Tarnen und Täuschen

Technologiestützpunkt Tarnen und Täuschen: Vollplastische Pappkameraden

Beim Technologiestützpunkt Tarnen und Täuschen werden täuschend echt wirkende Kunststoff-Turmattrappen in Kleinserie hergestellt. Diese Fake-Türme russischer Panzerfahrzeuge dienen heute der Ausbildung in der Bundeswehr. Die Geschichte des Standorts reicht Jahrzehnte zurück in die Zeit der Nationalen Volksarmee und der Militärdoktrin des Warschauer Pakts.

Eine Geschützturm-Attrappe eines Fahrzeugs steht in einem Waldstück

Wie aus Kunstfasermatten Panzertürme werden

Der Technologiestützpunkt Tarnen und Täuschen ist in seiner Urform ein Relikt des Kalten Krieges. Spezialisten der Nationalen Volksarmee (NVANationale Volksarmee) bauten hier verblüffend originalgetreue Attrappen von Militärtechnik und Gefechtsfahrzeugen des Warschauer Pakts. Zweck des Ganzen: Die Irreführung des Gegners. Und der hieß damals NATONorth Atlantic Treaty Organization. Ob Panzer, Radaranlage oder Raketenabschussrampe – sichtbar aufgestellt, sollten die Dummys über die eigene Stärke täuschen oder als Scheinziele Angriffe provozieren und so die Ressourcen des Feindes erschöpfen. Nach der Wende übernahm die Bundeswehr den Standort mit seinen Fähigkeiten. Allerdings setzt die Truppe seither andere Schwerpunkte. Statt großer Vollattrappen werden meist Attrappen von Kleinkampfmitteln oder Panzertürmen für die Ausbildung fabriziert. 

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  • Attrappen von Raketen stehen in einer Halle
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    Vollattrappen zur Irreführung des Klassenfeindes

    Die Wurzeln des Technologiestützpunkts Tarnen und Täuschen reichen weit in die Geschichte der DDR und ihrer Armee, der NVANationale Volksarmee, zurück. Die DDR war Vertragsstaat des Warschauer Pakts und dieser wurde von der UdSSRUnion der Sozialistischen Sowjetrepubliken gesteuert. Zur sowjetischen Militärdoktrin gehörte auch das planmäßige Täuschen des Gegners über eigene Absichten. Im großen Stil standen während des Kalten Krieges täuschend echt aussehende Gefechtsfahrzeuge, Raketenstellungen oder Artilleriesysteme zur Verfügung. Mit den Attrappen hätten im Konfliktfall Truppenkonzentrationen vorgetäuscht oder der Gegner zu Angriffen auf Scheinstellungen verleitet werden können – ein Konzept, das schon im Zweiten Weltkrieg mehrfach mit Erfolg eingesetzt wurde. In der Bundeswehr spielten solche Überlegungen keine Rolle. Dennoch weckte das NVANationale Volksarmee-Know-how das Interesse von Entscheidungsträgern der Bundeswehr und so blieb der Standort nach 1990 erhalten. Zunächst wurden noch einige Vollattrappen von Bundeswehrfahrzeugen gebaut. So stehen in den Hallen unter anderem ein Schützenpanzer Marder und ein Flugabwehrraketensystem Roland aus Kunststoff. Nicht minder beeindruckend sind aber Oldies wie die sowjetischen Flugabwehrraketen-Komplexe S-125 Newa oder SA-4 Ganef. Den größten praktischen Nutzen für die Ausbildung in der Truppe bieten verschiedene Turmattrappen von Kampffahrzeugen, die regelmäßig zu Ausbildungszwecken verliehen werden.

  • Zwei Soldaten bauen eine Panzerturm-Attrappe in einem Waldstück auf
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    Turm-Dummys für die Ausbildung der Truppe

    Die Montage der in verschiedenen Varianten gefertigten Turm-Attrappen ist unkompliziert und unter Feldbedingungen mit wenigen Handgriffen erledigt. Ohne geeignete Tarnung und aus nächster Nähe fällt natürlich auf, dass es sich um einen Dummy handelt. Sind die Objekte aber sorgfältig ins Gelände eingebaut und überzeugend getarnt, ist die Täuschung perfekt. Ungünstige Lichtverhältnisse und die Anspannung bei den Angehörigen eines Spähtrupps hinter den feindlichen Linien tun ihr Übriges. Die Bundeswehr nutzt die Modelle aus dem Technologiestützpunkt auch, um die eigenen Kräfte mit dem Erscheinungsbild gegnerischer Technik vertraut zu machen. Die Attrappe im Bild ist dem Turm des sowjetischen Schützenpanzers BMP-1P nachempfunden, der seit Jahrzehnten weltweit eingesetzt wird. Derselbe Turm ist auch auf russischen Luftlandepanzern des Typs BMDBojewaja Maschina Dessanta|ru-1 verbaut. Wie bei allen Attrappen des Technologiestützpunkts wurde beim Bau viel Wert auf korrekte Details gelegt. Das Geschützrohr der 73-Millimeter-Kanone wirkt täuschend echt, die charakteristischen Nebeltöpfe am Turmheck sind vorhanden und auch an die Panzerabwehrlenkwaffe 9K111 Fagot (NATONorth Atlantic Treaty Organization-Code: AT-4 Spigot) haben die Konstrukteure gedacht. Die aktuellste Turm-Attrappe aus dem Fundus des Stützpunkts gehört zum neuesten Modell der BMP-Reihe – dem BMP-3.

  • Ein Mann arbeitet an einem Modell aus Holz in einer Werkstatt
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    Modellbausätze als Vorlage für die Turm-Attrappen

    Bevor eine Attrappe gebaut werden kann, müssen die genauen Abmessungen des Originals bekannt sein. Zu DDR-Zeiten standen den NVANationale Volksarmee-Experten viele verschiedene Gefechtsfahrzeuge aus der UdSSRUnion der Sozialistischen Sowjetrepubliken zur Verfügung, weil im gesamten Ostblock sowjetische Militärtechnik dominierte. Für den Auftrag der NVANationale Volksarmee-Dienststelle, Fahrzeuge zum Zweck der Täuschung des Klassenfeindes zu bauen, waren das perfekte Voraussetzungen. Die Zeiten haben sich geändert. Heute verfügt die Bundesrepublik nicht mehr über die modernsten Fahrzeuge aus russischer Produktion wie den BMP-3. Also behelfen sich die Spezialisten des Technologiestützpunkts mit Modellbausätzen. Die detailgetreuen Modelle werden aus den jeweiligen Maßstäben auf das Verhältnis Eins zu Eins hochgerechnet. Selbst wenn dabei gewisse Ungenauigkeiten auftreten sollten, reicht das Ergebnis für Ausbildungszwecke allemal aus. Heute hat die Dienststelle 13 Dienstposten, von denen die meisten zivile Facharbeiter besetzen. Spezialisten aus verschiedenen Gewerken sind an der Produktion einer Turmattrappe in den verschiedenen Phasen beschäftigt. Den Anfang macht der Modellbauer in der Tischlerei mit der Herstellung des sogenannten Muttermodells. Dieses Ur-Modell besteht aus Holz und verfügt bereits über fast alle Details, die später am Turm sichtbar werden. Die „Mutter“ dient als Vorlage für eine Form.

  • Ein Mann baut eine Panzerturm-Attrappe aus Glasfasern in einer Werkstatt
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    Schritt für Schritt entsteht ein Plastik-Doppelgänger

    Im nächsten Schritt kommen die Laminierer zum Einsatz. Auf Basis des Muttermodells werden in der Form nacheinander mehrere Schichten aus Kunstfasermatten aufgetragen. Ein Polyester-Harz sorgt dafür, dass sich diese Matten eng an die Form des Ur-Modells anschmiegen. Zwischen drei und fünf Lagen der Fasermatten werden so allmählich zu einem glasfaserverstärkten Kunststoffturm verbunden, der rund 25 Kilogramm auf die Waage bringt. Ist die erforderliche Materialstärke erreicht und der Turm ausgehärtet, wird das Modell mit Druckluft aus der Form gelöst. Nachdem alle Anhaftungen entfernt wurden, wandern die noch nackten Modelltürme in die Lackiererei. Dort werden sie – wie auch alle übrigen Komponenten des Turms – grundiert und gespritzt. Die Farbgebung orientiert sich an aktuellen Tarnschemata der russischen Armee. Nach dem Lackieren erhalten die Türme auch ihre Bewaffnung. Im Fall des BMP-3 ist das eine 100-Millimeter-Kanone mit koaxialer 30-Millimeter-Maschinenkanone. Dazu kommt noch ein leichtes Maschinengewehr. Damit ist der BMP-3 im Original der am stärksten bewaffnete Schützenpanzer der Welt. Sein Plastik-Cousin ist dagegen völlig harmlos, seine Kanonenrohre bestehen nur aus handelsüblichen Plastikrohren aus dem Baumarkt. Und die Nebeltöpfe bastelt der Feinmechaniker des Standorts an seiner Drehmaschine.

  • Eine männliche Person fertigt in einer Werkstatt eine Granaten-Attrappen an
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    Fokus wandelte sich mit dem Auftrag der Bundeswehr

    Neben der Herstellung diverser Turmattrappen konzentrieren sich die Mitarbeiter des Stützpunkts seit vielen Jahren auf die Produktion von deutlich kleineren Modellen. Handwaffen und Panzerfäuste wie die RPG-7, Minen und Handgranaten sowie verschiedenste Submunitionstypen füllen in den Lagern ganze Regalwände. Auch diese kleinen Attrappen werden mit äußerster Sorgfalt und größtmöglicher Detailtreue hergestellt. Erst wird eine Form angefertigt, dann kommt dort flüssiger Kunststoff hinein. Das ausgehärtete Modell wird aus der Form befreit, bemalt und schließlich mit Details vervollständigt. „Der Fokus auf Kleinwaffen hatte mit dem geänderten Auftrag der Bundeswehr ab den Neunzigerjahren zu tun“, erklärt Hauptmann Fabian W., der Dienststellenleiter des Standorts. „Mit den Auslandseinsätzen musste sich die Truppe auf eine geänderte Gefährdungslage einstellen. Auf dem Balkan oder in Afghanistan war es viel wahrscheinlicher, durch eine Mine oder Submunition zu sterben als durch einen ex-sowjetischen Kampfpanzer T-72.“ Auf diese Situation habe man bei Tarnen und Täuschen reagiert, sagt W. Für Lehrgänge, die hier regelmäßig stattfinden, unterhält der Standort eine reiche Sammlung an Anschauungsmaterial, das zu Ausbildungszwecken auch in andere Standorte im Bundesgebiet verschickt wird.

    von Markus Tiedke