Transkript Tacheles Folge 4

Transkript Tacheles Folge 4

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Lesedauer:
15 MIN

Transkript
Tacheles Folge 4
Der Rabinatshelfer Alexander Lorenz


Einleitung:

Über 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Wiedereinführung des Militärrabbinats in den deutschen Streitkräften. Zeit Tacheles zu reden. 
 

Klaus Pokatzky:

Herzlich Willkommen bei Tacheles. Heute mit Major Mario Frey und dem Rabinatshelfer Alexander Lorenz an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. 

Alexander, wie wird jemand Rabinatshelfer?

 

Alexander Lorenz:

Indem man vorher Soldat war bei der Bundeswehr. Einen schönen guten Morgen, Shalom und 2004 war es gewesen, da gabs noch die Wehrpflicht und das hat natürlich eine Vorgeschichte, warum ich mich dafür entschieden habe. Aber 2003 kam dann der Einberufungsbescheid und ich habe auch nicht lange überlegt und habe zugeschlagen.

Und habe mich dann 2004 im Januar in dem 4./ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehrbataillon 110 in Albersdorf zum Dienst gemeldet und war neun Monate wehrpflichtiger Soldat. Das hat auf jeden Fall schonmal den Ursprung gehabt, dass ich Berührung mit der Bundeswehr hatte. 

 

Klaus Pokatzky:

Gewohnt hast du damals wo?

 

Alexander Lorenz:

In Hamburg.

 

Klaus Pokatzky:

In Hamburg und nach den 9 Monaten?

 

Alexander Lorenz:

Ich wollte eigentlich länger bleiben. Tatsächlich hat es mir so gut gefallen, denn da im Dienst habe ich schon gemerkt, man muss nicht nur bei den Kameraden sondern auch bei den Ausbildern Glück haben und ich hatte das jüdisch deutsche Glück bei der Bundeswehr auf beides zu treffen und es hat mir so gut gefallen, dass ich da länger bleiben wollte. Dann habe ich mich für den 23ger Freiwilligendienst, dass weiß ich nicht ganz genau wie das heißt. Es gab mal FWDLer, kann das sein?

 

Major Frey:

Für 23 Monate.

 

Alexander Lorenz:

Für 23 Monate. Da war aber eine Verwendung nur als LKW-Fahrer im Afghanistaneinsatz möglich und das war dann schonwieder bisschen zu heiß, weil ich alleine bin. Keine Brüder, keine Schwester und das hätte ich meiner Mama nicht angetan damals und deswegen ist es bei den neun Monaten geblieben. Nach dem Dienst bin ich rausgegangen und habe mich kaufmännisch weiterentwickelt, also Berufsausbildung gemacht und mich eigentlich auch gar nicht mehr so sehr mit der Bundeswehr beschäftigt. 

 

Klaus Pokatzky:

Und was war das faszinierende, was du in diesen neun Monaten erlebt hast, wo du gesagt hast „ich würde gerne länger machen“?

Was war so toll da?

 

Alexander Lorenz:

Also erstens habe ich schon in Hamburg das Gefühl gehabt, dass man etwas fremd wirkt, denn man kannte in der Großstadt nicht mal seine Nachbarn. Ich war von Haus aus so erzogen, dass ich eigentlich jeden gegrüßt habe und in Hamburg hat man mich nur komisch angeguckt.

 

Klaus Pokatzky:

Wo bist du denn aufgewachsen?

 

Alexander Lorenz:

Aufgewachsen, geboren in der Ukraine und mit neun Jahren sind wir eingewandert. Damals gabs ein Programm, wonach man mit jüdischen Wurzeln einwandern durfte. Der andere Teil, der Einwanderungswelle aus der Sowjet Union, waren die Aussiedler. Das heißt Abstämmige deutschen Ursprungs und der andere Teil waren die jüdischen, wir hatten den Status Flüchtling, denn damals konnte man politisch keinen anderen Satus finden. Aber es war der Start schon gesetzt für das Leben in Deutschland. 

 

Klaus Pokatzky:

Und Hamburg war dir zu anonym. 

 

Alexander Lorenz:

Hamburg war mir zu groß einfach. Also es ist auf jeden Fall eine sehr große Vielfalt hier in der Stadt und es gibt hier von der Kultur bis Ausbildung, berufliche Möglichkeiten ganz groß gesetzt. Aber schon manchmal sehr drückend durch die Architektur. Natürlich hat Hamburg auch seine ländlichen Seiten aber ich habe mich nicht immer gefühlt, dass ich wirklich… das, dass eine Stadt war. 

So wenn man in einem Dorf war, dann hat man das Gefühl das ist ein Dorf. Alle halten zusammen, alle kennen sich, man weiß was bei den Nachbarn mittags gekocht wird und in Hamburg war mir das etwas fremd. Aber dann in der Kaserne, wurde das sozusagen zu einer Gemeinde. Jeder hat gegrüßt und das erlebe ich jetzt heute auch. In der FüAkFührungsakademie der Bundeswehr geht keiner vorbei ohne zu grüßen und wenn dann ist jemand vielleicht in Gedanken versunken und wenn man die grüßt, wird immer zurück gegrüßt freundlich. 

Bei der Bundeswehr damals im Grundwehrdienst, haben wir uns alle das erste Mal gesehen und alle kamen aus einer anderen Stadt. Nach ein, zwei Wochen Grundausbildung beim BIWAK bei Tag und Nacht zusammen, wurde man sozusagen zu einer Familie und dann ist man auch gerne zum Dienst gefahren. Also Sonntag habe ich mich schon gefreut, Montag morgens um 05:00 Uhr anzutreten und das ist glaube ich ein gutes Zeichen.

 

Major Frey:

Im zweiten Weltkrieg sind ja viele Kriegsverbrechen in der Ukraine von den Nazis begangen worden an der jüdischen Bevölkerung.

Wie hast du dich denn damit auseinandergesetzt und deine Familie, dass du  jetzt als Jude, der aus der Ukraine stamm, die Wehrpflicht annimmst?

Wie kommt das dann oder wie hast du dich damit auseinandergesetzt?

 

Alexander Lorenz:

Tatsächlich war die Einberufung der Bundeswehr und auch meine Zustimmung dafür sehr umstritten in meinem Umfeld und in der Familie. Aber ich bin mit einer Geschichte aufgewachsen aus dem zweiten Weltkrieg von meiner Oma, die damals in Weißrussland, also in Belarus gewohnt hat, ziemlich nah an der russisch-ukrainischen Grenze, im süden des Landes. Also 60 km zum Norden der Ukraine von der Grenze entfernt. Man muss dazu sagen, dass im zweiten Weltkrieg dort in Weißrussland nicht immer die deutschen vor Ort waren, also die deutschen Soldaten sondern Soldaten aus Ungarn. 

 

Klaus Pokatzky:

Die mit den Deutschen verbündet waren.

 

 

Alexander Lorenz:

Die verbündet waren zu dem Zeitpunkt und die ganz kleinen Dörfer, das waren die Ungarn und haben praktisch in der Großstadt, dass ist heute die Hauptstadt Minsk, da war der Stab gewesen der Deutschen und eines Tages sind dann die ungarischen Soldaten dort einmarschiert in den kleinen Dörfern. Meine Oma war damals fünf Jahre alt und die ganze Familie wurde aus dem Haus geholt. 

Alle wurden erschossen außer meine Oma. Es war so, um das Haus standen ganz viele Menschen im Dorf und dann hat man sie gesehen und jemand hat sie weg gezogen an der Hand und hat sie dann tagsüber versteckt im Haus. Nachts ging das leider nicht, weil nachts patrouilliert wurde. 

Nicht nur von den Ungarn, sondern auch von den Einheimischen die für die Wehrmacht dann gearbeitet haben und dann musste sie sich verstecken. Dann hat man sie irgendwo im Feld gefunden. Gott sei Dank waren die Temperaturen zu dem Zeitpunkt sehr warm gewesen, so konnte sie sich da sicher verstecken. So sicher dann auch wieder nicht, weil sie wurde dann nachts aufgegriffen, wurde zum Stab gebracht und tatsächlich dann richtig nach Minsk gefahren zur Erschießung und an dem Tag haben die dort irgendwas gefeiert und dann hat der Kommandant gesagt „Heute wird hier keiner erschossen“.

Dann durfte sie laufen. Dann hat man sie wieder in das Dorf zurück gebracht dann wieder tagsüber versteckt, nachts musste sie sich ein eigenes Versteck suchen, wieder aufgegriffen von jemand anderen. 

 

Klaus Pokatzky:

Mit fünf Jahren!

 

Alexander Lorenz:

Mit fünf Jahren. Zwischen fünf und sechs war sie gewesen und dann hat man sie wieder zum selben Stab gebracht und dann zum selben Kommandanten und der hat sie dann gesehen. Hat gesagt „Moment, sie war doch schon vor paar Tagen da“ und dann hat er befohlen, den Versorger zu stellen. Der Versorger aus der weißrussischen Landwirtschaft, der die mit Essen und allen Sachen, die sie gebraucht hat, versorgt hat. Einer der größten Bauern damals zu der Zeit gewesen, der hat ihn dann zu sich geholt und dann gesagt „Sehr geehrter Mann, haben Sie da noch Platz bei Ihnen im Haus?“. Dann sagte er „Ja, ich könnte noch was finden“. „Ok nehmen Sie das Mädchen. Ich erteile Ihnen ein Dokument, was Sie befähigt sie bei sich aufzunehmen und Sie werden dafür sorgen, dass sie den krieg überlebt“. Dann hat er ihn dafür, dass sollte nicht umsonst sein, hat ihm dafür mehrere Hühner gegeben, ein paar Tiere aus der Zucht und ein Pferd, meine Oma hat gesagt, auf dem einen Auge wars blind.

Aber es konnte arbeiten, also das Pferd konnte arbeiten. Ja dann hat er das Mädchen aufgenommen unter dem Schirm, dass sie ihm zugearbeitet hat, dann war sie da schon sechs und meine Oma hat erzählt, sie musste nie hungern, weil die waren versorgt über den Krieg. Irgendwann nach dem Krieg hat man dann einen verwandten Onkel gefunden, der sie dann aufgenommen hat und der sie dann erzogen hat. Als sie dann erwachsen war, hat sie diesen Onkel weiter verpflegt und ich erinnere mich noch, ich war fünf oder sechs Jahre alt in der Ukraine schon und ich kann mich erinnern, den Mann hat sie bis zu seinem Tod bei sich aufgenommen gehabt und ihn begleitet. 

Mit der Geschichte bin ich aufgewachsen, denn…

 

Klaus Pokatzky:

Das heißt, ein deutscher Offizier hat die Oma gerettet. 

 

Alexander Lorenz:

Gerettet. Genau. Da sind wir wieder bei der Widerstandspflicht und Moral. Denn dieser Offizier hat sicherlich sich in Gefahr begeben und was riskiert und als ich die Geschichte mit sechs, sieben Jahren glaub ich so richtig verstanden habe worum es eigentlich geht, habe ich dann diesen Krieg und diese Geschehnisse mit zwei Perspektiven immer betrachtet. Die einen, die diese Verbrechen begangen haben und die einen, die irgendwo weil sie keinen Ausweg hatten, sich diesen Krieg verpflichtet haben aber trotzdem eine Familie und ein Herz zuhause hatten. 

Jeder hat eine Familie, aber da auch Möglichkeiten hatten, Menschenleben zu retten. Ich verdanke diesen Offizier, dass ich jetzt hier vor Ihnen sitzen darf und damals mit neun Jahren dann die Entscheidung fest stand, wir gehen nach Deutschland, habe ich immer die Hoffnung gehabt, diesen Offizier zu treffen. Irgendwann habe ich dann verstanden, dass wird nicht möglich sein, die sind schon alle älter und sind vielleicht schon alle gegangen aber vielleicht die Familie. Aber ich habe recherchiert, da gabs keine Aufzeichnungen für. Naja als dann die Thematik mit der Bundeswehr dann im raum stand habe ich gedacht- „schließe ich einfach diesen Kreis?“ und gehe als Einwanderer in Deutschland mit jüdischen Wurzeln zu der Bundeswehr und arbeite wieder mit Offizieren zusammen und Mannschaften und sehe irgendwo diese Verbindung einfach, diese Brücke zu bauen.

 

Major Frey:

Und ehm, wie gings dann für dich nach deiner Grundwehrdienstzeit weiter?

 

Alexander Lorenz:

Ich muss dazu sagen, dass ich vorher als wir eingewandert sind, mich nicht so viel mit Judentum ausgekannt habe. Weil in der Sowjet-Union damals, dass so gern gesehen wurde in der kommunistischen Zeit.

 

Klaus Pokatzky:

Du bist welcher Jahrgang?

 

 

Alexander Lorenz:

84. Das man Religion ausübt, war ganz groß immer nach engels, Religion ist Opium für das Volk und so weiter und da war weder der christlichen noch der jüdischen noch anderen Religionsgemeinschaften möglich, den Glauben so auszuüben, dass man sich frei gefühlt hat und keine Einschränkungen hatte in der beruflichen oder zivilen Welt dort mal Fuß zu fassen.

Smit bin ich sehr säkular erzogen worden. Meine Großeltern haben jüdisch gesprochen und das weiß ich noch, deswegen im jüdischen gibt’s ein Wort „geschlofen“ gesprochen, also „geh schlafen“, dass hat mein Opa immer gesagt. Das waren so die ersten Begriffe, die ich wusste als ich nach Deutschland kam, aber meine Oma hat mich manchmal zu den jüdischen Feiertagen in Chernigov, bin ich aufgewachsen, hat mich manchmal in die jüdische Gemeinde mitgenommen. 

Aber ich habe da wie gesagt, wenig Verbindung dann gehabt. In Deutschland wurde das durch die jüdische Gemeinde bisschen unterstützt, aber ich hatte nicht das Umfeld gehabt und irgendwann mit 25, bin ich dann selber zu den Wurzeln gekommen. Habe mich dafür mehr interessiert und bin dann nach Jerusalem und habe da ein Jahr verbracht. Bin dann in die Yeshiva, dass ist sozusagen die Führungsakademie des Judentums, also wenn man es richtig lernen will und tiefer einblicken will dann muss man ein oder zwei Jahre lernen, damit man vorbereitet wird, damit man weiß was Judentum überhaupt ist und die Geschichte auch kennenlernt. Also so ein Generalstabslehrgang dort absolviert. 

Dann bin ich wiedergekommen und bin traditioneller geworden und so hat sich das dann irgendwann ergeben. 

 

Major Frey:

Traditioneller Glauben.

 

Alexander Lorenz:

Genau.

 

Klaus Pokatzky:

Was machst du jetzt als Rabinatshelfer genau den ganzen Tag hier in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg?

 

Alexander Lorenz:

Ja also wir schreiben das Jahr 2020, da gabs ja eine ganz schädliche Zeit für die ganze Welt, vor allem auch in Deutschland. Die Pandemie, der Lockdown und ich war vorher selbstständig und dann habe ich gedacht, nach der Geburt meines Sohnes und des Umzugs dann nach Lüneburg. Also wir sind von Hamburg nach Lüneburg umgezogen um da noch ein zweites Standbein aufzubauen und dann habe ich mich wieder in die Bundeswehr integriert. Ich habe auch einen sehr guten Freund, der schon seit über zehn Jahren in der Bundeswehr ist, der mich dazu motiviert hat mich zu bewerben.

Aber nicht als Rabinatshalfer. Ich habe mich in Munster zuerst beworben.

 

Klaus Pokatzky:

Als was?

 

Alexander Lorenz:

Im kaufmännischen Bereich, im Bürobereich. Da gibt einen großen Fuhrpark in Munster und da haben die jemanden im Büro gesucht.

 

Major Frey:

Also in der Zivilverwaltung.

 

Alexander Lorenz:

Ich der Zivilverwaltung und also ich hatte nicht die Idee als Soldat zurück zu kehren, sondern schon meine beruflichen Erfahrungen mitzunehmen und im kaufmännischen einzusteigen. Aber zu der Zeit sind 160 Bewerbungen dort eingegangen da wurde es nicht zu der Einstellung, ich bin dann beim Newsletter geblieben und habe immer mal Stellen geschickt bekommen und eines Tages wach ich auf kam ein Newsletter-„Rabinatshelfer“. 

Ich konnte meinen Augen nicht trauen! Habs nochmal zugemacht und nochmal aufgemacht. Ich sag „Was, jüdische Seelsorge bei der Bundeswehr?“, da ging mir Gänsehaut durch den ganzen Körper und dann habe ich gedacht- Ok zu dem Zeitpunkt war ich schon in der Elternzeit und dann dachte ich, es ist eine glückliche, göttliche Führung, dass mich der liebe Gott überall findet. 

So habe ich mich dann auch beworben und es hat geklappt jetzt bin ich hier an der FüAkFührungsakademie der Bundeswehr und bemühe mich, dass die jdische Seelsorge sich hier aufbaut, wir stehen relativ am Anfang auch wenn das seit paar Jahren existiert, aber Hamburg wurde letztes Jahr im September offiziell eröffnet. Meine tägliche Arbeit ist, natürlich auch die Betreuung der jüdischen Soldaten bei der Bundeswehr und denen den Dienst so gut zu ermöglichen, dass vereinbar ist mit allen Vorschriften der Bundeswehr und aber auch der jüdischen Lehre oder des jüdischen Glaubens.

Ich organisiere die LKULebenskundlicher Unterricht, den Lebenskundlichen Unterricht für die jüdische Seelsorge hier für die 52 Dienststellen hier, für die wir verantwortlich sind im Norden. Da gibt es schon ganz gute Zusammenarbeit. Die Anfänge mit verschiedenen Standorten bei der Bundeswehr und man fühlt sich überall willkommen und viele sind interessiert auch das man nicht nur den lebenskundlichen Unterricht gibt, der als dritte Säule neben der katholischen, evangelischen Seelsorge dann noch dazu kommt. 

Sondern das man auch für die Aufklärung in der Bundeswehr da ist und ich mit meiner Vorgeschichte, fühle mich da angekommen und auch die Bundeswehr und auch alle Soldaten bereichern, dass die Aufklärung über das jüdische Leben in Deutschland, über das Judentum dann näher gebracht wird und ich glaube das ist der beste Weg auch dem Antisemitismus entgegen zu treten und auch, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und wenn man weiß worüber es geht, entstehen weniger Konflikte. 

 

Klaus Pokatzky:

Das heißt du bist mehr für nicht-jüdische Soldaten da, weil wir haben ja relativ wenig jüdische Soldaten…

 

Alexander Lorenz:

Noch!

 

Klaus Pokatzky:

Noch.

 

Major Frey:

Bekommen wir mehr?

 

Alexander Lorenz:

Wir müssen zuerst ein Angebot schaffen, damit die Nachfrage kommt. Es ist nicht umgekehrt, weil es gab ja auch sag ich mal jüdisches Leben in Deutschland auch vor dem zweiten Weltkrieg. Im ersten Weltkrieg, ich habe Fotos gesehen, wo die Soldaten noch in der Weimarer Republik und dann bis zum ersten Weltkrieg deutsche Soldaten dann mit jüdischen Soldaten Feste feiern und zusammen sind und es gab auch jüdische Schulen. Auch in Hamburg wurden vor vielen Jahren jüdische Schulen eröffnet und zuerst gabs nur eine Klasse mit 15 Schülern. 

Das würde gar nicht genehmigt werden, aber auch hier hat sich die Politik geöffnet und gesagt „Es gibt einen Grund, warum es weniger Juden in Deutschland gibt“ und warum sag ich mal es weniger Schulen gibt. Deswegen glaube ich, wenn wir ein Angebot schaffen und für Aufklärung da sind und zeigen, dass wir für die jüdischen Soldaten da sind und dass es möglich ist den Dienst in der Bundeswehr mit dem jüdischen Glauben zu vereinen, wird es mehr Soldaten geben.

 

Major Frey:

Im Rahmen unseres Podcasts, machen wir auch immer ein Tacheles-Lexikon, wo wir jüdische Begriffe in das deutsche erklären.

Gibt es sowas auch in der ukrainischen Sprache, also jüdische Begriffe, die in die Landessprache, in die ukrainische Sprache mit übernommen wurden?

 

Alexander Lorenz:

Ich muss dazu bisschen ausholen. Nicht zu weit, aber es gab die Sowjet-Union und da war die Sprache einheitlich russisch und deswegen, taucht die Sprache immer wieder auf. Egal in welchem Land. Ob es Kasachstan, Weißrussland oder Ukraine ist. Damals, ich rede jetzt weil ich in der Ukraine geboren bin aus der Perspektive, und zwar ist das an Schabbat der jüdische Feiertag der immer Freitags abends der am Sonnenuntergang anfängt und bis Samstag Sonnenuntergang geht. 

Es ist dann keine Arbeit erlaubt und es ist auch nicht erlaubt Tiere, Kühe zu melken. Wir wissen aber wenn die Kühe nicht gemolken werden, entzünden sich die Euter der Kuh und das tut natürlich dem Tier weh und der jüdische Glauben sagt, wir dürfen aber auch den Tieren nicht weh tun und denen kein Leid zufügen. Da haben sich die jüdischen Bauern überlegt „Wie machen wir das?“ und dann haben sie im Dorf vorgeschlagen: Jeder der möchte, kann an den jüdischen Feiertagen, wenn dort keine Arbeit erlaubt ist für die jüdischen Bauern, umsonst Milch zapfen.

 

Klaus Pokatzky:

Also die nicht-jüdischen.

 

Alexander Lorenz:

Die nicht-jüdischen. Die nicht-jüdischen, da ist es gar kein Problem und da haben sich alle gefreut und Übersetzung im jüdischen oder im hebräischen besser gesagt, Milch heißt Halaf. So hat sich das Wort damals eingebürgert und alle die jetzt zuhören und russisch verstehen, werden das Wort Halavo verstehen, denn das heißt „Eingebürgert, umsonst, gratis“ und gratis, um es noch sinngemäßer zu übersetzen: wenn man gar nicht arbeitet oder so gut wie gar nicht arbeitet aber dafür Geld kriegt und gutes Geld kriegt, heißt auch „Halava“. 

Wenn man etwas umsonst kriegt, heißt das „Ich habe das auf Halava bekommen“ und so hat sich das eingebürgert, dass die Bauern damals die Milch umsonst bekommen haben, dazu „Halav“ gesagt haben, weil sie das dort von den Juden gehört haben. So hat sich das für umsonst eingebürgert. 

 

Klaus Pokatzky:

Dann dürfen wir jetzt auch ganz herzlich Halav sagen bei Rabinatshalfer Alexander Lorenz von der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. 

 

Alexander Lorenz:

Sehr gerne, vielen Dank für das Gespräch. Bis bald. 

 

Klaus Pokatzky:

Bis bald und alles gute. Euer Team Tacheles.