Nachgefragt

Gespräche zum Ukrainekrieg

Bürger fragen, Führungskräfte aus Bundeswehr und Verteidigungsministerium antworten: Das ist die Idee von „Nachgefragt“. Die Reihe wurde mit Beginn des Ukrainekrieges gestartet. Einmal wöchentlich gibt es eine neue Folge mit wechselnden Gästen. Sie vermitteln sicherheitspolitische Informationen aus erster Hand.

Ein Soldat sitzt einer Soldatin im Gespräch gegenüber

„Sehr viele Menschen werden psychotherapeutische Hilfe brauchen“

Krieg ist in zweifacher Hinsicht eine existenzielle Bedrohung: Neben dem Risiko einer Verwundung bei Kämpfen besteht auch die Gefahr, durch traumatische Erlebnisse schwere psychische Leiden zu entwickeln. Oberstarzt Prof. Dr. Peter Zimmermann vom Psychotraumazentrum der Bundeswehr spricht über die Symptome und die Behandlung der Betroffenen.

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Oberstarzt Zimmermann vom Psychotraumazentrum der Bundeswehr, spezialisiert auf die Behandlung kriegsbedingter Traumata, spricht mit „Nachgefragt“-Moderatorin, Frau Hauptmann Janet Watson, über die Folgen des Krieges für die Seelen der Menschen

„Der Krieg in der Ukraine ist unter dem Aspekt der psychischen Verarbeitung und auch der Traumatisierung ganz sicher eine der schlimmsten Situationen, die wir in Europa in den letzten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gehabt haben“, sagt Oberstarzt Peter Zimmermann im Gespräch mit „Nachgefragt“-Moderatorin, Frau Hauptmann Janet Watson. Es sei unter den Kriegsteilnehmenden mit einer Welle psychischer Erkrankungen zu rechnen. „Übrigens auf beiden Seiten, da ist es völlig unerheblich, ob man Angreifender oder Verteidigender oder Zivilist ist.“

Studien zufolge seien im Afghanistankrieg 70 Prozent der Bevölkerung traumatisiert worden, so der Leiter des Psychotraumazentrums der Bundeswehr. „Und in ähnlicher Größenordnung wird sich das ganz sicher in der Ukraine auch bewegen.“ Nach Abebben der Kampfhandlungen müsse damit gerechnet werden, „dass sehr, sehr viele Menschen psychotherapeutische Hilfe brauchen.“ 

Ein Trauma kann jeden treffen

Ein Trauma könne dann entstehen, wenn ein Mensch entweder Zeuge oder Opfer eines katastrophalen, lebensbedrohlichen Ereignisses werde, so der Oberstarzt. Traumatisierende Erfahrungen könnten eine Vielzahl psychischer Erkrankungen wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBSPosttraumatische Belastungsstörung) nach sich ziehen. Häufig beginne es mit vermeintlich harmlos erscheinenden Schlafstörungen.

„Wir haben Menschen, die unter Bildern leiden, die sich aufdrängen, Bildern vom traumatischen Geschehen. Die manchmal nachts in Alpträumen kommen, manchmal auch tagsüber und dann quasi wie im Film sind“, beschreibt Zimmermann die PTBSPosttraumatische Belastungsstörung-Symptome. „Man hat das Gefühl, man ist wieder hineinversetzt in die alte Situation, es fühlt sich wieder genauso an. Es ist sehr plastisch und dadurch auch sehr belastend.“ 

Andere Traumatisierte würden Angststörungen entwickeln, so der Oberstarzt. So sei eine Agoraphobie – die Angst vor öffentlichen Plätzen und großen Menschenmengen – die häufigste Folge eines Kriegstraumas bei Soldatinnen und Soldaten. Ebenfalls häufig seien Suchterkrankungen und Depressionen.

Bundeswehr bietet Hilfe für Erkrankte an

Allerdings ziehe traumatisches Erleben nicht immer eine Erkrankung nach sich, so Zimmermann. „Selbst bei den schlimmsten traumatischen Situationen – beispielsweise Krieg oder Vergewaltigungen – bleiben noch 50 Prozent der Betroffenen gesund.“ Vor allem ein intaktes soziales Umfeld, aber auch Sport und Entspannungstechniken könnten helfen, mit traumatisierenden Erfahrungen zurecht zu kommen.
 
Träten Belastungssymptome auf, sei der Gang zum Therapeuten angesagt – und zwar möglichst zeitig. „Bei den Patienten, die zu uns kommen, erleben wir oft jahrelange Verzögerungen“, sagt Zimmermann. Viele Betroffene könnten ihre Erkrankung eine Zeit lang kompensieren, oft auf Kosten der Familie. „Da leiden die Frauen, die Kinder dann erheblich mit, aber es bleibt so halbwegs stabil.“ Kämen dann aber zusätzliche Probleme beispielsweise im Beruf hinzu, breche dieser Schutzwall zusammen und die unverarbeiteten Traumata kehrten zurück.  „Das ist dann für die Betroffenen doppelt leidvoll. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man zu lange wegsieht, verdrängt und sich der Symptomatik nicht stellt.“

Bei der Bundeswehr gibt es deswegen eine Vielzahl niedrigschwelliger Kontaktangebote, um den Betroffenen frühzeitig zu helfen – zum Beispiel eine anonyme Hotline unter 0800-588 7957. Auf der Internetseite der Bundeswehr finden sich außerdem grundlegende Informationen zu PTBSPosttraumatische Belastungsstörung, ein Online-Selbsttest sowie Ansprechpartner, die helfen können.

Auch Familienangehörige, Vorgesetzte und Kameraden können sich hier Rat holen. „Das sind die, die vielleicht dann auch den Weg bahnen können in die Behandlung“, sagt Zimmermann. „Und dafür sorgen, dass auch viel Zeit gespart werden kann durch frühzeitige Information. Das ist ein ganz wichtiges Element: die Früherkennung und der frühe Behandlungsbeginn.“ Mit therapeutischer Hilfe könnten Erkrankte Lebensqualität und Lebensmut zurückzugewinnen.

von Timo Kather

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