Marine

Kapitel 3: Spießrutenlauf nach Finnland

Kapitel 3: Spießrutenlauf nach Finnland

  • Zivil-Militärische Zusammenarbeit
  • Marine
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3 MIN

Gewappnet mit den Informationen seiner Berater fällt Sven Beck eine Entscheidung: Das Transportschiff „Louhi“ soll nach Hanko fahren. Die drei Fregatten seiner Task Group werden sie auf dem Weg dahin beschützen, kurz vor dem verminten Gebiet übernehmen Minenjagdboote und geleiten den Seetransport bis in den Hafen. Gut 400 Seemeilen, 30 Stunden Fahrt liegen noch vor dem nur 14 Knoten schnellen „Hochwertziel“, bevor es in Hanko festmachen kann.

Ein Soldat in Schutzhelm und Splitterschutzweste zielt mit einem Maschinengewehr auf ein kleines Boot in See.

Ein Soldat der „Hamburg“ bekämpft ein Speedboot mit seinem Maschinengewehr. Solche schnellen, kleinen Angreifer sind eine Gefahr für langsam fahrende Hochwertziele.

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Für die „Louhi“ wird die Strecke in den sicheren Hafen zum Spießrutenlauf. Bei Tageslicht müssen Becks Fregatten vermutete Speedbootattacken abwehren, sie fahren Höchstgeschwindigkeit und legen sich in harte Kurven – sie tun alles, um das Transportschiff zu decken und die Angreifer abzudrängen. Das macht den Kapitän der „Louhi“ sichtlich nervös: Sein Handelsschiff ist nicht so schnell und wendig wie die „grauen Krieger“, die es beschützen. Zum Glück bleiben Raketen- oder Torpedoangriffe aus …

Stunde um Stunde geht es so, bis zum Einbruch der Dunkelheit. Im Szenario des Marinemanövers gleicht die Ostsee plötzlich Seegebieten mit echter Piratengefahr, wie der Golf von Aden oder der Golf von Guinea. Kapitänleutnant Bergholz steht wie angenagelt auf der Brücke des Handelsschiffs neben dem Skipper der „Louhi“. „Ich habe den taktischen Sprechfunk mit den Kriegsschiffen übernommen“, berichtet er später. „Dann kann ich aus der militärischen Befehlssprache gleich übersetzen, wenn’s nötig ist.“

Ein Blinder im Minenfeld

Die 15-köpfige Crew der „Louhi“ muss allzeit auf Bergholz‘ Anweisungen hören. Eine ungewohnte Situation für Handelsschiffer, die normalerweise weit draußen auf See keinen Lotsen an Bord haben, der ihnen sagt, was sie tun sollen. In der Regel sind die nur für die letzten paar Seemeilen vor dem Anlegen auf hafenfremden Schiffen dabei. Aber es scheint dem deutschen Kaleu gelungen zu sein, zwischen der „Louhi“ und ihren NATO-Beschützern zu vermitteln. „Alles ist gut gegangen“, sagt er zufrieden am späten Abend.

Ein graues Kriegsschiff in See; im Hintergrund am Horizont ein Tanker mit rotem Rumpf.

Die dänische Fregatte „Niels Juel“ in der Ostsee. Im Ernstfall müssen Kriegsschiffe wie sie wertvolle Handels- und Transportschiffe beschützen.

Bundeswehr/Marcel Kroencke

Als die Fregatte „Hamburg“ die „Louhi“ an der seewärtigen Grenze des verminten Gebiets an schwedische, finnische und deutsche Minenjagdboote übergibt, steigt eine fahle Novembersonne über den Horizont. „Die erste Etappe ist schonmal geschafft“, meint Bergholz müde. Seine Uniform ist zerknittert. „Vier Stunden konnte ich unter Deck mal die Augen zumachen. Im Ernstfall ginge das nicht, dann müssten wir hier immer zu zweit sein.“

Das letzte Stück des Weges stellt die „Louhi“ vor eine schwierige navigatorische Aufgabe. Sie muss sich wie ein Blinder durch ein nur 30 Meter breites Fahrwasser tasten, das durch kein Seezeichen markiert ist. Keine rote oder grüne Tonne zeigt ihr an, wo es links oder rechts gefährlich wird. Nur die Militärfahrzeuge direkt vor und hinter der „Louhi“ können dem riesigen Transportschiff genau zeigen, wo es langgeht. Vor dem Eingang zum „Minenkanal“ sichern die Fregatten mit ihren weitreichenden Sensoren und Waffen den kleinen Konvoi.

Kaleu Bergholz bringt das Hochwertziel sicher in den Hafen

Zwei kleine graue Kriegsschiffe auf See vor einem Hafen mit mehrstöckigen Wohn- und Bürogebäuden.

Minenjagdboote sind der Geleitschutz der „Louhi“ auf der letzten Etappe. Hier die belgische „Narcis“ und die deutsche „Dillingen“ vor dem Hafen von Turku

Bundeswehr/Marcus Mohr

Das Sonar der Minenjäger kontrolliert noch einmal den Weg, den sie am Tag zuvor für „Louhi“ geräumt haben. Trotzdem müssen sie ein paar Mal zur Sicherheit aufstoppen. Eigentlich zu plötzlich für einen 180 Meter langen, trägen Transporter, wie die „Louhi“ ihn darstellt. Ein echtes, häuserblockgroßes RoRo-Schiff hätte in der Realität einen wesentlich größeren Bremsweg als das nur 50 Meter kleine Minenjagdboot davor. „Ein Schlepper an unserem Heck könnte hier helfen“, überlegt Bergholz. Den Gedanken hält er in seinen Manövernotizen fest.

Mittags ist es endlich geschafft: Die „Louhi“ wirft in Hanko an genau der Pier ihre Festmacherleinen über, die anderthalb Tage vorher Oberleutnant Mack für sie ausgesucht hat. Für die Minenjagdboote und auch die Fregatten heißt das, sie haben ihre Aufgabe erfolgreich erfüllt. Den Schutz der wertvollen Ladung auf der „Louhi“, die jetzt Palette für Palette gelöscht wird, übernehmen finnische und deutsche Marineinfanteristen.

Im Konfliktszenario des Manövers Northern Coasts haben alle beteiligten Spezialisten ihren Job gemacht: von der Luftverteidigungsfregatte „Hamburg“ über die Minenjagdboote bis zum NCAGSNaval Co-operation and Guidance for Shipping -Team in Turku. Jeder hat sich an dem Ziel orientiert, ein wehrloses, langsames Handelsschiff quer durch die Ostsee in einen sicheren Hafen zu bringen. Von der „Hamburg“, die noch 100 Seemeilen weit entfernt draußen in See steht, sendet Sven Beck ein Funksignal an alle: „Bravo Zulu – gut gemacht!“

von Marcus Mohr  E-Mail schreiben