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Wir sind Marine: „Wir sind unterwegs!“

Wir sind Marine: „Wir sind unterwegs!“

  • Innere Führung
  • Marine
Datum:
Ort:
Rostock
Lesedauer:
7 MIN

Im Doppelinterview erklären die Projektleiter Flottillenadmiral Rainer Endres und Professor Marcus Albrecht „Wir sind Marine“, berichten wo wir stehen und zeigen auf, wie es weitergeht.

Ein Marineoffizier sitzt am Schreibtisch.

Flottillenadmiral Rainer Endres steuert das Projekt „Wir sind Marine“

Bundeswehr/Steve Back
Herr Admiral, Herr Professor, der Inspekteur hat mit seinem Inspekteurbrief 01/18 das Projekt „Wir sind Marine“ gestartet. Auch bei seinen Truppenbesuchen und auf Twitter lässt er keine Gelegenheit aus, das Projekt zumindest kurz anzusprechen. Können Sie uns mit wenigen Sätzen erläutern, worum es bei „Wir sind Marine“ geht?

Endres: „Wir sind Marine“ ist – wie schon der Titel zum Ausdruck bringt – ein Projekt der Männer und Frauen der Marine – aus der Marine und für die Marine. „Wir sind Marine“ ist unser gemeinsames Anliegen. Entstanden ist es aus der Vielzahl kritischer Berichte und Äußerungen ebenso wie aus zahlreichen Anregungen und Impulsen aus der Marine. „Wir sind Marine“ will den Menschen in der Marine eine starke Stimme geben, bei der sachlichen Analyse der Situation und bei der gemeinsamen Suche nach ergänzenden und neuen Wegen, wie wir mit den schwierigen Rahmenbedingungen, den ständigen Veränderungen unserer Zeit, den weiter wachsenden Herausforderungen und der damit insgesamt immer wieder auch verbundenen Unsicherheit und oftmals auch Frustration umgehen wollen.

Albrecht: Die Antwort auf die Frage, wie wir in der Marine mit Herausforderungen wie Verantwortungsdiffusion, Regelungsdichte und Professionalität umgehen, hängt nicht nur davon ab, welche Arbeitsmittel oder welche finanziellen Mittel uns zur Verfügung stehen. Genauso wenig wie Arbeitsattraktivität und Berufszufriedenheit. Und beide hängen grundsätzlich auch nicht von Personalien ab. Damit wir uns nicht missverstehen: Ausstattung und materielle Bedingungen spielen natürlich eine Rolle, sie sind aber – im Wortsinn – nicht das glückseligmachende Element.

Diese Botschaft ist nicht ganz leicht zu verdauen, sie ist aber wissenschaftlich abgesichert und im Grunde bestätigt sie sich gerade auch schon an der einen oder anderen Stelle in der Marine: Wir sehen, dass ein Mehr an Personal oder Material eben nicht zwangsläufig auch ein Mehr an Zufriedenheit und Professionalität mit sich bringt. Die Marineführung hat erkannt, dass Personal, Material und Finanzen allein noch keine Verbesserung bringen. Neben den notwendigen und naheliegenden Themen müssen eben auch die Themen in den Blick genommen werden, die das alles komplettieren.

Nun werden manche spontan sagen: „Bitte nicht noch ein Projekt.“ Was unterscheidet „Wir sind Marine“ von vielleicht vergleichbaren früheren Projekten?

Endres: Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Viele Rahmenbedingungen werden sich nicht mehr ändern, andere allenfalls langfristig. Regulierung, Verantwortungsteilung und Komplexität nehmen überall auf der Welt zu. Die Bundeswehr und in ihr die Marine sind da keine Ausnahme. Wir werden diese Bedingungen kaum rückgängig machen können, sondern wir müssen die richtigen Wege finden, um damit umzugehen. Dazu brauchen wir neue Ideen und den Mut, etwas auszuprobieren.

Und genau das macht den Unterschied aus: Der Ansatz von „Wir sind Marine“ besteht darin, den Menschen in der Marine die Möglichkeit zu geben, gemeinsam nach Antworten zu suchen. Nach Antworten, wie wir im Tagesgeschäft, also bei den jeweiligen, ganz persönlichen Aufgaben, mit den bestehenden Herausforderungen umgehen können. Gelegenheit zu geben, sich darüber auszutauschen, was vielleicht schon erfolgreich war und was nicht. Ideen aufzunehmen, Raum für Veränderung zu geben und Initiativen zur Veränderung zu unterstützen.

Entscheidend ist, dass die Menschen in der Marine sich darauf einlassen. Nicht wenige werden überrascht sein, wie viele Dinge es gibt, die wir aus der Marine heraus dann doch selbst verändern oder zumindest anstoßen können. „Wir sind Marine“ will Türen öffnen, Chancen zeigen und geben und will Menschen motivieren, durch diese Türen auch hindurch zu gehen, Chancen zu ergreifen und zu gestalten.

Und wie wollen Sie diese Antworten finden und die Menschen zum Mitmachen motivieren?

Ein Mann sitzt am Schreibtisch und lächelt.

Professor Dr. Marcus Albrecht

privat

Albrecht: Hierzu nutzen wir das Konzept der Identität. Identität ist ein sperriger Begriff, methodisch sehr leistungsfähig, jedoch zunächst wenig anschaulich. Machen wir ihn etwas anschaulicher: Stellen Sie sich einfach einmal jemanden vor, der seine beruflichen Aufgaben souverän beherrscht, der gelassen und souverän auf neue Herausforderungen reagiert und der meist gute Laune hat, mit dem Sie sich wohlfühlen. Und jemanden, bei dem das nicht der Fall ist. Worin unterscheiden sich diese beiden? In wesentlichen Merkmalen ihrer Persönlichkeit, in ihrer Identität. Denn die Identität eines Menschen prägt sein Verhalten und seine Wirkung auf andere.

Dass dasselbe für Organisationen gilt, werden Sie intuitiv schnell nachvollziehen, wenn Sie sich einen Arbeitgeber vorstellen, bei dem Sie gerne arbeiten und einen, bei dem das nicht so ist. Die Identität einer Organisation entscheidet über ihre Professionalität, ihr Verhalten, die Zufriedenheit der Menschen, die dort arbeiten und ihre Außenwirkung. Und genau dies wollen wir mit der Hilfe der Menschen in der Marine erfassen und beschreiben; wir wollen „Persönlichkeitsmerkmale“ der Marine identifizieren, die wir mögen und die uns helfen, uns unseren Herausforderungen zu stellen – und solche, die wir nicht mögen und die uns bei unseren Aufgaben beeinträchtigen.

In diesem Vergleich ist das gut nachzuvollziehen, aber wie lässt sich die Umsetzung dieser Idee in der Praxis vorstellen?

Endres: Um ein repräsentatives Fundament zu gewinnen, führen wir zunächst eine breit angelegte Befragung mittels Fragebögen durch. Diese Befragung ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Projekts und verfolgt das Ziel, einen Überblick über wesentliche – um im Bild zu bleiben – „Persönlichkeitsmerkmale“ der Marine zu gewinnen. Und auf dieser Grundlage wird sich sicher bereits eine Menge Verbesserungspotenzial erkennen lassen.

Dieses „Lagebild“ dient aber auch der Durchführung von repräsentativen Workshops in der gesamten Marine. Bereits im letzten Jahr haben wir mit vier solcher Workshops in Wilhelmshaven, moderiert von Professor Albrecht, wertvolle Erkenntnisse gewinnen und Erfahrungen machen können. In diesem Jahr werden viele weitere folgen. Derzeit gehe ich von etwa 40 solcher Workshops aus, aber es können durchaus auch noch mehr werden!

Wir wollen uns die nötige Zeit lassen und die Menschen in der Marine mitnehmen, ihnen eine Stimme geben – schließlich soll es ihr Projekt sein, nicht ein von oben verordnetes. Wir wollen gerade auch der emotionalen Dimension der Problematik breiten Raum geben. Persönliche Meinung ist gefragt und vertrauensvolle Kommunikation ist dafür unverzichtbar. Zur Vorbereitung der Workshops habe ich in den letzten Tagen bereits einige Kommandeure persönlich angeschrieben und ergänzend mit ihnen gesprochen. Das werde ich in den nächsten Wochen fortsetzen.

Das ist ein hoher Aufwand und wird sicherlich auch Zeit in Anspruch nehmen. Was soll am Ende der Fragebogenaktion und der Workshops herauskommen?

Albrecht: „Wir sind Marine“ ist ein Veränderungsprojekt, das auf vielschichtige, nachhaltige Veränderung abzielt. Das Ergebnis lässt sich daher nicht an der Anzahl durchgeführter Workshops oder ausgefüllter Fragebögen messen, nur an tatsächlich gespürten Verbesserungen. Auch deshalb kommt es darauf an, dass alle mitmachen, sich auf das Projekt einlassen und sich einbringen, über ihre Erfahrungen berichten und hoffentlich auch über Erfolge. Idealtypisch wird die Idee „viral“, zu einer „Bewegung“ in der Marine, und lebt aus der Marine heraus.

Ein konkretes Ergebnis soll dabei auch ein neues Leitbild der Marine sein, ein Leitbild als Ausdruck unserer Identität – und zwar wie wir sie uns wünschen –, ein Leitbild, welches sich die Menschen in der Marine selbst gegeben haben und welches sie deshalb überzeugt mit Leben füllen. Nach den Erfahrungen der letzten Monate – in den Workshops haben wir ja schon daran gearbeitet – gehe ich davon aus, dass dieses neue Leitbild in einigen Punkten durchaus überraschen wird.

Wie kann ich als Marineangehöriger an diesem Projekt mitwirken?

Endres: Auch wenn wir die vielen Workshops repräsentativ ausplanen, kann natürlich nicht jeder an einem Workshop teilnehmen. Gleichwohl möchten wir über die Workshops hinaus allen Menschen in der Marine die Möglichkeit geben, sich zu beteiligen. Jeder Angehörige der Marine hat die Möglichkeit, sich auf freiwilliger Basis an der Fragebogenaktion teilzunehmen. Um die Anonymität zu gewährleisten und auch um Missbrauch zu verhindern, haben wir bewusst davon abgesehen, die Teilnahme auch online zu ermöglichen. Die Fragebögen sowie ein ausführlich erläuterndes Merkblatt kann jeder Marineangehörige bei der Projektgruppe anfordern – über die E-Mail-Adresse MarKdoProjektWirsindMarine@Bundeswehr.org.

Albrecht: Ob sich etwas ändert und inwieweit sich etwas ändert, haben die Soldatinnen und Soldaten und die zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Marine selbst in der Hand – indem sie Selbstverantwortung übernehmen. Beteiligen sich zu wenige oder gibt es zu wenig gute Anstöße, wird sich auch nichts ändern. Bringen sich Viele mit guten und realisierbaren Beiträgen ein – über Fragebögen und Workshops hinaus – und beginnen, Ideen auszuprobieren, Neues zu versuchen, immer wieder, dann haben wir schon viel erreicht: nämlich eine Aufbruchsstimmung erzeugt, die automatisch Veränderung nach sich zieht. Das ist die Idee des Projekts, dafür wollen wir die Weichen stellen.

Herr Admiral Endres, Herr Professor Albrecht, vielen Dank für dieses Interview.


Flottillenadmiral Rainer Endres

ist Abteilungsleiter Personal, Ausbildung und Organisation im Marinekommando und steuert das Projekt „Wir sind Marine“ im Auftrag des Inspekteurs der Marine.

Professor Dr. Marcus Albrecht

lehrt Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensführung an der Hochschule Düsseldorf und ist als unabhängiger fachlicher Leiter der Projektgruppe für die Konzeption und die fachlichen Aspekte des Projekts verantwortlich.

Auf Bundeswehr.de/marine und über Twitter unter dem Hashtag #WIRSINDMARINE berichtet die Redaktion Marine über das Thema. Sie haben Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns unter MarKdoProjektWirsindMarine@Bundeswehr.org.

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