Cyber- und Informationsraum

„Niemand wird auf der Strecke bleiben“ - Interview mit dem Inspekteur CIR

„Niemand wird auf der Strecke bleiben“ - Interview mit dem Inspekteur CIR

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Bonn
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5 MIN

Am 25. November lud das Kommando Cyber- und Informationsraum rund 20 interessierte Absolventen von MINT-Studiengängen aus allen Werdegängen der gesamten Bundeswehr an die IT-Schule in Feldafing ein. Haben sie das Zeug zum Cyber/IT-Offizier? Das wollten die Kandidatinnen und Kandidaten herausfinden. Denn der Werdegang „Cyber/IT-Dienst der Bundeswehr“ bietet qualifiziertem Personal attraktive Entwicklungsmöglichkeiten. Im ersten Teil eines Interviews zu diesem Thema spricht der Inspekteur des Organisationsbereichs Cyber- und Informationsraum, Generalleutnant Ludwig Leinhos, über heutige und kommende Herausforderungen im Bereich Personal.

Ein Soldat in einer Interviewsituation

"Ich bin der Taktgeber für die von mir verantworteten Werdegänge", so der Inspekteur CIRCyber- und Informationsraum

Bundeswehr/Martina Pump

Herr General, im Dezember letzten Jahres hat der Generalinspekteur der Bundeswehr die Zentrale Dienstvorschrift „Erarbeitung militärischer personeller Bedarfsträgerforderungen im Personalmanagement“ gezeichnet. Mit dieser werden unter anderem die Rollen der Bedarfsträger, also derjenigen, die in der Bundeswehr Personal benötigen, neu geordnet. Ein Jahr später ist ein geeigneter Zeitpunkt, ein Zwischenfazit zu ziehen.

Tatsächlich hat diese Weisung für meinen Organisationsbereich herausragende Bedeutung, versetzt sie uns doch in die Lage, die personelle Entwicklung und Auswahl in erheblich größerem Maße als bisher zu gestalten.

Und warum?

Lassen Sie mich kurz auf zwei wesentliche Aspekte dieser Regelung eingehen. Mein Stab hat diesen etwas sperrigen Titel auf den prägnanteren Begriff „Zorn-Erlass“ eingekürzt und beschreibt seine Entstehung mit der Formulierung „Vom Wolf-Erlass zum Zorn-Erlass“. Der durch den damaligen Staatssekretär Wolf gezeichnete „Wolf-Erlass“ wies den Inspekteuren der drei Teilstreitkräfte – Heer, Luftwaffe und Marine – die Aufgabe zu, Bedarfsträgerforderungen für ihren Uniformträgerbereich zu erarbeiten und damit insbesondere die Vorgaben für die Personalgewinnung, -entwicklung und -auswahl zu gestalten. Alle anderen Organisationsbereiche, in denen Heeresuniformträger neben Luftwaffen- und Marineuniformträger dienen, konnten sich einbringen. Die abschließende Entscheidung lag aber allein in der Hand des jeweiligen Inspekteurs der jeweiligen Teilstreitkraft. Für den Cyber/IT-Dienst beispielsweise bedeutete dies, dass jede Teilstreitkraft eigene Vorgaben formulierte und Organisationsbereiche wie die Streitkräftebasis und der Cyber- und Informationsraum, in dem die Mehrzahl der Cyber/IT-Kräfte dienen, sich lediglich mit Vorschlägen einbringen konnten. Genau dieses Defizit behebt der „Zorn-Erlass“: Alle Organisationsbereiche sind in der Formulierung von Bedarfsträgerforderungen nunmehr gleichberechtigt. Der Erlass geht aber noch einen Schritt weiter: Er weist mir die Verantwortung für die Werdegänge Cyber/IT-Dienst, Militärisches Nachrichtenwesen, Operative Kommunikation und Geoinformationsdienst der Bundeswehr zu. Damit bin ich der Taktgeber für die von mir verantworteten Werdegänge. Aber, um dies auch klar zu sagen, es geht hierbei nicht um Werdegänge meines Organisationsbereichs. Vielmehr geht es um Personal in Werdegängen, die ich zu verantworten habe. Dieses Personal wird jedoch in allen Organisationsbereichen eingesetzt und erfüllt dort für die Auftragserfüllung wichtige Funktionen.

Ohne die hochklassige Arbeit des Personals im Werdegang Cyber/IT-Dienst fliegt heute kein Luftfahrzeug, fährt kein Schiff und trifft kein Panzer sein Ziel.

Ein Soldat baut ein IT-System auf.

IT-Spezialisten sind äußerst gefragt, bei Behörden und Unternehmen gleichermaßen.

Bundeswehr/Martina Pump

Das heißt jetzt wird alles besser im Cyber/IT-Dienst?

Dann wäre alles vor der jetzigen Erlasslage schlecht gewesen und das war es keineswegs. Wir haben bereits gute Vorarbeiten vorgefunden, die wir aber nun noch konsequenter vorantreiben. Wenn ich davon spreche, dass ich der Taktgeber bin, dann stehe ich bildlich gesprochen einem Orchester vor. Nur wenn alle miteinander spielen, stimmt die Melodie. Mir kommt es darauf an, gemeinsam und auf Augenhöhe mit den anderen Organisationsbereichen Bedarfsträgerforderungen zu entwickeln. Ich kann aber auch nicht verhehlen, dass wir in einigen Bereichen neue Wege gehen werden oder, um es klar zu sagen, gehen müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Ich möchte dies an einem Beispiel erläutern. Es muss unser aller Ziel sein, das bestgeeignetste Personal für die Bundeswehr zu gewinnen und an die Bundeswehr zu binden. Dies können wir aber nur, wenn wir mehr bundeswehrgemeinsam denken. Es ist beispielsweise nicht mehr zeitgemäß, und auch der Truppe nicht vermittelbar, wenn in einem IT-Bataillon ein schlechter geeigneter Luftwaffenuniformträger zum Berufssoldaten übernommen wird, weil die Quote der Luftwaffe dies noch hergibt, demgegenüber jedoch ein besser geeigneter Heeresuniformträger aus dem gleichen Bataillon nicht übernommen wird, weil die Quote des Heeres bereits ausgeschöpft ist. Hier müssen wir also umdenken und neue Wege, auch in der Personalauswahl, gehen, um sicherzustellen, dass wir die besten Talente für die Bundeswehr, nicht nur für den Organisationsbereich CIRCyber- und Informationsraum, gewinnen.

Bei allem Innovationsdruck möchte ich aber eines unmissverständlich klar herausstellen: Niemand wird sprichwörtlich auf der Strecke bleiben. Wir haben mit den Uniformträgerbereichen bereits für viele Bereiche die Verantwortung unter dem Stichwort Fähigkeitstransfer klar abgegrenzt und stehen im ständigen Austausch, um alle weiteren Fragen einvernehmlich zu klären.

Sie sprechen vom Innovationsdruck. Was genau meinen Sie damit?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir zunächst einen Blick auf die personelle Situation im Cyber/IT-Dienst werfen. Auf den ersten Blick haben wir im Cyber/IT-Dienst zu wenig Personal in allen Laufbahnen. Bei den IT-Feldwebeln ist beispielsweise aktuell nahezu jede dritte Stelle unbesetzt; in einigen Bataillonen sogar jede zweite. Dies schmerzt, sind doch gerade die IT-Feldwebel das Rückgrat der Cyber/IT-Fähigkeit der Bundeswehr. Aber ich blicke optimistisch in die kommenden Jahre. Wir spüren bereits in diesem Jahr einen positiven Aufwärtstrend, der sich in den kommenden Jahren noch verstärken wird.

Bis 2022 werden in den IT-Bataillonen vier von fünf Dienstposten besetzt sein. Dies ist ein klarer Erfolg, der gemeinsamen Anstrengungen von Personalgewinnung und Personalführung auf der einen sowie den Truppenteilen und Dienststellen auf der anderen Seite.

Herausfordernd ist aber immer noch der Bereich der IT-Experten, eben jener Fachkräfte, die wir zwingend brauchen, um die geforderte Cyberverteidigung auf- und auszubauen. Und gerade in diesem Bereich der Experten ist der Kampf um die „klügsten Köpfe“ am schwersten - die IT-Spezialisten werden überall benötigt und es gibt nicht genug. Wir müssen uns stets weiterentwickeln, um uns auch künftig als modernen attraktiven Arbeitgeber zu präsentieren. In den kommenden Jahren werden wir zwar weitere Dienstposten im Bereich der Cyberverteidigung aufbauen, das wird aber unsere Situation nicht sofort verbessern.

Warum verbessert sich ihre Situation dadurch nicht automatisch?

Neue Dienstposten sind eine folgerichtige Konsequenz und unverzichtbar für den Aufbau einer umfassenden Cyberverteidigung. Das IT-Fachpersonal steht uns mit diesen neuen Dienstposten aber nicht automatisch zur Verfügung, sondern muss erst gewonnen und ausgebildet werden. Genau diese IT-Spezialisten sind aber äußerst gefragt, bei Behörden und Unternehmen gleichermaßen. Das Schlagwort „Fachkräftemangel“ ist in aller Munde. Schließlich ist der Bereich Cyber/ITInformationstechnik wie kaum ein anderer von schnell aufeinanderfolgenden disruptiven Innovationszyklen geprägt: Der IT-Experte von heute, der sein Wissen nicht beständig aktuell hält, wird schnell von der Entwicklung abgehangen sein. Die Geschwindigkeit mit der sich hier Entwicklungen vollziehen stellt das IT-Fachpersonal auch in der Bundeswehr vor bisher ungekannte Herausforderungen.

Der entstehende Wettkampf auf dem Arbeitsmarkt zwingt uns in der Bundeswehr, sich Gedanken zu machen, wie wir mit unserem Fachpersonal und mit externen Bewerbern umgehen wollen, um diese zu gewinnen.

Im folgenden Teil des Interviews spricht der Inspekteur über die Planungen, noch in diesem Jahr eine Fachkarriere zu etablieren, um so über neue Wege die dringend benötigten Fachkräfte für zu sich gewinnen.

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Zwei Soldaten zeigen auf einen Bildschirm

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