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Vom „Berg des Todes“ zum Ort der Freundschaft

Vom „Berg des Todes“ zum Ort der Freundschaft

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Datum:
Ort:
Frankreich
Lesedauer:
8 MIN

Der Hartmannsweilerkopf ist ein bekanntes Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Knapp eine Fahrstunde vom Eurocorps in Straßburg entfernt, verloren vor über einhundert Jahren mehr als 30.000 französische und deutsche Soldaten ihr Leben. Heute ist der Ort eine Begegnungsstätte, an dem sich Deutsche und Franzosen gemeinsam an die Familiengeschichten zurückzuerinnern, die sich in dieser Zeit auf beiden Seiten doch so ähnlich waren.

Ein deutscher General und ein Zivilist stehen am Hang neben Resten alter Befestigungsanlagen.

Im Ersten Weltkrieg tobten am Hartmannsweilerkopf Gefechte zwischen Deutschen und Franzosen. Heute ist er Schauplatz gemeinsamer Erinnerungen.

Bundeswehr/Bastian Koob

„Haben Sie vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben“, begrüßt Jean Klinkert seine Besucher an einem sommerlichen Donnerstagmorgen am Hartmannsweilerkopf, wie der Ort in Frankreich heute heißt. Der Gruß des Präsidenten des Komitees für das Nationaldenkmal Hartmannsweilerkopf gilt einer kleinen Gruppe deutscher Soldaten des Eurocorps, die im elsässischen Straßburg stationiert sind. Angeführt werden sie von Generalmajor Josef Blotz, dem Stellvertreter des Kommandierenden des Eurocorps. „Wir haben uns vor einem Jahr zum ersten Mal auf diesem alten Schlachtfeld getroffen“, erklärt der General. Die Einladung zu einem gemeinsamen Rundgang habe er wegen der Corona-Pandemie aber erst in diesem Jahr wahrnehmen können.

Blotz und Klinkert verbindet aber mehr als ihr Interesse an diesem historischen Schlachtfeld, wo erst im November 2017 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Staatspräsident Emmanuel Macron ein deutsch-französisches Museum eingeweiht wurde. Die Verbindung ist die Familiengeschichte. Im September 1918 fiel Jean Klinkerts Urgroßvater Josef Rey mit 42 Jahren in der Champagne. „1914 fiel dort mein damals 25-jähriger Großvater ebenfalls im Gefecht. Fast auf den Tag genau vier Jahre früher“, stellt der General fest. Beide, der Landsturmmann Josef Rey und der Grenadier Josef Wilhelm Blotz, liegen in der Kriegsgräberstätte Séchault in den Ardennen begraben. Ein Anlass für beide Männer, sich heute mit weiteren Soldaten und einem Studenten auf einen Rundgang zu begeben. Hier, an der ehemaligen Vogesenfront, wollen sie ihrer Vorfahren als Schicksalsgenossen gedenken und sich mit dem jahrelangen Ringen um diesen Berg befassen.

50 Kilometer Schützengräben

Ein General und ein Zivilist stehen neben einer Mauer, in die ein Stahlgehäuse mit einem kuppelartigen Dach eingesetzt ist..

Generalmajor Josef Blotz und Jean Klinkert sehen sich die Überreste des Schlachtfeldes an.

Bundeswehr/Bastian Koob

Der Rundgang wirkt wie eine Reise zurück in die damalige Zeit. Fast fünf Jahre lang war dieser Berg ein erbarmungsloses Schlachtfeld. Noch heute zeugen gut erhaltene Stellungen und Befestigungssysteme von den erbitterten Kämpfen zwischen deutschen und französischen Truppen im Ersten Weltkrieg. Übrig geblieben sind etwa 6.000 Stollen und Unterstände, unzählige rostige Drahtverhaue, Granattrichter und über 50 Kilometer gut erhaltene Schützengräben. „Seit 1921, also seit hundert Jahren, stehen das Schlachtfeld und die Befestigungsanlagen unter Denkmalschutz“, erklärt Jean Klinkert. Aber warum kämpften Deutsche und Franzosen so verbissen um diesen fast einen Kilometer hohen Berggipfel?

Im Spätherbst 1914, als deutsche Truppen bereits weite Teile Ostfrankreichs und Belgiens besetzt halten, stoßen französische Truppen ihrerseits über die Vogesen bis in das damals zum Deutschen Reich gehörende Elsass vor. Im Spätherbst richten französische Alpenjäger erste Beobachtungsposten, hier im Gebirge, ein. 28 von ihnen besetzen am 22. Dezember 1914 den kleinen Gipfelfelsen des Hartmannsweilerkopfes und bauen ihre Stellungen, unweit der deutschen Vorposten, aus. Von dort aus soll weitreichendes Artilleriefeuer auf wichtige Straßen- und Eisenbahnverbindungen der Deutschen gelenkt werden. Gleichzeitig können sie von hier aus mögliche französische Großoffensiven unterstützen. Nach wenigen Tagen weiten sich erste Scharmützel zwischen den gegnerischen Patrouillen zu Großangriffen aus, denen sofort Gegenstöße des Gegners folgen. Bis Mitte 1916 wechselt der Berg vier Mal seinen „Besetzer“. Da die jeweiligen Offensiven mit einem Trommelfeuer von bis zu 50.000 Artilleriegranaten vorbereitet werden, verwandelt sich der gesamte Höhenrücken in eine karge Mondlandschaft.

Das Beinhaus

Ein General und ein Zivilist stehen auf steinernem Boden. Dahinter sind Hunderte weiße Kreuze und die französische Flagge.

Der Soldatenfriedhof führt den beiden Besuchern die Schrecken der Epoche, in der ihre beiden Großväter ihr Leben verloren haben, eindringlich vor Augen.

Bundeswehr/Bastian Koob

Zurück in der Führung. Mittlerweile haben wir das französische Denkmal erreicht. Breite Stufen führen hoch auf ein Plateau, zu einem Denkmal in Form eines schwarz-goldenen Altars. An dessen Seite sind die Wappen und Namen französischer Städte zu erkennen, darunter Paris und Colmar. Weit hinter dem Denkmal steht ein hoher Mast, an dem die blau-weiß-rote Flagge weht. Im Hintergrund steigt das Gelände weiter an. Je weiter die Besucher Jean Klinkert in Richtung des Flaggenmastes folgen, desto mehr weitet sich das Gelände hinter dem Denkmal und gibt den Blick auf Tausende weiße Steinkreuze frei. Etwa 14.000 französische Gefallene fanden hier in der Kriegsgräberstätte ihre letzte Ruhe. 12.000 von ihnen liegen in einem unterirdischen Beinhaus unter dem Denkmal, auf dem die Besucher stehen.

Es geht weiter den Hang herauf. Schon nach wenigen Metern sind erste Gräben mit verrosteten Stacheldrahtverhauen, links und rechts des Weges, zu sehen. Jean Klinkert nimmt sich einen alten Stahlpfosten und demonstriert, wie die französischen Alpenjäger relativ lautlos den Stacheldraht vor ihren Stellungen bei Nacht verlegen konnten. Er weist auf eine kleine Stange hin, deren mehrfach gebogener Stab kleine Ösen bildet: „Die Soldaten haben sie wegen dieser Kringel Schweinschwänze genannt.“

500 Schlittenhunde für die Front

Ein General und ein Zivilist laufen durch alte, überwachsene Schützengräben.

Generalmajor Josef Blotz und Jean Klinkert laufen durch einen ehemaligen, engen Schützengräben am Hartmannsweilerkopf.

Bundeswehr/Bastian Koob

Der Weg schlängelt sich um immer mehr Laufgräben und Feuerstellungen. Entlang eines kleinen Bergrückens erreicht die Gruppe aus Steinen errichtete Kampfstände. Der Blick geht weit Richtung Nordwesten, auf den Großen Belchen, von den Franzosen „Grand Ballon“ genannt. Er ist mit 1.424 Metern der höchste Berg der Vogesen. Auch von dort aus sicherten die Alpenjäger ihre im Tal gelegenen Versorgungswege. Alles, was die Soldaten zum Überleben im Gebirge brauchten, musste mühsam, im Sommer wie im Winter, heraufgeschafft werden. „Die deutschen Soldaten bauten am östlichen Ende des Hartmannweilerkopfes mehrere Seilbahnen“, erklärt Klinkert. „Die Franzosen nutzten Tragtiere, wie Maulesel und sogar Schlittenhunde.“ Im Juni 1915 schlugen die beiden französischen Offiziere Louis Moufflet und Réne Haas die Beschaffung von Schlittenhunden vor. Sie sollten Munition hinauf und Verwundete den Berg hinunter transportieren. Beide hatten vor ihrer Militärzeit in Alaska gelebt und kannten aus eigener Erfahrung den Einsatz der Hunde unter widrigsten Wetterverhältnissen. Ab September konnten etwa 500 Tiere in Alaska beschafft und über Kanada, nach einer fünfzehntägigen Fahrt über den Atlantik, der Vogesenfront zugeführt werden. Diese „Poilus d'Alaska“, die „Landser aus Alaska“, sicherten in der Folgezeit das Überleben der französischen Soldaten auf dem Hartmannsweilerkopf und später auch an anderen Frontabschnitten. „Mehr als die Hälfte dieser Hunde hat den Krieg überlebt“, erzählt Jean Klinkert. „Nach dem Krieg wurden sie von der Bevölkerung im Elsass und Lothringen adoptiert.“

Kampf mit modernster Technik

Am grünbewachsenen Berghang schlängelt sich ein Trampelpfad, dahinter ein malerisches Tal.

Der heutige, malerische Blick ins Tal lässt den Besucher beinahe vergessen, dass an derselben Stelle mehrere tausend Menschen ums Leben gekommen sind.

Bundeswehr/Bastian Koob

Die Besucher haben mittlerweile andersartige, fest betonierte und mit Stahlträgern verstärkte Stellungen erreicht, die vorderste deutsche Linie. Sie liegt nur wenige Meter von den französischen Stellungen entfernt. Jeder Winkel im gut erhaltenden Grabensystem wird durch Kampfstände gesichert, die mit Schießscharten aus massivem Panzerstahl versehen sind. „Beide Seiten haben den damaligen Stand der Technik genutzt, um sich zu bekämpfen“, bemerkt Blotz, als die Gruppe den ehemaligen deutschen Bereitschaftsraum am Hinterhang erreicht. Von der Seilbahn sind noch das betonierte Maschinenhaus und in Teilen die Antriebsanlage erhalten. Genauso ein gigantischer Kompressor, mit dem die Druckluft für die Bohrmaschinen der deutschen Pioniere erzeugt wurde. Entlang des Berges existieren noch eine verbunkerte Truppenküche, in den Berg hineingetriebene Ruheplätze und Verbindungsstollen. Fast alle Bauwerke weisen noch die von den deutschen Soldaten angebrachten Namenstafeln auf: Karlsfeste, Sankt-Gotthard-Tunnel oder Bremer-Ratskeller. „Wenn wir in einen Einsatz gehen, dann richtig“, bemerkt ein Soldat ironisch. „Die deutschen Verbände waren unten in den nahegelegenen Dörfern einquartiert“, bestätigt Klinkert. „Dort konnten sie sich nach ihren Einsätzen erholen.“ Hier warteten neben Kantinen auch Schwimmbäder und weitere Erholungsmöglichkeiten, erfährt die Gruppe.

Erinnerung im Wandel der Zeit

Auf einem Trampelpfad in einem Wald unterhält sich ein General mit einem Zivilisten.

Die Überbleibsel von Stellungen und Gräben regen die beiden Besucher immer wieder zum Austausch und zur Diskussion an.

Bundeswehr/Bastian Koob

Eine der vielen Hinweistafeln erinnert an den Dezember 1915. An drei Tagen verschoss die französische Artillerie umgerechnet 903 Tonnen Granaten auf je 13 Meter der deutschen Frontlinie des Hartmannsweilerkopfes. Aber auch der Einsatz von Giftgas, erstmalig von der deutschen Seite benutzt, und Flammenwerfer konnten letztendlich keiner der beiden Seiten einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Ab Ende 1916 wurde die Truppe, die dort eingesetzt war, reduziert. Man „begnügte“ sich mit Artillerieduellen und kleineren Stoßtruppunternehmen. Eine der letzten Stationen führt die Besucher zum Denkmal des heute in Colmar stationierten französischen Infanterieregiments, den „Diables Rouges“, den „Roten Teufeln“. Der Tradition nach erhielten sie ihren Spitznamen von ihren damaligen deutschen Gegnern, hier oben auf dem Hartmannsweilerkopf. Den deutschen Soldaten unter den heutigen Besuchern sind sie aus gemeinsamen Einsätzen und Übungen bekannt. Am Beispiel dieses Denkmals erklärt Jean Klinkert die wechselhafte Geschichte des Gedenkortes: „Beide Seiten glaubten damals daran, ihre Heimat zu verteidigen“. Für die deutschen Soldaten galt das Elsass seit 1871 als Teil ihrer Heimat. Die französischen Truppen, die unter großen Opfern in ihren Stellungen aushielten, kamen im Glauben, einen Teil Frankreichs zu befreien.

Denkmäler sind erhalten

Nach dem Krieg spiegelte sich dies auch in der Erinnerungskultur wider. Schon während des Krieges errichtete deutsche Denkmäler sind noch heute gut erhalten. In jener Zeit entstanden neben der großen Kriegsgräberstätte auch mehrere imposante Denkmäler der an den Kämpfen beteiligten französischen Truppenteile. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren besuchten immer mehr ehemalige deutsche Soldaten ihre alten Stellungen und trafen sich mit ihren damaligen Gegnern. Der Zweite Weltkrieg mit seinem unvorstellbaren Leid und die erneute Annexion des Elsass drohte jedoch, eine deutsch-französische Aussöhnung für immer unmöglich zu machen. Das Denkmal der „Roten Teufel“ wurde, wie viele französische Denkmäler in Elsass und Lothringen, zerstört. Ein Teil des Hartmannsweilerkopfes wurde zum militärischen Übungsgebiet. Nur der Verweis der Bevölkerung, im Beinhaus der Kriegsgräberstätte im Silberloch seien auch viele unbekannte deutsche Gefallene bestattet, rettete sie vor der Zerstörung.

Stätte der Versöhnung

Ein General und ein Zivilist stehen am Hang vor einem großen Relief.

Bronzene Reliefs erinnern an die Schicksale ihrer Großväter.

Bundeswehr/Bastian Koob

Zum Glück kam es anders. Die beginnende deutsch-französische Aussöhnung in den Fünfzigerjahren begann sich auch auf den Hartmannsweilerkopf auszuwirken. Er wurde Treffpunkt deutsch-französischer Jugendgruppen und Anziehungspunkt Hunderttausender Besucher im Jahr. „Jedes Jahr veranstalten wir ein deutsch-französisches Jugendcamp“, berichtet Klinkert. Auch Soldaten und Reservisten der Bundeswehr und französische Soldaten tragen in freiwilligen Arbeitseinsätzen zum Erhalt der Denkmäler, der Kriegsgräberstätten und der Stellungssysteme bei. „Ich nenne es la mémoire par les mains, also die Erinnerung mit den Händen“. Auch das 2017 von beiden Staatsoberhäuptern eingeweihte deutsch-französische Museum, in dem sich neben vielen Exponaten auch eindrucksvolle Multimediabereiche zur Geschichte „dieses europäischen Bürgerkrieges“, so Staatspräsident Macron, befinden, zieht neue Besucher aus der ganzen Welt an. „In den letzten hundert Jahren sind drei Generationen meiner Familie nach Frankreich gekommen“, sagt General Blotz zum Abschied: „1914 mein Großvater, der hier fiel, und 1940 mein Vater als Besatzungssoldat. Ich bin heute froh darüber, 2019 als deutscher General nach Frankreich gekommen zu sein, um nun gemeinsam mit meinen französischen Kameraden im Eurocorps für unser aller Sicherheit zu dienen.“ Und auch das steht fest: Es wird nicht der letzte Besuch der Straßburger Soldaten auf dem Hartmannsweilerkopf bleiben.

von Stephan Schmidt

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  • Das Wappen ist blau, darauf in Grau die Landkarte Europas, darauf ein Schwert und im Kreis ringsum goldene Sterne.
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