Luftwaffe
40 Jahre AWACSAirborne Early Warning and Control System

Ein Blick ins Grenzland: Mit einem NATO-Aufklärer in der Luft

Ein Blick ins Grenzland: Mit einem NATO-Aufklärer in der Luft

  • NATO
  • Landes- und Bündnisverteidigung
Datum:
Ort:
Geilenkirchen
Lesedauer:
5 MIN

Zwei Maschinen vom Typ Boeing 707 stehen mit laufenden Triebwerken auf der Startbahn und schon auf dem ersten Blick sieht man: Hier warten keine in die Jahre gekommenen Passagierflugzeuge auf die Startfreigabe: Ihre auf dem Rumpf angeflanschten Radarkuppeln dominieren die Silhouetten und weisen sie als NATO E-3A Airborne Warning & Control System aus.

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14 Aufklärer sind auf der Airbase in Geilenkirchen stationiert. Von hier aus starten sie seit 2014, um über Polen und Rumänien die Ostflanke der Allianz zu sichern.

Bundeswehr/Thomas Skiba

Folgt man den Aussagen der Frauen und Männer an Bord, ist auch dieser Flug Routine. Und doch liegt Spannung in der Luft. Genau heute vor sechs Monaten begann der Angriff Russlands auf die Ukraine. Schon im Vorfeld wiesen Medien auf dieses angeblich symbolische Datum hin und es wurde erwartet, dass Russland die Ukraine im Laufe des Tages ihren bisher erfolgreichen Abwehrkampf deutlich spüren lässt. Stabsfeldwebel W., verantwortlich für die Luftlageinformationen, erinnert sich noch genau an die Zeit Ende Februar und Anfang März: „Da waren die Bildschirme voll mit russischen Flugzeugen, die über Belorus Kiew angriffen.“  Ob er jetzt auch damit rechne? W. trifft dazu nur eine Aussage: „Warten wir es ab.“

Walgesänge

Nach dem Systemcheck der Turbinen, der Hydraulik wie auch des Flugfunks werden die Kommunikationssysteme und das Radar in Betrieb genommen und erfolgreich quittiert. Los geht's, die Düsentriebwerke heulen auf, werden immer lauter, ja, brüllen geradezu. Dann steigt der Aufklärer steil nach oben, begleitet von Geräuschen, die Walgesängen gleichen. Das liege daran, dass am Radardom eine Klappe geöffnet werden müsse, um die schon auf volle Leistung drehenden Sensoren zu kühlen, sagt der Surveillance Controller (SC), ein deutscher Hauptmann, der mit seinen drei Operators den gesamten Luftraum überwacht und sämtliche Flugzeuge identifiziert: „Sind wir dann hoch genug, reicht die Kälte der Umgebungsluft aus, um das Radar auf Betriebstemperatur zu halten und wir schließen die Öffnung wieder.“

Neueste Technik in einem Oldtimer

Schnell ist die Einsatzhöhe erreicht, jetzt verläuft die Route weiter, südlich an Berlin vorbei in den polnischen Luftraum. Hier werden die Piloten die Maschine innerhalb eines vorher festgelegten Planquadrats Dauerschleife fliegen und vor allem nach russischen Fluggeräten Ausschau halten. Doch auch jede andere Bewegung wird festgehalten und komplettiert das Lagebild, sei es am Boden, in der Luft oder auf See. Letztere Fähigkeit kam insbesondere bei der Operation Active Endeavour zur Unterstützung der Anti-Terror-Aktivitäten der NATO im Mittelmeer zum Tragen.

Das Innere des Aufklärers gleicht einer Röhre, vollgestopft mit modernster Computer-Technik, nur zwei winzig kleine Bullaugen im Heck gestatten einen Blick nach draußen. Die Daten, die von dem aktiven Suchradar in der Kuppel und von passiven Sensoren kommen, werden hier aufbereitet und das Lagebild damit erstellt.

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Trotz des fortgeschrittenen Alters der Boeing befindet sich darin modernste Kommunikationstechnik. Die Sensorik der AWACSAirborne Early Warning and Control System-Flotte unterliegt einem ständigen Erneuerungsprozess.

Bundeswehr/Thomas Skiba

Der Blick reicht weit

Verantwortlich für die optimale Kalibrierung ist heute ein norwegischer Captain. Das Radar dreht sich dabei einmal alle zehn Sekunden und versorgt das AWACSAirborne Early Warning and Control System-Flugzeug mit einer 360-Grad-Abdeckung, die Flugzeuge und Schiffe bis zu einer Entfernung von mehr als 215 Seemeilen (zirka 400 Kilometer) erkennen kann. Bei der Einsatzhöhe von rund 9.000 Metern Höhe kann ein AWACSAirborne Early Warning and Control System-Aufklärer einen Überwachungsbereich von etwa 310.798 Quadratkilometern oder etwa der Größe Polens abdecken. Zur Verdeutlichung der Leistungsfähigkeit seiner Sensorik: Drei Flugzeuge, die in überlappenden, koordinierten Umlaufbahnen operieren, können eine ununterbrochene Radarabdeckung von ganz Mitteleuropa bieten.

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Damit die Luftlage korrekt dargestellt wird, muss der Radar-Operateur die Sensoren kalibrieren

Bundeswehr/Thomas Skiba

Zwölf Stunden Wacht

Kurz vor dem Erreichen des heute festgelegten Einsatzraums wartet ein Tankflugzeug im Luftraum. Um genug Einsatzdauer für die Mission zu erhalten, muss kurz vor Beginn noch einmal Sprit gezogen werden. Eine Aktion, die alle Besatzungsmitglieder für etwa eine halbe Stunde beansprucht. Plötzliche Unterschiede machen innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zehn Meter abwärts oder nach oben aus. Wer hier einen schwachen Magen hat, bekommt das sofort zu spüren. Die Piloten im Cockpit leisten ganze Arbeit, halten den Luftriesen zentimetergenau auf Kurs zum nur wenige Dutzend Meter höher fliegenden Tanker. Unter normalen Umständen kann das Flugzeug mit einer maximalen Reichweite von 9.250 Kilometern etwa achteinhalb Stunden in der Luft bleiben, das reicht aber bei den Aufklärungseinsätzen nicht aus. Schon allein der Hinflug dauert drei Stunden, mit der Betankung erhöht sich die Einsatzdauer bedeutend, sodass die typischen Missionen zirca zehn bis zwölf Stunden dauern.

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Für eine halbe Stunde bleiben der Tanker und die AWACSAirborne Early Warning and Control System ein Gespann. Dann beginnt die Mission.

Bundeswehr/Thomas Skiba

Was passiert mit den Daten?

Mittlerweile hat die Awacs den befohlenen Luftraum an der polnisch-ukrainischen Grenze erreicht. Auf dem Luftlagebildschirm sind die Grenzlinien der Belorus, Lettlands und der russische Enklave Kaliningrad zu sehen, deutlich getrennt durch die Suwalki-Lücke – der einzigen und zudem engen Landbrücke zu den „Baltic Tigers“, den drei kleinsten NATO-Mitgliedern Estland, Litauen und Lettland. Vor der Küste tummeln sich gelbe Leuchtpunkte, allesamt Schiffe der russischen Kriegsmarine, in der Luft hingegen herrscht auffallende Leere, verglichen mit den Bildern der letzten Monate.

Was geschieht mit den Daten, die der Aufklärer ermittelt? Immer wieder wird in den Medien auf den Wert dieser Daten für die ukrainische Abwehr der Invasion hingewiesen, doch in dem Statement des taktischen Direktors (TD), der die Arbeit der Mission-Crew koordiniert, heißt es: Die Daten gehen in das Nato-Hauptquartier. „Es ist nicht unsere Aufgabe, über die Verwendung der Lagebilder zu entscheiden, wir ermitteln sie“, sagt der TD, ein weiblicher Major der belgischen Luftstreitkräfte.

Datensammler

Die Luftlagebilder werden in Echtzeit dem Nato-HQHeadquarters übermittelt

Bundeswehr/Thomas Skiba

Hier schlägt das Herz der NATO

Betritt man die Airbase in Geilenkirchen, fallen einem auf der Zufahrt sofort die Fahnen der USA, der Niederlande, von Belgien, Kanada, Polen, Norwegen, Spanien, Deutschland und aller anderen Mitgliedsländer ins Auge. Das ist gewollt! Die AWACSAirborne Early Warning and Control System-Flotte ist eines der wenigen militärischen Mittel, das tatsächlich im Besitz der NATO selbst ist und von ihr betrieben wird. Ansonsten besteht der größte Teil der unter dem NATO-Banner eingesetzten militärischen Mittel aus Fähigkeiten, die ihr die einzelnen Mitgliedsländer zuordnen. Damit verkörpern die Flugzeuge mit ihren Crews explizit den Geist des Bündnisses. Es sind stets internationale Besatzungen, die sich mit Soldaten aus 19 Ländern zusammensetzen. „Hier wird die NATO gelebt und das ist es, was den Dienst hier so besonders macht“, fasst Stabsfeldwebel W. zusammen, „In einem integrierten Verband zu arbeiten, möchte ich nicht mehr missen.“

Trotz Routine: Wachsam bleiben

Mittlerweile kurvt der Aufklärer Richtung Westen ein, ein kurzer Blick durch das Bullauge – und für einen Moment ist das Grenzgebiet, wie der Landesnamen Ukraine sprachwissenschaftlich gedeutet wird, zu sehen. Es geht heimwärts. Über Zentralpolen wird ein Unwetter umflogen, so dass sich der Pilot entscheidet, die Route nördlich von Berlin zu nehmen. Für die Missionscrew stehen letzte Tätigkeiten an: Lagebilder zusammenfassen, Besonderheiten festhalten und sich auf das Debriefing am Boden vorzubereiten. Und wie erwartet, war der Einsatz für die Frauen und Männer an Bord des AWACSAirborne Early Warning and Control System-Aufklärers ein Flug im Wissen um den Schutz der Bündnisgrenze, also Routine.

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Die AWACSAirborne Early Warning and Control System-Flotte untersteht der Nato, die Besatzungen setzen sich aus deren Nationen zusammen

Bundeswehr/Thomas Skiba
von Thomas Skiba