Wargames in der Bundeswehr: Spielen und Verstehen
Strategisch denken, Entscheidungen und ihre Folgen abwägen: Soldatinnen und Soldaten werden auch mit Wargaming auf ihre Aufgaben vorbereitet.
Strategisch denken, Entscheidungen und ihre Folgen abwägen: Soldatinnen und Soldaten werden auch mit Wargaming auf ihre Aufgaben vorbereitet.
Es sieht ein bisschen so aus wie eine Runde des bekannten Brettspiels Risiko, nur sind die Regeln ungleich komplexer. Doch wenn sich Offiziere der Bundeswehr für ein Wargame am Spieltisch versammeln, tun sie das nicht, um Spaß zu haben. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, Fragen von großer Tragweite auf den spielerischen Prüfstand zu stellen. Was wäre zum Beispiel, wenn sich Russland nach Ende des Krieges gegen die Ukraine zu einer Konfrontation mit der NATO in Osteuropa entschließen würde? Wie würde der Aggressor vorgehen und wie würden die Entscheidungsträger der Allianz reagieren?
Das war das fiktive Szenario des strategischen Wargames „Ernstfall“, welches im Dezember 2025 von Politikern, Militärs und Journalisten am German Wargaming Center der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg gespielt wurde. Das Ergebnis sorgte für Aufsehen: Durch einen Mix militärischer und hybrider Maßnahmen gelang es Russland zumindest im Wargame, den Suwalki-Korridor zwischen Litauen und Polen zu sperren. Die NATO konnte sich in der Konfliktsimulation nicht auf eine entschlossene militärische Antwort einigen, das Baltikum war von den Verbündeten in Zentraleuropa abgeschnitten.
„Wargaming fördert das strategische Denken und wird somit auch zur Stärkung unserer strategischen Kultur in der Bundeswehr beitragen.“
Wargames wie „Ernstfall“ sind dazu da, die Mitspielenden vor strategische Dilemmata zu stellen, sie verschiedene Lösungen ausprobieren zu lassen und sie so für die Tragweite ihrer Entscheidungen zu sensibilisieren. Insbesondere militärische Führungskräfte müssen in der Lage sein, auch in gefährlichen Situationen zügig zu entscheiden – schließlich steht zum Beispiel in einem Gefecht nicht weniger als das Leben ihrer Untergebenen auf dem Spiel. Da liegt es auf der Hand, das strategische Denken und die strategische Vorausschau in einer sicheren Umgebung zu schulen und so die Handlungssicherheit zu erhöhen.
Die thematische Bandbreite der professionellen Wargames ist groß. Ihre Szenarien sind fiktiv, aber immer an der Realität angelehnt. Alle Mitspielenden – das können zwei oder drei, aber auch mehrere Dutzend Personen sein – übernehmen eine bestimmte Rolle und agieren nach einer Agenda, die vom Designer des Spiels vorgegeben wird. Aus der gegenseitigen Interaktion entsteht eine Dynamik, die jedem Brett- oder Kartenspieler bekannt sein dürfte: Oft kann nur erahnt werden, was die Gegenseite vorhat – und doch muss der eigene Spielzug auf Grundlage dieser Ahnung vorbereitet werden, um die Nase vorn zu behalten.
Die Spielenden müssen also kreativ werden, um ihre Ziele zu erreichen. Am Spieltisch haben sie die Freiheit, verschiedene Handlungsoptionen auszuprobieren – und zu erleben, wie die Gegenseite auf ihren Spielzug reagiert. Scheitern ist dabei ausdrücklich erlaubt: Schließlich haben Fehlentscheidungen am Brett keinerlei tragische Konsequenzen. Anschließend werden die Ergebnisse des Wargames gründlich analysiert – so können auch die vermeintlichen Verlierer ihre Lehren aus dem Geschehen ziehen. Häufig haben die Unterlegenen sogar eine steilere Lernkurve als die Gewinner des Wargames.
Der Vorläufer der heutigen Wargames wurde 1824 zur Ausbildung in der preußischen Armee eingeführt: Das „Preußische Kriegsspiel“ markiert die Geburtsstunde des modernen Wargamings. Es wurde in Echtzeit auf maßstabsgerechten militärischen Lageplänen gespielt, auch wurde der sogenannte „Nebel des Krieges“ simuliert – also der Umstand, dass nur aufgeklärte gegnerische Einheiten Teil der taktischen Rechnung sein können. Wie im echten Gefecht mussten auch im Kriegsspiel Entscheidungen trotz unklarer Lage getroffen werden.
Das war zur damaligen Zeit absolut bahnbrechend. Die militärischen Führungskräfte konnten so Einsätze realitätsnah simulieren, bevor sie mit ihren Truppen ins Gefecht zogen. Auch konnten sie verschiedene Operationen ausprobieren, ohne im Fall eines Fehlschlags das Leben ihrer Mannschaften zu gefährden. In den Folgejahren wurde das Preußische Kriegsspiel weiter verfeinert. Nach dem Krieg von 1870/1871 begannen auch andere Länder, das Spiel zur Schulung ihrer militärischen Führungskräfte einzusetzen.
Wargames sind heute ein Bestandteil der Offizierausbildung der Bundeswehr, der immer wichtiger wird. Sie werden zum Beispiel an den Offizierschulen, an der Führungsakademie, an den Bundeswehruniversitäten und im Planungsamt gespielt. Die Konfliktsimulationen werden sowohl für die taktische als auch für die operative und strategische Ausbildung eingesetzt. So dient die Sandkasten-Ausbildung beim Heer der Verinnerlichung taktischer Abläufe und mit dem Wargame „HyDRA“ wird die Abwehr eines hybriden Angriffs vorbereitet.
Daneben setzt insbesondere das Planungsamt der Bundeswehr Wargames auch als Analysewerkzeuge ein, um Antworten auf besondere komplexe Fragen zu bekommen. In diesem Fall werden dann Expertinnen und Experten im betreffenden Sachgebiet als Spielende eingesetzt, um deren Erfahrungsschatz zu nutzen. Beispielsweise setzte Generalinspekteur General Carsten Breuer diese Methode in seiner Zeit beim Corona-Krisenstab der Bundesregierung ein, um die Vorbereitungen auf die nächsten Infektionswellen auf den Prüfstand zu stellen.
Bisweilen haben die Ergebnisse von Wargames auch ganz direkte Folgen: Zum Beispiel ist die Stationierung von NATO-Truppen in Osteuropa zumindest teilweise auf eine Konfliktsimulation zurückzuführen, die nach der Annexion der Krim 2014 in den USA gespielt wurde. Ergebnis war, dass die russischen Streitkräfte das Baltikum ohne zusätzlichen Schutz in wenigen Tagen überrennen könnten. Also wurden NATO-Truppen entsandt, um das militärische Abschreckungspotenzial in Litauen, Estland und Lettland zu erhöhen.
Heute werden Wargames in nahezu allen Streitkräften der Welt gespielt. Großbritannien und die USA gelten als führend. Längst kommen auch nicht mehr nur Spielpläne samt Stiften, Zetteln und Tabellen zum Einsatz. Auch computergestützte Wargames sind längst etabliert. Zudem experimentiert insbesondere die NATO mit Künstlicher Intelligenz, um Konflikte und ihren Ausgang zu simulieren.
Wie kann ein Konfliktsimulationsspiel in der Ausbildung und Entscheidungsfindung helfen? PDF, nicht barrierefrei, 20,1 MB