Der lange Arm der Artillerie Teil 1

Der lange Arm der Artillerie Teil 1

  • Einsatz
  • EFP
Datum:
Ort:
Litauen
Lesedauer:
6 MIN

Corona? Kein Hindernis für die Artillerie – selbst dann nicht, wenn es gilt, 57 Tonnen schwere Panzerhaubitzen ins 1.500 Kilometer entfernte Litauen zu transportieren. Während sich Deutschland im Lockdown befindet, gelingt es der 10. Panzerdivision trotzdem, ihre Verstärkungskräfte zur NATO-Mission Enhanced Forward Presence zu entsenden, um die Bündnisverpflichtungen an der NATO-Ostflanke zu erfüllen. Die Geschichte einer langen Reise.

Fünf Soldaten stehen hinter einer Panzerhaubitze und ziehen an einem Seil, ein Geschoss fliegt durch die Luft

Vom Truppenübungsplatz Kairiai schießen die Artilleristen über 30 Kilometer Entfernung aufs offene Meer hinaus

Bundeswehr/Kurt Basler

Es ist ein kühler Morgen auf dem Truppenübungsplatz im litauischen Kairiai – ideale Bedingungen für das Präzisionsschießen der Artilleristen aus der Oberpfalz. Die Soldatinnen und  Soldaten starten die 1.000 PS starken Motoren ihrer Panzerhaubitzen. Unter lautem Grollen erwachen die 57 Tonnen schweren Stahlkolosse zum Leben. Der Boden bebt, als die Panzerhaubitzen zur Ladestraße fahren, wo Granaten und Treibladungen fein säuberlich aufgereiht bereitliegen. Jede Haubitze nimmt 25 Sprenggeschosse auf, dazu kommt die sogenannte sechste modulare Treibladung, die dafür sorgt, dass das Geschoss bis zu 30 Kilometer weit fliegen kann. Innerhalb von acht Minuten ist die Beladung abgeschlossen.

„Das Schießen auf knapp 30 Kilometer Entfernung ist die Königsdisziplin für die Geschützbesatzungen“, erklärt der Batteriechef Johannes M. Seit Ende Oktober rollen die fünf Panzerhaubitzen 2000 durch die Birkenwälder des Baltikums, um gemeinsam mit den litauischen Verbündeten das Gefecht der verbundenen Kräfte zu üben. Der Weg dorthin war mit einigen Herausforderungen verbunden.

Weidener Artilleristen unterstützen NATO-Battlegroup

Eine Panzerhaubitze von vorn, darauf ein Soldat, daneben steht ein weiterer Soldat

Eine Panzerhaubitze 2000 fährt auf dem Übungsplatz Kairiai in die Ladestraße, dort liegen die Geschosse bereit

Bundeswehr/Kurt Basler

Diese Übung ist Teil der vorbereitenden Ausbildung für die Übung Iron Wolf, bei der die multinationale EFPEnhanced Forward Presence-Battlegroup der NATO mitsamt den Verstärkungskräften aus Deutschland in eine litauische Brigade eingebunden wird. Der Auftrag: die Steilfeuerkomponente der litauischen Brigade „Geležinis Vilkas“ (Eiserner Wolf) und die ihr unterstellte EFPEnhanced Forward Presence-Battlegroup verstärken. Den Hauptteil der verstärkten Artilleriebatterie stellen dabei die Männer und Frauen der 4. Batterie aus dem oberpfälzischen Weiden unter Führung von Hauptmann Johannes M. Unterstützt werden diese durch einen Anteil Munitionsversorgung und Transport aus der 1. Batterie sowie einer Wettergruppe, einer Artillerieortungsradar-Gruppe und einem Schallmesszug aus der 2. Batterie. Doch wie ist die Verstärkung nach Litauen gelangt?

Mit dem Schiff über die Ostsee

Zugegeben: Bis auf den Truppenübungsplatz in Litauen war es ein weiter Weg für die Oberpfälzer. „Verlegungen von Großgerät per Eisenbahntransport gehören zwar mittlerweile zum Alltag für das Artilleriebataillon 131“, berichtet der Kommandeur, Oberstleutnant Sven Zickmantel. In Schweden und in Österreich haben die Artilleristen jüngst geübt, zweimal waren sie in Litauen. Doch mit solchen Widrigkeiten wie beim dritten Auslandsaufenthalt im Baltikum konnte niemand rechnen.

Die Verlegung der Verstärkungskräfte für die achte Rotation der EFPEnhanced Forward Presence-Battlegroup sei bereits weit im Voraus geplant worden, so Zickmantel. „Neu für mein Team war dabei der Transport mit der Fähre. In diesem Umfang hat das im Bataillon bisher keiner derart durchgeführt.“ Doch die COVID-19Coronavirus Disease 2019 Pandemie machte alle Pläne zunichte: Dass die Artilleristen ihr Material selbst verladen, war jetzt nicht mehr möglich – die Soldatinnen und Soldaten mussten zwei Wochen vor dem Abflug in die isolierte Unterbringung. „Aus diesem Grund musste ein Transportkommando aus dem Bataillon aufgestellt, eingewiesen und teilweise auch noch ausgebildet werden.“

Fährtransport ist Neuland

Am Heimatstandort galt es deshalb nicht nur, die Ausbildung der neuen Offizieranwärter und die Dienstpostenausbildung ungarischer Artilleristen zu stemmen. Zeitgleich mussten Hygienekonzepte für den begleitenden Transport mit Bahn und Fähre sowie die notwendigerweise kontaktlose Übergabe an die inzwischen eingeflogenen Verstärkungskräfte aufgestellt werden. Insgesamt waren 65 Soldatinnen und Soldaten aus allen Einheiten des Bataillons eingebunden, um die fünf Tage dauernde Verlegung von unterschiedlichen Fahrzeugen sowie Großgerät zu bewältigen und die engen Zeitlinien der zivilen Fähr-Reederei einzuhalten. „In einer solchen Situation ist eine ungewisse Lageentwicklung durch die Corona-Pandemie auch nicht gerade hilfreich“, kommentiert Oberstleutnant Zickmantel das logistische Bravourstück.

Wiedersehen in Litauen

In den Monaten zuvor hatte das Weidener Artilleriebataillon 131 die Aufgabe, das Personal am Heimatstandort zusammenzuführen und für den Auftrag der Landes- und Bündnisverteidigung vorzubereiten. Somit hatten Einsatzvorausbildung, Dienstpostenausbildung, diverse Truppenübungsplatz-Aufenthalte sowie Weiterbildungen den Dienstalltag bereits seit Anfang des Jahres bestimmt.

Bereits im Juli verlegten Soldatinnen und Soldaten des Feuerunterstützungszuges zusammen mit den Kameradinnen und Kameraden des Panzerbataillons 104 aus Pfreimd nach Litauen, um dort für die Dauer von sechs Monaten den Kern der multinationalen Battlegroup in der achten Rotation zu stellen. Während dieser Zeit sollten die Weidener Feuerunterstützer die Kampftruppe in allen Fragen der Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung beraten. Die Pfreimder Panzer sind ebenfalls nicht neu im Baltikum – 2019 stellte der Verband der Panzerbrigade 12 die fünfte Rotation in Litauen.

Mit Haubitze und Wohnmobil auf Deck

Die Verlegung des Materials für die Verstärkungskräfte begann schließlich im Oktober mit der Eisenbahnverladung in Vilseck bei Grafenwöhr. Der begleitete Bahntransport ging dann aber nicht – wie sonst üblich – zum Umladebahnhof nahe der polnisch-litauischen Grenze, sondern nach Rostock. Im Fährhafen an der Ostsee wurden wenige Tage später alle 55 Fahrzeuge auf eine Fähre umgeladen. Es sei gut zu wissen, dass auf die Frauen und Männer seines Bataillons Verlass ist, sagt Zickmantel. Änderungen in der Absprache mit den zivilen Partnern beim Umschlag im Rostocker Hafen standen nämlich auf der Tagesordnung. Doch die Mühen zahlten sich aus und ergaben schließlich ein fürwahr ungewohntes Bild: Urlauber und Camper auf dem Weg nach Schweden sowie Panzerhaubitzen und schwere Lkws für die EFPEnhanced Forward Presence-Mission schipperten einträchtig über die Ostsee.

Ein Kraftakt für das ganze Bataillon

Zwei Panzerhaubitzen stehen auf einem Waldweg, dazwischen ein Geländefahrzeug vom Typ Wolf

Im baltischen Kiefernwald warten die Panzerhaubitzen auf ihren Befehl

Bundeswehr/Kurt Basler

Nach Überfahrt zum litauischen Zielhafen Klaipėda konnten die Fahrzeuge vom Begleitkommando entladen und in der Nacht kontaktlos an die zuvor eingeflogenen Besatzungen der Artilleriebatterie übergeben werden. Somit hatte das Coronavirus keine Chance. Unter diesen besonderen Umständen war die Verlegung ein immenser Kraftakt und eine logistische Herausforderung für das Bataillon, der ambitionierte Zeitplan wurde trotzdem umgesetzt.

Das Verlade- und Begleitkommando der 5. Batterie machte sich auf dem Seeweg und per Bus zurück in die Oberpfalz. „Die Verlegung ist trotz der kurzfristigen Änderungen und des zusätzlichen Kräftebedarfs sehr gut verlaufen“, bestätigt der Kommandeur des Artilleriebataillons 131. Nur durch die gute Koordination aller beteiligten Dienststellen sei es gelungen, das Einsatzgerät mit dem Transportkommando sowie die Verstärkungskräfte in Litauen zum gleichen Zeitpunkt zusammenzuführen.

„Feuerbereit!“

An der offenen Heckklappe einer Panzerhaubitze steht ein Soldat mit Panzerhaube und wuchtet ein Artilleriegeschoss in ein Gestel

In der Ladestraße: Der Munitionskanonier wuchtet die bereitliegenden Geschosse in den Ladeautomaten der Panzerhaubitze

Bundeswehr/Kurt Basler

Auf dem litauischen Übungsplatz Kairiai: Erst kurz vor dem Feuerbefehl fahren die Haubitzen aus dem schützenden Wald auf das vor ihnen liegende offene Gelände und in die befohlenen Feuerstellungen. Anspannung liegt in der Luft. „Es ist atemberaubend zu spüren, wie die Haubitze auf diese enormen Kräfte reagiert, wenn der Schuss bricht“, erzählt die Geschützführerin, Feldwebel Jana M. Dann ist es soweit: Über Funk kommt der Feuerbefehl. „Kraftfahrer, marsch!“, ruft sie dem Fahrer zu. Wenige Sekunden später stehen alle vier Panzerhaubitzen in ihren Feuerstellungen, drehen ihren Turm in Schussrichtung und machen sich feuerbereit.

Die Zielkoordinaten unter Beachtung der Wetterdaten mitsamt Windgeschwindigkeiten hat die Feuerleitstelle des Zuges bereits verarbeitet. Auf diese Weise werden der richtige Abschusswinkel und weitere benötigte Parameter berechnet. Im Kampfraum übernimmt der Richtkanonier das Feuerkommando. Jetzt setzt der Ladeautomat ein Explosivgeschoss an, danach schiebt der Munitionskanonier die Treibladung ins Rohr und schließt den Verschluss. „Feuerbereit!“, ruft er. Stille im Kampfraum. „Feuer!“ Die Geschützführerin drückt die Feuertaste, die tonnenschwere Haubitze erbebt unter dem Druck, den die Treibladung entfaltet. Es dauert eine knappe Minute, bis das Geschoss sein Ziel erreicht.

Der lange Arm der Artillerie Teil 2

von Mario Hönig, Sascha Klenk und Karsten Dyba

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