Generalinspekteur besucht letztmalig das deutsche Einsatzkontingent im Camp Marmal

Generalinspekteur besucht letztmalig das deutsche Einsatzkontingent im Camp Marmal

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Afghanistan
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Die Rückverlegung der Bundeswehr aus Afghanistan läuft auf Hochtouren. Am 17. Juni hat der Generalinspekteur Eberhard Zorn das deutsche Einsatzkontingent Resolute Support im Camp Marmal besucht und sich über den aktuellen Stand informiert. In einem Rückblick auf das fast zwanzigjährige Engagement würdigte er die Leistungen der Bundeswehr vor Ort.

Generalinspekteur Zorn steht neben arbeitenden Soldaten in einer Halle

An der Materialschleuse: Die Rückverlegung der Bundeswehr aus Afghanistan läuft auf Hochtouren.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Nach der Landung am frühen Morgen empfing Brigadegeneral Ansgar Meyer den Generalinspekteur noch auf dem Flugfeld. Es galt, keine Zeit zu verlieren, denn das Rahmenprogramm des Besuches war prall gefüllt: Neben einer umfassenden Einweisung in die Lage vor Ort und die Sicherheitsmaßnahmen standen auch die Übergabe des Feldlagers an das afghanische Verteidigungsministerium vor wenigen Tagen und der aktuelle Stand der Rückverlegung auf der Agenda.  

Das gemeinsame Mittagessen mit den Kompaniechefs und Spießen nutzte der Generalinspekteur im Anschluss dafür, dem Führungspersonal einen Überblick über die Lage in der Heimatbasis zu geben. Besonders die Mitte Mai angekündigten Maßnahmen zur Zukunft der Bundeswehr thematisierte General Zorn und erläuterte die einzelnen Projektschritte, bevor er sich den Fragen der anwesenden Soldatinnen und Soldaten stellte.

Den Nachmittag läutete eine Gesprächsrunde mit Repräsentanten der verbliebenen internationalen Kontingente aus den USAUnited States of America, den Niederlanden und Österreich ein. Stellvertretend für alle 23 Nationen, die in der Hochphase des Einsatzes in Masar-i Scharif zusammengearbeitet haben, dankte General Zorn den internationalen Partnern und Alliierten. Anschließend gab es auf dem sogenannten MAK-Tower eine Einweisung in die Funktionsbereiche des Lagers und die Abläufe der Übergabe durch Oberstleutnant Matthias G.*, den Kommandeur des multinationalen Force Protection Battalion.

Bei seinem letzten Besuch bei der Truppe in Afghanistan hat sich Generalinspekteur General Eberhard Zorn einen Eindruck vom Stand des Abzugs gemacht. Bei einem feierlichen Appell würdigte er die Leistungen der deutschen Soldatinnen und Soldaten.

Eagle abflugbereit

Wenige Meter weiter erlebte General Zorn, wie die Soldatinnen und Soldaten des Elementes redeployment ein geschütztes Fahrzeug Eagle für den Rücktransport vorbereiteten, bevor die Experten des Luftumschlages die Verladung übernahmen. Denn ohne die 77 Männer und Frauen des Airfield Operation Squadron (AOS), die die Flugsicherheit, die Abfertigung und im schlimmsten Falle auch die Brandbekämpfung garantieren, landet und startet kein Luftfahrzeug auf dem angrenzenden Flugfeld. Viele der angetretenen Kameraden haben in den vergangenen Jahren weit über 1.000 Einsatztage im Afghanistan gedient. Ihre Fähigkeiten sind für das Einsatzkontingent unverzichtbar.

Auch wenn das 20. Einsatzkontingent kontinuierlich kleiner wird, verbleibt die medizinische Versorgung auf hohem Niveau. Davon konnte sich der Generalinspekteur bei einer Stippvisite in der DCSU (Damage Control Surgery Unit) im Laufe des Nachmittages überzeugen. In Kooperation mit amerikanischen Ärzten und Sanitätern stellen die Kameradinnen und Kameraden die Behandlung von kleinen Verletzungen bis hin zur medizinischen Evakuierung sicher.

Generalinspekteur Zorn im Gespräch mit einer Soldatin

Lebensrettend für deutsche und afghanische Soldaten: Dank dieses Krankenhauses wurde die Rettungskette im Einsatz realisiert.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

„Der Afghanistaneinsatz hat die Bundeswehr verändert“

Nach dem gemeinsamen Abendbrot mit den Vertrauenspersonen des Kontingentes nahm der Generalinspekteur bei einem Appell im Atrium des Feldlagers die im Fackelschein angetretenen Abordnungen auf eine Zeitreise durch die bewegte Einsatzgeschichte der Bundeswehr in Afghanistan mit.

Von den Anfängen der ISAFInternational Security Assistance Force-Mission 2002, als ,,die Bundeswehr den Auftrag hatte, die vorläufige afghanische Regierung bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Kabul und Umgebung zu unterstützen”, oft ,,zu Fuß und nur leicht bewaffnet”, über das Jahr 2007, in welchem ,,der Kampf gegen einen mit irregulären Kräften und rücksichtslosen Methoden aus dem Hinterhalt agierenden Gegner in den Mittelpunkt rückte”. Nicht zuletzt durch die verheerenden IEDImprovised Explosive Device-Anschläge der Jahre 2008 und 2009 wuchs auch in Deutschland das Bewusstsein, dass ,,die Bundeswehr in Afghanistan nicht nur Brunnen bohrt'', so General Zorn.

Die veränderte Einsatzrealität schlug sich schnell im Dienstalltag der Streitkräfte nieder: Neue Konzepte für die Einsatzvorbereitung, vertiefende Sanitätsausbildung und eine an die Bedrohungsszenarien angepasste Schießausbildung füllten die Dienstpläne der Truppe. Notwendig, denn „2010 und 2011 standen die Einsatzkontingente in Kundus und am OP-North dann fast täglich im Feuerkampf“.

Angetretene Soldaten bei Dunkelheit auf dem Appellplatz mit Lampen und Fackeln

Bei einem abendlichen Appell sprach der Generalinspekteur nochmals über die umfangreiche Geschichte des Einsatzes.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Mit bis zu 5.350 Soldatinnen und Soldaten begann die Bundeswehr gemeinsam mit ihren internationalen Verbündeten schließlich mit der Ausbildung und Beratung der afghanischen Streitkräfte, um den Aufbau ziviler Strukturen zu ermöglichen und abzusichern. Train, Advise and Assist (Ausbilden, Beraten und Unterstützen) der afghanischen Armee und Polizei wurde dann 2014 der Kernauftrag der Mission Resolute Support, den alle Kontingente bis Mai 2021 auch sehr gut erfüllt haben, resümiert der Generalinspekteur.

Aber der Einsatz hat auch an anderen Stellen Spuren hinterlassen. „Heute haben wir einen Veteranenbegriff, ein Veteranenabzeichen und eine Veteranenkultur. Diese hat sich maßgeblich durch Afghanistan entwickel”, unterstreicht der 61-Jährige. „Hunderte wurden körperlich verwundet und noch viel mehr Kameradinnen und Kameraden seelisch. 59 Kameraden sind aus Afghanistan nicht mehr zurückgekehrt, 35 von ihnen sind gefallen.” Ihr Andenken werde im Wald der Erinnerungen in Potsdam gewahrt, wo der Ehrenhain des Camp Marmal nach der aufwändigen Rückführung wiedererrichtet wird.

Neues Kapitel beginnt für Bundeswehr nach Ende der Mission Resolute Support

Wenn die „Großoperation Rückverlegung“ abgeschlossen sei, „werden wir in Deutschland einen Prozess beginnen, mit dem wir den Einsatz phasenweise und aus allen Betrachtungswinkeln auswerten. Dabei ist es mir besonders wichtig, dass wir nicht nur aufs Handwerkliche schauen. Wir werden bewerten, was aus dem Afghanistaneinsatz für uns sinn- und traditionsstiftend ist, was wir tun können und müssen, damit wir uns auch in 20 Jahren noch aktiv an den Einsatz erinnern”, kündigt der Generalinspekteur an. Andere Fragen werden jedoch erst nach und nach beantwortet werden können.

Auf die drängende Frage „Waren wir als Bundeswehr in den 20 Jahren erfolgreich?“ findet General Zorn eine klare Antwort und warnt gleichzeitig vor überzogenen Erwartungen an die Rolle der Armee: „Ich komme zu der Bewertung, dass die Bundeswehr die ihr gegebenen Aufträge in den unterschiedlichen Phasen des Einsatzes gut erfüllt hat. Streitkräfte können ein sicheres Umfeld schaffen, damit andere in diesem agieren können. Sie schaffen damit der Politik Zeit, Maßnahmen aller anderen Politikfelder zu implementieren.“

Ob hierdurch das übergeordnete Ziel eines stabilen Staates abschließend erreicht werden kann, werde sich erst in einigen Jahren beantworten lassen. Gesellschaftliche Fortschritte, insbesondere bei Schulbildung und Gesundheitsversorgung, seien aber unverkennbar: „Wir verlassen definitiv ein anderes Afghanistan als jenes, das wir 2001 betreten haben.“

Auch nach Ende der Truppenpräsenz werden Deutschland und die internationale Gemeinschaft die Unterstützung Afghanistans fortsetzen. Die konkreten Pläne dazu werden derzeit erarbeitet. Weiterhin verbleibe auch eine „besondere moralische Verpflichtung gegenüber den Ortskräften, die uns jahrelang hier in Afghanistan unterstützt haben. Sie haben erhebliche Risiken für sich und ihre Familien auf sich genommen. Wir werden sie nicht vergessen und ihnen helfen,” sagt der Generalinspekteur.

Generalinspekteur Zorn steht mit einem anderen Soldaten an Säulen mit herausgefrästen Wappen

Das Feldlager wird den Afghanen geordnet übergeben.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Mit vielen Eindrücken zurück

Bevor der Generalinspekteur die Rückreise antrat, bedankte er sich bei allen Beteiligten für die Eindrücke und die bisher erzielten Leistungen. Schon jetzt sei das Camp fast nicht mehr wiederzuerkennen. Und es werde sich in den kommenden Wochen weiter verändern, damit die Übergabe an die afghanischen Streitkräfte geordnet abgeschlossen werden kann.

Mit einer letzten Aufforderung richtet sich General Zorn an die Kameradinnen und Kameraden: „Ich bitte Sie alle, passen Sie die letzten Tage hier in Afghanistan gegenseitig auf sich auf. Erfüllen Sie Ihren Auftrag bis zur letzten Sekunde so zuverlässig, wie Sie es bisher getan haben. Ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Vanessa Kaufmann

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