Marine

Seenotrettung: Üben für den Ernstfall

Der Einsatzgruppenversorger „Bonn“ trainiert für den Einsatz. Dazu kann äußerstenfalls auch gehören, Menschenleben in Seenot zu retten.

Ein graues Schlauchboot und graues Motorboot nebeneinander in ruhiger See, auf beiden Menschen in Rettungswesten.
Bundeswehr/Steve Back

Ruhige See, blauer Himmel, perfektes Wetter für einen Ausflug an den Neustädter Strand. Nicht aber für eines der größten deutschen Marineschiffe. Für die „Bonn“ steht eine mehrwöchige Ausbildung in der Neustädter Bucht an.

Ständiges Training ist nötig, um Kriegsschiffe und ihre Besatzungen einsatzfähig zu machen und zu halten. In der westlichen Ostsee übt der Einsatzgruppenversorger (EGVEinsatzgruppenversorger) „Bonn“ gezielt für seinen bevorstehenden Auslandseinsatz. Er wird ab September 2021 im Mittelmeer an der European Union Naval Forces Mediterranean (EUNAVFOREuropean Union Naval Forces MEDMediterranean) Operation Irini teilnehmen. Der Hauptauftrag beinhaltet das Entdecken, Anhalten und Durchsuchen verdächtiger Schiffe im Einsatzgebiet. Auch das „Geschäftsmodell“ Menschenschmuggel und Menschenhandel zu stören, gehört dazu.

Die Ausbildung für die „Bonn“ organisierte das Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr der Marine in Neustadt in Holstein. Ein Teil davon sollte die neuartige sogenannte Migrant Rescue Exercise sein. In nur drei Wochen planten die Ausbilder das Szenario für den EGVEinsatzgruppenversorger und bereiteten es vor. Dabei spielten eigene Erfahrungswerte der Marine, gerade aus Einsätzen und Manövern, eine wichtige Rolle.

Die Besatzung der „Bonn“, einschließlich Bordeinsatzsoldaten des Seebataillons, trainierten so im Juli unter realistischen Bedingungen die Rettung in Seenot geratener Menschen. Für das Übungsszenario spielten 59 Laiendarsteller und Laiendarstellerinnen sowie zwei Hilfsboote mit. Die Bundespolizei See übte ebenfalls gemeinsam mit der Marine.

Jede Sekunde zählt

/
  • Ein großes graues Schiff in See, von hinten aufgenommen.
    01

    Seenothilfe gesucht

    Über den UKW-Funkkanal 16 geht ein Notruf auf der Brücke des Einsatzgruppenversorgers „Bonn“ ein. Die Frequenz ist für den internationalen Sprechfunk der Schifffahrt vorgesehen. Sie dient als allgemeiner Anruf- und Notrufkanal.

    So auch in dieser Übung. Die örtliche Küstenwache meldet: „Zwei in Seenot geratene Boote brauchen dringend Hilfe“. Das deutsche Marineschiff ist dem Ort des Geschehens am nächsten. Es befindet sich nur wenige Seemeilen entfernt. Die Absprachen der Brückenwache auf der „Bonn“ sind schnell und präzise, denn es geht um Leib und Leben.

    Sofort bereitet das seemännische Personal an Bord des EGVEinsatzgruppenversorger zwei Beiboote zum Aussetzen vor: die beiden Festrumpfschlauchboote, kurz RHIBs, des Schiffs. Neben dem Bootsführer und einem Mechaniker, der mit der Technik betraut ist, befindet sich auch ein Rettungsschwimmer an Bord der Speedboote. Je drei Bordeinsatzsoldaten komplettieren die beiden Bootsteams.

    Soldaten in Flecktarnuniform stehen vorne in einem grauen Festrumpfschlauchboot.

    Das komplette Bootsteam

    Bundeswehr/Steve Back


    Letztere sind als Sicherheitskräfte mit Schutzwesten und Sturmgewehren ausgerüstet. Sie sollen die Situation vor Ort identifizieren und Informationen an die Schiffsführung weitergeben. Das ist notwendig, weil selbst im Mittelmeer Piraten solche Notsituationen für sich ausnutzen könnten.

  • Ein graues Schlauchboot und ein graues Motorboot in See.
    02

    Kontaktaufnahme

    Nach dem Aussetzen nehmen die Beiboote Fahrt in Richtung der Schiffbrüchigen auf. Sie sind schneller und wendiger als ihr Mutterschiff. Das nimmt zwar Kurs auf den Ursprungsort des Notrufs, wahrt aber noch einen Sicherheitsabstand.

    „Es erwartet uns eine undurchsichtige Lage. Es kommen Personen an Bord von denen wir nicht wissen, ob sie verletzt sind und welche Verständigung möglich ist“, beschreibt Kapitänleutnant Andre Arzt die Situation. Der Zweite Schiffsversorgungsoffizier übernimmt später die Leitung der Aufnahmestationen auf der „Bonn“.

    Am Übungsort angekommen stellen die Beiboote fest: Wie bereits per Funk durchgegeben, befinden sich hier zwei Flüchtlingsboote in Seenot. Es kommt Hektik auf, ein Mann springt über Bord und benötigt sofortige Hilfe.

    Vor einem grauen Motorboot schwimmt ein Mann in Rettungsweste im Wasser und hebt die Hände.

    Bundeswehr/Steve Back


    Ein deutsches Boot sichert das andere, das sich nähert. Beruhigend spricht die Bootsbesatzung die Schiffbrüchigen auf Englisch an. Ein erstes Lagebild, also wie es vor Ort aussieht, übermittelt der Bootsführer per Funk an die Schiffsführung. Währenddessen fischen die anderen aus seinem Team den im Wasser Schwimmenden, die übrigen Hilfesuchenden beruhigen sich allmählich.

    Obwohl die Situation jetzt wieder friedlich wirkt, ist sie noch nicht abschließend geklärt. Es könnten sich nach wie vor Waffen an Bord der in Seenot geratenen Flüchtlingsboote befinden – oder sogar noch ein Menschenschlepper.

    Foto: Bundeswehr/ Marcel Kröncke

  • Drei Personen in Flecktarn-Uniform auf einem Gummiboot übernehmen eine Person in Schwimmweste an Bord.
    03

    Verletze, Frauen und Kinder zuerst

    Die Brückenwache der „Bonn“ entscheidet gemeinsam mit dem Kommandanten, die um ihr Leben fürchtenden Kinder, Frauen und Männer an Bord aufzunehmen. Als erstes dürfen Frauen, Kinder und Verletzte in die Speedboote übersteigen. Pro Bootsfahrt können die Retter jedoch nicht mehr als acht Menschen mitnehmen, maximal 14 Personen passen auf die kleinen Beiboote.

    Story Bild 06

    Bundeswehr/ Marcel Kröncke


    Mittlerweile ist auch der EGVEinsatzgruppenversorger näher an den Ort des Geschehens herangefahren. Damit werden die Rettungsfahrten der Boote kürzer. Währenddessen bereiten sich über 70 Besatzungsmitglieder der „Bonn“, gut die Hälfte der Crew, für eine Aufnahme der Geretteten vor.

    Foto: Bundeswehr/ Steve Back


  • Ein voll besetztes Gummiboot mit uniformierten Soldaten und Zivilisten in Schwimmwesten.
    04

    Sicherheit geht vor

    Immer wieder kommt es zu kleineren Tumulten an Bord der in Seenot geratenen Boote. Jeder möchte als erstes gerettet werden. Ein Übersteigen auf die deutschen Boote ist dann nicht mehr möglich. Durch ruhige und sachliche Ansprache und Handzeichen entschärft der Teamführer der Seesoldaten die Situation.

    Das Speedboot, das zur Sicherung abgeteilt war, kann jetzt auch heranfahren. Beide RHIBs teilen sich jetzt die Arbeit und retten gemeinsam. Trotzdem: Bei jedem Anlauf überprüfen die Deutschen jeden Zugestiegenen kurz auf mitgeführte Waffen. 

    Foto: Bundeswehr/ Steve Back


  • Ein orange farbenes Boot der Bundespolizei mit Zivilisten in Schwimmwesten an Bord.
    05

    Sichere Aufnahme an Bord

    Der Einsatzgruppenversorger hat währenddessen vor Ort aufgestoppt und ist bereit für die Aufnahme. Durch einen Pendelverkehr bringen die Speedbootbesatzungen der „Bonn“ und des Küstenwachschiffs „Bad Bramstedt“ die insgesamt 59 Personen zum Einsatzgruppenversorger. Die Bundespolizei See nutzt das Manöver um die jungen Polizeianwärterinnen und Polizeianwärter zu schulen und sie auf Seenotrettungen in deutschen Seegebieten vorzubereiten. Für das zukünftige Personal ist dies eine Chance, koordiniert mit anderen Behörden zusammen zu arbeiten.

    Über das sogenannte Seefallreep, einer Zugangstreppe um von der Wasserlinie an Bord zu gelangen, steigen die Geretteten dann über.

    Zivilsten in Schwimmwesten steigen von einem grauen Gummiboot auf eine Leiter eines Schiffes über.

    Fotos: Bundeswehr/ Marcel Kröncke


    Dort erwartet sie ein Soldat, der den sicheren Überstieg und auch die Lage vor Ort überwacht. Er ist in ständigem Austausch mit den Bootsbesatzungen und steuert so die Aufnahme. Hier gilt der Grundsatz: Sicherheit vor Schnelligkeit.

  • Ein Geretteter zeigt sein Ausweispapier weiteren Soldaten in blauer Uniform.
    06

    Vorgetäuschte Not?

    Als erstes durchlaufen die aufgenommenen Flüchtlinge die sogenannte Überprüfung. Hier untersuchen Bordeinsatzsoldaten jede einzelne Person, die an Bord kommt nochmals gründlich. Bei der Überprüfung können die Kräfte zwei Waffen sicherstellen. Um mit den Geretteten zu kommunizieren, spricht die Besatzung Englisch. Doch nicht jeder spricht die Sprache ausreichend. Viele können nur gebrochenes Englisch, dann hilft man sich mit Zeichen- oder Körpersprache. Im Auslandseinsatz sind für diesen Fall Übersetzer mit an Bord.

    Um die Besatzung der „Bonn“ zusätzlich zu fordern, bekamen alle Darsteller eine Rolle zugeteilt. Einige können im Prüfungsfall dann kein Englisch, sind aggressiver oder wollen mehr Aufmerksamkeit.

    Das Prüfungsteam nutzt diese Gegebenheiten, um die Lage gelegentlich eskalieren zu lassen. Durch mehrere Stufen checkt das Prüferteam so die Reaktion und das Verhalten der Besatzung. Während einer Überprüfung ist ein Geretteter angriffslustig. Die Besatzung reagiert sofort und bringt den Unruhestifter in Sicherheitsverwahrung.

    Ein in Flecktarn-Uniform gekleideter Soldat drückt einen rebellierenden Mann zu Boden.

    Fotos: Bundeswehr/ Marcel Kröncke


  • Ein in zivil gekleideter junger Mann wird von einer Schiffsärztin untersucht.
    07

    Weiterer Ablauf an Bord

    Im weiteren Verlauf nehmen Soldaten die Daten aller an Bord kommenden Personen auf. Nicht alle haben einen Pass oder ein Ausweisdokument dabei, eine weitere Übungskünstlichkeit, die auch im Einsatz im Mittelmeer vorkommen kann. Neben einer Dokumentation der an Bord gebrachten Gegenstände fotografiert ein Soldat jede gerettete Person und deren Gepäck.

    Die Schiffsärztin und ihr Sanitätsteam behandeln und betreuen anschließend verletzte und kranke Personen. Hauptsächlich haben sie sich bei der Überfahrt Schürf- und Platzwunden zugezogen. Auch eine hochschwangere Frau befindet sich unter den geretteten Personen. Das Kind könnte jederzeit zur Welt kommen.

    An einer Versorgungsstation erhalten dann alle Flüchtlinge Wasser und weitere Lebensmittel. Diese können sie dann im Aufenthaltsbereich verzehren. Zusätzliche Besatzungsmitglieder sichern alle Stationen, damit kein Aufstand entsteht.

    Mehrere Gerettete sitzen an Deck des Schiffes und werden durch Soldaten in Uniform bewacht.

    Fotos: Bundeswehr/ Marcel Kröncke



  • Ein großes graues Schiff auf offener See.
    08

    Übungsende für alle Beteiligten

    Nach mehreren Stunden voller Konzentration und Anstrengungen der Besatzung geht die Übung zu Ende. Sichtlich zufriedene Gesichter gibt es auf Seiten der Prüfer als auch der Besatzungen.

    „Die Besatzung hat sehr durchdacht gehandelt“, äußert sich der zufriedene Prüfer, Kapitänleutnant Christopher Haupt. Er hat diese Übung zusammen mit der Prüfgruppe im Vorfeld konzipiert.

    Auch der Kommandant, Fregattenkapitän Eike Deußen, zieht ein Fazit: „Wir fühlen uns durch die Übung deutlich sicherer und für den zukünftigen Einsatz gewappnet. Die gut vorbereitete, realistische Durchführung ist eine wertvolle Erfahrung für die Besatzung.“

    Der Kommandant der Bonn in Uniform und Schirmmütze.

    Fotos: Bundeswehr/ Steve Back


  • Ein blaues Boot mit vielen dunkhäutigen Menschen treibt auf offener See.
    09

    Hintergrund

    Der Seeweg ist für Migranten, die versuchen nach Europa zu gelangen, eine gefährliche Option. Das ist besonders seit 2015 immer deutlicher geworden.

    Bis heute sterben bei der Überfahrt übers Mittelmeer Menschen, weil ihre überfüllten Boote in Seenot geraten. So etwa mindestens 57 Flüchtlinge, als ihr Boot Ende Juli 2021 bei schlechtem Wetter vor der libyschen Küste kenterte. Insgesamt sind, laut Datenbank Statista, rund 22.000 Menschen auf diese Weise auf dem Weg nach Europa umgekommen.

    In der Vergangenheit konnten Soldaten der Deutschen Marine unter anderem während des Einsatzes EUNAVFOREuropean Union Naval Forces MEDMediterranean Operation Sophia solche Tragödien verhindern.

    Eine Frau mit Kind vor vielen weiteren Menschen auf einem Schiff

    Bundeswehr/ Sönke Struhalla


    Um die Männer und Frauen des Einsatzgruppenversorger „Bonn“ auf eine solche Situation vorzubereiten, haben sie diese vor Neustadt geübt.

    Foto: Bundeswehr/ Chris Sieg

Video zur Übung


Mehr zum Thema