur Vorstellung des neuen Freiwilligendienstes mit Schwerpunkt Heimatschutz fest. Die helfenden Hände der Bundeswehr im Kampf gegen das Coronavirus zeigen neben den internationalen Verpflichtungen, wie vielfältig das Spektrum an Aufgaben und Fähigkeiten der Bundeswehr jetzt schon ist. Am Beispiel der Amtshilfe der Bundeswehr während der Pandemie wird auch deutlich: Ohne die Reserve geht es nicht. Die Aufgaben werden nicht weniger.

Weitgehende Verpflichtungen

Eine Gruppe von Soldaten legt auf einer Wiese Stacheldrahtschlingen auf ein Metallgestell.

Reservisten des schweren Pionierbataillons 901 trainieren das Anlegen von Stacheldrahtsperren während der Übung Schwarzer Keiler 2020 in Münster.

Bundeswehr/Carl Schulze

Auf dem Weg zu drei personell und materiell voll ausgestatteten Divisionen im Jahr 2032 soll die Reserve eine Schlüsselrolle spielen. Das geht aus dem Konzept Reserve Heer hervor. Es wurde während der Jahrestagung der Reserve, vom 16. bis zum 17. Oktober 2020 in Berlin, vorgestellt. Demnach will das Heer seine nicht-aktiven Truppenteile zunächst erhalten, anschließend ausbauen und schließlich einsatzbereit machen. In einem zweiten Schritt sollen die Angehörigen der Ergänzungstruppenteile so gut ausgebildet sein, dass sie bei Bedarf in aktive Strukturen integriert werden können. Das heißt, sie ergänzen dort, wo in aktiven Strukturen Ressourcen fehlen und erhöhen somit den Einsatzwert und die Durchhaltefähigkeit.

Das Konzept nennt zwei Schlagwörter für die grundlegenden Ziele: Einsatzbereitschaft und tiefe Integration der Reserve. „Eine erfolgreiche Umsetzung der Strategie der Reserve im Heer ist Voraussetzung dafür, dass die im Heer wegen fehlender Ressourcen nicht verfügbaren Einsatzkräfte durch nicht- beziehungsweise teilaktive Ergänzungstruppenteile verstärkt werden können. Die Vorgaben des Fähigkeitsprofils sind bis 2031 nur mit einem Personalumfang von mindestens 60.000 aktiven Soldaten und 20.000 Verstärkungsdienstposten für die Truppenreserve realisierbar“, sagt Oberst Manfred Baumgartner, Leiter des Referats für Reservistenangelegenheiten im Kommando Heer und Inspizient für Reservistenangelegenheiten im Heer.

Neuausrichtung in drei Etappen

Die Reserve ist ein wichtiger Baustein beim Ausbau des Heeres. Analog zum Plan Heer verfolgt die Neuausrichtung der Reserve drei Etappenziele. Bis Ende 2023 sollen Strukturen geschaffen und Verfahren zum Aufwuchs entwickelt werden. Die Schaffung von Strukturen bedeutet hier, dass die Ergänzungstruppenteile und Einzeldienstposten für Reservisten geschaffen werden, um zielgerichtet die Fähigkeiten des Heeres zu stärken. Aufwuchsverfahren meint, dass die Mittel und Wege vorhanden sind, um die richtig ausgebildeten Reservisten zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen zu können. Dabei soll die Grundbeorderung helfen. Grundbeordert werden aus dem aktiven Dienst ausscheidende Soldatinnen und Soldaten für sechs Jahre. Das heißt, sie sind für diesen Zeitraum auf einem Dienstposten eingeplant. Der Reservistendienst unterliegt allerdings dem Prinzip der Freiwilligkeit. Wann die Grundbeorderung in Kraft tritt, wird in den nächsten Monaten entschieden.

Ein Langzeitprojekt bis Ende 2031

Ein Soldat sitzt hinter einem MG3 auf Feldlafette in einer Stellung.

Auch in Zukunft wird das Üben und Anwenden soldatischer Grundfertigkeiten ein Schwerpunkt in der Ausbildung der Reserve sein.

Bundeswehr/Felicia Englmann

Bis Ende 2027 sollen die Strukturen eingenommen sein. Dann sollen die Dienstposten in den Ergänzungstruppenteilen so besetzt sein, dass sie ihr Personal, falls erforderlich, aus- und weiterbilden beziehungsweise anderweitig qualifizieren können. Grundsätzlich bringen die Reservisten aus ihrer aktiven Dienstzeit Qualifikationen mit, die bei ihrer Einplanung Berücksichtigung finden sollen. Dies ermöglicht den Reservisten erworbenes Wissen und erlernte Fertigkeiten auch nach dem Dienstzeitende weiter einzusetzen. Das Ziel ist es, bis Ende 2031 die Ergänzungstruppenteile personell im Wesentlichen aufgefüllt und materiell ausgestattet zu haben. Die Ergänzungstruppenteile sollen dann so ausgerüstet und ausgebildet sein, dass sie als eigenständiger Kampfverband agieren können. Planungen sehen sechs Kampfbrigaden mit bis zu vier teil- oder nicht-aktiven Kampftruppenbataillonen vor, der deutsche Anteil der Deutsch-Französischen Brigade würde zu einer vollwertigen Kampfbrigade ausgebaut und die Luftlandebrigade 1 könnte sowohl Aufgaben im Internationalen Krisenmanagement als auch in der Landes- und Bündnisverteidigung wahrnehmen. Zusammengerechnet ergibt das drei Divisionen mit acht Brigaden und entsprechenden Ergänzungstruppenteilen und Einzeldienstposten auf allen Ebenen. Hier schließt sich der Kreis zum Bierdeckelplan mit drei Divisionen zum Jahr 2032.

Heimatnahe Beorderungen

Damit der Plan aufgehen kann, müssen die Verbände ihre Ergänzungstruppenteile auf Vordermann bringen. Das Konzept Reserve Heer setzt dabei auf der Kompanie-Ebene an, dem Schwerpunkt dieser geplanten Stärkung der Truppenstrukturen. Schafft man es, den Kompaniegefechtsstand zu stärken, einen Garnisonstrupp, eine Sicherungsgruppe und zusätzliche Wechselbesatzungen aufzustellen, stärkt das gleichzeitig das Bataillon und das Regiment. 20.000 Verstärkungsdienstposten soll es in Zukunft für Reservisten geben. Bei der Suche nach geeignetem Personal möchte das Heer den Bedürfnissen der Reservisten möglichst entgegenkommen. „Unsere Absicht ist es, jedem ausscheidenden Angehörigen des Heeres die Grundbeorderung in seinem Heimatverband oder nach seiner regionalen Präferenz in einem anderen Verband des Heeres bedarfsgerecht zu ermöglichen“, sagt Oberst Baumgartner.


von Benjamin Vorhölter

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