Wargame

Militär trifft auf Fiktion

Militär trifft auf Fiktion

  • Ausbildung
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
4 MIN

Krisen, Kriege und Katastrophen bringen das wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Leben ins Wanken. Doch ist es möglich, sich mit einem Spiel auf mögliche Gefahren vorzubereiten? Oberstleutnant i.G.im Generalstabsdienst Thorsten K. ist Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr und Experte im Bereich „Wargaming“.

An der Führungsakademie der Bundeswehr ist Thorsten K. als Dozent tätig und ein Experte im Bereich „Wargaming“.

Oberstleutnant Thorsten K. ist Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er ist passionierter Wargamer.

Bundeswehr/Lene Bartel

Drahtige Figur, federnder Gang, fester Händedruck. Wer Oberstleutnant i.G.im Generalstabsdienst Thorsten K. begegnet, wird zunächst auf Gebirgs- oder Fallschirmjäger tippen. Doch der bekennende Westfale ist schon seit einigen Jahren der „Mr. Wargame“ an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er spielt. Professionell und mit Leidenschaft. 

Szenarien durchplanen

Wer bei einem „Gamer“ also an einen unsportlichen Nerd denkt, der nächtelang Ego-Shooter spielt und sich ansonsten höchstens mit einer Chipstüte bewaffnet, liegt hier völlig falsch. Aber die beliebten Onlinespiele bieten durchaus Anknüpfungspunkte zu dem, was die Bundeswehr interessiert. 

„Wargaming hat unglaublich viele Facetten und fließende Übergänge. Auch wir befassen uns mit Kriegen und planen Szenarien durch“, meint der Stabsoffizier. Der Spaß am Spielen sollte ebenfalls nicht zu kurz kommen. Wie in einem echten Lagezentrum sind die Wände mit Länderkarten im XXL-Format tapeziert. Verteilt und mit Magnetkarten dargestellt: Armeegruppen und Frontverlauf. 

Würfel und Spielsteine liegen auf einer Landkarte verteilt. Vier Menschen überlegen nach der richtigen Strategie

Würfel, Spielsteine und Karten liegen bereit: Beim Wargaming wird nach der richtigen Strategie gesucht

Bundeswehr

Von der Realität eingeholt

„Wir vollziehen nichts nach. Wir denken vor”, sagt K. und tippt auf die vor ihm liegende Länderkarte. „Die ist vor wenigen Jahren auf den Markt gekommen. Das Spiel dachte voraus und wird nun leider von der Realität eingeholt.“ 

Auf den Markt gekommen? Tatsächlich sind einige professionelle Kriegsspiele irgendwann einmal regulär im Handel erhältlich. Das „Brute Krulak Center for Innovation and Future Warfare“ in den USA erdenkt sich regelmäßig neue Szenarien, die dann als Spiel frei erhältlich sind. 

Wer nach dem „Krulak Center“ im Netz sucht, landet auf einer Seite des USUnited States Marine Corps. Die Grenzen zwischen „echtem“ Militär und Fiktion sind beim Wargaming fließend. Auch das französische Militär entwickelte ein eigenes Kriegsspiel, um die Zukunft von Krisen, Konflikten und Kriegen zu durchdenken.

Ursprungsidee kommt aus Preußen

Und Thorsten K. hat schon die nächste Edition eines Wargames gekauft. Die Ursprünge des Spiels kommen aus Preußen. Im frühen 19. Jahrhundert mangelte es im preußischen Heer an Übungsmöglichkeiten, um mögliche Gefechte durchzuexerzieren. 

Die Freiherren von Reißwitz entwickelten damals ein Würfelspiel, nahmen eine militärische Karte als Spielplan und stellten Spielregeln auf, die sich an den Bedingungen in Armeen orientierten. Junge Offiziere wurden mit dieser Methode ausgebildet. So erfolgreich, dass die kommenden preußischen Kriege gewonnen wurden. Das „Preußische Kriegsspiel“ trat damit ebenfalls seinen Siegeszug an. Die Methode wurde von modernen Armeen übernommen.

Der entscheidende Vorteil des Wargame: Die gegnerischen Teams haben ein hohes Interesse daran, das Spiel zu gewinnen. Herkömmliche militärische und zivile Übungen trainieren taktische Grundlagen. So lernen die Teilnehmenden unter anderem, Abläufe zu koordinieren. In der Regel endet eine militärische Planübung mit der Lagefeststellung und dem Erstellen eines umfassenden Befehls. Bei Wargames wird zum „Gegenschlag“ ausgeholt und eben nicht so agiert, wie es das Gegenüber erwarten würde. Und das ohne echtes Blutvergießen.

Spielsteine und Gefahrenzeichen liegen auf einer Spielkarte

Wargames sind komplex: Vielfältige Gefahrensituationen müssen im Spiel immer wieder neu durchdacht werden

Bundeswehr/Tom Twardy

USA sind Vorreiter - andere ziehen nach

Entscheidende Impulse zum Thema Wargaming kommen aus den USA. Doch das ändert sich gerade. „Wir stehen vor unglaublichen Sicherheitsherausforderungen, die wir nur im multilateralen Rahmen lösen können“, so der Stabsoffizier weiter. Daher besinnen sich auch andere Nationen wieder auf das Kriegsspiel. 

An der Führungsakademie der Bundeswehr ist Thorsten K. als Dozent tätig und ein Experte im Bereich „Wargaming“.
Oberstleutnant Thorsten K. Bundeswehr/Lene Bartel
Es ist die entscheidende Methode, mit der wir nicht nur unser militärisches und politisches Leitungspersonal trainieren, sondern auch zukünftige Krisen und Konflikte vordenken können. Und weil sich viele Bedingungen und Abhängigkeiten derzeit rasant ändern, erfinden wir das Wargaming derzeit ebenfalls neu.

Was sich in der Realität an neuen Möglichkeiten oder Gefahren entwickelt, muss auf der Spielebene entsprechend umgesetzt werden. Keine leichte Aufgabe. Die Spiele selbst sind äußerst komplex angelegt und können mehrere Tage dauern. Das Spieldesign muss stringent und logisch sein. 

Der Sieg ist nachrangig

Dabei liegt der Sinn des Spiels nicht unbedingt darin, die großen strategischen Lösungen zu finden. Der Sieg beim Spiel ist nachrangig. Wichtiger ist es, dass die „richtigen“ Personen spielen. Wargames sind gut für Entscheider, die auch im echten Leben die Verantwortung tragen müssen. Der jeweilige Gegenspieler sollte von seinen Erfahrungen und kulturellen Hintergründen her ebenfalls „nah“ an einem „realistischen Feind“ sein. So können die spielerischen Erfahrungen für die Realität genutzt werden. 

Oft deckt das auch alltägliche Probleme auf. Thorsten K. schildert einen typischen Fall: „Im Laufe eines U.S.-amerikanischen Spiels entschied der verantwortliche Politiker, einen Experten in seinem Amt um Rat zu bitten. Nur hatte er gar nicht dessen Handynummer. Es dauerte vier Tage, bis die Verbindung hergestellt war. Ich denke, dieser Politiker hat seine Schlüsse daraus gezogen.” 

Denn die Aufgabe dieser Kriegsspiele ist nicht nur, Antworten auf bekannte Fragen zu geben. Vielmehr helfen sie auch, neue Fragen zu finden. 

von Thomas Franke  E-Mail schreiben

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