Aufruf 70 Jahre Luftwaffe
70 Jahre Luftwaffe: Wir suchen Zeitzeugen! Ihre Geschichten zu Starfighter, Tornado oder Nike sind uns wichtig. Bitte jetzt melden!
Als die Luftwaffe an den Start ging, fehlte fast alles: Jets, Strukturen, Erfahrung. Gleichzeitig forderte der Kalte Krieg Mitte der 1950er-Jahre schnelle Einsatzbereitschaft. In dieser Lage wurde die Zusammenarbeit mit den USA zum entscheidenden Faktor. Sie beschleunigte nicht nur den Aufbau, sondern prägte auch, wie die junge Luftwaffe arbeitete und selbst ausbildete.
Januar 1966: Deutsche Luftwaffensoldaten treffen während ihrer Pilotenausbildung in den USA einen Cowboy auf einer Ranch
BundeswehrDie junge Luftwaffe entsteht nicht im geschützten Raum. Der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Beitritt der Bundesrepublik verpflichtet, denn die Bedrohungslage durch den Warschauer Pakt ist real. Also geht es schnell. Bereits 1955 und 1956 reisen die ersten Flugschüler in die Vereinigten Staaten. Viele von ihnen werden auf Stützpunkten in Texas und Arizona ausgebildet. Sie lernen Englisch, steigen in Schulflugzeuge, wechseln auf Jets. Und sie erleben erstmals das Tempo und die Präzision einer modernen Luftstreitkraft.
Eine Szene, die sie in Zeitzeugenberichten vielfach überliefert wird, beschreibt diesen Einstieg anschaulich. Am Stützpunkt Bainbridge in Georgia – einem der wichtigsten Ausbildungsplätze für die frühe Bundesluftwaffe – treten deutsche Flugschüler in Ausgehuniform auf dem Vorfeld an. Die USUnited States-amerikanischen Ausbilder hören sich die Meldung an, nicken und schicken die Gruppe in den Hangar, nicht ins Klassenzimmer. Zum Reifenwechsel an einer T-33 – dem zweisitzigen Schulstrahlflugzeug, auf dem die meisten Piloten damals ihren ersten Jetflug absolvierten. Die Botschaft ist klar: Wer fliegen will, muss das gesamte System verstehen, nicht nur das Cockpit.
Die Tage sind durchgetaktet: Theorie, Simulator, Flugdienst, Technik. Danach Auswertung. Fehler bleiben nicht liegen, man spricht sie an. Das Ziel ist, besser zu werden. Diese Art zu lernen prägt viele, die später selbst ausbilden und führen.
Piloten in den USA bei einer Vorbesprechung. Ausgebildet wurde nach der Devise: erst reden, dann fliegen, dann analysieren.
BundeswehrDie ersten Flugzeuge kommen fast alle aus den USA: T-33, F-84 Thunderstreak, später F-104 Starfighter. Mit ihnen kommen Handbücher, Checklisten und Wartungskonzepte. Die deutschen Ausbilder passen diese Vorgaben an, vereinfachen, ergänzen. So entsteht Schritt für Schritt ein eigenes Ausbildungssystem. Vor- und Nachbesprechungen werden zum festen Bestandteil des Pilotenalltags: Was lief gut? Wo wurde es eng? Was ändern wir? Diese Routine wirkt sich in die Truppe aus. Sie formt einen Umgang mit Verantwortung, der Sicherheit und Professionalität in den Mittelpunkt stellt.
Was sich dabei überträgt, ist mehr als eine Lerntechnik. Eine Begebenheit von der Luke Air Force Base in Arizona zeigt, wie diese Haltung in der Praxis wirkte: Nach einem fordernden Navigationsflug sitzt eine gemischte Gruppe aus deutschen Flugschülern und USUnited States-amerikanischen Ausbildern im Briefingraum. Der Instruktor macht keine Vorwürfe. Er stellt Fragen. Warum hast du dich so entschieden? Was hast du gesehen? Was würdest du morgen anders machen? Aus dem Gespräch wird eine gemeinsame Analyse. Für viele ist das der Moment, in dem sie begreifen: Hier geht es nicht um das Formale, hier geht es ums Lernen.
Von Beginn an ist die Luftwaffe in die NATONorth Atlantic Treaty Organization eingebunden – und denkt von dort aus. Funkverfahren, Radarführung und Einsatzgrundsätze entstehen gemeinsam. Übungen mit USUnited States-amerikanischen und anderen alliierten Verbänden gehören früh zum Alltag. Englisch wird Arbeitssprache. Austauschverwendungen werden alltäglich. Viele junge deutsche Offiziere erleben hier zum ersten Mal, was es heißt, multinational zu arbeiten. Unterschiedliche Kulturen, ein Auftrag. Das prägt das Selbstverständnis: Luftverteidigung funktioniert nur gemeinsam.
Deutsche Luftwaffensoldaten in El Paso in Texas während einer Vorbesprechung: Von Anfang an steht die Theorie vor dem Einsatz – Professionalität als Grundprinzip
Bundeswehr/Hans SiwikDie Amerikanisierung der Luftwaffe zeigt sich nicht nur auf dem Flugfeld. Sie wirkt sich auch im täglichen Miteinander aus. Viele deutsche Soldaten leben monatelang auf USUnited States-Basen, später auch beim Deutschen Luftwaffenausbildungskommando USA/Kanada. Sie teilen Unterkünfte, Kantinen und Freizeit mit ihren USUnited States-amerikanischen Kameraden. Sie arbeiten zusammen, sie diskutieren, sie lernen voneinander.
Eine kleine Begebenheit aus den frühen 1960er-Jahren beschreibt diese Kultur sehr gut: Auf einer USUnited States-Basis in Texas fällt einem deutschen Techniker beim morgendlichen Antreten auf, dass ein USUnited States-amerikanischer Crew Chief mit einem Kaffeebecher in der Hand vor seiner Maschine steht und mit dem Piloten über die Startfreigabe spricht. Kein Befehlston, kein Abstand, zwei Fachleute auf Augenhöhe. Später erzählt der USUnited States-Amerikaner, der Becher gehöre zur Routine. Erst reden, dann fliegen. Sicherheit beginnt im Gespräch. Viele Deutsche nehmen genau dieses Bild mit nach Hause.
Der Umgang ist oft direkter, weniger formell, also anders als beim deutschen Militär traditionell üblich. Verantwortung liegt früh beim Einzelnen. Diese Haltung fließt in die neu entstehenden Strukturen der Luftwaffe ein. Dienstgrade bleiben wichtig, aber im fachlichen Gespräch zählt, wer etwas beitragen kann. Auch das prägt viele, die später Führungsverantwortung übernehmen.
Die Amerikanisierung der frühen Jahre bedeutet nicht Kopie, die Luftwaffensoldaten müssen unter Zeitdruck lernen: Technik übernehmen, Verfahren prüfen, Ausbildung aufbauen. All das im engen Austausch mit einem Partner, der seine eigenen Lehren aus dem Krieg gezogen hat. So entsteht eine Luftwaffe, die von Beginn an auf Zusammenarbeit, Professionalität und Verlässlichkeit setzt. Werte, die den inneren Aufbau bis heute mittragen.
von Thomas Skiba
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