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Veteraninnen und Veteranen

Veteran der Bundeswehr: Vom Offizier zum IT-Manager und zurück

Veteran der Bundeswehr: Vom Offizier zum IT-Manager und zurück

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Oberst der Reserve Mario H. war zwölf Jahre Soldat in der Fernmeldetruppe – erst als Gruppenführer und Zugführer, dann als Kompaniechef. Heute arbeitet er bei einem IT-Unternehmen und ist ehrenamtlicher Cyberberater und Reservist im Kommando Cyber- und Informationsraum. Ein Porträt über Kameradschaft und den langen Nachhall des Dienstes in Uniform.

Ein Soldat im Porträt

Oberst der Reserve Mario H. hat als Erwachsener zwei Leben gelebt. Zuerst war er Soldat, dann Zivilist – bis er es schaffte, beide Leben miteinander zu verbinden. Heute arbeitet er nicht mehr für, sondern mit der Bundeswehr zusammen.

Bundeswehr/Stefan Uj

Die Bundeswehrlaufbahn von Oberst der Reserve Mario H. begann 1986, als er sich mit 20 Jahren für den freiwilligen Dienst in der Truppe entschied. Damals sei dies jedoch nicht aus Begeisterung, sondern aus Kalkül passiert, erklärt der ehemalige Offizier. Sein Vater war ebenfalls bei der Bundeswehr. Als Berufssoldat hätte er mit Mario H. schon früh über eine mögliche Karriere bei der Armee gesprochen und darüber, was der Dienst ihm bieten könne – wenn er sich klug anstelle: ein kostenloses Studium als Offizier auf Zeit, ein sicherer Job, eine gute Ausbildung. Das sei deutlich erfolgsversprechender gewesen, als Ende der 1980er-Jahre auf einen freien Ausbildungsplatz bei einer Bank zu hoffen, erinnert sich Mario H. „Und da wollte ich eigentlich hin, aber nirgendwo gab es offene Stellen.“

Seinen Dienstantritt hatte er direkt nach dem Abitur in Düsseldorf. Von dort kam er als Offizieranwärter zur Fernmeldetruppe. Deren analoge Übertragungstechnik habe ihn weniger gefesselt, die Menschen umso mehr. „Mir lag der Umgang mit Menschen – Führung und Ausbildung – viel mehr als das Fachliche“, erinnert sich Mario H. Nach seiner Grundausbildung sei er deswegen schnell zum Gruppenführer und später Zugführer aufgestiegen.

Nach dem Studium an der Bundeswehruniversität in Hamburg wurde er dann erneut erst als Zugführer eingesetzt, später als Kompaniechef. Als solcher führte er bis zum Ende seiner Dienstzeit eine selbstständige Fernmeldeverbindungskompanie im Deutsch-Niederländischen Korps in Coesfeld. Nach zwölf Dienstjahren schied der Soldat auf Zeit 1998 als Hauptmann aus.

Mario H. und die Bundeswehr: Abschied, Abstand, Rückkehr

Der letzte Tag als Kompaniechef in Coesfeld sei ihm bis heute präsent. Drei Motorradfahrer aus seiner Einheit holten ihn vor der Haustür ab und fuhren zusammen mit ihm in einem offenen Geländewagen stehend durch das Kasernentor. Entlang des Weges stand seine gesamte angetretene Kompanie. In dem Moment sei ihm klar gewesen: „Das ist das letzte Mal, dass ich in diese Kaserne reinfahre. Das ist mein letzter Tag als Soldat. Ab morgen bin ich Zivilist.“

Der Übergang in den zivilen Arbeitsmarkt war nicht leicht für Mario H. In der Bundeswehr habe er kaum Zugang zum Internet gehabt oder gar einen eigenen Rechner besessen, erinnert er sich. In den 1990ern sei noch viel analog und über Handakten abgewickelt worden – auch in der Personalführung. In der neuen Firma war das anders. Hier wurde ihm direkt am ersten Tag ein eigener Arbeitsplatz mit einem Laptop und einem Handy bereitgestellt. Auch das Arbeitsumfeld war neu. „Alles war damals dort viel digitaler als bei der Bundeswehr und auf dem neuesten Stand der Technik“, so Mario H. „Da musste ich mich erstmal reinarbeiten.“

Zurück zur Bundeswehr und rein in die Reserve

Der Weg zurück zur Truppe kam 2002 über ein verlockendes Angebot. Vier Jahre, nachdem Mario H. die Bundeswehr verlassen hatte, warb das IT-Unternehmen SAP ihn an, um deren Software in die Bundeswehr einzuführen. Dies sei seine Sternstunde gewesen, so der Ex-Soldat, denn er habe nicht nur den Kunden sehr gut gekannt, sondern sich seit seinem Bundeswehrausstieg auch zum SAP-Berater ausbilden lassen. „Die Software, um die es bei dem Projekt ging, hieß SASPF – und ich war der Programmmanager des Projekts. Am Ende hatte ich knapp 100 Beraterinnen und Berater unter mir.“ 

Seit 2003 ist Mario H. wieder wehrübender Reservist. Parallel zu seiner zivilen Karriere bei SAP ließ er sich immer wieder beordern und arbeitete sich in der Reserve vom Hauptmann bis zum Oberst hoch. Heute ist er beordert beim Kommando Cyber- und Informationsraum, wo er zudem ehrenamtlich als Berater in Reservistenangelegenheiten den Stellvertreter des Inspekteurs CIR mit einem Team unterstützt. Seit 2017 engagierte er sich zusätzlich ehrenamtlich viele Jahre als Beauftragter Cyber des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr. „Ich glaube, ich verbringe noch mehr Zeit in meinen Ehrenämtern als in Uniform im Beorderungsverhältnis“, sagt der Reserveoffizier. Er sei froh, dass sein Arbeitgeber ihn da so unterstütze.

„Drei Punkte, die ich von der Bundeswehr mitgenommen habe“

Zwölf Jahre hinterlassen Spuren. Bei Mario H. seien es Denk- und Verhaltensweisen, die er bis heute täglich nutzt. Die prägendste davon: das Konzept der Lagebeurteilung, also schnell erkennen, was relevant ist, und erst dann entscheiden und handeln. In einem Führungskräfte-Assessment, Jahre nach seinem aktiven Dienst, habe er einmal eine Aufgabe mit einer scheinbar unüberschaubaren Informationsmenge bekommen und nur eine Stunde Zeit. Nach einer Dreiviertelstunde sei er bereits fertig gewesen. Die Assessoren sagten, das hätten sie noch nie erlebt. Er selbst führt es direkt auf die von ihm als Soldat gelernte Auftragstaktik zurück. „Industrieunternehmen, die ebenfalls viel in Ausbildung investieren, schaffen es, glaube ich, nicht, das so tief in einem zu verankern wie die Bundeswehr.“  

Neben der Fähigkeit, sich schnell einen Überblick über Situationen verschaffen zu können, sei auch die Überzeugung, dass Menschen folgen, wenn man sie ernst nimmt, geblieben. „Ich führe immer noch von vorne – als Vorbild, mit echtem Interesse an denen, die dabei sind“, erklärt der ehemalige Kompaniechef und Bataillonskommandeur und ergänzt. „Das habe ich in der Bundeswehr gelernt und nie wieder verlernt.“

Auch habe er den wertschätzenden Umgang innerhalb der Streitkräfte nicht vergessen. In der Industrie stehe der respektvolle Umgang miteinander vielleicht irgendwo in einer Unternehmensphilosophie – gelebt würde er aber längst nicht überall. „Da ist die Kameradschaft schon etwas anderes“, stellt Mario H. fest. „Und der fühle ich mich immer noch verpflichtet.“ Dabei sei es auch egal, ob er eine Uniform oder einen Anzug trage. „Das ist für mich auch das A und O von beruflicher Zufriedenheit.“

Demut vor dem Veteranenbegriff

Den Begriff „Veteran“ beansprucht Mario H. für sich persönlich nicht, obwohl er die offizielle Definition erfüllt. „Ein Veteran ist für mich jemand, der wirklich in einem Einsatz war. Jemand, der von seiner Familie getrennt, unter Einsatz seiner Gesundheit und gegebenenfalls seines Lebens, im Ausland stationiert beziehungsweise im Einsatz war“, erklärt der Reservist und ergänzt: „Diese Erfahrung habe ich nie gemacht.“

Was er sich für die Veteranenarbeit konkret wünscht? Wer die Bundeswehr verlässt, dürfe nicht aus ihrem Netz fallen. Kameradschaft, Ansprechpersonen, vertraute Strukturen, das breche bei manchen von einem Tag auf den anderen Tag weg. „Das muss institutionell aufgefangen werden“, sagt der Reserveoffizier. „Nicht durch einzelne private Engagements, sondern durch strukturelle Hilfestellungen und Angebote.“ Gerade angesichts dessen, wohin sich die Bundeswehr gerade entwickle, werde dieser Bedarf in Zukunft eher größer und nicht kleiner, so der Oberst der Reserve.

„Schön war’s“: Die Bundeswehrzeit in einem Satz

Für Mario H. lässt sich seine Zeit bei der Bundeswehr recht einfach zusammenfassen, denn er nahm eine weitere Erinnerung aus seiner Zeit als aktiver Soldat mit in sein jetziges Leben: Ein Feldwebel seiner Grundausbildung ließ seinen Zug jeden Freitagabend antreten und fragte laut: „Wie war’s?“ Der gesamte Zug habe einstimmig antwortet: „Schön war’s!“ Wer am Wochenende nach Hause kam und gefragt wurde, wie es gewesen sei, hätte so die Antwort bereits automatisch parat gehabt. „Das ist für mich kein reines Mittel zum Zweck“, sagt Mario H. „Das ist ein Resümee.“

Drei Fragen an Oberst der Reserve Mario H.

Was raten Sie Soldatinnen und Soldaten für die Zeit nach der Bundeswehr?

Mario H.

Lass dich beordern. Du musst nicht üben, aber bleib im System und halte die Verbindung. Ich habe nach vier Jahren bei null neu anfangen müssen: Beorderungsplatz suchen, administrative Hürden, alles von vorn. Wer von Anfang an nach seinem Dienst beordert bleibt, behält seine Personenkennziffer und kann jederzeit wieder anfangen. Das ist der wichtigste Rat, den ich jedem Ausscheidenden mitgeben möchte.

Gab es noch etwas, das Sie rückblickend in Ihrer Bundeswehrzeit sehr geprägt hat?

Mario H.

Der Nijmegen-Marsch. Das sind vier Tage, mit jeweils 40 Kilometer Marschleistung täglich und zehn Kilogramm Gepäck auf dem Rücken. Ich war dort mit einer Gruppe aus meiner Kompanie und niederländischen Kameraden. Insgesamt nahmen 36 Nationen mit über 6.000 Soldaten damals teil. Ich und meine Gruppe kamen ohne Ausfall ins Ziel. Ich bin danach noch zwei weitere Male mitmarschiert.

Haben Sie noch heute Kontakt zu Menschen, die Sie damals geführt haben?

Mario H.

Ja, und bei einem begann der Kontakt mit einem Brief, den ich bis heute aufbewahre. Bei einem Orientierungsmarsch bei Nacht hatte sich eine Gruppe Wehrpflichtiger völlig verlaufen. Die waren völlig am Ende und der Gruppenführer sehr überfordert. Ich konnte sie aber nochmal motivieren und auf den richtigen Weg zurückführen. Tage nach Ende der Grundausbildung und nachdem alle Rekruten abgereist waren, bekam ich einen Brief. In diesem schrieb einer der Soldaten aus der verloren gegangenen Gruppe, wie sehr ihn die Nacht und mein Handeln geprägt hätten. Der Mann ist heute Anwalt und wir tauschen uns nach über 30 Jahren immer noch regelmäßig aus.

von Arthur Galbraith

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