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Tarnen, täuschen, kämpfen – Eutiner Aufklärer im Gelände

Tarnen, täuschen, kämpfen – Eutiner Aufklärer im Gelände

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Datum:
Ort:
Eutin
Lesedauer:
5 MIN

Das Dröhnen etlicher Motoren hallt an diesem klaren Dienstagmorgen durch die Kaserne. Fast das gesamte Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“ ist auf den Beinen, trifft letzte Vorbereitungen, bevor es rausgeht. Bei der zweiten Kombinierten Führer- und Truppenausbildung des Jahres sind alle vier Kompanien und der Stab des Verbandes für zwei Wochen in Aus- und Weiterbildung gefordert.

Ein gepanzertes Fahrzeug passiert die seichte Stelle eines Flusslaufes. Wasser spritzt zu beiden Seiten auf.

Für die 4. Kompanie des Aufklärungsbataillons 6 ist ein Gefechtsmarsch durch Ostholstein Teil der Ausbildung. Hier passiert ein Transportpanzer Fuchs eine Furt.

Bundeswehr/Henry Cröger

Das Ziel der Ausbildung hat der Kommandeur, Oberstleutnant Tobias Aust, tags zuvor bei seinem Grundlagenunterricht an die militärischen Führer des Bataillons ausgegeben: Handlungssicherheit für die Herausforderungen im kommenden Jahr, die multinationale Übung Allied Spirit und die Beteiligung an der NATO-Mission Enhanced Forward Presence (EFPEnhanced Forward Presence) in Litauen. Mit der Führer- und Truppenausbildung überprüfen die Soldatinnen und Soldaten die eigenen Standards, vertiefen diese, probieren neue Aspekte und setzen sie um. Vor dem Hintergrund der Refokussierung auf das hochintensive Gefecht, welches das Bataillon seit einigen Jahren mit den Ausbildungen und Übungen der Holstein-Serie intensiv betreibt, gilt es auch, aktuelle Konflikte wie etwa den Krieg in Bergkarabach auszuwerten und diese Erkenntnisse in die eigene Ausbildung einzubringen. Die neue Qualität einer unbemannten Bedrohung aus der Luft beispielsweise ist gerade bei vermeintlich klassischen Ausbildungen wie dem Marsch und dem Beziehen von Räumen ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Üben übt: Und so ist es für die jungen Soldaten als auch für die „alten Hasen“ immer wieder wichtig, standardisierte Abläufe wieder und wieder zu trainieren.

Verpflegung, Nachschub, Munition

Vor einer großen Scheune stehen zwei Militär-Lkw sowie ein Zelt.

Die 1. Kompanie errichtet, angelehnt an örtliche feste Infrastruktur, einen Bataillonsversorgungspunkt.

Bundeswehr/Henry Cröger

Der Gefechtsmarsch durch Ostholstein der 1. Kompanie, der Stabs- und Versorgungskompanie, verläuft zunächst ohne Feindberührung. Der Verfügungsraum wird bezogen und Einsatzbereitschaft hergestellt. Für die 1. Kompanie bedeutet das in einem hochintensiven Szenario: Errichten eines Bataillonsversorgungspunktes und des Unterstützungsgefechtsstands. Die Gefechtsfahrzeuge der Spähtrupps werden betankt, bevor sie sich in Richtung der Frontlinie begeben. An dem Versorgungspunkt können die Gefechtsfahrzeuge der 2. und 3. Kompanie und die unbemannten Aufklärungssysteme der 4. Kompanie instandgesetzt werden. Verpflegung, Nachschub, Munition – all dies wird hier durch den Unterstützungsgefechtsstand koordiniert, der stets enge Verbindung zum Hauptgefechtsstand des Bataillons hält. Parallel dazu trainieren die Soldaten der 1. Kompanie das soldatische Grundhandwerk. Dazu gehören das Leben im Felde und die Sicherungs- und Alarmpostenausbildung. Es sind essenzielle Fähigkeiten des Soldatenberufs, die wieder und wieder vertieft werden müssen.

Kerngeschäft Panzerspähaufklärung

An einem Geländesandkasten, einem Nachbau des Geländes mit natürlichen Materialien, stehen fünf Soldaten.

Der Kompaniechef der „Roten Zwoten“ weist am Geländesandkasten die Soldaten in den Ablauf der Kombinierten Führer- und Truppenausbildung ein.

Bundeswehr/Timm Ritter

Mit der „Roten Zwoten“ geht es auf den Standortübungsplatz in Eutin. Zunächst steht das Kerngeschäft der Späher auf dem Programm: Panzerspähaufklärung mit dem Spähwagen Fennek. Dabei geht es um die richtige Tarnung der Aufklärungsfahrzeuge und das Beziehen eines Versteckes für die Nacht. Trainiert wird auch die Rückführung der Soldaten, die aus dem Feindgebiet mit Informationen zurückkehren und von der eigenen Sicherungstruppe aufgenommen werden. Das ist deshalb besonders heikel, weil neben den Spähern eigentlich nur feindliche Kräfte aus dieser Richtung kommen können. Freundbeschuss ist dabei eine reale Gefahr, die nur mit guter Absprache und Koordination ausgeschlossen werden kann.

Bei bestem Späherwetter geht es dann in die zweite Woche der Führer- und Truppenausbildung. Im Klartext: Es regnet, stürmt und die Temperaturen sinken. Für die Soldaten der 2. Kompanie genau das richtige Wetter, um den Schwerpunkt der Ausbildung auf die abgesessene und stationäre Ausbildung zu legen. „Viel sehen, ohne gesehen zu werden“ – dieser Grundsatz der Aufklärer ist Auftrag und Lebensversicherung zugleich und erfordert eine sorgfältige Tarnung, Stellungswahl und körperliche Robustheit beim stundenlangen Verharren in einem Versteck.

Gefechtsmarsch durch Ostholstein

Blick von hinten auf die Oberseite eines Panzers, vorn schaut ein Soldat aus einer Luke.

Auf dem Gefechtsmarsch durch Ostholstein ist die Landkarte ständiger Begleiter. Mit ihr navigiert der Kommandant des Transportpanzers Fuchs. Ein Soldat, der aus der Luke schaut, sichert mit seiner Waffe nach vorn.

Bundeswehr/Frederic von Seelen

„Motoren an, Delta 1 Marsch!“ Mit diesem Befehl startet die 3. Kompanie nach dem theoretischen Unterricht in ihren praktischen Teil der Kombinierten Truppen- und Führerausbildung. Da es eine sogenannte freilaufende Übung ist, müssen die Kraftfahrer und Kommandanten im morgendlichen Berufsverkehr die befohlenen Zeiten und Abstände halten und dürfen dabei weder die Verkehrssicherheit, noch etwaige feindliche Kräfte außer Acht lassen. Freilaufend bedeutet, die Übung findet jenseits eines Übungsplatzes oder des Kasernengeländes statt, also im urbanen zivilen Raum. Wird dann am Zielpunkt ein Raum bezogen, ist die Kompanie nicht nur besonders verwundbar, angesichts der vielen verschiedenen Fahrzeugmuster und Fähigkeiten ist der Koordinationsaufwand hoch. Denn die 3. Kompanie vereint neben den Feldnachrichtenkräften, die mit Gesprächsaufklärung zum Lagebild beitragen und beispielsweise Kriegsgefangene befragen, auch die infanteristischen leichten Späher, die vor allem im abgesessenen Einsatz hinter feindlichen Linien ihr volles Potenzial ausschöpfen. Neben der Koordination der Kräfte im Raum und der Ausbildung der jeweiligen Besatzungen geht es deshalb vor allem darum, Kompaniestandards zu erarbeiten und zu erproben.

„Feuer, Nebel, rückwärts marsch!“

Auf einer Freifläche steht ein Panzer, der gerade Nebeltöpfe verschießt, um anschließend auszuweichen.

Beim plötzlichen Auftreffen auf (überlegenen) Feind heißt es für den Aufklärer: Nebel, rückwärts marsch! Hier nebeln die Radarkräfte der 4. Kompanie, bevor sie zu einem zuvor festgelegten Sammelpunkt ausweichen.

Bundeswehr/Henry Cröger

Für die 4. Kompanie beginnt die Führer- und Truppenausbildung ebenfalls mit einem Gefechtsmarsch, der sich in Teilen durch schwieriges Gelände wie eine Furt erstreckt. Marschiert wird durch Ostholstein. Das Beziehen von Räumen und gerade der häufige Wechsel der Verfügungsräume sind für die 4. Kompanie besonders wichtig. Warum? Die Kompanie verfügt über die unbemannten Aufklärungssysteme KZOKleinfluggerät für Zielortung und LUNALuftgestützte unbemannte Nahaufklärungsausstattung, die aus der Luft weit in der Tiefe Informationen über das Gelände und den Feind sammeln können. Die Bodenkontrollstationen dieser Systeme sind aber aufgrund ihrer elektromagnetischen Emissionen aufklärbar und ein dankbares Ziel für feindliche Angriffe – sei es mit Steilfeuer oder durch Luftstreitkräfte. Neben dem häufigen und zügigen Stellungswechsel müssen die Soldaten zugleich die Verfügungsräume gut sichern. Im hochintensiven Konflikt gilt eine 360 Grad Bedrohung.

Neben den UAVUnmanned Aerial Vehicle, den Unmanned Air Vehicle, gehört auch die Radaraufklärung zur 4. Kompanie. Mit dem Transportpanzer Fuchs ausgestattet verfügt sie zwar über die höchste Feuerkraft, gleichwohl entscheidet auch hier der Gefechtsdrill bei überraschend auftretendem Feind über Leben und Tod. „Feuer, Nebel, rückwärts marsch!“ oder das Durchstoßen müssen in einer solchen Situation also reibungslos funktionieren.

Arbeiten mit dem neuen Führungssystem

Zwei Soldaten mit Mund-Nasenschutz schauen in einem engen Raum auf einen Laptop. An der Wand hängt eine Lagekarte.

Geführt wird im Gefechtsstand redundant: klassisch mit der Lagekarte am Lagebrett und modern mit dem neu eingeführten Battle Management System Sitaware.

Bundeswehr/Timm Ritter

Auch der Bataillonsstab nutzt die zwei Wochen Kombinierte Führer- und Truppenausbildung, um neue Standards festzulegen und zu vertiefen. Ein hochintensives Szenario in Verbindung mit den gezogenen Lehren aus den aktuellen Konflikten in der Ostukraine, Syrien und Bergkarabach bedingen einen hochmobilen, schnell verlegbaren Gefechtsstand. Mit einer Zeltlösung verfügen die Eutiner Aufklärer bereits seit mehreren Jahren über einen verlegbaren Bataillonsgefechtsstand. Sie müssen aber noch agiler werden. So trainieren die Soldaten den Gefechtsstand mit mobilen Anhängern und Kabinen schnell auf- und abzubauen, damit zügig die Führungsbereitschaft hergestellt wird. Gleichzeitig muss mit einem vorgeschobenen Gefechtsstand während der Verlegung die Führungsfähigkeit stets gewahrt bleiben. Zudem erproben die Soldaten des Stabes das neue digitale Führungssystem Sitaware, das seit Kurzem im Bataillon implementiert ist.

von Lennart Linke und Lukas Müller

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