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Nordsee: Nothilfe der Fregatte „Sachsen-Anhalt“

Nordsee: Nothilfe der Fregatte „Sachsen-Anhalt“

  • Amtshilfe
  • Marine
Datum:
Ort:
Wilhelmshaven
Lesedauer:
4 MIN

Marineschiffe helfen in Notfällen, wo sie können. Das kann gerade in der Sommersaison vor deutschen Küsten öfter passieren.

Auf See Blick aus einem offenen Motorboot auf zwei weitere im Hintergrund.

Von links nach rechts: DGzRS-Kreuzer „Fritz Thieme“, der Havarist „Bella“ und das erste Einsatzboot der „Sachsen-Anhalt“

Bundeswehr/Maximilian Moß

Regelmäßig sind Schiffe der Marine in der Deutschen Bucht unterwegs. In diesen Heimatgewässern, der Nordsee vor den Küsten Schleswig-Holsteins und Niedersachsens, trainieren die Besatzungen ihre militärischen und seemännischen Fähigkeiten.

Ab und zu wird diese Übungsroutine vom echten Leben unterbrochen: Notfälle auf See. Immer wieder einmal sind auch Marineschiffe an Rettungsaktionen beteiligt. Manchmal sind sie dem Ort des Geschehens sogar am nächsten. So auch die „Sachsen-Anhalt“ am Morgen des 11. Juli.

Um 6.45 Uhr, kurz nach dem Frühstück, empfing die Fregatte, die selbst vier Meilen nördlich der Insel Wangerooge fuhr, einen Hilferuf per Sprechfunk auf UKW-Kanal 16. Die Motoryacht „Bella“ sendete ein Mayday, den internationalen Notruf, und ihr Skipper meldete: „My vessel is breaking – mein Boot zerbricht“. Der Havarist aus Litauen befand sich etwa vier Seemeilen westlich des Kriegsschiffs.

Mehr Urlaub, mehr Unfälle auf See

Rund 850 Notfälle gab es es laut Deutscher Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in den letzten Jahren durchschnittlich pro Jahr in der Deutschen Bucht zwischen Borkum im Westen und List auf Sylt im Norden. Unfälle wie dieser der „Bella“ passieren im Sommer häufiger als sonst. Denn gerade in der Urlaubszeit sind viele Freizeitskipper unterwegs, mit Segel- wie auch Motorbooten. Der Verkehr auf den Wasserstraßen Richtung Hamburg und Bremerhaven und um sie herum wird dichter.

Drei Marinesoldaten in blauer Arbeitsuniform auf einer Schiffsbrücke, einer spricht in die Hörmuschel eines Telefonhörers.

Der Zweite Brückenwachoffizier der „Sachsen-Anhalt“ am Sprechfunk. Er koordiniert sich auf Anweisung seines Kommandanten mit den Seenotrettern und dem Seeverkehrszentrum.

Bundeswehr/Sandra Knappe

Der Kommandant der „Sachsen-Anhalt“, Fregattenkapitän Elmar Bornkessel, entschied, den Kurs zu ändern und den Havaristen anzusteuern. In Absprache mit der Seenotleitung Bremen der DGzRS, dem deutschen Maritime Rescue Coordination Center (MRCC), übernahm der Kommandant um 6.52 Uhr die Funktion des sogenannten On-Scene Coordinator. Sein Schiff war dem Unfallort so nahe wie niemand anderes; deshalb bezog die Seenotleitung die „Sachsen-Anhalt“ in den Einsatz mit ein.

Die Fregatte der Baden-Württemberg-Klasse war gerade auf dem Weg nach Wilhelmshaven nach einer Erprobungsfahrt. Das Wetter: sonnig bei Windstärke drei und leicht bewegter See. „Der Havarist lag ziemlich dicht unter Land, knapp 900 Meter vor Wangerooge“, erzählt Oberleutnant zur See Tim Rockmann, der an diesem Morgen die „Sachsen-Anhalt“ als Brückenwachoffizier fuhr. „Also auf der bösen Seite der Zehn-Meter-Linie, wo wir nicht mit dem Schiff selbst hinkommen.“

Bornkessel und Rockmann ließen daher sofort eines der vier Einsatzboote der Fregatte aussetzen. Das Speedboot vom Typ Buster erreichte gegen 7.00 Uhr den Havaristen. Kurz darauf konnte die Crew auf dem Buster ein Lage-Update an ihr Mutterschiff und damit auch ans MRCC übermitteln: An Bord des Havaristen befänden sich drei männliche Personen, es jedoch gebe keine Verletzten und keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben. Auch die Gefahr eines Auseinanderbrechens oder sogar Sinkens ließ sich nicht bestätigen.

Potentielle Gefahr für den Seeverkehr

Blick aus einem offenen Motorboot auf eine kleine, weiße Motoryacht.

Motoryacht „Bella“ hatte sich in ihrer eigenen Ankerkette verfangen.

Bundeswehr/Maximilian Moß

Die Marinesoldaten stellten allerdings fest, dass sich die Ankerkette der „Bella“ in den beiden Schrauben der Yacht verfangen hatte. Der noch laufende Motor hatte die Kette angezogen, jetzt stand sie unter Spannung und ließ sich nicht mehr lösen. Die „Bella“ schwankte in den Wellen, die Kette zerrte am Boot, verzog sich immer fester im Propeller.

„Nach meiner und der Bewertung durch die Verkehrszentrale Jade Traffic hätte das havarierte Boot zur Gefahr für die Schifffahrt werden können“, schätzte Bornkessel das Risiko ein, „wenn die Ankerkette sich durch Strömung und die Bewegungen des Bootes aus der Schraube gelöst hätte.“ Die „Bella“ wäre manövrierunfähig abgetrieben, womöglich in die vielbefahrene Schiffsroute nach Bremerhaven.

Das MRCC Bremen hatte indessen unmittelbar nach dem Notruf die Wangerooger DGzRS-Station informiert: Von dort kommend traf das Zehn-Meter-Seenotrettungsboot „Fritz Thieme“ um 7.29 Uhr am Unfallort ein. Einer der Seenotretter stieg auf die Motoryacht über und versuchte gemeinsam mit deren Crew, die Ankerkette aus der Schraube zu lösen – ohne Erfolg.

Schließlich ließ der Kommandant der „Sachsen-Anhalt“ einen zweiten Buster ausbringen. Die Männer an Bord der „Bella“ konnten unterdessen im Vorschiff der Yacht die Ankerkette mit einem Bolzenschneider lösen. Damit hing jetzt ein Teil der Kette lose unter dem Boot.

Unter Einsatz von Kraft und Geduld

Die Marinesoldaten spannten dann eine mit einem Gewicht beschwerte starke Leine zwischen beiden Einsatzbooten. Diese seemännisch sogenannte Unterlauftrosse führten die beiden Buster in Parallelfahrt von vorn nach achtern unter dem Havaristen durch, um die nicht mehr sichtbare Ankerkette zu erreichen. Das gelang – und mit vereinten Kräften versuchten die Seeleute jetzt, den Anker mit einer kurz gezogenen Trosse aus dem Grund zu zerren.

Ein graues Kriegsschiff in See; im Hintergrund und im Vordergrund grün bewachsenes Ufer.

Die „Sachsen-Anhalt“ beim Einlaufen in ihren Heimathafen Wilhelmshaven

Bundeswehr/Kim Brakensiek

Das kostete Zeit und Geduld, bis sich die Kette endlich aus der Schraube der „Bella“ löste. Nach insgesamt gut zwei Stunden Einsatz konnte sich die Yacht wieder frei bewegen. Die „Fritz Thieme“ schleppte sie samt dreiköpfiger Besatzung nach Wangerooge. Ein Totalverlust des Motorboots war verhindert.

Wie bei manchem Notfall mussten die freiwilligen Retter der DGzRS und die Soldaten der Marine improvisieren. Ihr seemännisches und handwerkliches Können war gefordert. Kein Mensch war an diesem Samstagmorgen zu Schaden gekommen – es war fast wie ein Routinefall in der Urlaubssaison.

von  Sandra Knappe, Marcus Mohr  E-Mail schreiben

Seenotrettung und Seeverkehrssicherheit in Deutschland

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist für den maritimen Such- und Rettungsdienst in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee zuständig; also in den Hoheitsgewässern und in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands. Die Gesellschaft finanziert sich ausschließlich durch Spenden und freiwillige Beiträge.

Zur DGzRS gehört auch die Seenotleitung in Bremen. Sie ist das deutsche Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) und damit Teil eines internationalen Netzwerks, organisiert von der Weltschifffahrtsorganisation IMO. Als Rettungsleitstelle See koordiniert das MRCC Bremen zentral alle Such- und Rettungsmaßnahmen auf der deutschen Nord- und Ostsee.

Die Funktion On-Scene Coordinator wird in der Regel nur bei groß angelegten Suchen durch das MRCC vergeben. Der Vorteil ist, dass ein „Koordinator vor Ort“ natürlich räumlich deutlich näher am Geschehen ist und er damit gegebenenfalls als erster über lebenswichtige Informationen verfügt.

Verkehrszentralen der Schifffahrt sind an dieser Rettungsorganisation nur bedingt beteiligt. Sie sind vielmehr für die Sicherheit des Seeverkehrs in den stark befahrenen Küstengewässern und -Wasserstraßen zuständig und damit dafür, dass es gar nicht erst zu Unfällen kommt. Für die deutsche Nord- und Ostsee gibt es insgesamt zehn sogenannte Vessel Traffic Service Center, Jade Traffic ist eines davon und hat seinen Sitz in Wilhelmshaven an der Nordseebucht Jadebusen.

UKW 16 ist eine international festgelegte Frequenz für den Sprechfunk, die als Anruf- und Notrufkanal dient. In der Regel melden sich hierüber zum Beispiel Schiffe und Boote in dem Zuständigkeitsgebiet einer Verkehrszentrale an, um dann in einen anderen Kanal zu wechseln. Ein über UKW 16 abgesetzter Notruf mit dem Schlüssel- und Signalwort „Mayday“ bedeutet in der Regel, dass sich jemand in unmittelbarer Lebensgefahr befindet.