Scharfer Schuss im Mittelmeer

Multinationales Schießen auf Kreta

Das taktische Schießen mit dem PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Waffensystem der Luftwaffe findet nur einmal im Jahr statt. Norwegen nimmt erstmals an der Übung auf dem NATO-Schießplatz auf der Insel Kreta teil. Wie bei jeder NATO-Zertifizierungsübung beobachten multinationale Übungsbewerter das Geschehen kritisch. Wir haben einem davon über die Schulter geschaut.

Das Flugabwehrraketensystem Patriot scheißt eine Lenkflugkörper ab. Ein Feuerball entsteht.

„Step in!“ oder zu Deutsch „Steig ein!“: Mit dieser herzlichen Aufforderung von Robert M.* beginnt unser Tag auf der multinationalen Basis auf Kreta. Robert M. sitzt in einem roten Kleinwagen, ist niederländischer Soldat und sogenannter Übungsbewerter.

Sein Job: anleiten, beobachten und bescheinigen, dass die deutschen Soldatinnen und Soldaten die Sicherheitsanforderungen einhalten, und das alles, während sie das PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Waffensystem scharf stellen. „Wir nennen das hier Checker – kurz und knackig“, sagt Robert M. und drückt aufs Tempo, denn die Basis ist riesig und die Zeit ist knapp. Deshalb sind die Übungsbewerter mit Mietwagen auf dem Gelände unterwegs. Wir steigen ein und er jagt los. Ihn begleiten wir heute.

Nur auf Kreta kann der scharfe Schuss geübt werden

Robert M. ist ein altgedienter Hase, wie er sagt. An der NATO-Schule in Oberammergau wurde er zum Bewerter ausgebildet. Vor allem aber: Er kommt selbst aus der Flugabwehrtruppe und hat reichlich Erfahrung mit dem PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Radar, das auch die Niederländer nutzen. Umso mehr ist ihm die potenzielle Gefährlichkeit des Waffensystems bewusst: „Sobald mit Raketen hantiert wird, muss immer ein Checker dabei sein. Alle Kameraden vor Ort genießen zwar höchstes Vertrauen, aber ein Augenpaar mehr zur Sicherheit schadet nie.“ Die Checker-Teams sind nach Möglichkeit international zusammengesetzt, um zu vermeiden, dass ein Deutscher die Deutschen oder ein Niederländer die Niederländer bewertet.

Dieser Beitrag wird nicht dargestellt, weil Sie YouTube in Ihren Datenschutzeinstellungen deaktiviert haben. Mit Ihrer Zustimmung aktivieren Sie alle YouTube Posts auf bundeswehr.de.

Robert M. rast mit seinem knallroten Kleinwagen, dem Militärjeep Wolf der Bundeswehr, hinterher. Darin befinden sich vier Soldaten auf dem Weg zu den PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Launchern. „Sie steigen gleich aus, um das Waffensystem PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target scharf und einsatzbereit zu stellen. Das wird schnell gehen, ihr müsst Schritt halten“, sagt der Niederländer. 

Wenig später ist es soweit: Der Wolf und wir biegen auf eine Schießbahn ein. Dort steht ein PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Startgerät, bestückt mit zwei scharfen Raketen. Der Wolf fährt bis auf zehn Meter an das Waffensystem heran. Mehr lässt der vorgeschriebene Sicherheitsabstand nicht zu. Die Soldaten steigen zügig aus, ohne dabei die Türen zu schließen. Sie vermeiden jeden nicht notwendigen Handgriff, um Zeit zu sparen, und gehen zum Launcher. Dieser wird durch drei Schlüssel und das Lösen einer Verriegelung zur Sicherung der Lenkflugkörper aktiviert. 

Wie im Militär üblich, sind auch hier die Aufgaben im Trupp genau verteilt: einer fährt, einer behält den Überblick über die Sicherheitsschlüssel, die anderen beiden stellen scharf. Auch Robert M. ist ausgestiegen. Er beobachtet alle Handgriffe der deutschen Soldaten. Schnell und routiniert bewegen sie sich um das Waffensystem. Robert M. behält genau im Blick, was sie tun. Eine Checkliste braucht er dabei nicht. Er habe schon so häufig bewertet, dass er die einzelnen Punkte auswendig kenne, lässt er uns wissen.

Obwohl Robert M. gerade überprüft, ob sie ihr militärisches Handwerk beherrschen, sind die deutschen Soldaten nicht nervös: „Im Gegenteil. Es ist beruhigend, dass trotz unterschiedlicher Herkunft alle dieselbe Sprache sprechen, wenn es um das Waffensystem geht“, sagt später einer von ihnen. „Gegenseitige Hilfe ist bedeutsam. Das macht auch der Checker, wenn er merkt, dass gerade etwas nicht so rund läuft.“ Doch auch dieses Mal lief alles rund. Der Checker ist zufrieden. Eingreifen musste er nicht. 

Maximal 30 Sekunden sollte es dauern, bis ein PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Launcher, der im Ruhebetrieb war, feuerbereit gemacht ist. Dann übernimmt ihn per Fernsteuerung der Führungsgefechtsstand, der viele Kilometer entfernt sein kann. Je schneller die Soldaten am Gerät arbeiten, desto eher können sie sich wieder in eine sichere Zone von 90 Meter Abstand zum Waffensystem begeben. Danach wird mit dem Kommando „All persons under cover“ verkündet, dass jeden Moment der scharfe Schuss fallen kann.

  • Niederländische Soldaten stehen vor drei Flaggen an einem Mast und dem HAWK-Ehrenmal.

    Stillgestanden! Fester Bestandteil der Schießen auf Kreta ist die Ehrung der 1975 beim Flugunfall der Transall C-160 verunglückten Kameraden. Für sie gibt es auf dem Schießplatz einen eigenen Gedenkort: das „HAWK-Ehrenmal”.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Ein Radar mit Tarnnetzen vom Flugabwehrraketensystem Patroit steht im Gelände

    Gut getarnt ist gut geschützt: Damit bodengebundene Flugabwehrsysteme wie das PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-System der Bundeswehr nicht leicht aufgeklärt werden können, werden die Fahrzeuge nach dem Beziehen der Stellung unter Tarnnetzen verborgen.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Zwei deutsche Soldaten verlegen ein Kabel im Gelände

    Jeder Meter zählt: Zwei Soldaten des deutschen Kontingentes verlegen während der Aufbauarbeiten für die multinationale Übung Spartan Arrow auf Kreta ein Kabel. Später wird darüber der Kontakt zu den Kameradinnen und Kameraden gehalten.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Das Flugabwehrraketensystem Patriot steht an einer Klippe und schießt einen Lenkflugkörper ab

    Rauch und Donner: Ein PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Lenkflugkörper macht sich auf Befehl des Feuerleitstandes auf den Weg zu seinem Ziel, einer Übungsdrohne. Mit dem Waffensystem werden Flugzeuge, Hubschrauber, Raketen und Marschflugkörper bekämpft.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Das Flugabwehrraketensystem Patriot steht im Gelände

    Auf dem Boden bleiben: Vor dem Abschuss eines PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Lenkflugkörpers wird der Lastwagen mitsamt dem darauf befindlichen Startgerät aufgebockt. Das stabilisiert das System und verbessert die Treffsicherheit.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Nahaufnahme von den durchschossenen Kanistern des Flugabwehrraketensystems Patriot.

    Leergeschossen: PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Startgeräte besitzen Abschussvorrichtungen für zwei oder für vier Raketen. Nach dem Abfeuern der Lenkflugkörper müssen die nun leeren Kanister im Ganzen ausgetauscht werden, bevor erneut gefeuert werden kann.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Zwei Soldaten stehend lachend nebeneinander

    Ausgelassen: Auch wenn es bei der Übung Spartan Arrow um die Zertifizierung für den Einsatz geht, kam auch der Spaß nicht zu kurz. Ein Bundeswehrsoldat und ein Kamerad aus den Niederlanden amüsieren sich köstlich – worüber, bleibt ihr Geheimnis.

    Bundeswehr/Lars Koch
  • Generalinspekteur Zorn spricht mit einem Soldaten

    Der Chef will’s wissen: Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, reiste extra nach Kreta, um während der multinationalen Übung Spartan Arrow einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit seiner Flugabwehrtruppe zu bekommen.

    Bundeswehr/Lars Koch

Mit Mach fünf Richtung Feind

Zurück auf der Base fiebert alles dem Höhepunkt entgegen: dem scharfen Schuss mit den Lenkflugkörpern PAC-2 (PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target Advanced Capability). Jeder von ihnen wiegt 900 Kilogramm und kann Hubschrauber, Flugzeuge sowie ballistische Raketen zerstören. Da darf beim Übungsschießen nichts schiefgehen. Die Soldatinnen und Soldaten drängen sich gespannt vor die Fenster, um zu beobachten, wie sich der Schuss des PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Waffensystems löst. Es sei wie eine Belohnung, denn nun würde greifbar, was man in der Theorie immer übe, sagt Lukas E.*, ein Feuerleitoffizier. 

Als es so weit ist, knallt die Zündung wie an Silvester, nur ein ganzes Stück heftiger. In der Ferne ist der Lenkflugkörper zu erkennen, der eine Zieldarstellungsdrohne jagt. Im Gefechtsstand entspannen sich die konzentrierten Gesichter, denn der Abschuss war erfolgreich: „Missile away!“

„Jedes Jahr bereiten wir uns für den Ernstfall vor“

Was zeichnet das Waffensystem PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target aus? Und warum ist der scharfe Schuss auf Kreta so wichtig? Der Geschwader-Kommodore erklärt es.

PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Schießen auf Kreta

Bodengebundene Luftverteidigung

Vorbereitung für den Ernstfall

Weiterlesen

Technik

Rund 90 Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe sind für den Betrieb einer PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Staffel nötig. Jede Staffel besteht aus einem Feuerleitstand, einem Multifunktionsradargerät, acht Startgeräten mit jeweils vier oder acht Lenkflugkörpern, einer Stromversorgungsanlage sowie einem Richtfunktrupp mit Stromerzeugern und Antennenmastanlagen. Das Multifunktionsradar AN/MPQ-53 erfasst und identifiziert Luftziele in einem Winkel von 120 Grad. Bis zu 50 Flugobjekte kann es gleichzeitig verfolgen und kontrollieren.

Hintergrund

Das taktische Schießen der Flugabwehr auf Kreta ist nicht nur ein alljährliches Highlight im Übungskalender der Luftwaffe, sondern auch enorm wichtig für die Einsatzzertifizierung. Die Teilnehmernationen Deutschland, Niederlande, Norwegen und Griechenland stellen auf Kreta ihre Fähigkeiten den strengen Augen der NATO-Checker unter Beweis. Dies ist auch eine Voraussetzung für Teile der Flugabwehrraketengruppe 24, bevor sie demnächst in den Einsatz in die Slowakei verlegen. 

enhanced Vigilance Activities

Ost-, Zentral- und Südosteuropa

Die NATO verstärkt ihre defensiven Maßnahmen.

Weiterlesen

Arbeitsplatz PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target: Fragen an den Feuerleitoffizier

Den Einsatz eines PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Waffensystems zu leiten, bedeutet große Verantwortung. Oberleutnant Lukas E. übernimmt sie. Er ist frisch ausgebildeter Feuerleitoffizier und übt auf Kreta unter realen Bedingungen, Bedrohungen aus der Luft zu bekämpfen. E. erklärt, wie er mit den besonderen Herausforderungen seines Dienstpostens umgeht.

3 Fragen an Oberleutnant Lukas E.

Soldat im Porträt
Bundeswehr/Lars Koch

Warum sind Sie Feuerleitoffizier geworden?

Soldat im Porträt

Beim Flugabwehrraketendienst wird der Grundsatz „Train as you fight“ großgeschrieben. Ich arbeite viel mit dem Waffensystem und habe damit einen hohen praktischen Bezug zur PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target. Mir wird jedes Mal aufs Neue vor Augen geführt, was für eine gewaltige Wirkkraft das System hat, auch wenn es eine defensive Waffe ist. Ich fühle mich mit dem Waffensystem verbunden und bin stolz, es bedienen zu können. Die Flugabwehr ist eine der Verwendungen in der Luftwaffe, bei der man viel draußen unterwegs ist und an multinationalen Übungen im Ausland teilnimmt – wie hier auf Kreta beispielsweise. Also alles andere als ein Bürojob. Genau deshalb bin ich Feuerleitoffizier geworden.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-Schuss am Simulator?

Soldat im Porträt

Das war in den USA bei meiner Ausbildung zum Feuerleitoffizier. Aufregung war schon dabei, vor allem, weil alle Kommandos auf Englisch gegeben wurden. Aber letztlich überwog die Freude gegenüber der Anspannung. Das Gelernte anzuwenden und zu sehen, dass es funktioniert: Das blieb mir in Erinnerung. Die Ausbilderinnen und Ausbilder trichterten uns ein, dass wir keine Einzelkämpfer sind, sondern immer als Team agieren. Das gibt Sicherheit, macht aber auch die Führungsverantwortung für Menschen und Material deutlich.

Sie selbst kamen auf Kreta dieses Mal nicht zum scharfen Schuss. Hat sich der Aufenthalt dort trotzdem gelohnt?

Soldat im Porträt

Als ich im Feuerleitstand saß und die Meldung bekam, dass die Zieldarstellungsdrohnen wieder landen, unser System also nicht eingesetzt wurde, waren mein Team und ich zunächst enttäuscht. Unser Testdurchlauf wurde jedoch von den Checkern gelobt. Das zeigt mir, dass meine Ausbildung effektiv war. Wenn es darauf ankommt, werde ich im echten Durchlauf bestehen.

Rückblick

Seit 1967 gibt es den Raketenschießplatz NAMFINATO Missile Firing Installation (NATO Missile Firing Installation) auf Kreta. Die Bundeswehr übt dort jährlich den scharfen Schuss mit dem Flugabwehrsystem PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target.

*Namen zum Schutz der Soldaten abgekürzt.