Luftwaffe
Geschichten aus der Luftwaffe

Mayday Mayday! Rettungsaktion über Neuburg

Mayday Mayday! Rettungsaktion über Neuburg

  • Zivil-Militärische Zusammenarbeit
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Neuburg an der Donau
Lesedauer:
4 MIN

Es war ein sonniger Samstagnachmittag im Februar, als plötzlich auf einer Funkfrequenz ein Hilferuf eines zivilen Kleinflugzeuges zu hören war. Der Pilot hatte Fahrwerksprobleme. Zu diesem Zeitpunkt war auch der Luftsportverein (LSV) JG74 am Platz und Flugbetrieb angemeldet. Oliver Becker, ehemaliger Phantom Pilot BO41 und zu diesem Zeitpunkt aktiv in der Reservedienstleistung beim Taktischen Luftwaffengeschwader 74, ist ein begeisterter Freizeitflieger und bereitete sich nahezu zeitgleich auf den Sinkflug zu seinem Zielflughafen Neuburg an der Donau vor, als er den Funkspruch hörte.

„Ich entschloss mich zu helfen, da bei mir noch genügend Treibstoff im Tank war, und machte mich auf den Weg, um mir aus nächster Nähe ein Bild von dem Fahrwerksproblem zu machen. Ich habe an der Stimme wahrgenommen, dass der Pilot Hilfe benötigt“, so erinnerte sich Becker. 

Keine normale Landung möglich

Ein Flugzeug mit Fahrwerksproblemen in der Luft

Bei der äußeren Sichtinspektion wurde festgestellt, dass nur eines der Hauptfahrwerke sowie das Bugfahrwerk nur partiell ausgefahren wurden. Mehrere Versuche, das Problem in der Luft zu lösen, schlugen allerdings fehl.

Bundeswehr/LSV JG 74

Die defekte Maschine sollte an diesem Tag von Donauwörth/Genderkingen nach Dingolfing überführt werden. Dadurch, dass das Fahrwerk nicht mehr vollständig ausfuhr, war eine normale Landung jedoch nicht mehr möglich. Als Becker bei dem Flugzeug in Notlage eingetroffen war, versuchten die Piloten das Problem gemeinsam zu lösen. Bei der äußeren Sichtinspektion stellten sie fest, dass nur eines der Hauptfahrwerke sowie das Bugfahrwerk nur partiell ausgefahren wurden. Mehrere Versuche das Problem in der Luft zu lösen, schlugen fehl. 

Die Bauchlandung als einzige Option

Eine andere Lösung musste her. Es blieb nur noch eine Möglichkeit, um das Flugzeug auf den Boden zu bekommen. Eine Landung mit eingefahrenem Fahrwerk, eine sogenannte Bauchlandung. Doch diese Landung kann bei einem ungünstigen Winkel durch Auf- oder Abwind oder eine ungeschickte Bewegung am Steuer durch den Piloten gravierende Folgen haben. Die Gefahr einer Bruchlandung ist groß, eine Rettungskette unbedingt erforderlich, um im Fall der Fälle eine schnelle Erstversorgung sicherzustellen.

Ehemaliger Phantom Pilot aus Neuburg

Seite an Seite begleitete der ehemalige Phantom-Pilot und Reservedienstleistende beim TaktLwG 74, Oberstleutnant Oliver Becker, die defekte Maschine bis zu deren Bauchlandung in Neuburg

Bundeswehr/TaktLwG 74

Keine Landung ohne Rettungskette

„Diese Rettungskette hätte der Pilot an seinem Heimatflughafen Dingolfing so nicht vorgefunden“, so Becker. „Aufgrund der vorangeschrittenen Zeit bis zum Sonnenuntergang und der Tatsache, dass Neuburg für solche Notverfahren ausgestattet ist, entschieden die Piloten, in Neuburg zu landen. Außerdem ist das Team vom LSV sehr eng mit dem Geschwader verknüpft, da sehr viele Soldaten im Verein fliegen, eine Rettungskette gut eingeleitet werden konnte,“ erklärt Becker.

Durch die Alarmrotte ist der Tower und die Flugplatzfeuerwehr an 365 Tagen und 24 Stunden täglich in Bereitschaft und es ist sichergestellt, dass die Erstversorgung unverzüglich anlaufen kann. Zudem gibt es für Kleinflugzeuge eine Graspiste, die sich sehr gut für Bauchlandungen eignet.

Koordination aus der Luft

„Ich informierte zuerst unseren Flugleiter vom LSV, da dieser ein ehemaliger Fluglotse ist und sich noch gut mit der Rettungskette auskennt. Zu unserem ganz großen Glück war unser Flugsicherheitsmeister Michael Haase auch am Platz. Er ist ebenfalls Mitglied im LSV JG 74 und arbeitet am Wochenende gerne an den Maschinen des Vereins. Somit konnten alle Notmaßnahmen am Boden schnell koordiniert werden“, erinnert sich Becker. 

An einen ruhigen Samstagnachmittag war jetzt auch für Stabsfeldwebel Haase nicht mehr zu denken. Jetzt koordinierte er parallel die weiteren Verfahren der Luftnotlage. Sofort machte er sich auf dem Weg in sein Büro, schnappte sich sein Funkgerät und seinen VW-Bus. Mit Blaulicht brachte er sich zusammen mit der Feuerwehr auf die für Rettungskräfte vorgesehene Warteposition des Flugplatzes, um im Notfall schnellstmöglich eingreifen zu können. Mit dem Flugsicherheitsmeister und der Feuerwehr tätigte er hier die letzten Absprachen.

Der Flugsichtsmeister vor seinem Fahrzeug

„Man hat in diesem Moment eine Stecknadel fallen hören können“, erinnerte sich Stabsfeldwebel Michael Haase kurz vor dem Aufsetzen der Maschine ohne Fahrwerk.

Bundeswehr/TaktLwG 74

Die Bodencrew steht!

„Wir sind vorbereitet und warten auf Euch!“ Mit diesem Anruf informierte Haase seinen Kameraden in der Luft. Jetzt hieß es warten.

Mit der Sicherheit, dass am Boden alles für die Landung vorbereitet war, konnte der Pilot nun mit der Landephase beginnen. „Das Wichtigste war, ihm Sicherheit zu vermitteln, wie wir den weiteren Ablauf gemeinsam durchführen würden“, so Becker. Es galt vor allem, ruhig und besonnen zu agieren.

„Zusammen haben wir mehrere Anflüge am Platz gemacht. So konnte der Pilot mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut machen und sich einprägen, wo er mit der Maschine zwischen Runway und Taxiway auf der Graspiste landen konnte. Auch die Tatsache, dass die Rettungskräfte bereits bereitstanden, gab dem Piloten der defekten Maschine Sicherheit“, erinnerte sich Becker.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr

Zwei Flugzeuge nebeneinander in der Luft

In mehreren Anflügen wurde die besondere Landung genau durchgesprochen.

Bundeswehr/TaktLwG 74

Der Moment war gekommen, der entscheidende Anflug erfolgte. Per Funk wurde ein letztes Mal der Flugleiter informiert, dass der Moment der finalen Landung gekommen war. In einer „Chase-Formation“, in der das zweite Flugzeug etwas höher mit Abstand zu dem Notfallflugzeug fliegt, steuerten beide Maschinen auf die Landebahn des Flugplatzes zu.

„Man hat in diesem Moment eine Stecknadel fallen hören können“, erinnerte sich Haase kurz vor dem Aufsetzen der Maschine ohne Fahrwerk. Sofort machten sich die Rettungskräfte auf dem Weg zum Piloten, um die Erstversorgung sicherzustellen. Glücklicherweise blieb dieser unverletzt, zudem landete seine Maschine nahezu unbeschädigt auf der Graspiste. Es traten keine Schmier- oder Kraftstoffe aus, es war kein Flurschaden zu verzeichnen – eine perfekt geglückte Notlandung!

Die Freude war groß

Ungeachtet der anlaufenden Rettungsmaßnahmen landete die zweite Maschine von Oberstleutnant Becker ebenfalls unbeschadet auf ihrem Heimatflughafen. Sichtlich erleichtert bedankte sich der Pilot der Unglücksmaschine bei seinem „Wingmen“ und den weiteren Helfern vor Ort, die ihn bis zum letzten Moment zur Seite standen.

Ein Flugzeug steht nach einer Notlage wieder auf dem Fahrwerk

Nach der geglückten Landung konnte das Flugzeug wieder auf das Hauptfahrwerk gestellt werden.

Bundeswehr/LSV JG 74

Nachdem der erste Schock überwunden war, hoben die Feuerwehrkräfte das Flugzeug hoch und das Fahrwerk wurde manuell aus dem Fahrwerksschacht gezogen. Da es sich um ein ziviles Flugzeug handelte, wurde mittels einer Sofortmeldung die zuständige Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) informiert. Der Vorfall wurde als „Störung“ eingestuft. Der defekte Bauteil der Unglücksmaschine wurde bereits getauscht und die Untersuchungen abgeschlossen.

von Florian Herrmann  E-Mail schreiben