Luftwaffe

Verlängerte Lebenszeit: Tornado hebt wieder ab

Verlängerte Lebenszeit: Tornado hebt wieder ab

  • Technik
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Manching
Lesedauer:
5 MIN

Nach gut 5.400 Flug- und 2.000 Belastungsstunden drohte dem Tornado mit der Kennung 43+42 vom Taktischen Luftwaffengeschwader 33 der Verlust der Flugerlaubnis. Deshalb erhielt er in Manching neue wichtige Strukturteile, die in präziser Handarbeit nach- und eingebaut wurden. Damit hat sich seine Nutzungsdauer verlängert und er kann, wie für alle Tornados geplant, bis Ende 2030 im Dienst bleiben. Jetzt startete der verjüngte Jet erstmals wieder. Mitte März kehrt er zurück in seine Heimat nach Büchel.

Der Tornado 43+42 kurz vorm Start in Manching.

Der Tornado kurz vor dem sogenannten Werksflug, bei dem alle Funktionen überprüft werden.

Bundeswehr/Daniel Leussing
Der Tornado 43+42 startet in Manching.

Start in ein verlängertes Leben: Der Tornado 43 + 42 hebt ab.

Airbus/Andreas Zeitler

Mit diesem Start endete eine aufwendige Prozedur, bei der die Maschine zum großen Teil zerlegt und wieder zusammengesetzt wurde. Hintergrund: Nach rund 40 Dienstjahren hatte der Jet im Mai 2017 nur noch wenige Belastungsstunden bis zum Verlust der Flugerlaubnis. „Belastungsstunden werden für viele Bereiche der Maschine elektronisch aufgezeichnet und ergeben sich aus der Zeit, in der diese während des Flugs wirklich beansprucht werden“, erklärt Stabsfeldwebel Lars König von der Instandsetzungskooperation Kampfflugzeuge. Deshalb ist die Zahl der Belastungsstunden immer niedriger als die der tatsächlich geflogenen Flugstunden.

Grundlage dafür, wann ein Bauteil getauscht werden muss, sind die Ergebnisse eines Strukturermüdungstests bei der Firma IABG in Ottobrunn. Hier absolvierte ein neuer Tornado rund 21.000 simulierte Flugstunden und 5.247 Belastungsstunden. Hat ein Bauteil seine maximalen Belastungsstunden erreicht, muss es ausgewechselt oder modifiziert werden, damit die Maschine weiterhin fliegen darf. So war es auch beim Tornado mit der Kennung 43+42 des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33 aus Büchel, der lange in Holloman in den USAUnited States of America bei der Pilotenausbildung eingesetzt war und entsprechend intensiv belastet wurde.

Soldaten und zivile Techniker arbeiten zusammen

Weil er die Grenze seiner Belastungsstunden fast erreicht hatte, flog er am 24. Mai 2017 nach Manching. Hier, in der riesigen Jethalle auf dem Gelände von Airbus Defence and Space mit Platz für 20 Tornados, wurden zunächst alle Anbauteile wie Tanks und Träger der 43+42 entfernt. Dann wurde die Maschine entlackt und auf äußere Schäden geprüft. Im Anschluss zerlegten sechs Soldaten der Luftwaffe und 14 Airbus-Mitarbeiter fast den gesamten Flieger. Das Ziel: „Dem Flugzeug neues Leben geben, beziehungsweise den betroffenen verschlissenen Bauteilen“, erklärt Stabsfeldwebel König. Die Mitarbeiter der Kooperation zwischen Bundeswehr und Airbus überprüften den Zustand der betroffenen Strukturteile, um sie gegebenenfalls zu erneuern oder auszutauschen.

Der Tornado 43+42 nach dem Entlacken in der Werkshalle.

So sah der Tornado 43+42 nach dem sogenannten „Dry Stripping“, dem Entlacken, aus. Nur wenn der Lack ab ist, lassen sich eventuelle Schäden in der Hülle erkennen.

Instandsetzungskooperation Kampfflugzeuge

Keine Teile „von der Stange“

Der Tausch wichtiger Strukturteile, wie der des Ringspants, war eine Premiere. Ursprünglich war nie geplant, dass dieses Verbindungselement zwischen Vorder- und Mittelteil des Rumpfes je ausgetauscht werden müsste. Deshalb konnte das zivil-militärische Team auch nicht einfach Ersatzteile bestellen. „Jedes der rund 400 benötigten Strukturteile wurde erstmals nachproduziert und neu eingebaut“, erklärt König. „So etwas gibt es nicht von der Stange.“ Für diese Arbeiten musste zunächst das Rumpfmittelteil vom Rumpfvorderteil des Flugzeugs getrennt werden.

Das Rumpfvorderteil des Tornados hängt in einer Transportvorrichtung,

Das Rumpfvorderteil wird durch die Halle transportiert

Bundeswehr/Daniel Leussing

Eigens für dieses Vorhaben wurden besondere Transport- und Stützvorrichtungen gefertigt. „Ein Tornado ist ein extremer Leichtbau aus Aluminium. Normalerweise verbindet die Außenhaut die Spante stabil miteinander“, erklärt Lars König. „Doch für diese Arbeiten haben wir auch die Seitenbeplankung entfernt. Deshalb musste die Stützvorrichtung auf ein hundertstel Millimeter genau passen, damit sich das Luftfahrzeug beim Ausbauen der Spante nicht verzieht.“ Außerdem wurden spezielle Werkzeuge hergestellt, zum Beispiel Reibahlen für die Feinbearbeitung der Bohrungen, Schablonen, um alle Bohrungen von den alten auf die neuen Teile zu übertragen und Bearbeitungsbühnen, damit das Team von allen wichtigen Seiten am Luftfahrzeug arbeiten konnte.

Der ausgebaute Rumpfmittelteil steht im Stützgestell.

Maßarbeit auf ein Hundertstel Millimeter genau: Der ausgebaute Rumpfmittelteil steht im eigens dafür angefertigten Stützgestell.

Bundeswehr/Daniel Leussing

Präzise wie die Uhrmacher

Um die neuen Teile einbauen und später Mittel- und Vorderteil wieder zusammenfügen zu können, mussten alle Bohrungen der alten Teile exakt auf die neuen übertragen werden, mit einer Genauigkeit von 0,001 Millimeter für jede Bohrung. „Wir arbeiten hier präzise wie die Uhrmacher“, sagt Lars König. „Jede Bohrung erfolgt in drei bis sechs Schritten und es waren Tausende einzelner Bohrungen.“

Fit für bis zu 8.000 Flugstunden

Um den Tornado zu zerlegen und wieder zusammenzubauen, waren rund 2.000 Arbeitsschritte notwendig. Nun hat der Tornado wieder bis zu 8.000 Flugstunden auf der Haben-Seite. „Zur Verdeutlichung: In ihrer bisherigen Dienstzeit ist diese Maschine auf etwa 5.400 Flugstunden und ca. 2.000 Belastungsstunden im Bereich des Rumpfmittelteils gekommen“, so König.

Blick durch das Triebwerksgehäuse des Tornados.

Licht am Ende des Tunnels: Der Tornado 43+42 ist wieder flugbereit.

Bundeswehr/Daniel Leussing

Tornados fliegen weiter bis Ende 2030

Für den aufwendigen Schritt der Rumpfzerlegung war vor allem ein Beschluss des Bundesministeriums der Verteidigung entscheidend: Demnach sollen alle 85 Tornados noch bis Ende 2030 im Dienst bleiben. Das ist nur schaff bar, wenn derart umfangreiche Arbeiten gemacht werden. Dieses Ziel ist für den Tornado aus Büchel nun mehr als gesichert. Voraussichtlich Mitte März wird das Luftfahrzeug seinen normalen Dienst beim Taktischen Luftwaffengeschwader 33 in Büchel wiederaufnehmen.

Der zweite Tornado ist auch fast fertig

Während der Tornado 43+42 zusammengebaut und mit der elektrischen Verkabelung begonnen wurde – in jedem Tornado liegen rund 100 Kilometer Kabel –, kam schon der nächste Jet mit der Kennung 45+14 aus dem Taktischen Luftwaffengeschwader 51 „Immelmann“ in die Halle. Auch hier sind umfangreiche Arbeiten an der Struktur notwendig, damit er bis Ende 2030 fliegen kann. „Durch die Erfahrung mit der 43+42 konnten wir eine Zeitersparnis von etwa sechs Monaten erreichen“, sagt König. „Wir sind für alle künftigen Tornados, die eine strukturelle Nutzungsdauerverlängerung brauchen, gut vorbereitet.“

Ein Tornado steht am Boden der Halle, der zweite hängt an einer Transportvorrichtung.

Während beim ersten Tornado mit der elektrischen Verkabelung begonnen wird, wird der Tornado 45+14 für die Strukturarbeiten vorbereitet

Instandsetzungskooperation Kampfflugzeuge

Die 43+42 bekam zeitgleich zur „Lebensverlängerung“ in Manching auch das Komplettprogramm: eine Depotinstandsetzung, wie sie alle 2.400 Flugstunden durchgeführt wird, eine Analytische Zustandsinspektion und erstmals eine Verstärkung am Rumpf für das Bug- und Hauptfahrwerk. Dazu kam eine der letzten Umrüstungen auf das Betriebssystem ASSTA 3.1 mit neuen Soft- und Hardwarekomponenten.

Forever young: Das Innenleben

„Natürlich wurden diese Flugzeuge vor etwa 40 Jahren gebaut, aber es sind keine alten Maschinen“, betont König. Egal ob es um Radar, Kommunikation, Waffen oder die gesamte Leistungsfähigkeit geht, der Tornado ist diesbezüglich immer auf dem neuesten Stand, soweit dies sein Platz und seine Technik erlauben. „Eine Besatzung von 1982 beispielsweise könnte das Flugzeug zwar noch fliegen, aber keins der Systeme mehr bedienen“, so König.

Mitglieder der Instandsetzungskooperation stehen mit Abstand und Masken vor dem Tornado.

Das Team: Die Angehörigen der Instandsetzungskooperation Kampfflugzeuge mit dem nun wieder fitten Tornado 43+42.

Bundeswehr/Daniel Leussing
von Stefanie Pfingsten und  Niklas Engelking