„Unser Oberstabsfeldwebel“: Soldat hilft seit Stunde null

„Unser Oberstabsfeldwebel“: Soldat hilft seit Stunde null

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Datum:
Ort:
Köln
Lesedauer:
5 MIN

„Morgen null-siebenhundert, Treffpunkt hier am Gefechtsstand, dann geht’s weiter“, beendet Oberstabsfeldwebel Arne Aust den Einsatz gegen halb sieben. Die knapp 30 Hilfskräfte und Ortsansässigen zu denen er spricht haben sich in den letzten Wochen an die militärisch geprägte Sprache des Familienvaters gewöhnt. Wissen, dass mit der Ansage gemeint ist, sich morgen um sieben Uhr am von Aust errichteten großen Zelt zu treffen.

Ein Soldat schaut in die Kamera, im Hintergrund sieht man ein malerisches Dorf

Vom Oberdorf sieht Arne Aust Talsperre und sein Haus in Beyenburg – seit Wochen koordiniert er die Hilfs- und Aufräumarbeiten

Bundeswehr/Simon Ruhnke

Für Aust endet die dritte Woche im Wuppertaler Einsatz, Stadtteil Beyenburg. Doch er zählt anders. Stunde 0: Das ist für ihn am Mittwoch, den 14. Juli. In den frühen Abendstunden tritt an diesem Mittwoch wegen des Dauer- und Starkregens das Wasser der Wupper über die Ufer und läuft ins Dorf. Beyenburg liegt unmittelbar an einer Talsperre der Wupper, deren Krone durch das Regenwasser überspült wird. Vom Haus seiner Familie sind es 120 Meter Luftlinie zur Talsperre, die Wupper fließt 15 Meter hinter dem Garten. Aust installiert Pumpen bei sich und anderen, füllt die wenigen privat vorhanden Sandsäcke. Koordiniert die Menschen auf den Straßen, die versuchen, sich gegen die Fluten zu wehren. Um 19 Uhr ist Austs Keller bis zur Oberkante voll. Doch das Wasser steigt weiter.

Stunde null

Gegen 19:30 Uhr gibt es einen ohrenbetäubenden Lärm. Der Betreiber öffnet das Wehr der Talsperre. Unglaublich schnell strömen nun zusätzliche Wassermassen in das kleine Dorf. Aust realisiert sofort, in welcher Gefahr sich die Menschen befinden. „Der ganze Ortsteil wird hier überflutet. Ich bin erstmal raus. Ich muss hier jetzt helfen“, meldet er sich bei seinem Chef per Sprachnachricht ab. Der Soldat, der zwei Einsätze in Afghanistan hinter sich hat, schaltet in den Krisenmodus.

„Als das Wehr offen war, fiel der Strom aus und es war nicht mehr zu schließen. Da wusste ich: Es geht jetzt nicht mehr darum, das Wasser zu stoppen oder irgendein Erdgeschoss trocken zu halten. Jetzt geht’s darum, dass die Leute hier überleben“, erinnert er sich. Das Wasser steigt unerbittlich weiter, die Flutwelle stoppt erst als 1,20 Meter seines Erdgeschosses unter Wasser stehen. Da ist es 21:00 Uhr. Seine Stunde null.

 

Eine Luftbildaufnahme einer kleinen denkmalgeschützten Stadt

Ein Luftbild zeigt die Ausmaße des Hochwassers. Die Staumauer im Hintergrund ist kaum mehr zu sehen, so hoch ist der Pegelstand.

Stadt Wuppertal

Mit der Flut kommt auch die Dunkelheit. Doch der 46-Jährige versucht, weiter zu helfen, während die Fluten sein Auto davontragen. In vielen Häusern hatten sich die Menschen in die oberen Stockwerke begeben. Bis vier Uhr nachts rettet er mit anderen Beyenburgern Nachbarinnen und Nachbarn aus den Häusern, nutzt dafür eigene Seile zur Sicherung. Spät am Abend kommt Unterstützung durch ein Fahrzeug der Berufsfeuerwehr, das die Dorfstraßen trotz des Wassers durchwaten kann. Eine bettlägerige Schlaganfallpatientin können sie nur über die flussabgewandte Hausseite durch ein Fenster erreichen und durch die Fluten in Sicherheit tragen.

Ordnung ins Chaos bringen

Zu Tagesbeginn am Donnerstag sind die Menschen in Sicherheit, aber die Häuser massiv getroffen. Beyenburg ist ein malerisches Örtchen - eigentlich. Fachwerk, Schieferverkleidungen, grüne Fensterläden und Straßenlaternen, viele denkmalgeschützte Bauten. Die Flut hat die Häuser stehen gelassen, aber innen alles zerstört. Über 50 Häuser sind betroffen. Das Wasser steht 36 Stunden in den Gebäuden, dann erst wird das Wehr wieder geschlossen. Jetzt sieht der Oberstabsfeldwebel das Ausmaß der Zerstörung. Der starke Wasserdruck hat Tische, Sofas, Schränke verschoben und die Bausubstanz angegriffen. In den Häusern bleiben Schlamm, Dreck und Sperrmüll.

Eine malerische Front von Fachwerkhäusern

Über 50 Häuser im idyllischen Unterdorf sind betroffen

Bundeswehr/Simon Ruhnke
Ein Fachwerkhaus unter Denkmalschutz

Fast alle Häuser im malerischen Beyenburg stehen unter Denkmalschutz

Bundeswehr/ Simon Ruhnke

Die Katastrophe endet für die Menschen in Beyenburg nicht mit dem Rückzug des Wassers. Überall muss der Unrat raus, der Schlamm entfernt, Estrich und Putz abgeschlagen werden. Doch die Leute stehen unter Schock und nicht jeder kann das selbst. Einige hier sind schon älter. Eigenes Werkzeug hat die Wupper mitgerissen. Aust ist es, der jetzt die Koordinierung übernimmt. Er handelt so, wie er es als Soldat erlernt hat: Lagebild verschaffen, Lage beurteilen, Maßnahmen priorisieren, den Kräfteeinsatz planen. Das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr (BAPersBwBundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr), wo er im Leitungsstab als Webmaster arbeitet, stellt Aust für diese Soforthilfe ab. „Ich bin dankbar, dass meine Dienststelle es möglich gemacht hat, dass ich hier helfe. Den Menschen etwas geben, dafür bin ich Soldat geworden, und das kann ich hier jeden Tag leisten“, berichtet er.

Großer Dank für unermüdlichen Einsatz

Als Koordinator der Hilfeleistung fährt Aust 20-Stunden-Tage. Er kümmert sich um alles, nimmt das Heft des Handelns in die Hand. Zu Beginn stehen Materialfragen im Mittelpunkt. Der gebürtige Beyenburger kontaktiert örtliche Baumärkte, Menschen aus seinem Netzwerk mit Kontakten zum Katastrophenschutz und viele mehr. Rasch schafft er so Schaufeln, Stemmwerkzeug, Schutzausstattung und Baumaschinen heran, die für die Arbeiten gebraucht werden. Dazu kommen später Stromaggregate, Benzin- und Ölkanister und vor allem Trocknungsgeräte.

 

Ein Unterstand mit Öl- und Dieselkanister und Werkzeugen

Diesel, Öl, Schaufeln: Am Gefechtsstand von Arne Aust erhalten die Menschen alles, was sie für die Aufbauarbeiten brauchen

Bundeswehr/ Simon Ruhnke

Neben dem Material gilt es, Sicherheitsfragen mit der Polizei zu organisieren. Aust errichtet aus Holzplanken und Planen den überdachten Gefechtsstand. Dort können die Helferinnen und Helfer auch mittagessen. Die Helfenden kommen von der Berufsfeuerwehr, freiwilligen Feuerwehr, Stadt Wuppertal oder Bundeswehr-Amtshilfe. Deren Kräfte teilt Aust ebenso ein, wie Menschen, die privat nach Beyenburg kommen, um zu helfen – darunter auch Kameradinnen und Kameraden aus dem Leitungsbereich im BAPersBwBundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr. Und dann ist da sein Telefon. Bis zu 200 Anrufe gehen dort in Spitzenzeiten pro Tag ein – die Beyenburgerinnen und Beyenburger wissen, auf „Ihren“ Oberstabsfeldwebel können sie sich verlassen. Im Gegenzug sind schnell Ortsansässige gefunden, die die Reinigung der Wäsche für eingesetzte Soldatinnen und Soldaten übernehmen.

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Ein Soldat und zwei Männer knien vor einer kleinen Baumaschine

Als Soldat kennt sich Aust mit Ketten aus und kann diese Maschine schnell wieder ans Laufen bringen

PIZ Personal/Ruhnke
Viele Menschen reden miteinander auf einer Straße

Bei seinem Besuch weist Aust auch den Wuppertaler Oberbürgermeister in die Lage ein

PIZ Personal/Ruhnke
Viele Wasserflaschen auf einem Spielplatz

Der Spielplatz ist als Getränkelager umfunktioniert

PIZ Personal/Ruhnke
Ein Soldat und zwei Mitarbeitenden der Polizei sitzen an einem Tisch und reden

Sicherheit ist ein wichtiges Thema, denn manche Häuser stehen leer. Mit der Polizei tauscht sich Aust über neueste Informationen aus.

PIZ Personal /Ruhnke

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Was ihn dazu motiviert sich so außerordentlich zu engagieren? „Ich sehe absolut den Sinn dessen was ich tue, kriege direktes Feedback, sehe, dass es langsam aber stetig vorangeht. Und ich spüre eine große Dankbarkeit der Menschen. Ich bin einfach froh und stolz, mit dem was ich gut kann, hier einen Unterschied machen zu können“, beschreibt Aust sein Handeln. Und muss los. Er hat ein Feuchtigkeitsmessgerät aufgetrieben. Das Einzige am Ort. Alle wollen es nutzen und Aust macht sich auf in die zerstörten Häuser Beyenburgs. Stunde 480.


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