Heer

Der letzte Angriff des Berglöwen

Der letzte Angriff des Berglöwen

  • Landes- und Bündnisverteidigung
  • Heer
Datum:
Ort:
Bad Reichenhall
Lesedauer:
5 MIN

In langen Kolonnen verlassen die Gebirgssoldaten ihre Kaserne, beziehen auf umliegenden Truppenübungsplätzen Stellung und bereiten sich auf den großen Angriff vor. Jetzt wird der Berglöwe wild.

Ein Soldat in Gefechtsanzug liegt mit seinem Gewehr in Stellung und blickt durch das grüne Dickicht.

Abschluss der Übung Berglöwe 2021: Bereits in der Nacht um 2 Uhr beginnen die Angreifer mit der Annäherung.

Bundeswehr/Stephan Schaffner

Hinter dem Namen Berglöwe verbirgt sich eine große freilaufende Übung in Berchtesgaden, die also auch durch urbanes Gelände führt. Bis zu 1.500 Soldaten sind beteiligt, zeitweise 300 Fahrzeuge im Einsatz. In dieser Woche findet die Übung auf der Reiteralpe ihren Höhepunkt.

„Männer, dranbleiben!“ macht ein Gruppenführer Dampf, als die Soldaten der 2. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 231 aus Bad Reichenhall über den Wachterlsteig zur Reiteralpe aufsteigen. Über 30 Kilogramm trägt jeder Soldat auf dem Rücken den Berg hoch. Dazu kommen das Sturmgewehr und oft noch besonders sperrige Gegenstände, wie Maschinengewehre (MG), Panzerabwehrwaffen oder Werkzeuge, wie Äxte und Motorsägen. Die eigene Statur ist bei diesem Kraftakt zweitrangig, Soldatinnen stehen ihren männlichen Kameraden in nichts nach und alle tragen mit. Schon seit fünf Tagen leben die Gebirgssoldaten nun im Gelände. Sie haben viele Strapazen und Nachtschichten hinter sich. 750 Höhenmeter müssen allein heute überwunden werden, bis sie die Reiteralpe erreichen. Hier werden sie ihr Zeltlager aufschlagen und sich auf den großen Angriff vorbereiten. Am Ende wird sich zeigen: Wer ist der Gejagte und wer triumphiert als Jäger, als Berglöwe?

Listige Falle für den Angreifer

Ein Soldat in Gefechtsanzug liegt mit seinem Maschinengewehr auf herbstlich rotem Waldboden.

Auch im Gebirge gilt: Sperren, die den Feind lenken und in seiner Bewegung einschränken sollen, müssen bewacht werden.

Bundeswehr/Achim Kessler

Gebirgspioniere aus Ingolstadt schleppen rasierklingenscharfe Stacheldrahtrollen, wohlverpackt und ungeöffnet. „Unser Auftrag ist es, den Gegner zu bremsen, wenn er angreift. Dazu verlegen wir Stacheldraht und Panzerminen. Die Sperre wird natürlich durch unsere eigenen Soldaten überwacht.“ Mit seinem Finger zeigt er hangaufwärts in eine Schneise. „Dort liegt ein MG-Schütze. Hier kommen die so schnell nicht durch.“ Weiter oben am Berg haben die Gebirgsjäger Stellungen und Alarmposten vorbereitet, überwachen das Gelände.
Plötzlich taucht ein Summen am Himmel auf: „Das ist keine Eigene!“, ruft jemand. Sofort gehen die Soldaten in Deckung. Eine Drohne fliegt vorbei, hält immer wieder kurz an, fliegt dann wieder ein Stück weiter. „Der Gegner ist schon am Hang gegenüber. Mit dem Flugobjekt will er aufklären, wo unsere Stellungen sind und wie er hier am besten durchkommt.„

Eine Festung bereitet sich vor

Zwei Soldaten bringen mit einem bepacktem Maultier Ausrüstung über eine felsige Bergwiese den Berg rauf.

Um möglichst wenige Soldaten in Trägertrupps für Munition, Wasser und Verpflegung zu binden und für den Stellungsbau verfügbar zu halten, unterstützen die robusten Tragtiere bei der Versorgung der Stellungen.

Bundeswehr/Eric Großmann

Auf der Reiteralpe geht es zu wie in einem Ameisenhaufen: Material zum Stellungsbau wird geschleppt, Maultiere bringen Munition, Wasser und die sogenannten EPAs, Einmannpackungen mit einer Tagesration Verpflegung, in die Stellungen. Es wird beobachtet, gefunkt und gemeldet.
Der Angriff der „roten“ Kräfte, gestellt von Gebirgsjägern der Bataillone aus Bischofswiesen und Mittenwald, steht unmittelbar bevor. Zwischendrin Brigadegeneral Maik Keller, Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, der als Leitender der Übung zur Dienstaufsicht unterwegs ist und unangekündigt immer wieder zwischen seinen Soldaten auftaucht. „Diese Übung ist eine organisatorische Mammutaufgabe und fordert den Soldatinnen und Soldaten viel ab. Aber nur so können wir das Zusammenspiel untereinander, das Hand-in-Hand-Arbeiten zwischen Kampftruppe, Pionieren, Aufklärern und Versorgern wirklich üben“, erklärt der General die Notwendigkeit dieses Aufwands.

Leise anschleichen und zuschlagen

Zwei Soldaten liegen schießend mit Maschinengewehr und Sturmgewehr in Stellung auf einer Wiese.

Ist der Gegner erkannt, wird das Feuer aus allen Rohren eröffnet. 15 Tonnen Munition, Detonations- und Nebelkörper wurden für die Übung auf die Reiteralpe gebracht.

Bundeswehr/Achim Kessler

„Heute bekommen die so richtig was auf die Mütze“, ist sich der Führer der roten Kräfte, ein Major der Gebirgsjäger aus Bischofswiesen, seiner Sache ziemlich sicher. Zwei Tage hatte er Zeit, sein Angriffsziel zu erreichen. Tagelang hat er sich und seine Soldaten darauf vorbereitet. Dann, bereits um 2 Uhr in der Nacht, beginnen seine Soldaten mit der Annäherung an den Gegner. Ausgiebig wurden zuvor Entschlüsse gefasst, Befehle erteilt und bis zu jedem Gruppenführer heruntergebrochen. Spähtrupps haben in den vergangenen Tagen immer wieder Fühlung zum Feind aufgenommen, ihn auf Trab gehalten und dabei wertvolle Informationen gesammelt.
„Ausweichen!“, schreit der Führer eines Spähtrupps der Verteidiger. Der feindliche MG-Schütze lädt durch und schießt los. Er zwingt den Spähtrupp in die Deckung. Die Aufklärer rennen durch das steile Gelände zurück. Dann geben sie ihrem MG-Schützen Deckung, damit auch er sich vom Feind lösen kann. „Wir waren nur zur Aufklärung unterwegs, ohne Kampfauftrag. Dann wurden wir aber vom Gegner überrascht“, schnauft eine Soldatin nach dem Aufstieg zurück zur eigenen Kompanie. „Munition ist alle, aber wir haben keine Ausfälle. Und jetzt wissen wir wenigstens, wo der Gegner steht.“

Das Urteil eines Schiedsrichters

Ein Soldat in Gefechtsanzug liegt mit seinem Gewehr in Stellung und blickt in das bewaldete Tal.

Ein Präzisionsschütze hat sich mit seinem Scharfschützengewehr G28 in seiner Stellung eingerichtet.

Bundeswehr/Achim Kessler

Optimistisch steht ein Soldat aufrecht an der Stacheldrahtsperre. „Wenn unsere Kräfte, die noch weiter vorn auf den Angreifer warten, durch diese Sperre ausgewichen sind, schließe ich sie hinter ihnen. Anschließend werfe ich Nebel und dann werden wir sie hier festnageln.“ Der Gefechtslärm kommt immer näher. Der Führer der „Roten“ scheint keine Sprüche gemacht zu haben. Die Angreifer kommen flott voran und die Kommandoschreie der Anführer liegen schon deutlich in der Luft. Plötzlich kommt ein Übungsschiedsrichter aus dem Nichts. Er zeigt auf die Männer an der Sperre. „Sie, Sie und Sie: ausgefallen! Ein Scharfschütze am Gegenhang. Hätten Sie sich mal besser klein und hässlich gemacht!“ Damit rügt er, dass die Männer nicht im Wald untergezogen sind, sondern sich an der Straße aufgehalten haben – was ihnen in der Übung jetzt zum Verhängnis wurde. Die Sperre bleibt auf. Ein Geschenk für die „Roten“.

Donnerhall im Bergwald

Ein Soldat in Gefechtsanzug liegt mit seinem Gewehr in Stellung und blickt durch das grüne Dickicht.

Abschluss der Übung Berglöwe 2021: Bereits in der Nacht um 2 Uhr beginnen die Angreifer mit der Annäherung.

Bundeswehr/Stephan Schaffner

„Männer, die kommen jeden Moment um die Kurve!“, ein Zugführer hat über Funk die letzten Positionsangaben des Feindes erfahren. Nervös kauern seine Soldaten hinter ihren Waffen, beobachten eine Straße. Dem Gegner sind schon große Geländegewinne gelungen, die ihn aber auch abgenutzt haben. Das bedeutet, er musste auch empfindliche Verluste hinnehmen. Die 3. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 231 hat sich geschickt im Stellungsraum eingerichtet und verteidigt sehr beweglich unter Führung des Kompaniechefs. Der Zugführer läuft seine Stellungen ab, kontrolliert, dass jeder genug Munition trägt und seinen Sektor fest im Blick hat. Oder kommen sie doch durch das mit Latschen, kleinen Nadelbäumen bewachsene, steile Gelände hinauf?“
Plötzlich donnern einige gewaltige Detonationen aus dem eigenen Mörser. Das Echo hallt durch den Bergwald. Von rechts kommt der Hochgebirgsjägerzug als Reserve und stößt dem Gegner in die Flanke. Die Rufe der annähernden Gegner sind verstummt, ebenso das Feuer aus den Handwaffen. „Sie haben schnell reagiert und den Gegner genau getroffen, als er gerade unsere Stellungen angreifen wollte“, meldet der Funker. Der Plan des Bataillonskommandeurs, Oberstleutnant Dennis Jahn ist aufgegangen. Der Angriff ist abgewehrt. Die Männer und Frauen sichern ihre Waffen mit dem Daumen, klopfen sich auf die Schultern, lassen sich auf den weichen Boden fallen. Der Berglöwe verschnauft.

Leidensfähig und professionell

Hunderte von Soldaten sind auf einer großen Wiese angetreten, um der Rede des Kommandeurs zu folgen.

„Ihre Fähigkeiten haben mich schwer beeindruckt“, erklärt der Brigadekommandeur beim Abschlussantreten. „Das Übungsziel wurde voll erreicht.“

Bundeswehr/Achim Kessler

Am Abend dann die Zeremonie am Berg. Die Übungsteilnehmer sind zum Abschlussappell angetreten, der Brigadekommandeur spricht: „Sie alle mussten in den vergangenen zehn Tagen große Strapazen aushalten und doch hat jeder von Ihnen zu jeder Zeit seinen Auftrag hundertprozentig erfüllt. Was Sie zu leisten imstande sind, körperlich und psychisch, das machen Ihnen nicht viele in der Bundeswehr nach. Ihre Fähigkeiten und Ihre Leidensfähigkeit haben mich schwer beeindruckt“, lobt Keller die Angetretenen. „Ich bin stolz darauf, Sie als Kommandeur führen zu dürfen und bin jederzeit bereit, mit Ihnen in den Einsatz zu gehen, egal wohin und unter welchen Umständen.“

von Sebastian Zäch

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