Rettung aus der Luft

Personnel Recovery: Multinationale Teamarbeit bei MINUSMAMultidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali

Personnel Recovery: Multinationale Teamarbeit bei MINUSMAMultidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali

  • Einsatz
  • MINUSMA
Datum:
Ort:
Gao
Lesedauer:
5 MIN

45 Grad, heißer Wind, mehrere Stunden Fahrzeit vom Camp Castor entfernt, irgendwo in der Wüste Malis überhitzt das Fahrzeug von zwei UNUnited Nations-Soldaten und geht in Flammen auf. Ein Teil ihrer Ausrüstung und ihres Wasservorrates geht dabei verloren. Die Soldaten setzen einen Notruf ab. Eine Aufgabe für die Personnel Recovery Task Force.

Mehrere Soldaten laufen auf einen Hubschrauber zu

Auf das Personnel Recovery-Team ist Verlass - Multinationale Teamarbeit bei MINUSMAMultidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali

Bundeswehr/Marcus Schaller

Mit Eingang des Notrufes ist ein schnelles Handeln der Operationszentrale, des Joint Operation Center, kurz JOCJoint Operation Center, im Camp Castor erforderlich. Der Standort der Soldaten muss nun schnellstmöglich verifiziert werden, um die Rückholung einleiten zu können. 
Die JOCJoint Operation Center bewertet die Lage und alarmiert umgehend alle benötigten Einheiten. „Für solch eine Mission werden unterschiedlichste Fähigkeiten benötigt, die stark von der Gefährdungslage und dem Einsatzraum abhängen. Es bedarf Aufklärungsmittel, wie beispielsweise Drohnen, die den Bereich überwachen, um den Standort der Personen aufzuklären und um zu bewerten, wie die Gefahrenlage vor Ort genau ist. Es wird ein Transportmittel für die Evakuierung benötigt. Das können je nach Lage und Entfernung Fahrzeuge oder Hubschrauber sein. Für die Aufnahme wird ein speziell geschultes Team eingesetzt,“ erklärt der SERE-Spezialist des deutschen Einsatzkontingentes. SERE steht für Survival – Evasion – Resistance – Extraction. Von der Gefahrenlage im Einsatzgebiet hängt auch ab, ob Luftunterstützung durch Kampfhubschrauber oder Kampfjets benötigt wird. Sollten die Soldaten verletzt sein, kann es erforderlich werden, zusätzlich medizinisches Fachpersonal mitzunehmen.

Gute Planung ist der Schlüssel zum Erfolg

Wenige Minuten nach der Alarmierung finden sich Soldaten des Personnel Recovery-Teams, der Hubschrauberstaffel und der SERE-Spezialist am Flugfeld ein. Sie bilden zusammen die Personnel Recovery Coordination Cell (PRCC). 
Im Briefing wird die aktuelle Lage dargestellt. Dann beginnt die Planung der Rettungsmission. „Die PRCC muss innerhalb kürzester Zeit eine gemeinsame Strategie entwickeln, um alle involvierten Kräfte sicher an das Ziel heranzuführen, zu sichern, zu evakuieren und schließlich alle Beteiligten, möglichst ohne eigene Verluste an Mensch und Material, zurück zum Camp zu führen,“ so der SERE Spezialist.

Möglichkeiten des Handeln

Ein Soldat arbeitet an einer Karte

Je genauer die Planung desto besser sind die Erfolgschancen der Rettung

Bundeswehr/Marcus Schaller

Bereits kurz nach Eingang des Notrufes der Soldaten ist klar, dass die im Raum Gao eingesetzten Patrouillen mehrere Stunden brauchen würden, um die Soldaten in dem unwegsamen Gelände zu erreichen. Bis dahin würden den Soldaten ihre Wasservorräte ausgehen. Bei den aktuell vorherrschenden heißen Witterungsverhältnissen dehydriert ein Mensch innerhalb weniger Stunden. 
Die Möglichkeiten des Handelns sind also begrenzt. Aus der Bewertung der Lage ergibt sich als einzige Lösung die Rückholung mit Hubschraubern. „Durch die Kontingentführung wird der Einsatz genehmigt. Wer die Entscheidung für die Genehmigung und anschließende Durchführung eines Einsatzes trifft, hängt von mehreren Faktoren ab, die in einer Entscheidungsmatrix geregelt sind“, erklärt der SERE Spezialist. 
Eine Drohne vom Typ Heron kreist bereits über den isolierten Soldaten. Damit weiß die Operationszentrale, wo sich die Soldaten befinden und wie die Lage vor Ort ist. Durch die Drohne besteht auch ein direkter Funkkontakt mit den Soldaten am Boden.
Die Piloten planen verschiedene Flugrouten aus, besprechen den Flug mit dem Teamleiter und dieser gibt an das PR-Team den Befehl zur Aufnahme. Das Team begibt sich anschließend umgehend zum Hubschrauber NHNATO-Helicopter-90 und ist nach wenigen Minuten einsatzbereit.

Die richtige Vorbereitung und Ausbildung sind entscheidend

Damit in der Rettungszone die isolierten Soldaten schnell aufgenommen werden können, sollten bereits vor einem Einsatz dafür die entsprechenden Vorbereitungen getroffen werden. Wie Soldatinnen und Soldaten sich verhalten müssen, wenn sie von der Truppe abgeschnitten und auf sich allein gestellt sind, und wie sie sich zu den eigenen Kräften durchschlagen können, sind Ausbildungsinhalte die Jeder vor seinem Auslandseinsatz während der Einsatzvorbereitung durchläuft. 
„Es gibt dafür drei SERE-Module. Wer welches Modul durchläuft, hängt davon ab, welchem Risiko die Soldatin oder der Soldat im Einsatz ausgesetzt ist“, erläutert der SERE-Spezialist. 
Die Maßnahmen bis zur Rückholung sind umfangreich. Es werden alle Informationen zum eigentlichen Auftrag gesammelt, wie beispielsweise die Marschroute und Sammelpunkte. 
Die Soldatinnen und Soldaten füllen bereits vorab, also vor Beginn ihres Einsatzes, einen sogenannten Isolated Personnel Report (ISOPREP) aus. In diesem Formular werden Informationen niedergeschrieben, die nur sie kennen. Bei bestehender Verbindung mit den Aufnahmekräften helfen diese Fragen und Antworten bei der Identifizierung der Personen. Zusätzlich durchläuft jede Soldatin und jeder Soldat das sogenannte IN-Training im Einsatzland, bei dem noch mal explizit auf das Verhalten während der Rettung eingegangen wird.

Die Rettung

Zwei Soldaten knien im Sand und zwei nähern sich von hinten. Im Hintergrund steht ein Hubschrauber

Nach der Landung wird der Raum gesichert und zwei Soldaten nähern sich den aufzunehmenden Soldaten

Bundeswehr/Marcus Schaller

Es gibt nun die finale Order zur Durchführung der Rückholung der isolierten Kräfte. Der NHNATO-Helicopter-90 rollt auf die Startbahn und hebt ab. Im Tiefflug geht es zur geplanten Landezone. 
Kurz vor der Landung in der Rettungszone ist die Anspannung des Teams im Hubschrauber spürbar. Die Soldaten warten nur auf die Informationen und das Signal des Bordtechnikers, um dann schnell absitzen zu können, sobald der NHNATO-Helicopter-90 gelandet ist. Als das Signal gegeben wird, geht alles ganz schnell: Die Männer sind perfekt aufeinander eingespielt und jeder von ihnen weiß, was zu tun ist. Ein Teil des Teams schwärmt aus und sichert das Umfeld. Andere Soldaten des Teams nähern sich den am Boden knienden Personen.
Die Soldaten werden auf Waffen überprüft und dann anhand der vorhandenen Informationen und Merkmale identifiziert. Nach der Identifizierung werden die beiden Soldaten zum Hubschrauber geführt. Ziel ist immer die zweifelsfreie Identifizierung, damit für Hubschraubercrew und PR-Kräfte keine zusätzliche Gefahr besteht. Sobald sich die Soldaten an Bord der Maschine befinden, erhält die Sicherung das Signal, ebenfalls aufzusitzen. Nachdem alle im Hubschrauber Platz genommen haben, startet dieser und verschwindet in einer Staubwolke. Die gesamte Aufnahme hat nur wenige Minuten gedauert. Der SERE-Spezialist fasst zusammen: „Diese Verfahren sind in vielen Streitkräften etabliert und haben sich auch in verschiedenen Einsätzen schon bewährt.“

Auf das Personnel Recovery-Team ist Verlass

Soldaten steigen in einen Hubschrauber ein

Aufnahme geglückt. Jetzt geht es wieder ins Lager zurück.

Bundeswehr/Marcus Schaller

Nach der Rückkehr im Camp wird die Mission, die dieses Mal nur eine Übung war, ausgewertet. Mehrere Male wurde das Verfahren an diesem Tag geübt, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Der SERE-Spezialist zieht ein positives Fazit. „Im Ernstfall kann sich jeder auf das Personnel Recovery-Team verlassen.“ Nichtsdestotrotz steht das ständige Üben im Vordergrund unter dem Motto 'Train as you fight, fight as you train' - „Trainiere, wie du kämpfst, kämpfe, wie du trainierst“. Denn schon der nächste Alarm könnte ein scharfer sein.

von Marcus Schaller und Michael Walbeck

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