Smart Solutions: So innovativ ist die Bundeswehr

Smart Solutions: So innovativ ist die Bundeswehr

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Berlin
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Von Schafen in der Kaserne bis zur App für bessere Selbstorganisation: 82 Ideen wurden für die Innovation Challenge eingereicht, elf schaffen es vor eine Jury. In Zusammenarbeit mit den Universitäten in Hamburg und München fördert der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr junge Intrapreneure und Innovationen in und für die Bundeswehr.

Ein Soldat bedient einen Laptop vor einer Maschine in einer Werkstatt

Der Uni-Portyx: Mit diesem tragbaren Gerät lassen sich schnell und einfach Ersatzteile fertigen.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Fortschritt braucht kluge Köpfe – und ein Verständnis für das jeweilige Thema. Daher setzt die Bundeswehr auf Ideen aus den eigenen Reihen. Und das mit Erfolg. Die diesjährige ist bereits die zweite Innovation Challenge und steuert aktuell auf ihren Höhepunkt zu:  Am 17. März, bei der Smart Solutions Challenge, werden die elf ausgewählten Ideen einer Jury von Experten aus Militär und ziviler Wirtschaft präsentiert.

Initiator der Challenge ist der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Mit den Bundeswehr-Universitäten Hamburg und München sind zwei „starke Partner“ mit dabei, wie Christopher Urban betont. Die Kooperation des Cyber Innovation Hubs mit den Universitäten tragt den Namen „cihxfounders“.

Urban und Jan Krahn sind die Projektleiter für die Smart Solutions Challenge. Die Teilnehmenden stammen aus dem Umfeld der beiden Universitäten. Nach dem Aufruf im Dezember, sich an der Challenge zu beteiligen, bewarben sich auch Externe ohne Bundeswehrbezug. Diese konnten selbstverständlich nicht berücksichtigt werden. Immerhin geht es um Intrapreneure – Ideengeber aus der Bundeswehr selbst.

„Impulse von außen sind toll, gehen aber häufig an dem Problem und dem Nutzer vorbei“, weiß Urban. „Die Innovation in einer Organisation kann durch die Mitarbeitenden selbst beschleunigt werden. Sie werden nur oft als Ressource vernachlässigt.“ Deswegen gibt es seit Ende 2019 das Intrapreneurship-Programm beim Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Damit setzt man auf die eigenen Kräfte – aus der Bundeswehr für die Bundeswehr. Denn Intrapreneure sind besonders innovative Mitarbeiter, die sich nicht nur als Beschäftigte verstehen, sondern als „Unternehmer im Unternehmen“.

Bundeswehr der Zukunft

Die aktuelle Innovation Challenge steht unter dem Motto Bundeswehr der Zukunft und umfasst die Themenbereiche Ressourcen-Management, digitales Arbeiten, smarter Campus und Defence Innovation. „Es war aber auch eine offene Frage nach Ideen“, berichtet Krahn.

Folgende Kriterien müssen die Ideen laut Krahn erfüllen: „Intrapreneure müssen aus dem Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung sein, die Idee soll schnell produzierbar sein, die Investitionen müssen machbar und gerechtfertigt sein. Wichtig ist zudem, dass ein digitaler Anteil geben ist.“

Das alles trifft auf die ausgewählten elf Projekte von insgesamt 23 Intrapreneuren zu. Bis zum Demo Day, der Präsentation am 17. März, werden diese noch für ihren „Pitch gecoacht“, also für die Vorstellung ihres Projektes fit gemacht, mit dem Ziel, die Jurorinnen und Juroren für sich zu gewinnen. Parallel entwickeln die Intrapreneure ihre Idee in Workshops nutzerzentriert weiter.  

Geld, Ressourcen und Methodenkoffer

„Beim Intrapreneurship ist der Ideengeber die treibende Kraft, der sein Projekt von der Idee bis zur Umsetzung begleitet“, so Urban. Anders als beim schon lange laufenden Kontinuierlichen Verbesserungsprogramm (KVPKontinuierliches Verbesserungsprogramm der Bundeswehr) des Verteidigungsministeriums beispielsweise. Da ist der Ideengeber nur zu Beginn des Prozesses dabei, die Umsetzung wird auf die fachlich in der Organisation Zuständigen übertragen.

Damit die Frauen und Männer für die Präsentation gut vorbereitet sind, gibt es verschiedene Trainings, die ihnen helfen sollen, ihre Ideen zu schärfen. Der gesamte Prozess wird von Experten begleitet, die den Teilnehmenden das nötige Handwerkszeug vermitteln.

„Wir geben den Ideengebern Geld, Ressourcen und einen Methodenkoffer an die Hand“, erklärt Urban. Der Fokus liegt zum einen darauf, dass dem Nutzer irgendwann eine Lösung für ein bestimmtes Problem zur Verfügung steht. Aber auch diejenigen, die diese Innovation vorantreiben, profitieren: „Sie sind anschließend fit in der Anwendung von agilen Methoden, die auch im Dienst und für die weitere Arbeit nützlich sind“.

Ein Mann im Porträt

Projektleiter: Jan Krahn leitet die Smart Solutions Challenge vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Die Projekte

Am 17. März entscheidet sich, welche drei Ideen im Intrapreneurship-Programm des Cyber Innnovation Hub der Bundeswehr weiterverfolgt werden. Die Jury stammt aus verschiedenen Bereichen der Bundeswehr und der zivilen Wirtschaft. „Wir haben eine sehr vielfältige Jury, damit viele Erfahrungen und Blickwinkel in die Entscheidung einfließen. So ergibt sich ein umfassendes Bild“, erklärt Krahn.

Diese Projektideen sind im Rennen:

Politische Bildung: Das Konzept der Inneren Führung und mit ihr die politische Bildung gehören zum „Markenkern“ der Bundeswehr, kommen in der Ausbildung aber dennoch manchmal zu kurz. Die „BwIdentitY”-App für das private Smartphone bringt Innere Führung in die Hosentasche jedes Soldaten. Dank des „Gamification”-Ansatzes und anderer innovativer Features wird das Lernen zugänglicher und attraktiver.

Krisenanalysesoftware: Die Welt dreht sich immer schneller, die Lage wird immer komplexer. Eine neue Krisenanalysesoftware hilft, den Überblick zu behalten: Sie analysiert komplexe soziale, wirtschaftliche und politische Dynamiken und erkennt sich anbahnenden Krisen, schon bevor sie außer Kontrolle geraten. Mit Methoden der Künstlichen Intelligenz erfasst sie hunderte Millionen Daten weltweit, erkennt Muster und zeigt mögliche künftige Entwicklungen auf.

Nachwuchsgewinnung: Auch die Bundeswehr sucht beruflichen Nachwuchs. Dem erleichtert eine neue App den Einstieg: Sie ist Testtraining, Assessment-Center und Karriereberatung zugleich. Ein Quiz verrät den Nutzenden, ob sie für die Bundeswehr geeignet sind, und wenn ja, für welche Verwendung und welche Laufbahn. Spielerisch und kinderleicht.

Zeitmanagementsystem: Studierende kämpfen oft damit, ihre Lern- und Studienzeit effizient zu organisieren. Ein neues Zeitmanagementsystem hilft. Die Studierenden können ihre Zeiten erfassen, auswerten und optimieren. Das Ergebnis: weniger Aufwand, mehr Studienerfolg. Auch die Verantwortlichen der Bildungseinrichtungen profitieren. Sie können Abbrecherquoten frühzeitig erkennen und besser verstehen, wie sie die Lehre verbessern können.

Trefferauswertung: Der Dienst an der Waffe gehört zum festen Repertoire jedes Soldaten und jeder Soldatin. Der digitale Schießtrainer analysiert dabei den Schützen beziehungsweise die Schützin und liefert wertvolle Erkenntnisse: Wie hält er oder sie die Waffe? Wie ist das „Schießgestell“, also die Körperhaltung? Wie werden die Schüsse abgegeben und wo treffen sie die Zielscheibe? Der digitale Schießtrainer wertet alle diese Daten aus, gleicht sie mit Vorgaben beispielsweise zur Körperhaltung ab und gibt Empfehlungen an die Schützen.

Schafe in der Kaserne: Die Grünflächen in Kasernen und anderen Liegenschaften werden derzeit maschinell bewirtschaftet. Das ist teuer, verursacht Schadstoffe und verbraucht Kraftstoff. Dabei bietet sich eine ökologisch nachhaltige Alternative: Schäfereien und Bauernhöfe sollen die Möglichkeit erhalten, pachtfrei und abgesichert Grünflächen als Weideflächen zu nutzen. Auch andere staatliche, kommunale und industrielle Liegenschaften könnten so bewirtschaftet werden. Die Organisation erfolgt dabei denkbar einfach über eine Internetplattform, die verfügbare Flächen anzeigt und buchbar macht oder zuteilt. Lebensmittel und Textilien aus den „Kasernen-Schafen“ könnten außerdem im Bundeswehr-Kontext vermarktet und mit einem ökologischen Siegel ausgezeichnet werden.

Tarnmuster: Tarnung gehört zu den militärischen Grundfähigkeiten, um vom Feind unentdeckt zu bleiben. Dafür braucht man Tarnmuster, die optimal an die Umgebung angepasst sind. Der Tarnmuster-Generator erzeugt mithilfe maschinellen Lernens neue Tarnmuster, gleicht sie mit verschiedenen Umgebungen und Lichtverhältnissen ab und optimiert sie iterativ. Auf Zeltplanen gedruckt, auf Fahrzeuge foliert oder gesprüht oder für Uniform- und Ausrüstungsteile genutzt – der Generator liefert immer das optimale Tarnmuster.

Uni-Portyx: Im Einsatz werden Ersatzteile oft sofort benötigt – doch sowohl Lagerhaltung als auch Lieferung sind aufwendig. Der Uni-Portyx revolutioniert die dezentrale Fertigung von Ersatzteilen für die Bundeswehr im Einsatz. Diese computergesteuerte Maschine vereint unterschiedliche Werkzeuge, die zum Beispiel zum Fräsen, Plotten oder Plasmaschneiden genutzt werden. Sie ist kompakt, leicht gebaut und so einfach gestaltet, dass selbst unerfahrene Anwender schnell und intuitiv hochwertige Bauteile produzieren können. Eine Produktdatenbank enthält zudem Kontur- und Designdaten für sich wiederholende Aufträge.

Termin-App: Die Terminbuchung und -vergabe beim Truppenarzt läuft in der Bundeswehr derzeit häufig analog, die Betreffenden müssen persönlich erscheinen oder zu bestimmten Sprechzeiten anrufen. Teilweise werden Termine sogar noch händisch in ein Buch eingetragen. Das Resultat: lange Schlangen und Warteschleifen, verlorene Zeit und strapazierte Nerven. Die Termin-App der Sanitätszentren verspricht eine Lösung: Auf einer Internetplattform können Soldaten selbst ihre Termine buchen, die jederzeit mit dem Terminsystem der Sanitätszentren abgeglichen sind. Die Soldaten können so flexibel und effizient ihre Termine machen, die Sanitätszentren werden administrativ entlastet und erhalten eine jederzeit klare Übersicht über ihre Auslastung.

Cyber-Abwehr: Die ITInformationstechnik-Systeme der Bundeswehr brauchen einen besonderen Schutz vor Cyberattacken. Das Cerberus-Programm bewacht das Netzwerk und schützt den Nutzer vor bekannten und unbekannten Angriffen. Dazu kombiniert das Intrusion Detection System zwei Ansätze: signature-based, also bekannte Vorfälle der Vergangenheit, und anomaly-based, also ungewöhnliche Muster, die auf einen Angriff hindeuten. Außerdem lernt Cerberus im Einsatz immer weiter dazu.

Corrosion Detection: Die Instandhaltung von Marineschiffen und -booten erfordert hohen Aufwand. Nicht anders ist es bei Kampfflugzeugen. Mit dem Korrosionsdetektor und seiner künstlich intelligenten Bilderkennung lassen sich bereits frühzeitig erste Spuren von Schäden erkennen. Er erleichtert so die präventive Wartung. Das vermeidet Kosten und stellt die Einsatzbereitschaft der Truppe sicher.

von Amina Vieth