Luftwaffe

Multinationale Ausbildung am Standort Wunstorf

Multinationale Ausbildung am Standort Wunstorf

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  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Wunstorf
Lesedauer:
5 MIN

Heute beginnt am Fliegerhorst Wunstorf ein Lehrgang des Ground Crew Training A400M. Die Soldatinnen und Soldaten der Armée de l’Air & de l'Espace, der französischen Luftwaffe, sind angehende Fluggerätemechaniker und Avioniker. Drei Monate werden sie nun mit Ihren deutschen Kameraden in Wunstorf diese verantwortungsvollen Berufe erlernen. Von der Theorie im Hörsaal, über erste Gehversuche am Simulator bis zur praktischen Anwendung am A400M.

Zwei Soldaten, Ausbilder und Student, stehen am A400M und vertiefen ein Thema in der Praxis.

Nur wenige Schritte vom Hörsaal entfernt können die Lehrer den Stoff an einer echten Maschine erklären

Bundeswehr/Volker Muth

Dieser Montag ist eine Hängepartie für Oberstleutnant Poll, Leiter der Ausbildungsgruppe A400M des Technischen Ausbildungszentrums Nord am Standort Wunstorf. Eigentlich erwartet seine Dienststelle heute 16 Soldaten aus Frankreich. „Natürlich nur, wenn der Corona-Test hier vor Ort negativ ausfällt“, erklärt Poll. Aber die Testergebnisse verzögern sich und jetzt heißt es warten – für Oberstleutnant Poll im Fliegerhorst Wunstorf, für seine französischen Gäste im nahe gelegenen Hotel. Gegen 11 Uhr dann der erlösende Anruf: Alle Testergebnisse sind negativ, die Franzosen dürfen den Fliegerhorst betreten. 

Es wird eine herausfordernde Zeit: in 99 Lektionen bekommen die Teilnehmer sämtliches Wissen über ihren Fachbereich vermittelt, dann folgt eine zweiwöchige Praxisphase. „Damit die Verständigung funktioniert, unterrichten wir durchgängig in Englisch“, erklärt Hauptmann Christian Linke, Lehrer im Technischen Ausbildungszentrum Nord in Wunstorf. 

Ausbilder Hauptmann Christian Linke steht vor einem A400M.

Hauptmann Christian Linke ist technischer Ausbilder in Wunstorf

Bundeswehr/Volker Muth

Ohne Englisch geht nichts

Dazu braucht es das richtige Sprachniveau: „Bevor wir herkommen, absolvieren wir einen anderthalbmonatigen Lehrgang in Logistik- und Luftfahrzeugenglisch“, erzählt der französische Soldat, Sergeant Johann Baltide. Der 22-Jährige hat an seinem Heimatstandort Orleáns schon Praxiserfahrung als Luftfahrzeugtechniker am A400M gesammelt. „Hier in Wunstorf möchte ich die Prüfung zum Avioniker machen“, sagt er.

Der französische Soldat Sergeant Johann Baltide steht vor einem A400M.

Sergeant Johann Baltide macht in Wunstorf einen weiterführenden Lehrgang zum Avioniker

Bundeswehr/Volker Muth

Fehler machen und daraus lernen

Neben dem Theorieunterricht verläuft ein großer Teil der Ausbildung über Simulatoren. „Topmoderne Simulatoren sind gut, aber die reale Anwendung können wir damit nicht ersetzen – im Fliegerhorst Wunstorf haben wir die Praxis gleich um die Ecke“, so Linke. Die Simulationen erfolgen im CMOS (Cockpit Maintenance Operation Simulator). „Man bewegt sich an seinem PC in einer virtuellen Halle, ein bisschen so wie in einem Computerspiel“, erklärt er. Aufgabe ist es, virtuell verschiedene Wartungsarbeiten durchzuführen. „Dabei kann man sehr gut die Abläufe verinnerlichen“, lobt Sergeant Baltide. 

Ein französischer Soldat sitzt am Simulator und trainiert virtuell am A400M.

Im CMOS können sich die Lehrgangsteilnehmer virtuell durch die Halle und das Flugzeug bewegen

Bundeswehr/Volker Muth

Er und die anderen Lehrgangsteilnehmer sitzen im CMOS an Computerplätzen mit jeweils drei Monitoren. Links wird Werkzeug und Ausrüstung angezeigt, rechts die Vorschriften zum Nachlesen. Auf dem mittleren Display kann er durch die virtuelle Halle laufen. Plötzlich stoppt die Simulation: „Wenn du eine Hebebühne betrittst, musst du auch einen Sicherheitsgurt anlegen“, erklärt ihm Hauptmann Linke. Baltide hat vergessen, sie vorher auf dem rechten Bildschirm auszuwählen. Im Simulator muss jedes Detail beachtet werden. „Der Vorteil dabei ist, dass Fehler machen überhaupt nicht schlimm ist, im Gegenteil – es gibt immer einen Lerneffekt“, so Linke. Die Abläufe lassen sich so oft wie nötig durchgehen, bis alles fehlerfrei sitzt. Im Interview erklärt Oberstleutnant Poll dazu: „Zum einen sind Simulatoren ressourcensparend und zum anderen wird der Brückenschlag von der Theorie zur Praxis durch diese Mittel leichter.“

Virtuelle Triebwerksüberprüfung mit Touchscreens

Besonders für die Tätigkeiten im Cockpit entscheidend, denn auch hier muss das Bodenpersonal sich auskennen. Mit einem „Engine Run Up“ oder deutsch „Bodenprüflauf“ müssen die Techniker regelmäßig die Triebwerke auf ihre Funktion testen. Im Stand werden die Triebwerke des A400M auf volle Leistung gebracht. „Früher mussten wir extra eine Maschine aus dem Flugbetrieb nehmen und konnten dann den Ablauf mit den Lehrgangsteilnehmern nur ein paar Mal durchgehen“, erinnert sich Hauptmann Linke. Heute ist das theoretisch rund um die Uhr möglich, ohne ein Flugzeug.

Linke führt Baltide zu einem abgedunkelten Nebenraum des CMOS. Dort lässt sich der Franzose in einen Cockpitsitz sinken. Als das Licht angeht, ist er von Touchscreens und Monitoren umgeben. Sie zeigen jeden Knopf und jeden Regler genau wie in der echten Maschine an. „Ein riesiger Vorteil zu früher, denn mit diesem simulierten Cockpit können wir üben, wann wir wollen und so oft wir wollen“, lobt Linke. Weiterer Vorteil des virtuellen „Engine Run Up“: es entstehen keine Abgase oder Kerosinverbrauch.

Der Ausbilder erklärt dem Studenten etwas am Simulator.

Auf den Bildschirmen und Touchscreens wird das A400M-Cockpit realitätsgetreu nachgebildet

Bundeswehr/Volker Muth

Praxis ist immer noch nötig

Manches lässt sich aber noch immer in der Realität am besten veranschaulichen: „Einige Zusammenhänge kann man entweder stundenlang im Hörsaal erklären, oder man geht eben in die Halle zum A400M“, sagt Linke. Heute ist es mal wieder so weit. Linke verlässt mit seiner Gruppe den Raum und geht mit ihnen den Hörsaaltrakt hinunter. Nach einigen Metern prangen auf der linken Seite zwei riesige Hallentüren. Hauptmann Linke entriegelt sie mit seiner Chipkarte. Langsam gleiten die Türen auseinander und geben frei, was dahinter liegt: die Schnauze eines A400M. Auf einmal steht die Gruppe dem Flieger direkt gegenüber. „Nun werde ich Ihnen mal am echten Objekt zeigen, was wir gerade im Hörsaal besprochen haben“, sagt Hauptmann Linke zu den Lehrgangsteilnehmern. „Das ist das einzigartige am Lehrgebäude in Wunstorf: es ist direkt an eine Wartungshalle für A400M gebaut“, betont Oberstleutnant Poll im Interview.

Ein A400M in einer Wartungshalle.

Dieser Anblick bietet sich Hauptmann Linke und seiner Unterrichtsgruppe nur wenige Meter vom Hörsaal entfernt

Bundeswehr/Volker Muth

Ausbildung Hand in Hand als Partner

Der Lehrgangsbetrieb in Wunstorf ist Teil einer Kooperation der französischen Luftwaffe. Hintergrund ist eine Vereinbarung des Bundesministeriums der Verteidigung mit dem Verteidigungsminister der Französischen Republik. „Wir führen hier am Technischen Ausbildungszentrum der Luftwaffe seit 2014 die gesamte technische Ausbildung des Bodenpersonals durch, außerdem erhalten hier beim Lufttransportgeschwader 62 die Piloten ihre Einweisung auf dem A400M“, beschreibt Oberstleutnant Poll. Die taktische Luftfahrzeugausbildung findet bei der französischen Luftwaffe in Orleans statt.

Ein französischer Soldat sitzt am Simulator und bedient Touchscreen-Monitore.

Im Simulator kann nahezu alles ausgebildet und simuliert werden, was auch in der Praxis möglich ist

Bundeswehr/Volker Muth

Für den Stellvertreter des Inspekteurs Luftwaffe, Generalleutnant Ansgar Rieks, ist das Projekt eine echte Erfolgsgeschichte: „Diese Form der Ausbildung spart nicht nur Zeit und Geld, sie bietet auch neue Möglichkeiten. Die deutschen und französischen Kameraden lernen in ausgeprägtem Maße Fehlerkultur und Eigenverantwortlichkeit kennen. Hinzu kommt das Teambewusstsein, welches durch die multinationale Ausbildung im Sinne des deutsch-französischen Gedankens erheblich gestärkt wird. Insgesamt zeigt sich hier in der Praxis, wie wir die Digitalisierung der Luftwaffe in der Ausbildung zielgerichtet nutzen.“

von Niklas Engelking