Religion in den Streitkräften

Militärrabbiner bald in Hamburg Blankenese

Militärrabbiner bald in Hamburg Blankenese

  • Religion
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
5 MIN

Die Bundeswehr bekommt Militärrabbiner. Dies beschloss der Bundestag im Mai 2020. Seit letztem Jahr ist Militärbundesrabbiner Zsolt Balla im Amt. Weitere Rabbiner sollen für bundesweit fünf Außenstellen folgen. Für den Bereich Nord wurde der Standort Hamburg ausgewählt: In der Clausewitz-Kaserne in Blankenese werden die neuen Räumlichkeiten eingerichtet. Hier ist auch die Führungsakademie der Bundeswehr beheimatet.

Auf dem Gelände der Führungsakademie stehen im Vordergrund Oberst Schlechtweg und Rabbiner Balla.

Oberst i.G.im Generalstabsdienst Michael Schlechtweg (links) führt Rabbiner Balla (rechts) über den Campus der Führungsakademie der Bundeswehr

Bundeswehr/Katharina Roggmann

Aufgabe der Jüdischen Militärseelsorge ist es insbesondere, sich um die religiösen und seelischen Bedürfnisse der jüdischen Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr zu kümmern. Bildungsangebote oder seelsorgerische Begleitung richten sich aber auch an alle Bundeswehrangehörigen. Seit 2021 existiert in Berlin das Militärrabbinat. Dieses wird von Dr. Angelika Günzel geleitet. Wir sprachen mit Dr. Angelika Günzel und Rabbiner Balla:

Wann zieht der Militärrabbiner in Hamburg ein? Oder wird es eine Rabbinerin geben?

Dr. Angelika Günzel: Erst einmal sind wir sehr froh, hier vor Ort so gut unterstützt zu werden. Hamburg ist eine von fünf Außenstellen des Militärrabbinats deutschlandweit, wo Rabbiner in den nächsten Monaten eingesetzt werden. In den nächsten Tagen werden die Stellen in Hamburg ausgeschrieben und wir hoffen, bald den ersten Hamburger Militärrabbiner in sein Amt einführen zu können. Neben der Raum- und Personalsuche gehört es beispielsweise auch zu unseren Aufgaben, den Hamburger Standort des Militärrabbinats mit den wichtigsten jüdischen Kultgegenständen und einer kleinen Bibliothek mit Büchern insbesondere zum jüdischen Recht auszustatten, damit wir unsere zentrale Pflicht, den jüdischen Soldaten und Soldatinnen das im Judentum so wichtige religiöse Lernen zu ermöglichen, erfüllen können und den Rabbinern Nachschlagewerke zur Beantwortung religiöser Fragen zur Verfügung zu stellen.

Worauf sollten Vorgesetzte achten, wenn sie jüdische Kameradinnen/Kameraden haben?

Rabbiner Zsolt Balla: Jüdische Soldaten sollten, wie alle Soldaten mit anderen religiösen Bedürfnissen als denen des traditionellen christlichen Glaubens, gehört und unterstützt werden. An vielen Stellen gehört es zur guten Praxis, dass sich Soldaten anderen Glaubens freiwillig bereit erklären, nach Möglichkeit den Dienst zu tauschen, damit es religiösen Soldaten möglich ist, jeweils ihre religiösen Feiertage einzuhalten. Dies ist für jüdische Soldaten und Soldatinnen besonders wichtig, da an den meisten jüdischen Feiertagen ein religiöses Arbeitsverbot besteht. Insofern wäre es hilfreich, wenn die jüdischen Feiertage bekannt wären und, sofern keine zwingenden dienstlichen Gründe entgegenstehen, an diesen Tagen zum Beispiel die Beantragung von Urlaub erleichtert würde.

Ferner hilft es traditionellen jüdischen Soldaten im Dienst sehr, wenn bei Übungen und Einsätzen die Frage nach der Möglichkeit einer koscheren Verpflegung mitgedacht wird und zum Beispiel die Anreise zu einer Übung oder einem Einsatz etc. am Schabbat, also von Freitagabend bis Samstagabend, falls möglich, vermieden wird. Bei all diesen und anderen Fragen sollen die Militärrabbiner bei der Kommunikation helfen und sich um die religiösen Bedürfnisse kümmern, also beispielsweise Angebote für das religiöse Lernen schaffen und koscheres Essen bereitstellen.

Wie viele jüdische Soldatinnen und Soldaten gibt es im Verantwortungsbereich des künftigen Rabbiners oder der Rabbinerin?

Dr. Angelika Günzel: Da wir – im Unterschied zu den christlichen Militärseelsorgen – keine jüdischen Militärgemeinden begründet haben und aufgrund der Religionsfreiheit die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Religionsgemeinschaft bei den Angehörigen der Bundeswehr nicht abgefragt wird, haben wir keine Daten über die Anzahl der jüdischen Soldaten und Soldatinnen in dem Gebiet der für den Norden zuständigen Außenstelle in Hamburg. Allerdings werden die Militärrabbiner – wie die anderen Militärseelsorgen – auch seelsorgerische Ansprechstelle für nichtjüdische Soldaten und Soldatinnen sein und alle Soldaten im Rahmen des Lebenskundlichen Unterrichts in ethischen Fragen beraten. Es wartet also viel Arbeit auf sie.

Welche Bildungsangebote sind für die Lehrgangsteilnehmenden der Führungsakademie geplant und welche religiösen Angebote erwartet die Kameradinnen und Kameraden?

Dr. Angelika Günzel: In Kooperation mit den christlichen Militärseelsorgern werden sich die Militärrabbiner an der Erteilung des Lebenskundlichen Unterrichts und dem Ethiktag in der Führungsakademie beteiligen. Aufgrund ihrer Zuständigkeit für den gesamten Norden werden sie auch Lebenskundlichen Unterricht an einer Fülle anderer Standorte abhalten. Eine unserer wichtigsten Aufgaben, die Rabbiner Balla und ich gerade gemeinsam erledigen, ist es deshalb, das grundlegende Konzept und die ersten Lehreinheiten für den Lebenskundlichen Unterricht zu entwickeln. Darin werden wir zum Beispiel die jüdische Auffassung zu Fragen der Menschenwürde und des Freiheits- und des Gleichheitsgrundsatzes thematisieren und besprechen, inwiefern diese den Soldaten und Soldatinnen bei ethischen Fragestellungen im Alltag weiterhelfen kann. So kann die Wertschätzung des Judentums für die Verschiedenheit von Menschen und ihren Fähigkeiten zu einem anderen Blick auf Führungskultur anregen als eine solche, die stärker die Gleichheit von Menschen betont. Mit Blick auf die internationale Ausrichtung der Führungsakademie prüfen wir, inwiefern das Militärrabbinat mit seinen Verbindungen zu jüdischen Expertinnen und Experten zum Beispiel in Fragen der jüdisch-muslimischen Koexistenz oder der jüdischen Präsenz in den Ländern des Nahen Ostens das Lehrangebot der Führungsakademie bereichern kann.

Rabbiner Zsolt Balla: In religiöser Hinsicht werden die Rabbiner natürlich für seelsorgerische Fragen zur Verfügung stehen. Für jüdische Soldatinnen und Soldaten wird es um die Organisation koscheren Essens und die Unterstützung bei der Einhaltung der sonstigen religiösen Vorschriften gehen. Bei dem im Judentum so wichtigen religiösen Lernen arbeite ich an Konzepten für ein gemeinsames Lernen von jüdischen und nicht jüdischen Soldaten. Abgesehen davon wird es gemeinsame religiöse Veranstaltungen mit der katholischen und der evangelischen Militärseelsorge geben. Angesichts der guten Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde in Hamburg besteht mittelfristig auch die Möglichkeit, religiöse Freizeiten anzubieten.

Ein Militärrabbiner betreut hauptsächlich Militärangehörige. Was macht die Arbeit darüber hinaus besonders?

Rabbiner Zsolt Balla: Im Vergleich zur Arbeit in einer klassischen jüdischen Gemeinde gehört zur Arbeit eines Rabbiners in der Bundeswehr ein besonderes Maß an Flexibilität, Organisationsgeschick und Kompromissfähigkeit. Durch die Reisen und die geringere Anbindung an eine etablierte, größere jüdische Infrastruktur werden zum Beispiel für Übungen und Einsätze besondere religiöse Fragen aufgeworfen, und das nicht nur beispielsweise in Bezug auf koscheres Essen und das gemeindliche Gebet, das grundsätzlich die Anwesenheit von zehn jüdischen Personen voraussetzt.

Interview: Major Ines Blandau

Dr. Günzel schaut mit einem Lächeln in die Kamera

Dr. Angelika Günzel leitet das Militärrabbinat in Berlin

Bundeswehr/Katharina Roggmann



Außenportraitaufnahme von Zsolt Balla

Zsolt Balla ist Militärbundesrabbiner und seit Juni 2021 im Amt

Bundeswehr/Katharina Roggmann
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