Schutz des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Luftraums: So kooperieren Deutschland und Großbritannien
Mit ihren Alarmrotten schützen sie gemeinsam den europäischen Luftraum. Was muss ein Kampfpilot dafür mitbringen?
Mit ihren Alarmrotten schützen sie gemeinsam den europäischen Luftraum. Was muss ein Kampfpilot dafür mitbringen?
Wer gemeinsam kämpfen will, muss gemeinsam üben: Deutschland und Großbritannien bauen ihre bewährte Kooperation für den Ernstfall aus. Auf dem britischen Fliegerhorst Coningsby trainiert der deutsche Kampfpiloten-Ausbilder Major Ewin britische Eurofighter-Piloten. Wie fühlt sich Nahkampf bei 2.000 Kilometern pro Stunde in der Luft an?
In letzter Sekunde reißt Flight Lieutenant James* seinen Kampfjet nach oben. In der Luft jagen sich zwei Eurofighter, um die beste Position für den Abschuss des jeweils anderen zu finden. Der britische Luftwaffenoffizier übt mit seinem deutschen Ausbilder Major Ewin* den Luftkampf Eins gegen Eins. Nach einem gewagten Looping rasen Flugschüler und Lehrer Flügel an Flügel mit 280 Kilometern pro Stunde über die Landebahn des Flugplatzes der Royal Air Force in Coningsby. Gemeinsam trainieren sie für den Ernstfall.
Verbündete müssen zusammenarbeiten können. Dass das funktioniert, zeigt ein deutsch-britisches Austauschprogramm. Wir begleiten den deutschen Piloten Major Ewin bei der Ausbildung von britischen Flugschülern in Coningsby.
Denn angesichts wachsender Spannungen an der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke verstärken Großbritannien und Deutschland ihre bewährte Verteidigungskooperation. Hierzu gehört auch der verstärkte Austausch deutscher und britischer Luftwaffenoffiziere. Beide Nationen halten Alarmrotten aus Kampfjets bereit. Die steigen beispielsweise auf, wenn Flugzeuge unbefugt in den Luftraum der NATONorth Atlantic Treaty Organization eindringen. Dabei müssen sie simultan reagieren können. Interoperabilität nennen Militärs diese Fähigkeit zum Zusammenwirken. Hierzu trägt insbesondere die gemeinsame Kampfpilotenausbildung an Eurofightern in der britischen und deutschen Version bei. Dafür werden deutsche Austauschoffiziere in einem Eurofighter-Geschwader in Coningsby und ihre britischen Pendants am deutschen Eurofighter-Standort in Laage eingesetzt. Nur wer weiß, wie der Verbündete tickt und arbeitet, kann gemeinsam effektiv den europäischen Luftraum schützen.
„Es hat alles gut geklappt“, sagt Major Ewin, als er mit Flight Lieutenant James gemeinsam aus der Nachbesprechung kommt. Sein Flugschüler ist immer noch ganz überwältigt von seinen Erfahrungen in der Luft: „Beim Eurofighter-Kampf geht es wirklich um alles. Der Gegner ist am Anfang nur ein winziger Punkt in der Ferne, der plötzlich immer größer wird“, erzählt James begeistert. „Du fängst an, wie wild zu funken und von einer Sekunde auf die andere geht es rauf und runter. Er oder du: Fünf Sekunden entscheiden. Deine Beine und dein Brustkorb werden bei dem Druck zusammengequetscht, bis du dich nicht mehr bewegen kannst.“
Auf dem Fliegerhorst Coningsby sind sowohl die südliche Alarmrotte als auch das 29. Ausbildungsgeschwader der britischen Royal Air Force stationiert. Hier werden britische Kampfpiloten wie Flight Lieutenant James, aber auch Piloten sowie Ingenieure aus Frankreich und Italien, den USA, Kanada und Katar auf dem Eurofighter ausgebildet. Major Ewin ist als Deutscher voll integriert in die britische Truppe und bildet eigenverantwortlich die angehenden Kampfpiloten aus. Nach einer Ausbildung von sechs bis neun Monaten besteht für sie die realistische Chance, als Pilot in einer Alarmrotte zum Schutz des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Luftraums in Europa beitragen zu können. „Das ist mein größter Wunsch“, sagt Flugschüler James, der seit dem Sommer bei der Royal Air Force in Coningsby ist.
Die britische Kampfpilotenausbildung folgt einem besonderen Konzept: Direkt nach der Ausbildung im Flugsimulator wird es für die Flugschüler ernst – ohne Netz und doppelten Boden. Im Gegensatz zur deutschen Luftwaffe sind die britischen Flugschüler im Eurofighter nämlich ganz auf sich allein gestellt „In Deutschland wird für die Ausbildung der Kampfpiloten ja überwiegend ein Doppelsitzer für Schüler und Lehrer verwendet“, erläutert Major Ewin. „Nicht so in Großbritannien. Hier ist der Eurofighter – auch in der Ausbildung – praktisch ausnahmslos nur ein Einsitzer.“
Der britische Flight Lieutenant Will* kann sich an seinen ersten Flug mit dem Eurofighter noch genau erinnern: „Ein unglaublicher Lärm. Und wie der beschleunigt! In fünf Sekunden bist du fast senkrecht oben.“ Die angehenden Piloten werden nicht nur im Formationsflug, sondern auch im Luftkampf Eins gegen Eins oder Zwei gegen Eins ausgebildet. Zusätzlich wird auch das Kämpfen außerhalb des eigenen Sichtfelds geübt. Das Angriffsziel kann sich hierbei sogar bis zu 200 Kilometer entfernt befinden – abhängig von den jeweils verwendeten Lenkflugkörpern. Außerdem stehen Tiefflugmanöver auf dem Lernprogramm. Letzteres gefällt Flight Lieutenant Will am besten: „Wir fliegen hier extrem tief, nämlich bis zu 250 Fuß.“ Das entspricht etwa 75 Metern. „Das ist schon gefährlich. Sehr hart, aber wirklich cool.“
138 Kampfjets des Typs Eurofighter hat die deutsche Luftwaffe
Wenn die Grundlagen sitzen, folgt die Ausbildung für die Alarmrotte. „Das konkrete Handwerkszeug lernen die Piloten in Coningsby. Den nötigen Feinschliff für den Einsatz erhalten sie noch an zusätzlichen Ausbildungsorten“, erläutert Kampfpilotenausbilder Ewin. „So waren wir zum Beispiel eine Woche auf der Royal Air Force Station von Lossiemouth. Hier haben wir zusätzliche Kampftaktiken gelernt“, ergänzt James. Wichtig sei vor allem eine ausgeprägte Flexibilität. „Dafür trainieren wir nicht nur mit Flugzeugen, an die wir uns gewöhnt haben, sondern auch mit anderen Kampfflugzeugen, wie zum Beispiel der F-15“, erläutert Will. „Und wir müssen unbedingt in unterschiedlichen Umgebungen trainieren.“
Vor jedem Flug erfolgt ein Lage- und Wetterbriefing im Unterstützungszentrum des Luftwaffenstützpunkts. Major Ewin und die Fluglehrer der Royal Air Force besprechen sämtliche Details, bevor sie mit ihren Flugschülern in die Luft steigen. Ehe es auf die Startbahn geht, werden alle Eurofighter von den Fluggerätemechanikern ausführlich durchgecheckt. Die Piloten schauen sich ihre Maschinen genau an: Leckt auch nichts? Sind wirklich alle Waffenstifte gezogen? Schließlich müssen die Waffen im Ernstfall für den Kampf auch entsichert sein.
Schneller als der Schall: Mit seinen EJ200-Triebwerken beschleunigt der Eurofighter innerhalb von 30 Sekunden auf über 1.000 Kilometer pro Stunde – ohne Nachbrenner. Dadurch kann er blitzschnell angreifen, Ziele verfolgen und Gefahren abwehren.
Bundeswehr/Tom Twardy
Eingespieltes Team: Major Ewin (r.) und Flight Lieutenant Nation besprechen gemeinsam den Trainingsablauf ihrer Pilotenschüler. Für die Fortgeschrittenen gibt es heute Unterricht im Luftkampf Zwei gegen Eins – im Notfall auch mit Nebel inklusive.
Bundeswehr/Tom Twardy
Los geht’s: Eine Mischung aus absoluter Konzentration und starkem Selbstvertrauen in intensiv trainierte Fähigkeiten gibt den Kampfpiloten Kraft. In Gedanken geht jeder noch einmal die Flugroute durch – gleich geht es in Sekundenschnelle ums Ganze.
Bundeswehr/Tom Twardy
Letzter Check: Vor dem Abflug überprüft Flight Lieutenant Nation seinen Eurofighter bis ins kleinste Detail. Sind alle Teile in Ordnung? Triebwerk, Bremsen? Waffensysteme bereit zum Kampf? Im Ernstfall muss alles ohne Fehler sekundenschnell gehen.
Bundeswehr/Tom Twardy
Bereit zum Abflug: In Großbritannien üben die angehenden Kampfpiloten von Anfang an in einem Einsitzer-Eurofighter – verbunden nur über Funk. Allein bei außergewöhnlich gefährlichen Übungen wird in der Ausbildung ein Zweisitzer verwendet.
Bundeswehr/Tom Twardy
Catch me if you can: Beim Luftkampf Eins gegen Eins versuchen beide Eurofighter, die beste Position für den Abschuss des Gegners zu finden. Deutsche und britische Piloten üben gemeinsam den Nahkampf für den Ernstfall.
Bundeswehr/Tom Twardy
Königsdisziplin: Im Formationsflug bei 280 Kilometer pro Stunde nebeneinander zu landen, ist eine große Herausforderung. Wer sie am besten meistert, darf nach Abschluss der Ausbildung an internationalen Flugschauen im Royal-Air-Force-Team teilnehmen.
Bundeswehr/Tom Twardy
Wir verstehen uns: Deutsche und Briten verbindet eine langjährige Eurofighter-Kooperation. Im Notfall verstehen sie sich blind, denn sie wissen genau, wie der andere tickt. Beide wollen den Austausch zum Schutz des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Luftraums intensivieren.
Bundeswehr/Tom TwardyAnschließend werden die verschiedensten Kampfszenarien für Anfänger und Fortgeschrittene geübt. Nach zwei bis drei Stunden in der Luft treffen sich alle zur Nachbesprechung. Gelungene Manöver werden gelobt, Flugfehler analysiert. Schließlich gilt es, alle Flugschüler gleich fit für den Einsatz zu machen – eine große Herausforderung. „Aber auch wenn meine Flugschüler unterschiedliche Kenntnisse mitbringen, besitzen sie bereits ein erstaunlich hohes Niveau“, erläutert der deutsche Kampfpilotenausbilder. „Und das Schönste ist für mich, wenn sie aus unserer Nachbesprechung mit einem breiten Lächeln herauskommen und ich weiß: Sie haben es geschafft.“
James und Will arbeiten gerne mit ihrem deutschen und den britischen Ausbildern zusammen. „Alle haben einen guten Sinn für Humor“, betont Will. Auch beim Unterrichtsstil zeigen sich keine großen Unterschiede. Flight Lieutenant Tom Nation, einer der britischen Fluglehrer, sieht seinen deutschen Kollegen genauso: „Er ist so wie jeder andere Pilot. Letztendlich arbeiten wir alle ähnlich und lernen aber gleichzeitig voneinander.“
Dem deutschen Kampfpilotenausbilder wurde zudem eine besondere Ehre zuteil. Zum ersten Mal durfte er als deutscher Luftwaffenoffizier mit einem britischen Eurofighter bei den Feierlichkeiten des Victory Days 2025 in Großbritannien teilnehmen. „Dieser Überflug war mein persönliches Highlight“, sagt Major Ewin. Eine symbolische Geste am 80. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, die zeigt: Beide Nationen können sich voll und ganz aufeinander verlassen.
„Wenn ein Konflikt ausbricht, ist die deutsch-britische Kooperation besonders wichtig. Wir müssen dann unbedingt zusammenarbeiten“, unterstreicht James. „Die britisch-deutsche Kooperation ist unsere entscheidende Priorität – gerade angesichts der vielen Unsicherheiten und Fragen, die sich derzeit aus der Situation in den USA ergeben. Darum ist der britisch-deutsche Austausch für beide Seiten wichtig – wir haben beide gute Piloten und Ingenieure“, betont Will. Vor allem aber haben beide Verbündete ein gemeinsames Ziel: „Wir tun alles, um vorbereitet zu sein. Auch für den Ernstfall.“
* Name zum Schutz des Soldaten geändert.
Major Ewin ist deutscher Austauschoffizier im Geschwader von Staffelchef Ian Hart in Coningsby. Wie bildet er britische Kampfpiloten aus?