Luftwaffe
Sonderausstellung

Neue Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum Gatow "Fliegen im Grenzbereich"

Neue Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum Gatow "Fliegen im Grenzbereich"

  • Ausstellung
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Eine neue Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum am Flugplatz Gatow zeigt ungewöhnliche Situationen in der Luft in der Ära des Kalten Krieges. Die Ähnlichkeit mit der aktuellen weltpolitischen Lage ist nicht beabsichtigt, jedoch erschreckend real. 

Eine weiße Cessna mit schwarzen Streifen steht in einer Halle.

Cessna 172 P „Skyhawk II“ (Kennung D-ECJB), mit der Mathias Rust am 28. Mai 1987 unweit des Roten Platzes gelandet ist (Leihgabe Deutsches Technikmuseum Berlin)

MHM Berlin-Gatow/Behrendt

Ostsee, Rügen, blauer Himmel, Strand. Mit einem Mal dröhnt die Luft, wird immer lauter. Zwei silbern schimmernde Punkte rasen in großer Höhe in Richtung offenes Meer. Die Alarmrotte, stationiert in Rostock/Laage, ist unterwegs und schützt den Luftraum Deutschlands. Ihr Auftrag: Ein russisches Spionageflugzeug vom Typ Iljuschin IL-20 zu stellen und zurück in den internationalen Luftraum zu eskortieren. Eine Situation, wie sie vor gut dreißig Jahren fast alltäglich vorkam, nur unter anderen Vorzeichen.

Spionage, Fluchten und Irrflüge im Kalten Krieg

Wenn auch nicht beabsichtigt, macht die aktuelle Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM) auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Berlin-Gatow seit jüngstem auf dieses Thema aufmerksam. „Fliegen im Grenzbereich – Über Spionage, Fluchten und Irrflüge im Kalten Krieg“, so der Name der Ausstellung, die hauptsächlich auf Zeitzeugenberichten basiert und bis zum 30. Oktober besucht werden kann. In ihr wird anhand zahlreicher Grafiken, Bilder und Berichte dokumentiert, wie es immer wieder gelang, aus Absicht oder ungewollt, Wege durch diese Barriere zu finden und zu nutzen.

Ein grauer Grenzscheinwerfer steht auf einem Podest im Museum.

Suchscheinwerfer (innerdeutsche Grenze), 1970er Jahre (Leihgabe Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

MHM Berlin-Gatow/Behrendt

Kalter Krieg auch am Himmel

Kalter Krieg – da war doch mal was? Gerade die Älteren unter uns denken sofort an die Berliner Mauer, an Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Grenzer, die jeden Schritt auf der anderen Seite minutiös beobachteten. Für den Luftraum galt das Gleiche, nur die Mittel waren andere.

Damals wie heute bestimmten Radargeräte, Alarmrotten und Flugabwehrraketen das Geschehen. Dort wie auf dem Erdboden installierten Ost wie West den „Eisernen Vorhang“, wie die Abriegelung des jeweiligen Einflussbereiches genannt wurde: Auf der einen Seite die kommunistischen Länder mit der Weltmacht Sowjetunion, auf der anderen die demokratischen Staaten (Alliierten?). So schwer diese Trennlinie auch bewacht wurde, gab es doch Lücken.

Eine Kälteschutzanzug aus der Zeit des Kalten Krieges ist zu sehen.

Kälteschutzanzug, der bei Aufklärungsflügen über Berlin getragen wurde

MHM Berlin-Gatow/Behrendt

Die sowjetische Luftverteidigung als zahnloser Tiger

Bis heute steht dafür der Flug von Matthias Rust, der am 28. Mai 1987 mit einer Cessna auf der Großen Moskwa-Brücke in Sichtweite des Roten Platzes in Moskau landete. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer diente zu dieser Zeit in einer sowjetischen Fla-Raketenstellung und kommentierte das Ereignis zurückblickend, dass ihm Matthias Rust „zwei lebhafte Jahre“ beschert habe. In der Roten Armee dauerte die Wehrdienstzeit zwei Jahre, die ersten zwölf Monate bestanden aus intensiver Ausbildung, erst im zweiten Jahr wurde es ruhiger. Pech für den Literaten, denn Rust flog in seinem zweiten Dienstjahr in den Machtbereich des Kremls und legt somit auf die Defizite in der Luftverteidigung des Warschauer Paktes offen. Kaminer und seine Kameraden mussten es mit der Forcierung ihrer Ausbildung ausbaden. 

Zeitzeugen berichten

Anhand von weiteren Beispielen aus den Bereichen Spionage, Flucht und Irrflüge werden Beweggründe, Verlauf, individuelles Erleben und Auswirkungen betrachtet. Als Flüge, die aus der einen oder anderen Perspektive nicht hätten stattfinden dürfen, gestatten sie einen Blick auf die Lebenswirklichkeit im Kalten Krieg, auf die Grenzen der Überwachung und auch auf den Einfallsreichtum Einzelner.

Die Tür des Berlin Air Safety Center.

Tür des Berlin Air Safety Center (Leihgabe Alliiertenmuseum)

MHM Berlin-Gatow/Behrendt

Flucht durch die dritte Dimension

Letzteres zeigte sich in den spektakulären Fluchten, die seit der Grenzschließung am 13. August 1961, auch über dem Luftweg. In 25 Fällen flüchteten so 48 Personen aus der DDRDeutsche Demokratische Republik nach Westdeutsch-land und West-Berlin. Drei davon flohen nach Gatow. Die Maschine polnischen Typs verewigte man daraufhin sogar in einem Modellbausatz, mit dem Flugplatz Gatow als Motiv. Die riskanten Flüge gelangen mit Segel- und Motorflugzeugen, zweimal mit einem Ballon und einmal mit einem Ultraleichtflugzeug. Das führte dazu, dass die DDRDeutsche Demokratische Republik die Motor- und Segelflugausbildung immer mehr einschränkte, nahe der Grenze zur BRD fand sie so gut wie nicht mehr statt. Außerdem zwangen Menschen aus der DDRDeutsche Demokratische Republik und Polen in den 1970er und 1980er Jahren vereinzelt Verkehrsflugzeuge zur Landung in Berlin-Tempelhof im Westteil der Stadt.

War der vorn beschriebene Einflug des russischen Spions definitiv kein Irrflug, kamen diese zwischen 1949 und 1989 wiederholt vor. Es gab Überflüge, Aufklärungs-flüge, Notlandungen sowie Zwangslandungen und sogar Abschüsse. Die Warschauer Vertragsstaaten werteten jede Luftraumverletzung ohne Unterschied als Provokation. Selbst Navigationsfehler von Segelflugpiloten aus der Bundesrepublik konnten mit einem Aufenthalt in einem Gefängnis enden.

Ein Wrackteil eines Flugzeugabsturzes ist zu sehen.

Wrackteile der F-84 von Rolf Hofmann (vom Absturz in der Tschechoslowakei am 22.Oktober 1959)

MHM Berlin-Gatow/Behrendt

Geisterflieger und Irrläufer

Der Zwischenfall vom 22. Oktober 1959 hingegen, bei dem zwei Republic F-84F Thunderstreak der Bundesluftwaffe über dem Staatsgebiet der damaligen CSSR abstürzten, gilt als eine Verkettung widriger Umstände und muss als Flugunfall bewertet werden. Ebenso das Überfliegen der innerdeutschen Grenze einer sowjetischen Mikojan-Gurewitsch MiGMikoyan-Gurewitsch-23 im Jahre 1989. Es gab zwar Absprachen und Verfahren, wie mit versehentlichen oder bewussten Irrflügen umzugehen ist, doch eine Situation wie Sommer 1989 gab es bis dahin nicht. Der Pilot der sowjetischen MiGMikoyan-Gurewitsch meldete beim Flug über Kolberg/Polen Rauch in der Maschine und katapultierte sich mit dem Schleudersitz. Der Düsenjet blieb flugfähig und nahm, jedoch ohne den Piloten, eine stabile Flugposition ein, flog in Richtung Westen, durch den Luftraum der DDRDeutsche Demokratische Republik. Als er die Bundesrepublik erreichte, stiegen Abfangjäger auf und begleiteten die MiGMikoyan-Gurewitsch. Von einem Abschuss wurde aber, nicht zuletzt wegen Konsequenzen über dicht besiedeltem Gebiet, abgesehen. Die Maschine flog weiter bis nach Belgien, wo sie auf ein Haus stürzte und einen Bewohner tötete.

Ende Oktober ist Schluss

Über diese und viele andere Ereignisse kann man sich in der Sonderausstellung informieren. „Fliegen im Grenzbereich„, Hangar 3 des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr auf dem ehemaligen Flugplatz Gatow, bis 30. Oktober, Di bis So, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Mehr Informationen auf www.mhm-gatow.de.

von Thomas Skiba