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Marinegeschichte: Die Tradition von Bündnis und Demokratie

Marinegeschichte: Die Tradition von Bündnis und Demokratie

  • Geschichte
  • Marine
Datum:
Ort:
Rostock
Lesedauer:
5 MIN

Mit ihrer Gründung von 1956 stand die Marine, wie die gesamte Bundeswehr, vor der Herausforderung eines Neuanfangs. Sie brauchte viel Zeit und Engagement, um einen progressiven Aufbaugeist gegen eine konservative Grundströmung durchzusetzen. Ein Teil dieses Prozesses war das Bekenntnis zur Tradition der Reichsflotte von 1848.

Historische Farbzeichnung des Innenraums einer Kirche, in der Mitte eine Rednertribüne

Hier entstand 1848 die deutsche Demokratie, wie auch die erste gesamtdeutsche Marine: in der Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte.

Wikimedia Commons/CCO 1.0

Mehr als zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Marine der Bundesrepublik Deutschland, die Bundesmarine, gegründet, aber ihre Kriegsmarinevergangenheit wirkte nach. Am 16. Januar 1956 erhielten die neuen Marinesoldaten in Wilhelmshaven ihre Ernennungsurkunden und Kapitän zur See Karl-Adolf Zenker, der kommissarische Leiter der Marine, hielt eine Rede.

Zenker stellte die Bundesmarine in eine Traditionslinie der 1848er Reichsflotte und an die Seite der NATONorth Atlantic Treaty Organization – aber er widmete sich auch Karl Dönitz und Erich Raeder, den ehemaligen Großadmiralen und Oberbefehlshabern der Kriegsmarine: Die 1946 aus „nachträglich geschaffenem Recht“ und aus „politischen Gründen“ in Nürnberg als Kriegsverbrecher Verurteilten, trügen wie die Kriegsmarine „keinen Makel“. Sie stünden „stellvertretend“ für die neuen Soldaten, die auch „damals im guten Glauben einer verantwortungslosen politischen Führung gedient haben“.

Zweifel am demokratischen Geist

Zenkers Worte schlugen in der Öffentlichkeit und in der Politik hohe Wellen. Viele Augen blickten zweifelnd auf die neuen Seestreitkräfte, zumal eines ihrer Gründungsdokumente, die Himmeroder Denkschrift versprach, mit der Bundeswehr „etwas grundlegend Neues zu schaffen”. Die neue Flotte sollte „Teil der atlantischen Marinen“ sein, aber nicht im Geist der Kriegsmarine wachsen.

Schwarzweiß-Aufnahme: drei Marineoffiziere in dunkler Uniform und ein Mann im dunklen Straßenanzug.

Männer der ersten Stunde: Vizeadmiral Friedrich Ruge, erster Inspekteur der Bundesmarine, Verteidigungsminister Theodor Blank, Ruges Stellvertreter Konteradmiral Gerhard Wagner und ganz rechts: Kapitän zur See Karl-Adolf Zenker.

Bundeswehr/Baumann

Konzeptionell betrachtet stand die Bundesmarine als Parlamentsflotte des Bundestages und als NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner schon immer fest auf demokratischen Boden. Doch ihr entsprechendes Selbstbild musste erst durchgesetzt werden, denn viele ihrer ersten Offiziere und Soldaten waren kriegsmarinegedient und -sozialisiert. Einerseits war ihre Aufnahme aufgrund der geistigen Prägung ein Wagnis, andererseits war ihre Expertise ein Erfordernis, um eine einsatzfähige Marine aufzubauen. Zenker und viele andere Bundesmarine-Gründungsväter hatten zuvor zum obersten Führungskreis der Kriegsmarine unter Dönitz, Hitlers Nachfolger als nationalsozialistisches Staatsoberhaupt, gehört.

Nach Zenkers Rede stellte die SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands-Fraktion des Bundestags daher eine Große Anfrage und zweifelte, ob „in den künftigen Seestreitkräften der Geist einer kraftvollen Demokratie […] lebendig werden kann, wenn ihren Angehörigen von ihren Vorgesetzten Leute als Muster vorgehalten werden, die sich zu Wortführern des totalitären Staates der Unmenschlichkeit gemacht haben?“

Neue Traditionen und altes Denken

Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus fand in der frühen Bundesmarine kaum statt. Oft wurde die Kriegsmarine stärker gewürdigt, als dass man sich von ihr distanzierte. 1957 beispielsweise wurde an der Marineschule Mürwik, mit viel Engagement des späteren Konteradmirals Karl Hinrich Peter, ein Gedenkstein für Kapitän zur See Wolfgang Lüth aufgestellt.

Lüth war 1945 der letzte Kommandeur der Offizierschule der Marine mit Sitz der Reichsregierung Dönitz, bis er dort in den letzten Kriegstagen versehentlich von einem deutschen Wachposten erschossen wurde. Der damals 31-Jährige galt als einer der erfolgreichsten U-Boot-Kommandanten des Weltkriegs und war zum NSNationalsozialismus-Kriegshelden stilisiert worden.

Peter ist aber auch ein Vertreter der frühen Bundesmarine, der für einen progressiven Aufbaugeist steht. Er trat demonstrativ für die neue Tradition der Reichsflotte von 1848 ein, der ersten gesamtdeutschen und demokratischen Marine.

Mit dem 3. Minensuchgeschwader zur Paulskirche

Die Mitgliedschaft im demokratischen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnis der Bundesmarine erinnert stark an die Gründungsidee der Reichsflotte. Im Auftrag der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche hatte Prinz Adalbert von Preußen eine Denkschrift erarbeitet. Er stellte fest, dass eine deutsche Marine „ohne eine Allianz mit einer anderen großen Seemacht zum Schutz unseres Handels viel zu schwach seyn“ würde.

Am 14. Juni 1848 beschlossen die Abgeordneten des Paulskirchenparlamentes, der ersten frei gewählten deutschen Volksvertretung, den Flottenbau. Über 100 Jahre später gelang es mit der Bundesmarine des Bundestags an die Denkschrift anzuknüpfen. Beide Marinen stehen für Demokratie und Verteidigung im Bündnis unter der deutschen schwarz-rot-goldenen Flagge. Außerdem vereint sie die Gemeinsamkeit der Parlamentshoheit.

Porträtbild eines Mannes.
Korvettenkapitän Karl Hinrich Peter, Kommandeur des 3. Minensuchgeschwaders, 1960
„Wir stehen nicht im geschichtslosen Raum, sondern knüpfen an beste Traditionen der Vergangenheit an.“

Diese Parallelen veranschaulichte Karl Peter exemplarisch: Er verdeutlichte der westdeutschen Bevölkerung und seinen Soldaten den Brückenschlag zur Revolution von 1848. Unter den Augen der Öffentlichkeit unternahm er im Herbst 1960 als verbandsführender Korvettenkapitän mit seinen Minensuchbooten eine Übungsfahrt nach Frankfurt am Main.

Schwarzweiß-Aufnahme eines kleinen grauen Kriegsschiffs in See.

Die ersten Minenräumboote der Bundesmarine stammten aus Kriegsbeständen. Mit Booten der Aldebaran-Klasse fuhren Karl H. Peter und sein Geschwader 1960 den Rhein und Main hinauf. Ihr Ziel: der Geburtsort der deutschen Demokratie.

Wikimedia Commons/Werner Willmann

Am Reiseziel der Paulskirche, dem Gründungsort der Reichsflotte, angekommen, hielt Peter eine wegweisende Rede: „Die gleichen Farben – wiederum mit dem Adler im Wappenschild – wehen heute über den Schiffen unserer jungen Bundesmarine. Sie wehen auch über unserem 3. Minensuchgeschwader, das im Rahmen der Verteidigungsgemeinschaft der freien Völker seine Pflicht zu erfüllen versucht. Wir stehen nicht im geschichtslosen Raum, sondern knüpfen an beste Traditionen der Vergangenheit an.“

Peter präsentierte die Bundesmarine nicht als bloßen Kriegsmarine-Nachfolger, sondern als westdeutschen Vertreter im NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnis mit demokratischer Tradition. Seine Initiative trug unter den Soldaten wie in der Gesellschaft dazu bei, die Bundesmarine als traditionell demokratische Flotte zu betrachten. Die neue Marinetradition der Reichsflotte half bei der Vergangenheitsbewältigung, Gegenwartsbesinnung und Zukunftsgestaltung, denn Traditionen sind mehr als Geschichte – sie transportieren Werte.

Schrittweiser Wandel durch neue Traditionen

Bis heute festigt die Tradition von 1848 das demokratische Selbst- und Werteverständnis der Deutschen Marine: Demokratie statt Diktatur, Bündnis vor Alleinherrschaft und Verteidigung statt Angriff.

Die frühen Vertreter und Gründungsväter der Bundesmarine, wie Peter und Zenker, sind Beispiele, die in ihren Biografien Widersprüche vereinten. Sie stehen sinnbildlich für den Diskurs der Bundesmarine in den Anfangsjahren. Ihre Beziehung zum demokratischen Selbstbild und der Inneren Führung erscheint ambivalent, doch sie setzten neue Traditionen durch und der bezweifelte „Geist einer kraftvollen Demokratie“ wuchs.

Zenker wurde 1961 trotz seiner Rede, die er wahrscheinlich nicht allein verfasste, zum zweiten Inspekteur der Marine ernannt. Er förderte mit dem Gedenken an den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine weitere neue Tradition der Bundesmarine und Bundeswehr: Der Eckernförder Marinehafen wurde nach Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder, einem der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, benannt. Die Bundesmarine bewältigte einen geistigen Wandel, aber nicht abrupt, sondern schrittweise, der bis in die 1980er Jahre fortdauerte.

Dies ist eine Kurzfassung eines Beitrags für die „if – Zeitschrift für Innere Führung“, hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung. Lesen Sie die lange Fassung in der Ausgabe 3/2020 der „if“, die im Juli erscheint.

Der Autor ist Kapitänleutnant und Jugendoffizier in Halle an der Saale, sein Beitrag basiert auf seinem Vortrag auf der Historisch-Taktischen Tagung der Marine am 8. Januar 2020.

von Michael Fuckner  E-Mail schreiben

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