Hubschraubergeschwader 64

Vom „Gefechtsfeldtaxi“ des Kalten Krieges zum Arbeitspferd in den Einsatzgebieten

Mit dem Sikorsky CH-53 nutzt die Luftwaffe noch immer einen Hubschrauber, der oft doppelt so alt ist wie seine Crews. Seit über 50 Jahren steht die Maschine im Dienst der Bundeswehr, 2030 soll sie ausgemustert werden. Aber vorläufig fliegen die vielfach modifizierten Veteranen noch. Robust, zuverlässig und gutmütig. Ihre Besatzungen lieben sie.

Ein Transporthubschrauber CH-53 fliegt dicht über begrünten Boden, im Hintergrund ist ein Wald mit Haus zu erkennen.

In einer Halle auf dem Flugplatz Laupheim stehen mehrere CH-53 des Hubschraubergeschwaders 64 (HSGHubschraubergeschwader 64). Unsere „Mädels“, wie Oberfeldwebel Mike Müller zur Begrüßung sagt. Es sind verschiedene Ausführungen eines 50 Jahre alten Entwurfs, die mit eingeklappten Rotoren auf den nächsten Einsatz warten. Die meisten der Männer vom technischen Personal in der Halle waren noch gar nicht geboren, als diese Maschinen der Bundeswehr übergeben wurden. Und doch begeistert die robuste Technik von einst bis heute.

Vielleicht ist Oberfeldwebel Müller als Flugwerkmechaniker der 1. Staffel berufsbedingt besonders anfällig für Technikbegeisterung. Aber die Hingabe, mit der er ein kleines technisches Detail der betagten CH-53 beschreibt, ist dann doch bemerkenswert. „Das ist quasi wie ein 3D-gefräster Nocken“, sagt Müller und zeigt mit beiden Händen die ungefähre Größe des Werkstückes an – kaum mehr als 20 Zentimeter. 

„Aus einem Teil gefräst und im Hauptkraftstoffregler verbaut. So durchdacht und ausgeklügelt. Da hat sich einer richtig Gedanken gemacht. Vor über 50 Jahren und ohne Computer!“ Zur Einordnung: Dieser kleine Bolzen reguliert, wieviel Kraftstoff im Triebwerk ankommt und hat damit Einfluss auf die Motorleistung. Keine Raketenwissenschaft zwar, aber die Begeisterung ist echt.

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Flieger, Franke, Familienvater: Oberstleutnant Frank Wittemann ist der Kommandeur Fliegende Gruppe des HSGHubschraubergeschwader 64. Die CH-53 war für ihn Liebe auf den ersten Blick. Als Pilot schätzt er an dem Oldie Zuverlässigkeit und gutmütige Flugeigenschaften.

2Bundeswehr/Jana Neumann

„Dieser Hubschrauber ist absolut zuverlässig“

Kurz darauf öffnet sich die Tür. Begrüßung, militärische Ehrenbezeugung, der „Alte“ ist da.  Oberstleutnant Frank Wittemann ist Flieger, Franke und Familienvater. Auch er weiß über die CH-53 viel Gutes zu sagen. „Ich habe die Maschine gesehen und war verliebt. Dieser Hubschrauber ist absolut zuverlässig. Er verzeiht Fehler und kommt überall hin.“ Das kann man erst mal so stehen lassen.

Wittemann ist 1994 Soldat geworden und lernte ab 1997 auf Bell 206 Jet Ranger in den USA das Fliegen. Später kamen Hunderte Flugstunden auf der Bell UH-1 und der CH-53 dazu. Inzwischen umfasst sein Flugbuch gut 2.000 Flugstunden. Seit 2022 ist er Kommandeur der Fliegenden Gruppe beim HSGHubschraubergeschwader 64. Mehr als 50 Jahre steht die CH-53 inzwischen im Dienst der Bundeswehr. 1972 waren die ersten Maschinen ausgeliefert worden, schlussendlich liefen der Truppe 112 Exemplare zu. Das Jahr 1972 hat auch für Wittemann eine besondere Bedeutung. „Es ist mein Geburtsjahr“, sagt er lächelnd. Gehörten die Maschinen zunächst über Jahrzehnte den Heeresfliegern, kamen sie 2013 im Zuge eines Fähigkeitstransfers zur Luftwaffe.

Kurz nach Mittag steht die Maschine „84+72“ bei strahlendem Sonnenschein auf der Flight. Eine Ausführung „GAGrundausbildung“, das steht für „German Advanced“. Ein ziemlich großer Hubschrauber und auch ziemlich laut, wie sich bald zeigen wird. Wittemann und seine Besatzung könnten entspannter nicht sein. Ein Trainingsflug über dem beschaulichen Oberschwaben. Zum Bodensee und zurück, im Südosten die noch beschneiten Alpen zum Greifen nah. Die reine Idylle. In den Einsatzgebieten ist das Fliegen natürlich stressiger, wie der Oberstleutnant unumwunden zugibt. „In Afghanistan haben wir nach den Flügen mit den Umrissen der Salzränder unter unseren Schutzwesten Länderraten gespielt.“ Das Schwitzen hatte dabei nicht immer nur mit der Hitze zu tun.

Erstaunlich agil und schnell für Alter und Größe

Die Preflight-Checks mit seinem Copiloten sind Routine. Vertraute Handgriffe, tausendmal geübt. Und irgendwann das Starten des Hilfsmotors, der Propeller beginnt sich zu drehen. Abgasgeruch zieht durch die Kabine, es schaukelt und fühlt sich an, als würde ein Sportwagen auf Touren gebracht. Nach dem Rollen zieht Wittemann die Nase der CH-53 steil hoch und der Vogel ist in der Luft. Nach Süden über Biberach an der Riss und Ravensburg geht es zum Bodensee. Eine Schleife über Friedrichshafen, dann wieder gen Norden an Memmingen vorbei und zurück nach Laupheim. Der Hubschrauber ist erstaunlich agil und schnell für seine Größe und das Alter.

Was kann eigentlich ein Waffensystem leisten, das seit einem halben Jahrhundert im Einsatz steht? „Wir konnten uns bislang immer an alle Szenarien anpassen“, sagt Wittemann. „Als die CH-53 Anfang der 70er-Jahre ausgeliefert wurden, waren sie für den Truppentransport gedacht“, erklärt der Oberstleutnant. „Klassische Landes- und Bündnisverteidigung. NATO gegen den Warschauer Pakt.“ 

Drei mittlere Transporthubschrauberregimenter unterhielt die Heeresfliegertruppe bis in die 80er-Jahre. Verteilt auf Standorte im Norden, der Mitte und dem Süden der Bundesrepublik. Das Mittlere Transporthubschrauberregiment 25 war in Laupheim stationiert und deckte den südlichen Bereich ab. Im Verteidigungsfall hätten die CH-53 die ebenfalls in diesen Räumen dislozierten Luftlandebrigaden der Bundeswehr an die Front gebracht.

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Die CH-53 ist ein schneller, allwettertauglicher Hubschrauber zum Personen- und Materialtransport sowie für Sonderaufgaben. Seit 1975 wurden insgesamt 112 Hubschrauber in verschiedenen Ausführungen für die Bundeswehr angeschafft.

Angeschafft als Gebrauchsgut, heute gehegter Oldtimer

„Personentransport unter kriegsmäßigen Bedingungen war der eigentliche Auftrag. Die CH-53 ist ein Kriegshubschrauber – zäh und robust. Heute werden die Maschinen bei uns gehegt und gepflegt“, sagt Wittemann. „Aber angeschafft wurden die Hubschrauber damals als Gebrauchsgüter.“ Im Ernstfall wären die Verluste der Heeresflieger wohl enorm gewesen. Man rechnete mit 80 Prozent Verlustquote nach zwei Tagen Kampf, heißt es. Aber der Kalte Krieg blieb zumindest in Mitteleuropa kalt, zum Einsatz kam es nie.

Dafür musste sich die Bundeswehr ab den 90er-Jahren neuen Einsatzrealitäten stellen. „Und diese Herausforderung haben Truppe und Maschinen sehr gut bewältigt“, sagt Wittemann. Die CH-53 bewährten sich erst bei der Kurdenhilfe im Irak und dann auf dem Balkan. Später leistete sie der Bundeswehr gute Dienste im Rahmen von ISAFInternational Security Assistance Force (International Security Assistance Force) in Afghanistan. Aufgrund der Erfahrungen in den Auslandseinsätzen sind die heute für die Einsatzgebiete vorgesehenen Maschinen massiv modifiziert worden.

Gegenwärtig betreibt die Luftwaffe vier verschiedene Versionen der CH-53. Von der ältesten Variante CH-53 G sind nur noch wenige im Dienst. Verbesserte Bewaffnung und stärkere Triebwerke, größere Reichweite und moderne Abwehrmittel sowie eine komplett erneuerte Elektronik sind nur einige Beispiele für die umgesetzten Verbesserungen. „In einigen Bereichen ist das wirklich ein neuer Hubschrauber“, sagt Wittemann. „Das digitale und das alte analoge Cockpit haben kaum noch etwas gemein.“ Allerdings habe sich im Grundsatz nichts an den gutmütigen Flugeigenschaften und der Zählebigkeit des Musters geändert. „Die CH-53 ist eine gelungene Symbiose aus Kraft und Agilität.“

Ersatzteillage für die CH-53 wird kritisch

Allerdings brauchen alte Hubschrauber Ersatzteile. Und bei denen wird es allmählich eng. „Die Zellen sind aus einer Aluminium-Titanlegierung. Die halten ewig. Aber alle drehenden Teile sind irgendwann nur noch schwer zu kriegen.“ Das Ausschlachten anderer Maschinen allein kann angesichts des inzwischen auf etwa 70 Exemplare geschrumpften Bestandes keine Lösung sein. Bislang fand die Truppe immer innovative Möglichkeiten, um die CH-53 am Laufen zu halten. Bis 2030 sollen sie aber durch die Boeing CH-47F ersetzt werden. Dann werden die „Mädels“ beinahe 60 Jahre im Truppendienst auf dem Buckel haben.

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