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BALTOPS: Alliierter Pulsmesser im Wandel der Zeit

Vom 6. bis 18. Juni hat in der Ostsee zum 50. Mal das multinationale Seemanöver Baltic Operations stattgefunden. Die größte USUnited States- und NATO-Marineübung in dieser Region blickt nicht nur auf die Geschichte eines halben Jahrhunderts zurück. In den letzten Jahren ist sie vielleicht bedeutender denn je geworden.

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US Navy/Theron J. Godbold

Bereits 1970 versammelten sich unter USUnited States-amerikanischer Führung Marineeinheiten der NATO-Ostseeanrainer Dänemark, Norwegen und Westdeutschland zu einer gemeinsamen maritimen Übung. Seit vermutlich 1971 trägt diese nun jährlich stattfindende Großübung den offiziellen Namen Baltic Operations, kurz BALTOPS. Ganz einig sind sich Marinehistoriker und andere Beobachter mit der Datierung des offiziellen Beginns der Übung nicht. So feierten die USUnited States-Streitkräfte in Europa 1997 das 25-jährige Bestehen der Übung gefeiert, was auf 1972 als „Gründungsjahr“ schließen ließe.

Bis heute wird die Übung durch den Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte in Europa (USEUCOM) und seinen unterstellten USUnited States-Marinebefehlshaber beauftragt, unterstützt durch die 2. und die 6. US-Flotte sowie durch das der NATO-Streitkräftestruktur zugehörige, aber USUnited States-geführte, Hauptquartier STRIKFORNATO geplant und durchgeführt. Offiziell daher keine originäre Übung des Bündnisses, ist BALTOPS jedoch insbesondere auf NATO-Mitgliedsstaaten ausgerichtet und beübt alliierte Fähigkeiten und Interoperabilität.

Im Kalten Krieg

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Historische Vorhut von BALTOPS: der Flugzeugträger USS „Intrepid“, hier 1970 in See

US Navy

Während des Kalten Krieges war das Ziel von BALTOPS, die amerikanische Entschlossenheit zur Verteidigung Nordeuropas zu demonstrieren und die gemeinsame alliierte Fähigkeit unter Beweis zu stellen, wenn notwendig auch offensiv in sowjetisches Territorium zu wirken. Die zentralen Manöverinhalte waren – und sind bis heute – die Kernfähigkeiten maritimer Streitkräfte, wie die U-Boot-Jagd, die Luftabwehr oder das Artillerieschießen. Damit sollte BALTOPS einen Beitrag zur Abschreckung der NATO gegenüber der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt in einem geostrategischen Raum leisten, in dem beide Seite wahrscheinlich eine militärische Konfrontation austragen würden.

Geografischer Schwerpunkt der Übung war einerseits der Zugang zur Ostsee über das Skagerrak zwischen Dänemark und Norwegen. Hier könnten NATO-Marineverbände den potenziellen Gegner Sowjetunion daran hindern, ihre Ostseeflotte in den Atlantik vorstoßen lassen, wie auch ihr die Unterstützung durch die Nordflotte zu verweigern. Andererseits reichte das Manövergebiet bis hin zur westlichen Ostsee, um hier die alliierten Hoheitsgebiete Dänemarks und Westdeutschlands vor einer Invasion von der Seeseite her zu verteidigen.

Flugzeugträger in der Ostsee

Heute gilt die Entsendung der USS „Intrepid“, eines auf die U-Boot-Jagd spezialisierten Flugzeugträgers, mit ihrem Geleit aus drei amerikanischen Zerstörern in europäische Gewässer als Auftakt zur 50-jährigen Geschichte von BALTOPS. Die Fahrt des USUnited States-Marineverbands war jedoch weniger ein Marinemanöver als vielmehr eine von der amerikanischen Regierung selbst angeordnete maritime Operation.

Als Task Force 83.2 operierten die Schiffe 1971 und 1972 zwischen dem Nordatlantik, der Barentssee, dem Mittelmeer und nicht zuletzt der Ostsee. Ihr Auftrag war, laufend ein aktuelles Luft-, Überwasser- und vor allem Unterwasserlagebild zu erstellen. Gleichzeitig lotete die USUnited States Navy sowjetische Reaktionen auf bestimmte Fahrweisen und Annäherungen an Territorialgewässer der UdSSRUnion der Sozialistischen Sowjetrepubliken aus.

Als zunächst rein amerikanischer Verband hatte die Task Force nur vereinzelte kleinere Übungen mit den alliierten Seestreitkräften in der jeweiligen Region angesetzt, in dem sich die USUnited States-Schiffe befanden. Bereits damals interessierte sich auch schon Schweden für die maritimen Übungen der Allianz in ihrem Vorhof und die schwedische Marine stattete dem Verband einen offiziellen Besuch ab.

Die Kieler Woche als NATO-Tradition

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Kieler Woche 2018: Die USUnited States Naval Forces Europe Band spielt auf. Das alliierte Großmanöver endet traditionell in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt. Nach zwei Wochen harten Trainings können die Soldatinnen und Soldaten beim Volksfest an der Förde entspannen.

US Navy/Justin Stumberg

Ebenfalls schon 1971 beendete die „Intrepid“ mit ihrem Zerstörergeleit die Entsendung in die Ostsee mit einem viertägigen Aufenthalt in Kiel. Seit dem Ende der 1970er Jahre verfestigte sich die ungeschriebene Regel, dass die Übung BALTOPS ihren Ausklang in Kiel zum Auftakt der Kieler Woche findet. Mehrere Generationen alliierter Seeleute schwärmen daher noch heute von ihren Erlebnissen in dieser Hafenstadt. Die „Kiel Week“ ist somit zu einer festen NATO-Tradition geworden.

Während des Kalten Krieges waren vor allem Großbritannien, die Niederlande, Dänemark und Westdeutschland feste Teilnehmer des USUnited States-geführten Manövers. Spätestens seit Mitte der 1970er wusste man unter den BALTOPS-Teilnehmern die deutschen und dänischen Schnellboote sowie die deutschen U-Boote als herausfordernde Übungsgegner zu schätzen.

Nach dem Ost-West-Konflikt

Mit dem Ende des Kalten Krieges änderten sich dann schrittweise der Inhalt, das Durchführungsgebiet und die Teilnehmer der Übung. Von einer Demonstration militärischer Abschreckung gegenüber Sowjetunion und Warschauer Pakt wandelte sich BALTOPS ab 1991 zu einem politischen Werkzeug des Dialogs und der Einbindung Russlands in Aspekte der maritimen Sicherheit.

In den folgenden 20 Jahren haben russische Kriegsschiffe nicht kontinuierlich, aber doch regelmäßig an der Übung mit NATO-Alliierten und -Partnern teilgenommen. Gleichzeitig stellten zum Beispiel seit 1993, elf Jahre vor ihrem Beitritt zum Bündnis, die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ebenso regelmäßig Marineeinheiten für BALTOPS ab.

Während dieser Zuspruch zu der Übung durch ehemalige Mitglieder des Warschauer Pakts und potenzielle NATO-Aspiranten wuchs, nahm die Teilnahme durch Marineschiffe bestehender Bündnispartner in den 1990ern schrittweise ab.

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Der anscheinend volle Hafen trügt: Im Marinestützpunkt Kiel hat sich der Manöververband von BALTOPS 2008 versammelt. Doch in den 1990ern und 2000ern hat die Großübung vergleichsweise wenige Teilnehmer.

Bundeswehr

Ebbe bei BALTOPS

Die Hauptgründe für die rückläufige Beteiligung: Einzelne Alliierte wiesen ihre weniger werdenden Schiffe maritimen NATO- und VN-Operationen in der Adria und im Persischen Golf zu während der dortigen regionalen Konflikte. Auch suchte die NATO an sich zur gleichen Zeit ihre politische Bestimmung neu.

Währenddessen entwickelte sich BALTOPS über die Jahre weiter. In den 1990ern standen oft der Dialog mit und die Einbindung von Russland sowie der Austausch zwischen den beteiligten Seestreitkräften im Fokus, um gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Spätestens ab 2001 änderte sich das wieder: Die BALTOPS-Planer fügten asymmetrische Bedrohungen auf See und die Evakuierung von Zivilisten aus Krisengebieten als neue Übungsmodule hinzu.

Geostrategie zwischen Nordmeer, Mittelmeer und Schwarzem Meer

Mit Blick auf das europäische Festland befindet sich die Ostsee an der nördlichen Schnittstelle zu einem weiteren bedeutungsvollen geostrategischen Gebiet: die zusammenhängende Landmasse zwischen der Ostsee, dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer beziehungsweise genauer der Adria. In den letzten hundert Jahren hat sich besonders im slawischsprachigem Raum dafür der Begriff und das Konzept Intermarium etabliert.

Der noch größere Raum, die Linie von der Arktis, dem Hohen Norden und Skandinavien über die Ostsee und das Intermarium bis zum gesamten Mittelmeer ist seit 2014 Gegenstand zunehmender sicherheitspolitischer Besorgnis und möglicher Spannungen zwischen der NATO und Russland. Geostrategisch gehört dieses Gebiet zu den direkten und unmittelbaren Interessensphären russischer Außen- und Sicherheitspolitik.

Ehemalige Einflussgebiete russischer und sowjetischer Außenpolitik im Intermarium gehören nunmehr zur NATO und EU. Damit hat Russland an seiner Westgrenze aus seiner Perspektive kaum noch eine strategische Pufferzone. Dass es die wahrgenommene geostrategische Lage ändern möchte, könnte vor allem im Ostseeraum eskalieren.

Diese Gefahr sehen vor allem die baltischen und osteuropäischen Staaten mit einer Grenze zu Russland oder Belarus. Dementsprechend ist es im Interesse dieser relativ neuen NATO-Partner, die Entschlossenheit und Fähigkeit der Allianz zur Verteidigung ihrer auch jüngsten und kleinsten Mitglieder zu demonstrieren – auch und eben gerade mit Großmanövern wie BALTOPS.

Verschobene Konfrontationslinien

Schon der russisch-georgische Krieg 2008, jedoch maßgeblich die völkerrechtswidrige russische Annexion der Krim 2014 bedeutete für BALTOPS einen erneuten Wandel. Während Russland seine Teilnahme 2012 beendete, stieg das Interesse an der Übung seitens alter und neuer NATO-Mitglieder sowie der EU-Partner Schweden und Finnland in den folgenden Jahren bis heute stark an. Selbst Georgien hat sich schon mit Spezialkräften beteiligt. Auch rückte die geostrategische Bedeutung der Ostsee als Bindeglied zwischen europäischem Festland und Skandinavien bis zum Hohen Norden zurück ins Bewusstsein des Atlantikbündnisses und seiner Mitgliedsnationen.

Somit sind seit 2014 wieder Abschreckung und Verteidigung, verbunden mit einer starken strategischen Signalwirkung, ein wesentlicher Aspekt von BALTOPS. Inhaltlich geht es darum, militärische Präsenz in der Region, auch zur Rückversicherung der östlichen Alliierten, zu zeigen. Dabei trainieren die Partner maritime Kernfähigkeiten, vom Artillerieschießen über U-Boot Jagd, bis zur Minenabwehr und elektronischer Kampfführung. Zusätzlich gehören amphibische Operationen zu der Großübung wie sogar der Einsatz strategischer Bomber der USUnited States Air Force.

Die reine Marineübung entwickelt sich weiter

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Finnische Marineinfanterie übt 2016 amphibische Landungen in Schweden bei einer amerikanischen Großübung mit NATO-Partnern – ein deutliches Symbol für den Wandel von BALTOPS.

US Navy/Alyssa Weeks

BALTOPS hat sich damit zu einer streitkräftegemeinsamen Übung entwickelt: Es findet nicht mehr nur rein auf Hoher See statt, sondern zunehmend auch im küstennahen Raum, am Strand und im Luftraum über der Ostsee. Zusätzlich diente das Manöver in den letzten Jahren vermehrt für experimentelle Inhalte, wie etwa kontinuierliches Überwachen eines Luft- und Seeraums durch Drohnen oder Abwehrmaßnahmen von Schiffen gegen landgeschützte, schultergestützte Raketen.

Vor diesem Hintergrund nutzt BALTOPS auch verstärkt militärische Übungsplätze der Ostseeanrainer, in den vergangenen fünf Jahren gerade den deutschen Truppenübungsplatz Putlos in Schleswig-Holstein aufgrund seiner günstigen und einmaligen Rahmenbedingungen. Er bietet unter anderem Platz für das Artillerieschießen der beteiligten Schiffe auch mit großen Kalibern. Ferner übers Minenräumen über amphibische Landungen bis zu begleitender Luftunterstützung lässt sich in Putlos als einzigem Truppenübungsplatz der Alliierten und Partner im Ostseeraum alles trainieren, wenn nötig sogar weitestgehend parallel.

Die Deutsche Marine trägt mit ihren Fähigkeiten, vom Seefernaufklärer über Fregatten, Minenjagdboote und Korvetten bis hin zum Seebataillon und unterstützenden Logistikeinheiten kontinuierlich zu BALTOPS bei. Und mittlerweile nutzt auch die Luftwaffe die Großübung mit vor allem mit Eurofighter-Jagdbombern.

Gerade diese streitkräftegemeinsamen Aspekte haben seit 2017 zu einer engen Abstimmung und Verknüpfung von BALTOPS mit parallel stattfindenden Manöver geführt: wie das amerikanisch-polnische Saber Strike, das litauische Thunder Storm, das amerikanische Defender Europe oder sogar das neugeschaffene Steadfast Defender der NATO. 2018 nutzte auch die britisch-geführte Joint Expeditionary Force das Manöver BALTOPS, um ihre vorrangig amphibischen Einheiten in einem größeren Verbund zu integrieren.

Fazit: Ein Manöver wie kaum ein anderes

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Zeremonie der BALTOPS-Verbündeten in Stettin 2017: Bedrohungsgefühle in Polen und bei seinen baltischen Nachbarn hat dem Ostsee-Großmanöver neuen Sinn gestiftet.

US Navy/Ford Williams

Das maritime Großmanöver Baltic Operations unterlag allen geostrategischen Wechseln, die in einem halben Jahrhundert in Europa stattgefunden haben. Sowohl von den Übungsinhalten und -zielen wie auch von den Teilnehmern her lässt sich gut darüber reflektieren: Welchen Grad an sicherheitspolitischen Bedrohungen haben alte und neue NATO-Partner wahrgenommen? Wie haben die Alliierten reagiert?

Die Antworten auf diese Fragen zeigen: BALTOPS im Wandel der Zeit ist ein echter alliierter maritimer Pulsmesser geworden. Absehbar wird es das auch bleiben.

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