Luftwaffe

VAPB – Fluggerätmechaniker in Ämari

VAPB – Fluggerätmechaniker in Ämari

  • Technik
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Ämari
Lesedauer:
4 MIN

Alarmbereitschaft rund um die Uhr auf dem Fliegerhorst Ämari in Estland – nicht nur die Piloten der bewaffneten Eurofighter, die im Ernstfall in höchstens 15 Minuten nach einer Alarmierung starten, sind in 24-Stunden-Schichten einsatzbereit: Auch ein Team aus hochqualifizierten Technikern am Boden ist mit ihnen in Bereitschaft.

Hauptfeldwebel Henning H. steht vor einem Eurofighter in einer Halle.

Der erste Wart für den Eurofighter, Hauptfeldwebel Henning H., an seinem Arbeitsplatz in Ämari, Estland

Bundeswehr/Niels Juhlke

Bevor die Jets bei einem Alarmstart (Alpha-Scramble) zur Sicherung des NATO-Luftraums über dem Baltikum abheben können, müssen sie von Spezialisten am Boden vorbereitet werden. Bei einem Alpha-Scramble ist Hauptfeldwebel Henning H. daher der erste am Flugzeug: So schnell wie möglich zieht er sich Helm und Schutzausrüstung an und läuft mit einem Kameraden zu einem der bereitstehenden Eurofighter in den großen Hallen neben dem Aufenthaltsraum der Alarmrotte (Quick Reaction Alert, QRA).

Während sich die grauen Hallentore langsam öffnen, beginnt der 31-Jährige bereits mit den Vorbereitungen: „Um Zeit zu sparen, starte ich als erster Wart das Hilfstriebwerk noch bevor der Pilot im Flugzeug sitzt.“ So bereitet H. den circa 16 Meter langen und über 5 Meter hohen Jet auf den Start vor – noch bevor der Pilot einsteigt und die Maschine übernimmt. Während dieser anschließend die Systeme und die beiden Triebwerke der Maschine hochfährt, erwacht der Eurofighter unter den wachsamen Augen der Fluggerätmechaniker am Boden zum Leben. H. steht per Funk mit dem Piloten in Verbindung und prüft unter anderem vor und nach dem Triebwerksstart an einem Bildschirm am Rumpf der Maschine, dem sogenannten Maintenance Data Panel (MDP), ob alle Systeme korrekt gestartet wurden und keine Fehlermeldungen erscheinen.

Zwei Techniker beobachten in einer Halle den Triebwerksstart eines Eurofighters.

Die Triebwerke des Eurofighter werden gestartet, aufmerksam beobachtet durch die Warte

Bundeswehr/Niels Juhlke

Wenn aus technischer Sicht alles in Ordnung ist und der Pilot seine Freigabe zum Verlassen der Halle, der sogenannten Box, von den Fluglotsen im Tower bekommen hat, gibt Hauptfeldwebel H. dem Piloten mit einem Handzeichen das Signal zum Bremsen. In dieser Zeit entfernt sein Kamerad, der zweite Wart, noch die Bremsklötze unter den Rädern des Eurofighters und zieht die Sicherungsstifte aus den Lenkflugkörpern: Für den Piloten, der in seinem fliegenden Waffensystem wenige Minuten nach der Alarmierung in Richtung Startbahn rollt, kann der Flug dank der Vorbereitung der Fachleute am Boden nun beginnen.

Fordernde Ausbildung vor dem ersten Einsatz am Eurofighter

Bevor man als Techniker an einem modernen und hochkomplexen Kampfjet wie dem Eurofighter arbeitet, muss eine intensive Ausbildung durchlaufen werden. Henning H., der bereits drei Jahre als Fluggerätmechaniker an der F-4 Phantom gearbeitet hat, bevor er zur Betreuung des Nachfolgemodells, dem Eurofighter, ausgebildet wurde, fasst seine Erfahrungen zusammen: „Bei der Arbeit an diesem komplexen System lernt man ständig etwas Neues dazu und bildet sich jeden Tag weiter.“ Insgesamt circa sechseinhalb Jahre an militärischen Lehrgängen und Fachausbildungen müssen durchlaufen werden, bevor man ein vollständig ausgebildeter Fluggerätmechaniker für den Eurofighter ist.

Ein Techniker überprüft an einem Bildschirm am Rumpf des Eurofighters, ob es nach der Landung technische Probleme gibt.

Am Maintenance Data Panel des Eurofighters liest Hauptfeldwebel Henning H. Systemzustände und Fehlermeldungen ab

Bundeswehr/Niels Juhlke

Die dreieinhalb Jahre dauernde Berufsausbildung zum Fluggerätmechaniker legt dabei den fachlichen Grundstein. Außerdem muss die militärische Laufbahnausbildung zum Feldwebel absolviert werden, zusätzlich gegebenenfalls noch Sprachlehrgänge. Acht Monate Ausbildung am Eurofighter an der Technischen Schule der Luftwaffe vertiefen das Wissen aus der Ausbildung zum Fluggerätmechaniker. Anschließend kann die Arbeit am Flugzeug, zunächst als zweiter Wart, in einem Eurofightergeschwader der Luftwaffe beginnen. Henning H., der bereits das dritte Mal im Einsatz im Baltikum ist, hat seit seiner Ausbildung zum Fluggerätmechaniker am Eurofighter noch weitere Qualifikationen erworben: Als sogenannter Freigabeberechtigter im Sachgebiet Mechanik ist seine Qualifikation mit der zivilen Meisterebene vergleichbar.

Ein Techniker gibt einem Piloten im Eurofighter mit gekreuzten Armen das Signal, auf der Rollbahn zu halten.

Vor dem Schelter müssen die Waffen des Eurofighters gesichert werden – der Pilot bekommt das Zeichen zum Bremsen

Bundeswehr/Niels Juhlke

Gewissenhafte Checks sorgen für Einsatzbereitschaft

Nachdem die Eurofighter in Ämari von ihrer Mission zurückgekehrt sind, steht der Hauptfeldwebel, der in der Heimat im Taktischen Luftwaffengeschwader 71 „Richthofen“ im ostfriesischen Wittmund stationiert ist, schon bereit um die Jets anzunehmen: „Nachdem der Eurofighter mit gesicherten Waffen in die Box zurückrollt, führe ich zuerst eine ‚See-In-Inspektion‘ durch. Bei laufendem Triebwerk spreche ich über Funk mit dem Piloten und prüfe die Systeme über das MDP“, erläutert der 31-Jährige.

Zwei Techniker besprechen vor dem Flugzeug in einer Halle mit dem Piloten, ob es technische Probleme am Eurofighter gab.

Nachbesprechung mit dem Piloten: Gab es im Flug Auffälligkeiten oder Probleme, die behoben werden müssen?

Bundeswehr/Niels Juhlke
Ein Techniker kontrolliert mit einer Taschenlampe den Flügel und die Lenkflugkörper am Eurofighter.

Hauptfeldwebel Henning H. bei der Turnaround-Inspektion unter der Tragfläche des Eurofighters

Bundeswehr/Niels Juhlke

Können beim ersten Check keine Fehler festgestellt werden, folgt der nächste Inspektionsschritt: Der Pilot übergibt den Jet nach dem Aussteigen an den ersten Wart Henning H. und seinen Kameraden. Die beiden Warte beginnen sofort damit, die nächste Checkliste abzuarbeiten, damit der Eurofighter so schnell wie möglich wieder für einen Alarmstart bereitsteht. In der sogenannten „Turnaround-Inspektion“ wird der gesamte Flieger systematisch auf Schäden und Verschleißspuren überprüft. Hierzu gehört auch eine genaue Kontrolle des Cockpits auf Beschädigungen oder Fremdkörper. Werden Fehler gefunden, deren Behebung längere Zeit in Anspruch nimmt, wird der Eurofighter auf die Abgabe an die zuständigen Fachgruppen der Technik vorbereitet. Kleinere Arbeiten, so wie ein Reifenwechsel, können vom Wart und seinem Team direkt vor Ort in der Box der QRAQuick Reaction Alert erledigt werden.

Ein Techniker überprüft mit einer Taschenlampe nach der Landung das Cockpit eines Eurofighters

Genaue Inspektion auch im Cockpit: Nach jedem Flug wird eine Sichtprüfung durchgeführt

Bundeswehr/Niels Juhlke

Auch wenn ständige Bereitschaft im Schichtsystem, also auch nachts und an Wochenenden und Feiertagen, zu den Aufgaben des Warts in der QRAQuick Reaction Alert gehört, so trägt Hauptfeldwebel H. mit seinem Job einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit im Luftraum in Europa bei: Ohne seinen Einsatz im Team mit seinen Kameraden könnte kein Eurofighter rechtzeitig zu einer Alarmierung abheben. Der 31-Jährige, der mit der Luftwaffe bereits an Übungen in Dänemark, England, Italien und Litauen teilgenommen hat, fasst zusammen: „Hier in Estland bin ich stolz darauf, Teil eines wichtigen Auftrags zu sein und die Fähigkeiten im Einsatz anzuwenden, die wir in der Heimat permanent üben.“

Zwei Warte wechseln den Reifen eines Eurofighters in der Halle der QRA in Ämari, Estland.

Kleinere Instandsetzungsarbeiten wie ein Reifenwechsel bei einem defekten Ventil werden von den Technikern direkt in der QRAQuick Reaction Alert durchgeführt

Bundeswehr/Niels Juhlke
von Daniel Waite