Luftwaffe

60 Jahre Taktisches Luftwaffengeschwader 74

60 Jahre Taktisches Luftwaffengeschwader 74

  • Geschichte
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Neuburg an der Donau
Lesedauer:
6 MIN

Die Stadt Neuburg blickt auf eine lange Tradition als Garnisonsstadt zurück. Erst Standort eines bayrischen Infanterieregiments, entstand 1935 ein Militärflugplatz, der bis heute betrieben wird. Doch schon 1912 läutete hier mit der Landung eines Militärflugzeuges die Ära der Militärfliegerei ein, die Neuburg seitdem gefangen hält.

Ein Eurofighter fliegt über die Stadt Neuburg.

Ein Eurofighter bei dem Überflug seiner „Heimatstadt“ Neuburg

Bundeswehr/Archiv

Den Auftakt machte damals ein Doppeldecker aus dem Hause Euler, der die Donaustadt am 11. Juli 1912 anflog und auf dem damaligen Exerzierplatz des 15. Bayerischen Infanterieregiments landete. Mitte der dreißiger Jahre nahm der Flugbetrieb zwischen Augsburg und Ingolstadt richtig Fahrt auf, nachdem vier Kilometer östlich der Stadt ein Fliegerhorst angelegt wurde. Fortan diente er als Standort für verschiedene Einsatzverbände, darunter auch eine Fliegerwaffenschule und eine Blindflugschule. Hier lernten die Piloten unter anderem ohne Sicht und lediglich mithilfe ihrer Instrumente zu fliegen und zu landen. Im letzten Kriegsjahr wurde von Neuburg aus die Messerschmitt 262, der erste operationell eingesetzte Düsenjäger der Geschichte, nach der Fertigung eingeflogen.

Diese Tatsache blieb den alliierten Streitkräften nicht verborgen. Am 21. März 1945 warfen 366 USUnited States-Bomber 800 Tonnen Bomben über dem Flugplatz ab. Drei Tage später startete ein weiterer Großverband von 271 Maschinen einen vernichtenden Angriff auf den Neuburger Fliegerhorst. Die zerstörte Basis wurde in den Jahren 1955 bis 1957 durch die amerikanischen Soldaten wiederaufgebaut. Mit ihrem Abzug aus Neuburg übergaben die USUnited States-Truppen 1958 den Platz an die noch junge Bundeswehr. Seit dem 5. Mai 1961 ist der Fliegerhorst Heimatplatz des Taktischen Luftwaffengeschwader 74.

Ein Eurofighter rollt aus dem Shelter in Neuburg.

On the way: Dieser Eurofighter rollt aus seinem Shelter zur Startbahn.

Bundeswehr/Jennifer Güngör
Der NATO-Flugplatz in Zell aus der Vogelperspektive.

So sehen sonst nur die Piloten den Flugplatz vom Taktischen Luftwaffengeschwader 74

Bundeswehr/Archiv

Geschichte des Geschwaders

Die Chronik des Geschwaders beginnt im Norden Deutschlands auf dem Fliegerhorst Oldenburg. Ausgerüstet mit dem Jagdflugzeug F-86K, verlegte die 3. Staffel der Waffenschule 10 im Oktober 1960 zunächst von Oldenburg nach Leipheim. Sechs Monate später wurde die Einheit nach einem letzten Umzug in Neuburg als Jagdgeschwader 74 in Dienst gestellt. Am 4. Oktober 1962 wurde der Verband der NATO unterstellt. Zeitgleich nahm die Alarmrotte ihren Dienst auf. Im Mai 1964 erhielt der Verband dann sein zweites Einsatzflugzeug, die legendäre F-104 G „Starfighter“. Zehn Jahre später, im September 1974, erfolgte die dritte Umrüstung auf das geflogene Waffensystem F-4F „Phantom“. Das aktuelle Flugzeug¬musterwurde in Neuburg im Juli 2006 eingeführt. Nach zwei Jahren Parallelflugbetrieb wurde die F-4F Phantom schließlich im Juni 2008 vom JG 74 verabschiedet. Seitdem wird im Geschwader ausschließlich der Eurofighter in seinen verschiedenen Einsatzrollen geflogen.

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Zwei F-104G „Starfighter“ stehen auf einer Platte.

Der Kampfjet F-104G Starfighter war sehr beliebt unter den Piloten

Bundeswehr/Archiv
Eine F-86K „Sabre“ fliegt am Himmel.

Die F-86K „Sabre“ war der erste Kampfjet, der im Geschwader geflogen ist

Bundeswehr/Archiv
Zwei F-4F „Phantom“ fliegen mit einem Eurofighter in Formation.

Die F-4F „Phantom“ war ursprünglich nur als Übergangslösung gedacht, flog dann aber über 30 Jahre im Geschwader

Bundeswehr/Jörg Adam

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Geschwaderbezeichnung und Traditionsnamen

Am 22. November 1973 erhielt das Jagdgeschwader 74 den Traditionsnamen „Mölders“. Zeitgleich wurde die Kaserne des Geschwaders „Wilhelm-Frankl-Kaserne“ benannt. Infolge eines Bundestagsbeschlusses hat das Geschwader seinen Traditionsnamen am 11. März 2005 abgelegt. Das Geschwader hieß fortan wieder Jagdgeschwader 74. Die Truppenunterkunft des Verbandes hingegen führt seinen Namen bis heute. Mit Einnahme einer neuen Luftwaffenstruktur erhielt das Geschwader am 1. Oktober 2013 seine aktuelle Bezeichnung: Taktisches Luftwaffengeschwader 74.

Portrait eines Piloten im Cockpit

Über den Wolken: Aufnahmen eines Eurofighter-Pilots direkt aus dem Cockpit

Bundeswehr/Archiv

Hauptauftrag: Alarmrotte

In Deutschland sind zwei Geschwader der Luftwaffe mit der Bereitstellung einer Alarmrotte –im Militärjargon als QRAQuick Reaction Alert („Quick Reaction Alert“) bezeichnet – beauftragt. Eines davon ist das TaktLwG 74. Nach einer Alarmierung müssen sich zwei Eurofighter binnen 15 Minuten in der Luft befinden. Seit 60 Jahren schon ist das Geschwader in Neuburg mit dieser wichtigen Aufgabe betraut und gewährleistet die Unversehrtheit des südlichen Luftraums und die Souveränität unseres Landes. 

Ein Eurofighter und ein ziviles Flugzeug am Himmel.

Hier sieht man einen Eurofighter-Pilot bei einem echten Einsatz. Er versucht, mit dem Flugzeugführer der zivilen Maschine Kontakt aufzunehmen, um Hilfestellung zu geben.

Bundeswehr/Archiv

Gefahr im Anflug?

Doch wann wird die QRAQuick Reaction Alert alarmiert? Meistens ist der Hauptgrund für einen Einsatz ein Flugzeug, das sich nicht gemäß den luftfahrtrechtlichen Vorgaben verhält oder zu dem kein Funkkontakt aufgebaut werden kann. In einem solchen Fall nähern sich die Eurofighter-Piloten der Alarmrotte dem „abtrünningen“ Flugzeug und versuchen mittels Sichtzeichen oder Funk, Kontakt zu dem Flugzeugführer herzustellen. Die Besatzung der Alarmrotte identifiziert das Flugzeug, sowie mögliche Probleme der Maschine und hilft in einer Krise. Die dafür notwendigen Manöver werden im Geschwader fortlaufend trainiert – in der Luft aber auch in dafür speziell entwickelten Flugsimulatoren, die sich auf dem militärischen Gelände in Neuburg befinden.

Ein Pilot rennt auf einen Eurofighter zu.

Ein Wettlauf mit der Zeit: Innerhalb von 15 Minuten nach einer Alarmierung muss ein Pilot der QRAQuick Reaction Alert in der Luft sein.

Geoffrey Lee

Unterstellung und Führung

Dem Geschwader gehören im Frieden circa 1.000 Personen an: Soldatinnen und Soldaten, aber auch ziviles Personal. Auf nationaler Ebene ist der Verband dem Kommandeur „Fliegende Verbände“ der Luftwaffe unterstellt. An der Spitze des Geschwaders steht der Kommodore, sein Arbeitsmuskel ist die Fliegende Gruppe.

Fliegende Gruppe 

Dem Kommandeur dieser Gruppe unterstehen neben seinem Stab zwei Fliegende Staffeln, denen das Gros der Kampfpiloten des Geschwaders angehöhrt. Den Staffeln obliegt die taktische Aus- und Weiterbildung der Flugzeugführer. Beide stellen im täglichen Wechsel auch die Einsatzbesatzungen für die Alarmrotte des Geschwaders.

Neben den Staffeln sind der Fliegenden Gruppe die Flugbetriebsstaffel und die Geophysikalische Informationsstelle unterstellt, wobei erstere für die Einsatzbereitschaft des Flugplatzes verantwortlich ist, die Informationsstelle hingegen versorgt Flugplaner wie Piloten mit Wetterdaten.

Ein Kuscheltier Tiger und ein sonderfolierter Eurofighter auf dem Flugplatz.

Das Taktische Luftwaffengeschwader 74 ist die Heimat der „Bavarian Tigers“. Hier sieht man die neueste, sonderfolierte Maschine des fliegenden Verbands – und ihr Wappentier.

Bundeswehr/Jennifer Güngör

Flugplatzstaffel Lechfeld 

Trotz der Auflösung des Jagdbombergeschwaders 32 wurde der Flugbetrieb am dortigen Flugplatz nicht eingestellt. Seit dem 1. April 2013 ist das Taktische Luftwaffengeschwader 74 mit der neu aufgestellten Flugplatzstaffel „Lechfeld“ für den Betrieb zweier Luftwaffen-Flugplätze zuständig. Das Flugfeld, 20 Kilometer südlich von Augsburg, dient weiterhin als militärischer Ausweichflugplatz zu Neuburg und stellt seine Infrastruktur für Einheiten, auch außerhalb der Luftwaffe, zur Verfügung. 

Technische Gruppe

Wartung, Instandhaltung, Versorgung und Verpflegung – dieses breite Aufgabenspektrum obliegt der circa 600 Mann starken Technischen Gruppe des Geschwaders. Neben Technikern, wie den Flugzeugwarten, Mechanikern, Elektronikern oder Fachprüfern für die Qualitätskontrolle, sind ebenso Fachleute für die Arbeitsplanung, die Einsatzsteuerung und die Logistik eingesetzt. Insgesamt gehören etwa 65 verschiedene Tätigkeitsbereiche zum Portfolio der Technischen Gruppe. 

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Eine Formation aus Eurofightern auf der Runway des Flugplatzes Neuburg.

Im März 2021 wurden einige Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwader 74 auf die Startbahn gestellt

Bundeswehr/Jennifer Güngör
Eine Formation aus Eurofightern auf der Runway des Flugplatzes Neuburg.

Ziel war es, möglichst viele Jets auf der Runway zu positionieren

Bundeswehr/Jennifer Güngör
Eine Formation aus Eurofightern auf der Runway des Flugplatzes Neuburg.

Dieses Motiv wurde unter anderem Teil des Jubiläumsfilmes

Bundeswehr/Jennifer Güngör

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Das Waffensystem Eurofighter

Beim Eurofighter handelt es sich um ein sogenanntes Mehrzweckkampfflugzeug. Ein solches Flugzeug kann für verschiedene Szenarien und Aufgaben eingesetzt werden oder seine Rolle sogar während einer Mission wechseln. Der Eurofighter ist jedoch nicht nur auf Angriffe konzipiert, sondern eignet sich dank seiner Agilität zum Schutz eigener Streitkräfte und deren Bündnispartner. Das Kampfflugzeug kann mittels zahlreicher technologischer Innovationen auch Ziele auffassen, die sich außerhalb des Sichtfelds des Piloten befinden. Diese und andere Daten können dem Flugzeugführer in einem speziell dafür entwickelten Helm unabhängig von der Blickrichtung in einem Display angezeigt werden.

Auf den Piloten kommt es an

Um die Fähigkeiten des Eurofighters optimal nutzen zu können, bedarf es besonders ausgebildeter Piloten. Die Ausbildung dauert mehrere Jahre, wird an verschiedenen Orten durchlaufen und verlangt den Kampfpiloten sowohl psychisch als auch physisch alles ab. Bereits bei den Auswahlverfahren kommen die Bewerberinnen und Bewerber an ihre Grenzen. Ein Kampfjetpilot muss unter anderem über eine hohe Konzentrationsfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, eine ausgeprägte Stressresistenz und extreme körperliche Belastbarkeit verfügen.

Eurofighter bei Nacht auf dem Flugplatz in Neuburg.

Drei Eurofighter bei Nacht auf der „Last Chance“. Dies ist eine speziell konzipierte Fläche, um dort noch einmal einen letzten Check am Flugzeug durchzuführen, bevor es startet.

Bundeswehr/Jennifer Güngör
Eurofighter bei Nacht auf dem Flugplatz in Neuburg.

Entwickelt für alle Fälle: Der Eurofigher

Bundeswehr/Jennifer Güngör

Neuburg und seine Soldaten

Die Stadt Neuburg an der Donau, die auf eine über 900-jährige Geschichte als Garnisonsstadt zurückblickt und deren Luftfahrtgeschichte bereits 1912 mit der Landung eines Doppeldeckers begann, ist in den zurückliegenden annähernd 60 Jahren mehr als nur die militärische Heimat des Verbandes geworden. Über Jahrzehnte hinweg ist die Zusammenarbeit des Geschwaders mit der Stadt Neuburg und allen umliegenden Dörfern und Gemeinden von einem äußerst positiven und vertrauensvollen Verhältnis geprägt. Die Geschwaderangehörigen und ihre Familien sind in das kulturelle und öffentliche Leben der Region bestens integriert.

von Florian Herrmann