Interview mit:
-
Ewin Major
© Bundeswehr/Tom Twardy -
Ian Hart Commander
© Bundeswehr/Tom Twardy
Deutschland und Großbritannien besitzen eine altbewährte Tradition in der Ausbildung von Eurofighter-Kampfpiloten. Commander Hart, Major Ewin, warum brauchen Briten und Deutsche sich gerade jetzt mehr denn je?
„In der Tat leben wir gegenwärtig in einer ganz speziellen sicherheitspolitischen Lage. Unsere Kooperation ist sehr wichtig für die NATONorth Atlantic Treaty Organization. Es geht darum, dass unsere Leute sich gegenseitig verstehen und wissen, was im Ernstfall zu tun ist. Wir müssen also folgende Fragen beantworten: Was erwarten wir voneinander? Was müssen wir zur Verfügung stellen?“
„Bilaterale Kooperation ist entscheidender denn je. Wir wissen heutzutage nicht mehr, ob die USUnited States-Unterstützung zuverlässig bleibt. Darum liegt der Fokus auf europäischer Zusammenarbeit – und der Wille ist auch da. Dabei arbeiten Deutschland und Großbritannien besonders gut zusammen – wir können uns voll und ganz aufeinander verlassen.“
„Entscheidend ist ja: Wenn wir uns untereinander verstehen, dann arbeiten wir besser zusammen. Unser Ziel ist es, verschiedene Systeme miteinander zu kombinieren. Denn natürlich gibt es Systeme, die nicht absolut identisch sind. Und gerade hier gilt es, Interoperabilität herzustellen – das ist der zentrale Punkt.“
Wer wird hier denn ausgebildet?
„Ich bringe Piloten des 29. britischen Geschwaders auf der RAF Coningsby bei, wie man britische Eurofighter fliegt und die Systeme effizient nutzt, bis hin zum Waffeneinsatz. Dabei bilde ich hauptsächlich britische Eurofighter-Piloten aus, aber auch Piloten aus Katar, Frankreich, Kanada und den USA – also aus Ländern, die ebenfalls Austauschprogramme mit Großbritannien pflegen.“
„Es ist nun an uns, die Zukunft zu formen. Wir trainieren neben britischen Soldaten alle möglichen internationalen Austauschoffiziere. Sie erhalten nicht nur Flugstunden, sondern werden ebenso im Waffenumgang geschult. Dabei kümmern wir uns bei der Ausbildung ja auch nicht nur um die Piloten, sondern auch um die Ingenieure. Für beide müssen wir garantieren, dass sie so schnell wie möglich in den Einsatz geschickt werden. Dafür müssen sie natürlich erst mal die Grundlagen vermittelt bekommen. Denn in den Einsatz kommen nur die, die vorbereitet sind.“
Was ist dabei die größte Herausforderung?
„Alle sind anders ausgebildet. Aber glücklicherweise kommen alle Flugschüler mit einer guten Vorausbildung hier an. Ich will immer das Beste aus den Schülern herausholen. Auch das Wetter kann herausfordernd sein. Und der Luftraum ist immer voll mit Flugzeugen – auch darauf muss der Pilot beim Navigieren achten.“
Ist das dann also auch der Schwerpunkt der Ausbildung?
„Im Moment haben wir zwei Prioritäten. Da ist zunächst einmal die fliegerische Grundausbildung, die die Piloten in den USA, oder Yorkshire absolvieren. Anschließend erfolgen in Coningsby das fortgeschrittene, taktische Training und die Schulung mit unterschiedlichen Kampfflugzeugen, wie dem Eurofighter Typhoon, um die Einsatzbereitschaft zu erhöhen. Unser Ziel ist, beide Teile so schnell wie möglich durchzuführen. Je früher, desto besser; denn je früher sie beides beendet haben, desto früher können sie auch in den Einsatz geschickt werden.“
Herr Major, Sie kennen beides: die Luftwaffe in der Heimat und jetzt seit über einem Jahr die der Briten. Wie unterscheidet sich die Ausbildung in Deutschland und Großbritannien?
„In Großbritannien findet – im Gegensatz zu Deutschland – ein größerer Teil der Ausbildung im Flugsimulator statt. Selbst der Bodenangriff kann im Simulator geübt werden. Danach geht es direkt in den Einsitzer-Eurofighter. Jetzt beginnt die Ausbildung im Formationsflug, im Tiefflug, im Kampf Eins gegen Eins, Zwei gegen Eins und zum Schluss in den Kämpfen außerhalb des Sichtfeldes eines Piloten. Aufbauend gibt es noch die Alarmrotten-Ausbildung. In Deutschland findet die Flugausbildung dagegen teilweise in einem Doppelsitzer statt und es gibt weniger Simulator-Anteile.“
Was muss ein Kampfpilotenausbilder für die Royal Air Force Station in Coningsby mitbringen?
„Die Erfahrung ist mir das Wichtigste. Es braucht schon ein paar Hundert Flugstunden – je mehr Wissen man hat, umso weiter kann man gehen. Und man muss auch Leidenschaft mitbringen. Außerdem muss die Familie voll und ganz hinter dir stehen. Meine fliegerische Grundausbildung absolvierte ich in Arizona. Dann erfolgte das Euro-NATONorth Atlantic Treaty Organization Joint Jet Pilot Training in Texas. Nach dessen Abschluss wurde ich dort als Fluglehrer eingesetzt. Anschließend habe ich meine Eurofighter-Ausbildung gemacht und wurde Einsatzpilot in einem Geschwader. Und jetzt bilde ich Piloten für die Royal Air Force aus – eine große Ehre!“
Wie finden es denn die britischen Flugschüler, dass sie von einem Deutschen ausgebildet werden?
„Meine Flugschüler sagen, dass meine Ansprüche relativ hoch sind. Für mich ist die Ausbildung immer ein Spagat: Wie streng bin ich, wie nett bin ich? Wie hoch muss mein Anspruch sein und wie sehr bin ich noch Kumpel? Ja, ich erwarte viel von meinen Flugschülern. Ich will einfach, dass sie die Besten sind. Ich erkläre meinen Flugschülern immer alles ganz genau: Das kannst du noch verbessern. Es ist mir eine große Ehre, ihr Vertrauen zu gewinnen.“
Kommen wir zur „Hardware“: Schon vor mehr als 20 Jahren haben Briten und Deutsche gemeinsam Eurofighter beschafft. Trotzdem gibt es nationale Besonderheiten. Welche technischen Unterschiede gibt es zwischen dem britischen und dem deutschen Eurofighter?
„Der britische Eurofighter gilt als multifunktionaler Kampfjet. Ganz einfach, weil er besonders viele Fähigkeiten besitzt. Dies betrifft an erster Stelle seine leistungsstarken Triebwerke. Auch seine Luft- und Bodenwaffen sind vielseitig einsetzbar. Darum ist er auch besonders effektiv im Luft- und Bodenkampf. Auch die britische Software unterscheidet sich von der deutschen Variante. Mechanisch bleibt der Kampfjet aber der gleiche.“
Commander Hard, Russland provoziert mit hybriden Taktiken. Wie wird der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Luftraum angemessen geschützt?
„Die britische Alarmrotte befindet sich in Coningsby und das deutsche Pendant in Laage. Überall sind Eurofighter stationiert, die im Ernstfall gemeinsam aufsteigen werden. Gleichzeitig macht uns die derzeitige Sicherheitslage klar, dass eine engere Zusammenarbeit unbedingt nötig ist. Wir müssen auf jeden Fall mögliche Schwächen identifizieren, dann sind wir gemeinsam stark. Entscheidend ist aber, dass wir schneller und effektiver trainieren.“
Wenn irgendwo Multinationalität und Interoperabilität gelebt werden, dann wohl hier in Coningsby. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
„Jede Nation hat ihre eigene Expertise. Wir vertrauen ihnen, als würden sie selbst aus Großbritannien kommen. Sie alle besitzen andere Ansichten und lösen Probleme auf ihre eigene Art. Doch gleichzeitig lernen sie den britischen Weg. Entscheidend ist ja, dass wir unsere Kooperationen ständig anpassen. Und wir behandeln unsere Partner auch niemals unterschiedlich. Alle bringen also ihre individuellen Erfahrungen mit – und teilen sich dann großartige Systeme.“
Wie beurteilen Sie die deutsch-britische Zukunft in Ihrem Fachbereich?
„Die Zusammenarbeit hat sich bewährt, sollte aber noch weiter ausgebaut werden. Und zwar nicht nur bei uns, sondern ebenso bei anderen Nationen. Wir können alle davon profitieren. Nehmen wir zum Beispiel die unterschiedlichen Flugsysteme: Wenn wir andere Nationen trainieren, lernen wir diese auch kennen und schätzen. Vor allem aber müssen wir bereit sein, zusammenzuarbeiten. Wir dürfen nicht warten.“