„Kalkar Sky 2022“
Das deutsche Joint Force Air Component Headquarters bereitet sich auf die Zertifizierung für die NATO VJTF 2023 vor.
Nieselregen legt sich auf den grauen Containerkomplex des Joint Force Air Component Headquarters (JFAC HQ DEU), den Gefechtstand zur Planung und Führung von multinationalen Luftoperationen. Die Übung Kalkar Sky 22 ist seit dem 11. Februar „Geschichte“.
Dennoch gibt es – neben vielen konkreten Übungserkenntnissen – ein weiteres Ereignis, welches nach Kalkar Sky noch lange relevant bleiben wird: die wissenschaftliche Studie „AI in AirC2“ (Artificial Intelligence in Air Command and Control), also der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Planung und Führung komplexer Luftoperationen.
Rückblick: Mittwoch, 9. Februar, 11.30 Uhr. Zufrieden verlässt Oberstleutnant Stefan Gülpen den Briefingraum. Auf dem Flur dankt er Dr. Deniz Yilmaz von der Firma CAE und Prof. Dr. Oliver Rose von der Universität der Bundeswehr in München für deren Beiträge. Kurz zuvor informierten die drei den Kommandeur des Zentrums für Luftoperationen und Kommandeur des JFAC HQ DEU, Generalleutnant Thorsten Poschwatta, zum Sachstand der Studie „AI in AirC2“.
KI-basierte Anwendungen sind auch ein Thema für die Luftwaffe. Bei komplexen Verfahren, wie z.B. beim Planen von Luftoperationen spart das viel Zeit.
Bundeswehr/Christian TimmigOberstleutnant Gülpen, der bei Kalkar Sky 22 das AOD-Team (Air Operation Directive) leitet, betreut im „richtigen Leben“ unter anderem das Projekt „Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Luftoperationen“. Die im Auftrag der NATO und der Luftwaffe durchgeführte Studie läuft seit Ende 2018. Ziel ist die Potentialdarstellung von KI im Planungsprozess von Luftoperationen und der KI-gestützten Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten, die im Hauptquartier ihren Dienst leisten. Die Übung Kalkar Sky 22 dient hierbei als Plattform. „Wir sind mit der KI-Software noch im Krabbelmodus“, scherzt Gülpen und ergänzt „aber, wenn das mal ausgewachsen ist, sollte die KI unsere Effektivität erhöhen und uns richtig Zeit sparen“.
Rund 400 Soldaten aus 16 Nationen trainierten in Kalkar den Ernstfall und koordinierten Luftoperationen in einem fiktiven Szenario
Bundeswehr/Christian TimmigUnd Zeit ist ein kritischer Faktor im Ernstfall. Bei Kalkar Sky 22 geht es deshalb auch an die Grenzen. Täglich werden 280 Flüge, sogenannte Sorties, geplant und um die 130 Flugzeuge mit unterschiedlichen Aufgaben eingesetzt. Die Herausforderung für die Planer hierbei ist die hohe Komplexität und die Masse von zu verarbeitenden Daten und Informationen: unter anderem Flugzeugparameter, Flugzeugkonfiguration, Bewaffnung, Lufträume, Flugstrecken, Funkfrequenzen, Geographie, Infrastruktur, Wetter, Tageszeit, mögliche Unterstützungsleistungen (z.B. Betankung, Eskorte) – und das alles mit Blick auf gegnerische Fähigkeiten und Bedrohungen.
So ist es nicht verwunderlich, dass hier auch der Fokus der Studie „AI in AirC2“ liegt. In einem ersten Schritt stellte Dr. Yilmaz nun einen Demonstrator zur Planung von Luftoperationen vor. Seit Monaten mit Daten gefüttert, hat die KI-Software gelernt, auf Aufgabenstellungen zu reagieren und bietet Lösungsoptionen in wenigen Sekunden. Im Vergleich dazu benötigt der Mensch für eine solche Aufgabe zwei bis drei Stunden. Bei Kalkar Sky 22 planen Mensch und Demonstrator parallel, um folgend die einzelnen Ergebnisse zu vergleichen und zu diskutieren.
Kalkar Sky ist die Plattform für die Studie „AI in AirC2“. In diesem Jahr wurden erste Ergebnisse präsentiert.
Bundeswehr/Christian TimmigZwischen den vielen Uniformen im JFAC HQ DEU fällt Dr. Yilmaz im Anzug schnell auf. An seinem Laptop bedient er die KI-Software. Die Freude am Projekt ist ihm anzumerken. „Es wird viel Zeit brauchen, den Resultaten einer KI zu vertrauen. Entscheidend ist die Verlässlichkeit des Systems“, führt Dr. Yilmaz aus. Im späteren Briefing verweist er in Richtung General Poschwatta auf die Grundlage von KI mit den Worten „Ich benötige für die KI drei Dinge von Ihnen: Daten. Daten. Daten.“.
Bis eine KI-basierte Anwendung verlässlich laufen kann, brauch das System alle verfügbaren Informationen und Zeit mit diesen zu lernen
Bundeswehr/Christian TimmigNach dem Ende der Übung gilt es für die Firma CAE, die bei Kalkar Sky 22 gewonnenen Ergebnisse auszuwerten. Mitte des Jahres wird man in Kalkar wieder zusammenkommen, um sich weiter dem Ziel zu nähern: die Fähigkeiten und Kapazitäten der NATO und der Luftwaffe im Planungsprozess mit Hilfe von KI zu steigern.
von Carsten Lippisch