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Der „Friesische Löwe“ läuft: Vorbereiten so gut es geht

Der „Friesische Löwe“ läuft: Vorbereiten so gut es geht

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Die Übungsreihe „Friesischer Löwe“ befindet sich auf der Zielgeraden. Oberstleutnant Oliver Tamminga trägt während der finalen Kernübung die Verantwortung für die 650 Übungsteilnehmerinnen und -teilnehmer und die Entscheidungen, die er für alle trifft. Ein Interview von Pia Miranda. 

Ein Soldat stützt sich auf einen Tisch und betrachtet Landkarten.

Schon vor zwei Jahren brütete Oliver Tamminga bei einer großen Verbandsübung über den Karten, um seine Soldatinnen und Soldaten dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden. Auch wenn er Berater hat, ist er es, der die Entscheidungen fällt.

Brune-Mettcker Druck- und Verlags-GmbH/Pia Miranda

Wie viel wissen Sie darüber, was in den kommenden Tagen passieren wird?

Oliver Tamminga: Gar nichts! Die Übung ist für mich eine komplette Blackbox. Ich bin aus den Planungen gänzlich rausgehalten worden – und das ist auch gut so. Wenn es anders wäre, legt man sich im Kopf schon eine Musterlösung bereit. Und wenn dann doch etwas anderes stattfindet, neue Variablen reinkommen, dann tut man sich wahnsinnig schwer, darauf noch angemessen zu reagieren. Man versucht immer, an dem Bild, das man im Kopf hat, festzuhalten und deswegen ist es immer besser, sich überraschen zu lassen und dann situativ zu entscheiden. Im Einsatz wüsste ich auch nicht, was passiert und deshalb muss ich, was mein Führungskönnen angeht, gucken, ob ich dem gewachsen bin. 

Sie sind Spezialist für die Infanterie. Wie schwer ist es, auf einmal alle verschiedenen Fähigkeiten des Objektschutzregimentes zu führen? 

Tamminga: Ja, ich habe jetzt zwar die gesamte Führung übernommen, aber die Fähigkeiten sind nicht neu für mich. Mit denen habe ich auch schon im Einsatz, zum Beispiel in Afghanistan, gewirkt oder auch bei der Übung vor zwei Jahren. Und ich bin nicht alleine. Aus jeder Fähigkeit habe ich einen Verbindungsoffizier bei mir im Gefechtsstand, der unter anderem dafür da ist, mich in meinen Entscheidungen zu beraten. 

Aber wo ist dann die Herausforderung dieser Verbundübung? 

Tamminga: Die Herausforderung ist ganz klar, dass die Entscheidungen, die ich mit meinem Gefechtsstand treffen muss, immer unter Zeitdruck zu treffen sind. Meistens ist es auch so, dass Ereignisse gleichzeitig eintreffen und die Schwierigkeit ist es dann zu priorisieren. Wie arbeite ich welche Lage ab? Und wo schicke ich meine Kräfte hin? 

Meistens ist es auch so, dass Ereignisse gleichzeitig eintreffen und die Schwierigkeit ist es dann zu priorisieren. Wie arbeite ich welche Lage ab? Und wo schicke ich meine Kräfte hin?

Der Raum ist für die Anzahl der zur Verfügung stehenden Soldaten immer zu groß. Wir sind ja auch auf angrenzenden Übungsplätzen, wie zum Beispiel Brockzetel, unterwegs. Und Zeit ist auch immer zu wenig vorhanden. 

Zudem ist das Lagebild meist unvollständig. Dort Ordnung reinzubringen und die Übersicht zu behalten, ist die Herausforderung. Dann muss ich mir immer Gedanken machen: Was sind die Folgeschritte? Was gilt es zu bedenken? Was habe ich noch für Kräfte als Ressource, die für Folgeereignisse eingesetzt werden können? 

Wie sehr helfen solche Übungen, sich als Kommandeur auf den Ernstfall vorbereiten zu können? 

Tamminga: Die helfen super, weil hier habe ich die Möglichkeit, bewusst Fehler machen zu können.

Werden diese auch bewusst gemacht?

Tamminga:  Nein, die werden nicht bewusst gemacht. Die Truppe muss das ausbaden, was ich entscheide. Treffe ich schlechte Entscheidungen, leidet die Truppe. Es ist immer besser, das in einer Übung herauszufinden, als im Einsatz, wenn wirklich Menschenleben auf dem Spiel stehen. Daher gibt es immer eine Sicherheit im Umgang mit Verfahren und Taktiken. Man kann auch neue Ansätze ausprobieren, ohne dass man schlimme Konsequenzen fürchten muss. 

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Zwei Soldaten helfen einem Übungsverletzten, der kniet. Im Hintergrund ist ein Feuerwehrfahrzeug zu sehen.

Während des „Friesischen Löwen“ sind die Übungen sehr unterschiedlich und dynamisch – eingespielte Lagen mit Verletzten gehören fast immer dazu

Bundeswehr/Sandra Süßmuth
Mehrere Zivilisten stehen an einem Gebäude und werden von Soldaten bewacht und überprüft.

Was im Einsatz passieren kann, wird während des „Friesischen Löwen“ trainiert. Dazu gehört auch, dass die eigene Mission von Demonstranten oder Einheimischen gestört werden könnte.

Bundeswehr/Sandra Süßmuth
Ein geschütztes Fahrzeug steht auf einer Wiese vor einer Waldkante. Vor dem Fahrzeug befindet sich eine Rauchkartusche.

Auch auf dem Übungsplatz Brockzetel finden während des „Friesischen Löwen“ Übungslagen statt – immer dabei: Viel Rauch und geschützte Fahrzeuge

Bundeswehr/Kevin Schrief
Mehrere Soldaten liegen getarnt an einer Waldkante und beobachten das Vorfeld.

Während der verschiedenen Übungsszenarien kümmert sich die Infanterie des Objektschutzregimentes um die Sicherung der eigenen Kräfte

Bundeswehr/Kevin Schrief
Ein Radlader beräumt eine durch Schutt und Bäume nicht passierbare Straße.

Die Pioniere des Objektschutzregimentes sind mit ihrem schweren Gerät immer mit von der Partie. Das zahlt sich aus, sind Wege nicht selten verlegt und müssen für die eigenen Kräfte freigeräumt werden.

Bundeswehr/Kevin Schrief
Ein olivgrüner Container wird von einem Hubschrauber CH-53 per Luft transportiert.

Das Hubschraubergeschwader 64 ist ebenfalls wieder Teil der Übung „Friesischer Löwe“ und unterstützt die Kräfte aus der Luft. In diesem Fall bringt die CH-53 eine Fernmeldekabine zur übenden Truppe.

Bundeswehr/Kevin Schrief
Aus der Heckklappe einer CH-53 laufen bei laufenden Rotorblättern mehrere Soldatinnen und Soldaten.

Die übende Truppe hat Unterstützung angefordert. Auf dem Luftweg sorgt die CH-53 für eine schnelle Ankunft der zusätzlichen Soldatinnen und Soldaten.

Bundeswehr/Kevin Schrief

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Ist die Übung für Sie auch eine Art Prüfungssituation? 

Tamminga: Durch vorhergehende Übungen wissen wir, glaube ich, ganz gut, was wir können und worin wir nicht so gut sind. Aber der „Friesische Löwe“ ist natürlich eine Art Prüfung und wenn man in der Übung steckt, kommt ein gewisses Maß an Adrenalin und Stress dazu. Aber am Ende ist man in der Lage und arbeitet diese ab. 

Während der Übung ist die Aufmerksamkeit der zivilen Bevölkerung durch Konvois oder tief fliegende Flugzeuge natürlich größer. Sind Sie sich dieser Aufmerksamkeit bewusst?

Tamminga: Während der Übung ist man schon im Tunnel und nimmt das nur peripher wahr. Wenn dann die Bevölkerung versucht, einen Blick auf dem Übungsplatz zu erhaschen, kann das kontraproduktiv sein – sie könnten von unserer übenden Truppe für Darsteller gehalten werden und daraus könnten sich dann ganz eigene Szenarien entwickeln.  

Ist das schon passiert?

Tamminga: Sowas ist schon passiert. Als Staffelchef habe ich einmal eine Übung gemacht, da ist aus Versehen ein Postbote festgesetzt worden, weil man ihn für einen Darsteller der Übung gehalten hat. 

Wir machen eine Zeitreise: Stellen Sie sich vor, der Kommandeur drückt den Startknopf und die Übung geht los. Was denken und fühlen Sie? 

Tamminga: Das ist eigentlich ganz interessant! Vorher ist man schon etwas angespannt, auch die Tage vorher, während man alles im Gefechtsstand vorbereitet. Wenn aber tatsächlich das Signal kommt, dass die Kernübung beginnt, dann ist man relativ gelöst. Die Planungen sind abgeschlossen und die grundsätzlichen Befehle sind erteilt. Dann ist man nicht mehr Herrscher des Verfahrens, dann wird das weitere Tun durch die eingespielten Lagen bestimmt. 

Deswegen fällt man in eine Rolle, in der man guckt, was passiert, das Beste daraus macht; auf sein Können und das seiner Soldatinnen und Soldaten vertraut und wendet die gelernten Verfahren und Taktiken sauber an. Am Ende gehört aber auch immer etwas Gefechtsglück dazu.

von Pia Miranda & Sandra Süßmuth