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Flughafen Tegel schließt endgültig

Flughafen Tegel schließt endgültig

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Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
6 MIN

Auf dem Flughafen Berlin-Tegel wurde gestern für immer das Licht abgestellt – Ein Rückblick auf einen Airport, der erst keiner sein wollte.

Ein Flugzeug startet auf dem Flughafen Berlin Tegel.

Die Bombadier Global 5000 der Flugbereitschaft BMVgBundesministerium der Verteidigung startet vom Flughafen Berlin Tegel

Bundeswehr/Johannes Heyn

Für Westberliner war der Flughafen Tegel nicht nur das sichere Tor in die Bundesrepublik – er ist auch immer noch ein Mythos. Einst landeten dort die legendären Rosinenbomber des Typs Douglas C-54 Skymaster der USUnited States-Amerikaner. Später flog man von Tegel aus in den Urlaub, zeitweise gab es Direktflüge nach New York mit der legendären Airline Pan American. Später dominierte Air Berlin den Flugverkehr in Tegel. Auch das legendäre Überschallflugzeug Concorde landete dort. Pan American, Air Berlin, Concorde und Skymaster sind längst Geschichte. Nun auch Tegel als Flughafen.

Der Flughafen Berlin Tegel im Abendlicht

Flughafengebäude mit dem Tower des Flughafens Berlin Tegel – ab jetzt bleibt es dunkel

Bundeswehr/Modes

Nach einem halben Jahr Bereitschaftsphase ist am früheren Flughafen Tegel in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch endgültig Schluss. Um Mitternacht vom 4. auf den 5. Mai endete die Betriebspflicht des Flughafenstandorts im Berliner Norden. „Ab dem 5. Mai ist das Gelände auch im rechtlichen Sinne kein Flughafenmehr“, teilte der Betreiber, die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB), kurz und knapp mit. Bereits am 4. Mai begann die Flughafengesellschaft damit, erste Gebäude an das Land Berlin übergeben. Tegel ist dennoch bis heute einer der drei Standorte der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung und stellt hier einen wesentlichen Teil der Lufttransportkapazität der Bundeswehr bereit, die auch durch den parlamentarischen Bereich genutzt wird. Doch auch ohne die Flugbereitschaft gehörte der Flughafen für Bundeswehrangehörige zu den Konstanten im Dienstalltag: Unzählige Soldaten starteten von hier zu Auslandseinsätzen, Dienstreisen oder Hilfsflügen. 

Ein A310 steht am Flughafen Berlin-Tegel

Die Konrad Adenauer, auf dem Flugplatz Tegel in Berlin, ist die erste VIP-Maschine der Flugbereitschaft des BMVgBundesministerium der Verteidigung, welche mit dem Schriftzug Bundesrepublik Deutschland und einer umlaufenden schwarz-rot-goldenen Lackierung versehen ist

Bundeswehr/Modes

Luftwaffe verfranzt sich

In den Anfangszeiten der Luftwaffe geriet der Flughafen schon einmal in den Fokus. Am 14. September 1961, also gut vier Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer, hatten sich zwei F-84-Jagdbomber des bundesdeutschen Jagdbombergeschwaders 32 (Lechfeld) gehörig verfranzt und waren versehentlich in den Luftraum der DDRDeutsche Demokratische Republik geraten, wie es in dem Magazin „Flugzeug Classics“ heißt. Da ihnen Abfangjäger der in der DDRDeutsche Demokratische Republik stationierten Roten Luftflotte folgten, landeten sie in Tegel. Die beiden F-84 wurden ausgeschlachtet und auf dem Flughafengelände vergraben. Ein ähnlicher Zwischenfall von der anderen Seite ereignete sich am 13. Februar 1967. An diesem Tag landete eine sowjetische MiGMikoyan-Gurewitsch-21 in Tegel, dessen Pilot sich offensichtlich verflogen hatte. Als er seinen Irrtum bemerkte, rollte er erneut zum Start und entschwand auf Nimmerwiedersehen.

Drei alte Düsenjäger am Himmel. Das Foto ist schwarz-weiß

Ein Paar F-84F Thunderstreak verirrte sich 1961 nach Tegel

Bundeswehr/Siwik

Vom Luftschiffhafen zum Testgelände

Die Anfänge des Flughafens Berlin-Tegel im Norden der Hauptstadt sind schon in der Kaiserzeit zu finden. Bereits im Jahr 1896 wurde auf dem Gelände eines Artillerieschießplatzes auf der Jungfernheide, auf dessen Gebiet sich das Gelände des späteren Flughafens Tegel befand, dass 1. Preußische Luftschiffer-Bataillon aufgestellt. 1906 entstand auf dem Gelände, auch bekannt als Luftschiffhafen Reinickendorf, eine Zeppelinhalle.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wandelte sich das Bataillon zur Luftschiffer-Ersatzabteilung. Nach dem verlorenen Weltkrieg war es gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags dem Deutschen Reich verboten, Luftstreitkräfte zu unterhalten. Tegel versank in den Dornröschenschlaf aus dem es im September 1930 herausgerissen wurde, als der frühere Jagdflieger Rudolf Nebel einen Raketenschießplatz in Tegel eröffnete. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gelände als Truppenübungsplatz für die Flakregimenter der Luftwaffe. 

Berlin wird Insel im Roten Meer

Durch zahlreiche Bombenangriffe zerstört, glich es bei Kriegsende einem Trümmerfeld. Da allerorten Wohnungsnot und Nahrungsmittelknappheit herrschten, plante man auf dem Gelände eine Kleingartenkolonie einzurichten, doch es kam anders. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1948 blockierten die Sowjets alle Verbindungen zwischen den drei Westsektoren Berlins und Westdeutschlands und kappten die Stromversorgung. Man wollte die eingeschlossenen Stadtteile „aushungern“, und Amerikaner, Briten und Franzosen zum Abzug bringen. Zur Info: Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die Siegermächte das verbliebene Deutschland zwischen Oder und Rhein als auch die Hauptstadt Berlin in jeweils vier Sektoren auf. Mitteldeutschland unter dem Einfluss der Sowjetunion umgab die drei Berliner Sektoren der Westalliierten USAUnited States of America, Großbritannien und Frankreich.

Eine Wiese mit Stacheldraht

Über ein Jahr lang war Westberlin von der Außenwelt abgeschnitten. Nur die berühmte Luftbrücke garantierte die Versorgung.

In 90 Tagen ein neuer Flughafen

Für die Versorgungsflüge standen zunächst zwei Flughäfen zur Verfügung – Tempelhof im amerikanischen und Gatow im britischen Sektor. Dazu kamen noch britische Short-Sunderland-Flugboote, die auf der Havel wasserten. Doch die Kapazität dieser Flughäfen reichte nicht aus, sodass die Alliierten sich entschlossen, im französischen Sektor, zu dem Tegel gehörte, einen weiteren Flughafen zu bauen. Die Arbeiten begannen am 5. August 1948 unter Leitung von USUnited States-Offizieren. 1.800 deutsche Arbeiter waren von Anfang an auf der Baustelle tätig, nur kurze Zeit später schippten, planierten und walzten 18.000 Leute, davon die Hälfte Frauen, auf dem ehemaligen Testgelände. Zeitzeugen zufolge waren es harte und schwere Arbeiten, die sie im Drei-Schicht-Betrieb sieben Tage in der Woche erledigten.

Mit Schaufeln und Schubkarren bewegten die Frauen und Männer 1,2 Millionen Kubikmeter Steine und Ziegel – die U.S. Air Force hatte 10.000 Fässer Asphalt eingeflogen. Nach nur 90 Tagen waren die Arbeiten abgeschlossen und der Flughafen Tegel war für den Verkehr freigegeben. Die erste Maschine, die auf der mit 2.428 Metern damals längsten Piste Europas am 5. November 1948 landete, war eine Douglas C-54 (die Militärversion der DC-4) der USUnited States-Luftwaffe.

Ein Propeller-Transportflugzeug

Die Rosinenbomber vom Typ DC 54 trugen die Hauptlast der Versorgung

Bundeswehr/Mandt

„Mit Dynamit, Herr Kollege.“

Laut Quellen kam es kurz nach der Öffnung zu einem Zwischenfall. In der Einflugschneise befanden sich zwei Sendetürme, die dem Ostberliner Rundfunk gehörten und den Flugbetrieb störten. Nachdem die Leitung des Rundfunks der Forderung des französischen Brigadegenerals Jean Ganeval, die Sendemasten zu entfernen, nicht nachgekommen war, ließ dieser sie ganz einfach sprengen. Auf die erboste Frage des sowjetischen Stadtkommandanten, wie er dies tun konnte, soll Ganeval geantwortet haben: „Mit Dynamit, Herr Kollege.“ 

Air France und Pan Am

Die Luftbrücke endete offiziell am 30. September 1949. Der letzte Luftbrückenflug fand jedoch bereits am 27. August statt: Es war eine amerikanische C-54, die in Tegel landete. Danach geriet der Flughafen aus dem Blickpunkt, er wurde nicht mehr gebraucht. Die zivilen Fluggesellschaften, die während der Luftbrücke auch den Flughafen Tegel genutzt hatten, kehrten wieder nach Tempelhof zurück. Die Franzosen hätten den Flugplatz schließen können, taten es jedoch aus Prestigegründen nicht. Später dann lief Tegel Tempelhof den Rang ab. Grund waren die um rund 400 Meter längeren Pisten, die der mitten in Berlin liegende Flugplatz nicht bieten konnte.

Ein Passagierflugzeug auf der Startbahn

Nach der Beendigung der Berlin-Blockade betrieben die Franzosen den Flugplatz Tegel weiter

Mit dem deutschen Wirtschaftswunder und dem wachsenden Wohlstand gehörte es bald zum guten Ton in den Urlaub zu fliegen, auch in entfernte Länder. So stieg das Passieraufkommen und die Zahl der Flüge nahm zu, und das von Jahr zu Jahr. Vier Jahre lang war Air France die einzige Airline, die den Flughafen Tegel anflog. Doch dies änderte sich, als die USUnited States-Fluggesellschaft Pan American World Airways im Mai 1964 eine Verbindung von Tegel zum John. F. Kennedy Airport in New York einrichtete und dies dreimal pro Woche flog. 

Tegel von oben

1970 war der Spatenstich zum neuen Terminal, dem ein Architekturwettbewerb vorausging

Tegel platzt aus allen Nähten

Beim Eröffnungsflug am 31. Mai 1964 war der damalige Erste Bürgermeister Willy Brandt (1913-1992) persönlich vor Ort. Dann ging es Schlag auf Schlag. 1970 war der Spatenstich zum neuen Terminal, dem ein Architekturwettbewerb vorausging. Vier Jahre später eröffnete das neue Abfertigungsgebäude und mit der Wende 1989/90 explodierte das Luftverkehrsaufkommen geradezu. Die Kapazitätsgrenze erreichte der Flughafen mit der Schließung von Tempelhof 2008. Jetzt war es an der Zeit, einen neuen, leistungsfähigeren Hauptstadtflughafen zu bauen.

Flugzeug am Terminal

Das Abfertigungsgebäude am Flughafen kennen die meisten Soldatinnen und Soldaten

Bundeswehr/Modes

Das letzte Passagierflugzeug

Eine Air France hob am 8. November 2020 in Richtung Paris ab. Der Air France war es also vergönnt, den ersten und den letzten Start in Tegels Geschichte zu absolvieren. Der Flugbetrieb ist seither eingestellt. Eine Woche zuvor war der neue Flughafen BER in Schönefeld eröffnet worden, über den der Flugverkehr in der Hauptstadtregion seitdem abgewickelt wird. Baustart für den Flughafen Tegel war 1970, Einweihung vier Jahre später. Seitdem ist die Zahl der Fluggäste bis zum Einbruch in der Corona-Krise fast kontinuierlich gestiegen und hat Dimensionen erreicht, für die das Gebäude schon lange nicht mehr konzipiert war: Von den rund 36 Millionen Fluggästen in Berlin im Jahr 2019 reisten rund 24 Millionen über Tegel.

Die Concorde ist zu sehen

Auch die Concorde flog nach Berlin-Tegel

von Thomas Skiba